Virtuoses auf der Problemorgel

Veröffentlicht: 29. Juli 2019 in Allgemein

Der New Yorker Ausnahme-Organist Stephen Tharp begeisterte mit einem außergewöhnlichen Konzertprogramm

          Text und Fotos: Klaus Gohlke

Internationaler Riddagshäuser Orgelsommer 2019: die Fünfte. Trotz anstrengenden  Wetters eine außerordentlich gut besuchte Veranstaltung. Diesmal ist Stephen Tharp aus New York angekündigt. Viele Vorschlusslorbeeren. Auch recht eigenartige für unsere Ohren. „Der beste Organist in Amerika!“ Und: „Gelistet im `Who is Who der USA‘, sowie im ‚Who is Who der Welt‘!“ „1500 Konzerte während 57 Touren weltweit!“ Es dröhnt so manches derzeit von jenseits des Atlantiks. Nun auch hier?

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Eröffnen will er das sonntägliche Konzert mit Georg Friedrich Händels „Feuerwerksmusik“. Ein Werk mit riesigem Orchesterapparat. Barocker Gigantismus, fast ein Gassenhauer. Tharp  hat es für die Orgel transkribiert, also umgearbeitet. Höchst spannend dieser Einstieg und verblüffend, weil überhaupt nicht auf Effekt getrimmt. Aus der staatstragenden, oft bombastischen  Musik anlässlich der Beendigung des Österreichischen Erbfolgekrieges lässt Tharp eine Friedensfeier mit vielen tänzerischen Elementen entstehen,  durchbrochen von nachdenklich-elegischen Passagen. Das eher extrovertierte Barocke wird ins Innere verlegt, ohne deswegen an Lebendigkeit zu verlieren.

Dass der New Yorker Organist, bei allem Temperament, nicht darauf aus war, das Publikum zu überrumpeln und die Klangmöglichkeiten der Orgel bis aufs Letzte auszuschöpfen, zeigten seine Bachinterpretationen. Die Choralbearbeitung „An den Wasserflüssen Babylon“  beeindruckte durch eine transparente Registrierung, die die  Schönheit der Melodie erkennbar werden ließ. Die Verknüpfung des Chorals mit „Präludium und Fuge e-moll“ sollte möglicherweise auf die damals übliche Bachsche Improvisationspraxis anspielen. Beides ging Tharp mit viel Tempo an, Trotzallem ließ sich die Struktur gerade der Fuge gut erkennen. Das gilt auch für seine Bearbeitung der Bachschen „Chromatischen Fantasie und Fuge“.

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Man konnte sich zwar durchaus vorstellen und mitunter wünschen, dass über eine Temporücknahme die Reflexionstiefe des Werkes vergrößert würde. Andererseits sind die perlenden Läufe der Komposition natürlich verführerisch. Um der Gefahr der brillanten Oberflächlichkeit zu entgehen, durchbrach Tharp in der abschließenden Fuge auf höchst verblüffende Weise mit dem Einsatz der „Vox humana – Stimme“ den Tonfluss. Es war wie ein Stoß in eine andere Klang- und damit Gefühlswelt. Deutlich wurde hier, wie genau sich der Organist mit der Registratur der Orgel und ihren Möglichkeiten beschäftigt hatte. Gerade die Bearbeitungen sind ja nicht umstandslos auf den jeweiligen Instrumenten zu spielen.

Musikalisch-historisch aus der Rolle fielen gewissermaßen die Auszüge aus William Albrights Orgelbuch 3.  Gerade die „Underground Streams“ und das „Nocturne“ überschritten übliche melodische und harmonische Muster hin zu teils atonalen atmosphärischen Klangflächen mit scharfen dynamischen Brüchen. Tharps Auswahl zeichnete sich dadurch aus, dass er Plakatives vermied, auch hier die Möglichkeiten des Instrumentes gut bedenkend. „Die Orgel ist in keinem guten Zustand!“, sagte er im anschließenden Gespräch. „Die Manuale sind nicht mehr gut zu bedienen!“ Und „Orgelhausherr“ Kantor Hans-Dieter Karras ergänzte, dass dicke Staubablagerungen und Schimmel eine umfassende Restaurierung dieser „Königin der Instrumente“ erforderten.

Der hohen Qualität des Konzertes tat das aber keinen Abbruch. Das Publikum war begeistert, und Stephen Tharp bedankte sich mit einem Bachschen Frühwerk als Zugabe.

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