Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Theaterspielen nur – und sonst gar nichts

Veröffentlicht: 18. Februar 2019 in Allgemein

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Der Musiktheatergruppe der IGS Franzsches Feld gelingt eine beeindruckende Aufführung der Musikrevue „Es liegt in der Luft“          Foto/Text: Klaus Gohlke

 Freitagabend in der Brunsviga. Angekündigt ist die Premiere einer Revue in 24 Bildern mit dem Titel „Es liegt in der Luft“. Aufführende sind die Mitglieder der Musiktheatergruppe „jetztodernie“ der IGS Franzsches Feld. Es handele sich um ein Werk der Herren Marcellus Schiffer (Text) und Mischa Spolansky (Musik), sagt das Programmheft. Ach ja, es sei ein Spiel im Warenhaus, steht da noch.

Warenhaus? Auf der Bühne steht links der große Flügel, die rechte Seite ist abgeteilt für das Schlagzeug. Der „Spielraum“ ist recht klein. Deshalb ein sehr reduziertes Bühnenbild. Eine lange Stoffbahn im Hintergrund. Aufdruck „Sale“. Davor Tisch- und Podestartiges.

Das Stück spielt im Jahre 2019 in Berlin. Allerdings nur bis zur Pause. Dann befinden wir uns im Jahr 1928, wiederum Berlin. Wieso 1928? Dazu verrät uns das Programmheft, dass vor 90 Jahren das übermäßige Konsumdenken begann, auch rasante technische und mediale Entwicklungen. Insofern seien in dem Stück zwei Zeiten vereint, die mehr gemeinsam haben, als man so denke. Nun gut, aber die Herren Schiffer und Spolansky schrieben das Stück doch 1928, wieso dann Berlin 2019?

Die beiden Verantwortlichen der Produktion, Felix Goltermann für die Musik, Kaja Brandenburger für die Regie, klären im Gespräch auf. „Es ist das Originalstück von 1928. Wir haben die Aktualisierung nur eingebaut, um zu verhindern, dass man das als Revue von früher betrachtet, historisiert. Textlich und von der musikalischen Substanz her haben wir letztlich nichts verändert. Es gibt diesen kleinen Trick des Zurückbeamens vor der Pause. Mehr nicht. 2019 ist nicht 1928, Berlin nicht Weimar. Aber – es gibt viele Parallelen zwischen diesen beiden Zeiten!“

Musikrevue 1928 – dahinter steht eine Welt großer politischer und gesellschaftlicher Unübersichtlichkeit, die die Texte widerspiegeln. Aber auch die musikalische Welt ist höchst komplex. Wie ist das mit Schülerinnen und Schülern zu bewältigen? Wird simplifiziert, gerät die Vorstellung gar zur Peinlichkeit?

Ganz und gar nicht. Um es mal salopp zu formulieren: was die Bühnenakteure, die Band, was das gesamte Team da ablieferte, war allererste Sahne. Nur zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler treten auf und die sind gefordert. Sie müssen sprechen, tanzen, singen. Sich ständig umziehen, eine Rolle  nach der anderen übernehmen. Einfach toll, wie sich die Akteure durch die Welt aus Tango, Foxtrott, Swing, Marsch, Solo-, Duett-, mehrstimmigem Gesang und
Choreografievorgaben  hindurch bewegten. Aber sie machten das nach kurzer Aufwärmphase und Justierung der Aussteuerung mit einer verblüffenden Hingabe, Begeisterung und Präzision. Als wäre es ihre Natur und sonst gar nichts.

Einzelne hervorzuheben, verbietet sich hier. Dahinter steht die Leistung eines  begeisterungsfähigen und effizienten Teams. Ob das die Stimmbildner sind, die Maske, Technik, Kostüme (ganz eindrucksvoll, besonders im 1928er Teil), Dramaturgie, musikalische Leitung oder Regie. Jubel am Ende, völlig zu Recht. Man sollte es gesehen haben.

Weitere Aufführungen in der Brunsviga am

Montag, 18.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Mittwoch, 20.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Donnerstag, 21.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Freitag, 22.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Samstag, 23.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€

 

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Schöne heile Welt

Veröffentlicht: 13. Februar 2019 in Allgemein

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Die „Disney in Concert-Show“ stillt beeindruckend tiefe Sehnsüchte in der Braunschweiger Volkswagenhalle                               Text/Fotos: Klaus Gohlke

Ach – wenn Vaiana und Maui gemeinsam Riesenwellen und Meeresungeheuer bezwingen, wenn Tarzan seiner Jane ewige Liebe schwört, wenn die kleine rein- herzige Belle das ungeschlachte Biest rückverwandelt, wenn Aladdin seine Jasmin in die Arme schließen kann, wenn in der „Toystory“ die beiden Helden das Herz des Kindes erobern, wenn schließlich – nicht alles Wunderliebliche kann hier erwähnt werden – Simba mit Nala den Kreis des Lebens erneuert, dann, ja dann befinden wir uns mitten in der Disneyschen Wunder-Märchenwelt. Ach ja, und die Strände sind darin so weit und rein, die Luft klar, die Wälder grün wie der Schnee weiß, die Sterne tanzen.

Tja – ist das nun alles Schmonzes, ausgelutschter Kitsch, Weihrauch, der ablenken soll von den Widrigkeiten der Welt um uns herum? Ein Spiel geschäftstüchtiger Leute der Unterhaltungsbranche mit dem Bedürfnis der Menschen, einmal Ruhe zu haben von den Problemhalden des Alltags? Oder ist „Disney in Concert – Wonderful worlds“, aufgeführt am Dienstagabend in der sehr gut besuchten Braunschweiger Volkswagenhalle, einfach nur schön, „ein Traum, der wahr wird“, wie der Moderator des Abends, Jan Köppen, einleitend bemerkte.

Wie immer man das beantworten will, das Konzept der Veranstaltung ging voll auf, musste voll aufgehen.  Die Idee, eine Art „Gesamtkunstwerk“ zu kreieren, hatte was. Es wurden nicht nur gängige Melodien der Disneyschen Filmwelt gesungen und orchestral begleitet. Nein, gleichzeitig wurden Auszüge der jeweils thematisierten Animationsfilme auf die Großleinwand projiziert. Tanz, Lichtshow, Bühnenbild, Kostümierung, Sound, Glitter-, Herzchen- und Konfetti-Salven ergänzten das alles zur Mixed-Media-Show. Und damit auch gar nichts danebengeht, wurde zu den stimmlich absolut überzeugenden und beeindruckenden Musical-Solisten Sabrina Weckerlin, Elisabeth Hübert, Alexander Klaws, Mark Seibert und Anton Zetterholm noch zwei Stars der Pop-Welt, nämlich Annett Louisan und die „Voice of Germany-Stimme“ Ivy Quainoo in die Show integriert.

Das wäre alles nichts gewesen, hätte nicht als musikalisches Kraftwerk das „Hollywood-Sound-Orchstra“ unter konzentrierter Leitung von Wilhelm Keitel fungiert. Die eingängigen und gleichzeitig anspruchsvollen Musical-Kompositionen der Alan Menken, George Bruns, Robert Shermans, aber auch eines Elton John, eines Phil Collins wurden mit höchster Präzision und Feingefühl zu Gehör gebracht. Und wie das Orchester  Paul Dukas knifflige Komposition „Der Zauberlehrling“ bewältigte: Respekt.

Schön, die Disney-World Produzenten, sie spielen gewieft mit den Mechanismen unserer Gefühlswelt. Mit den Sehnsüchten, den Ängsten, dem Mitgefühl und den Abneigungen. Und die Filmmusik-Komponisten potenzieren das Ganze um ein Vielfaches. Alles oft klischeehaft und in den Ausdrucksmitteln des Animationsfilms auf Dauer stereotyp. Jedoch: die Illusionisten erlebten nicht den Zuspruch, ginge das alles an unseren Bedürfnissen nach einer heilen Welt vorbei.

Und so ging der Abend dann auch mit stehenden Ovationen zu Ende. Mit Verlassen der Halle stand man wieder in der nasskalten Realität.

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Schöne heile Welt

Veröffentlicht: 13. Februar 2019 in Allgemein

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Die „Disney in Concert-Show“ stillt tiefe Sehnsüchte in der Braunschweiger Volkswagenhalle                                                                 Text/Fotos: Klaus Gohlke

Ach – wenn Vaiana und Maui gemeinsam Riesenwellen und Meeresungeheuer bezwingen, wenn Tarzan seiner Jane ewige Liebe schwört, wenn die kleine rein- herzige Belle das ungeschlachte Biest rückverwandelt, wenn Aladdin seine Jasmin in die Arme schließen kann, wenn in der „Toystory“ die beiden Helden das Herz des Kindes erobern, wenn schließlich – nicht alles Wunderliebliche kann hier erwähnt werden – Simba mit Nala den Kreis des Lebens erneuert, dann, ja dann befinden wir uns mitten in der Disneyschen Wunder-Märchenwelt. Ach ja, und die Strände sind darin so weit und rein, die Luft klar, die Wälder grün wie der Schnee weiß, die Sterne tanzen.

Tja – ist das nun alles Schmonzes, ausgelutschter Kitsch, Weihrauch, der ablenken soll von den Widrigkeiten der Welt um uns herum? Ein Spiel geschäftstüchtiger Leute der Unterhaltungsbranche mit dem Bedürfnis der Menschen, einmal Ruhe zu haben von den Problemhalden des Alltags? Oder ist „Disney in Concert – Wonderful worlds“, aufgeführt am Dienstagabend in der sehr gut besuchten Braunschweiger Volkswagenhalle, einfach nur schön, „ein Traum, der wahr wird“, wie der Moderator des Abends, Jan Köppen, einleitend bemerkte.

Wie immer man das beantworten will, das Konzept der Veranstaltung ging voll auf, musste voll aufgehen.  Die Idee, eine Art „Gesamtkunstwerk“ zu kreieren, hatte was. Es wurden nicht nur gängige Melodien der Disneyschen Filmwelt gesungen und orchestral begleitet. Nein, gleichzeitig wurden Auszüge der jeweils thematisierten Animationsfilme auf die Großleinwand projiziert. Tanz, Lichtshow, Bühnenbild, Kostümierung, Sound, Glitter-, Herzchen- und Konfetti-Salven ergänzten das alles zur Mixed-Media-Show. Und damit auch gar nichts danebengeht, wurde zu den stimmlich absolut überzeugenden und beeindruckenden Musical-Solisten Sabrina Weckerlin, Elisabeth Hübert, Alexander Klaws, Mark Seibert und Anton Zetterholm noch zwei Stars der Pop-Welt, nämlich Annett Louisan und die „Voice of Germany-Stimme“ Ivy Quainoo in die Show integriert.

Das wäre alles nichts gewesen, hätte nicht als musikalisches Kraftwerk das „Hollywood-Sound-Orchstra“ unter konzentrierter Leitung von Wilhelm Keitel fungiert. Die eingängigen und gleichzeitig anspruchsvollen Musical-Kompositionen der Alan Menken, George Bruns, Robert Shermans, aber auch eines Elton John, eines Phil Collins wurden mit höchster Präzision und Feingefühl zu Gehör gebracht. Und wie das Orchester  Paul Dukas knifflige Komposition „Der Zauberlehrling“ bewältigte: Respekt.

Schön, die Disney-World Produzenten, sie spielen gewieft mit den Mechanismen unserer Gefühlswelt. Mit den Sehnsüchten, den Ängsten, dem Mitgefühl und den Abneigungen. Und die Filmmusik-Komponisten potenzieren das Ganze um ein Vielfaches. Alles oft klischeehaft und in den Ausdrucksmitteln des Animationsfilms auf Dauer stereotyp. Jedoch: die Illusionisten erlebten nicht den Zuspruch, ginge das alles an unseren Bedürfnissen nach einer heilen Welt vorbei.

Und so ging der Abend dann auch mit stehenden Ovationen zu Ende. Mit Verlassen der Halle stand man wieder in der nasskalten Realität.

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„Ich arbeite wie bescheuert“

Veröffentlicht: 6. Dezember 2018 in Allgemein

Vor seinem Auftritt im Schloss spricht der Schlagzeuger Jochen Rückert über sein Leben als Jazzer in New York.    15.11.2018                                                                       Klaus Gohlke

Wer es hier schafft, schafft es überall, singt Frank Sinatra. Der Platz zum Durchstarten. Jazzmusiker glauben immer noch daran. Wer etwas auf sich hält, geht mindestens einmal für ein Weilchen in die Welthauptstadt des Jazz. Und wer dort den Ritterschlag erhalten hat, wer mit möglichst mehreren der Großjazzer der Stadt gespielt hat, lässt das gern werbewirksam durchblicken.

Manche gehen allerdings noch einen Schritt weiter. Sie verlassen ihr Heimatland und bleiben dort. So zum Beispiel der Kölner Jazz-Schlagzeuger Jochen Rückert (43), einer der Herausragenden seiner Zunft. Rückert spielt mit seinem Quartett am Freitag in Braunschweig. Er ist amerikanischer Staatsbürger mittlerweile.

Befragt nach den Gründen, Deutschland zu verlassen und dort zu bleiben, nimmt er kein Blatt vor den Mund. „Als ich um die 19 Jahre alt war, brachte mir Deutschland musikalisch gesehen nichts mehr. Ich wollte richtigen Jazz spielen und internationaler unterwegs sein. Ich wollte Anregungen von vielen Leuten erhalten, nicht nur von wenigen. Du triffst – und das gilt immer noch – in New York viel mehr sehr unterschiedliche Musiker aus aller Herren Länder. Der Treffpunkt schlechthin!“

Nun, das war vor vielen Jahren. Mittlerweile hat die Globalisierung auch den Jazz erfasst. Hat New York jetzt nicht sein Alleinstellungsmerkmal verloren? Rückert sieht zwar keinen grundsätzlichen Wandel, räumt aber durchaus Veränderungen ein. „Das traditionelle Jazzspiel ist in Deutschland besser geworden. Auch wird der europäische Jazz immer interessanter. Aber du triffst in New York nicht doppelt so viele, sondern 50mal so viele gleichgesinnte Musiker. Und du kannst in den kleinen Clubs und bei Sessions unheimlich viel lernen und Anregungen bekommen. Und zwar täglich. Niveau und Dichte machen die Stadt aus. .“

Aber eine derartige Dichte guter Musiker bedeutet ja doch auch, dass man sehen muss, wie man an Jobs kommt. Der Club-Betrieb lahmt auch in New York. Kommen die Musiker aus den Staaten nicht deshalb so gern nach Europa und eben Deutschland, ja, ziehen von dort hierher, weil hier die Auftrittsbedingungen sehr attraktiv sind? Gute Gagen, gute Rahmenbedingungen, aufmerksames Publikum?

Rückert räumt ein, dass es schwierig ist, als Berufsmusiker auszukommen. Auch in New York. „Ich kann mich aber nicht beschweren. Ich verdiene genug Geld, ich arbeite allerdings auch wie bescheuert. Nicht nur als Musiker, auch als Lehrer, Booking Agent, Reisebüro für Musiker, Gitarristen-Kindermädchen. Ich publiziere Schlagzeug-Unterrichtsmaterial. Es ist leider auch so, dass das Wohnen schwierig geworden ist. Brooklyn ist so teuer mittlerweile, dass alle entweder weiter raus oder nach Queens, Washington Heights oder in die Bronx ziehen müssen.“

Also, doch vielleicht mal wieder mit Deutschland als Lebenszentrum liebäugeln? „Fuck no!“, kommt es spontan. Und dann erläuternd: „Ich bin verheiratet, hab einen Sohn, eine Wohnung, fühle mich zuhause. Meine Frau spricht nicht deutsch. Außerdem: Ich mache Touren durch Europa, wie jetzt gerade, auch arbeite ich fürs Goethe-Institut. Also guter Draht nach Europa. Ansonsten gibt es hier in New York viele musikalische Immigranten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl.“

Jochen Rückert hat wichtigere Sorgen als eine Rückkehr nach Deutschland. „In der Musik finde ich eine spirituelle Befriedigung. Ist aber kompliziert. Jazz war mal gleichbedeutend mit Grenzüberschreitung. Aber es gibt immer weniger Grenzen. Alle sind schon überquert. Mir fallen jedenfalls im Moment keine unüberschrittenen Grenzen ein. Das ist aber kein Drama. Wenn du ein Publikum mit offenen Ohren hast, entsteht ein wunderbarer Energiefluss.“

 

Erfolg ist kein Naturgesetz

Veröffentlicht: 28. Oktober 2018 in Allgemein

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Die Erfolgsautorin Charlotte Link und TV-Moderatorin Bärbel Schäfer eröffnen das elfte Braunschweiger Krimifestival                                      Text und Fotos: Klaus Gohlke

Charlotte Link und Bärbel Schäfer gemeinsam auf dem Podium im ausverkauften Braunschweiger C1-Kino! Die eine die erfolgreichste Autorin Deutschlands mit mehr als 28 Millionen verkaufter Bücher allein in Deutschland, die andere eine erfolgreiche TV-Moderatorin. Das ließ Starrummel vermuten.

Aber – weit gefehlt. Diese Eröffnung des 11. Braunschweiger Krimifestivals erwies sich dann doch als Glücksgriff. Ein einschränkendes „doch“ deshalb, weil „BILD“ am Samstagmorgen fett mit „Bestseller-Autorin geht auf Merkel los!“ titelte. Gemeint war Charlotte Links heftige Kritik am Angela Merkels Migrations-und Kommunikationspolitik bei Markus Lanz im ZDF, die hohe Zustimmung vor allem im rechten poltischen Spektrum fand. Das Konzept der Veranstalter hätte leicht kippen können, eine gewisse Anspannung war unverkennbar. Das alles war aber bei der Festival-Eröffnung kein Thema.

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Vielmehr zeigten sich Autorin wie Moderatorin außerordentlich fokussiert bei der Erörterung der Frage, was denn den Erfolg von Charlotte Links neuem Kriminalroman „Die Suche“ ausmache, der mittlerweile schon auf Platz 1 gelistet wird.

Was schriftstellerische Tätigkeit, was Kreativität generell bedeutet, welche Komplexität sich damit verbinden kann, das erschloss sich dem Publikum in einem von großer Ernsthaftigkeit geprägten Dialog.

In diesem Fall nämlich 14 Monate disziplinierte Arbeit, Überwindung von Schreibblockaden, immer wieder Abstandsuche, um einen gute Handlungsentwicklung zu finden. Vor allem aber das Problem der allmählichen Verfertigung des Romans beim Schreiben. Was meint, dass die Figuren, die Handlungsstränge sich während des Schreibens entwickeln, es gewissermaßen ein Art Eigenleben der Personen gibt.

Natürlich machte Link sich da Vorgaben. Es sollte ein Fall sein, der in die Tiefe geht, nicht eindimensional bleibt. Also machte sie Kindesentführung als Worst Case zum Thema. Damit das vielschichtig wird, verschwinden vier Mädchen. Und alle im Pubertätsalter, in der konfliktuösen Ablösungsphase. Eine Zeit, die innerfamilial vieles zum Kochen bringt. Mutter-Tochter-Konflikte, Erziehungsfragen, Eheprobleme: die große Zeit der Emotionen.

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Aber gut erzählen, das ergibt das Gespräch auch, heißt erzählerisch anspruchsvoll sein. Also flexibler Wechsel von personaler und Ich-Perspektive, unterschiedliche Personenfokussierung. Und als sei das nicht genug, erweitert Link das Genre Kriminalroman noch um das der Romanze. In ihrem neuen Roman tauchen die Ermittler-Figuren des Vorgängerbuches auf. Die Scotland-Yard-Sergeantin Kate Liville und der Stadtpolizist Caleb Hales. Eine Serie tut sich auf.

Und so kann Charlotte Link auch dem Anspruch, das Ohr am Puls der Zeit zu haben, gerecht werden. Kate ist Single, natürlich einsam, also bei Social Media, genauer beim Parship-Date. Und das erlaubt der Autorin, die Elemente des Abgründigen, des Spannenden um jenes des Satirisch-Humorvollen zu erweitern.

Dass das alles zu einem gelungenen Werk und nicht zu einer überfordernden Unübersichtlichkeit für den Leser wird, das ist eben die Kunst. Link scheint über eine Sprache zu verfügen, die ankommt. Das zeigten jedenfalls die spontanen Reaktionen des Publikums beim Vorlesen. Ob das für den ganzen Roman gilt, kann hier nun nicht beurteilt werden.

Dass das Genre Kriminalroman im allgemeinen und Charlotte Links neues Buch insbesondere eine erhebliche Bedeutung für den kommerziellen Buchhandel hat, das war an der Länge der „Signierschlange“ zu erkennen.

 

Gewagtes Spiel des Unterhaltungs-Chefarztes

Veröffentlicht: 18. Oktober 2018 in Allgemein

Wie sich der Braunschweiger Neurologe Dr. Ekkehard Klippel in der Brunsivga als Kabarettist Eco Klippel schlägt.                                         Text und Fotos: Klaus Gohlke

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Is‘ was, Doc? Das Wartezimmer Brunsviga ist überfüllt, doch wo bleibt der Heiler, Dr. Ekkehard Klippel a.k.a. Eco Klippel? Die Minuten zerrinnen, nichts tut sich. Muss denn Eco Klippel, hauptberuflich Neurologe, so gnadenlos demonstrieren, wie die Wirklichkeit in Praxis-Wartezimmern ausschaut? Es ist doch Kleinkunst angesagt in der Brunsviga am noch lauen Mittwochabend! Sein neues Programm „Mutti ist schuld“ nämlich.

Gemach. Doc spielt eben Doc, das kann er am besten. Und so präsentiert er sich als Dr. Eco Klippel. Unterhaltungs-Chefarzt, von einer chinesischen Gesundheitsfirma eingestellt, um Burnout-Patienten zu heilen. Das ist so in etwa der Erzählrahmen, in den eigentlich alles reinpasst. Patienten, wie Igor Potemkin, der für Putin „Fake-WM-Stadien“ baute. Die Social-Media-Influencerin Saskia, für die der Google rollen muss. Und auch der Torero Ramon aus Sevilla, der beruflich wegen einer Kuhhaar-Allergie scheitert (Was ja nicht Burnout ist – oder?).

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Aber auch alles andere aus Eco Klippels bisheriger Produktion ließ sich mehr oder weniger schlüssig integrieren. Die „Rheinische Frohnatur“, ergänzt um die sächsische, die den Vorzug hat, dass man ihre Sprache nicht versteht. „Yoda“, das von Starwars-Time im Altersheim erzählt. Mit Bettpfannen statt Lichtschwertern, eine hübsch-sarkastische Idee. Der Amoklauf-Wunsch gegen die Telekom und ein Loblied auf das Therapeutikum Lithium, das die Herren Putin, Trump und Erdogan in menschenfreundlichere Zustände versetzen könnte.

Manches wirkt aufgesetzt, etwa die Social-Media-Kritik in „Die versaute WhatsApp-Gruppe“. Es gibt aber auch echt starke Momente. Vor allem sein „Gangsta-Hip-Hop-Bachelaaa“ zeigt Klippels feine Beobachtungs- und Parodistengabe. Wie er da so auf der Bühne herumschlakst, eckig zappelt und wortspielt, das begeistert. Und man muss, weil das ja alles schnell abläuft, so mancher gelungenen Sprachspielerei nachtrauern. Dabei auch noch die Dramaturgie des Abends nicht aus dem Blick zu verlieren und die Schreckmomente versagender Technik wegzustecken – Respekt (warum ihm da niemand hilfreich beistand: rätselhaft).

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Neu allerdings – wie es die Patienteninformation alias Vorankündigung – deklarierte, ist das Programm nun nicht. Eine „neue Zusammenstellung“ wäre das präzisere Etikett. Warum die aber „Mutti ist schuld“ überschrieben wird, erschließt sich nicht. Die Mutti wird zwar per Smartphone eingeführt, was aber ihre sinnstiftende Funktion sein soll, bleibt schleierhaft. Wer einen politischen Kontext vermutete, sah sich auch eher in der Sackgasse landen. Frau Merkel wurde kurz im Zusammenhang mit der Frage, was uns denn mit ihren Abgang aus dem Kanzleramt erwarten könnte, ins Spiel gebracht. Die Antwort wurde aber in einer leicht rührseligen Mutterhymne ins sogenannte Allgemein-Menschliche verflüchtigt.

Für das Publikum war es aber offenbar kein Problem. Viel Applaus und Zugabewünsche. War da etwa Lithium im Spiel?

Jazz zum Wohlfühlen

Veröffentlicht: 14. Oktober 2018 in Allgemein

20181013_200927Das Możdżer-Danielsson-Fresco-Trio zeigt die Farbigkeit der Welt der improvisierten Musik  Text: Klaus Gohlke,  Fotos: KC Amme (unten), Klaus Gohlke (oben)

 Eden. Sie denken woran? Natürlich. An den Garten. Friedliche Bilder stellen sich ein, stimmt’s? Zephyr, der mild-segensreiche Windhauch, blühende Landschaft, Friede, Freude, naja – und Adam und Eva – vorm veganen Apfelmahl allerdings.

„Eden“, das war der Opener beim Jazzkonzert des Możdżer-Danielsson-Fresco-Trios am Samstagabend im LOT Braunschweig. Und er schien alle Klischees zu diesem polnischen Ausnahme-Jazzpianisten zu bestätigen. Sehr atmosphärische Musik, Wohlklang und Harmonie, klassisch geschult. Es perlte nur so vor sich hin. Eben zephyrisch. Und der Schwede Lars Danielsson am Bass, später auch Cello, sowie sein israelischer Perkussion-Kollege Zohar Fresco taten nicht das Geringste, diesen seelenfriedlichen Eindruck zu stören. Die Grundtöne der Akkorde wurden fein akzentuiert, später die Melodie tieftönend zärtlich umspielt. Besenreiser streichelten die kleinen und größeren Rahmentrommeln. Für Hardcore-Jazzer musste das wohl der Untergang des Jazz-Abendlandes sein.

Leszek Możdżer 2

Jedoch – es musste genauso klar sein, dass das so nicht weitergehen konnte. Możdżer ist ja nicht der Claydermann des Jazz! Der Abend machte vielmehr deutlich, dass es ihm mit diesem Trio (und überhaupt) eher darum geht, die Farbigkeit der Welt improvisierter Musik aufscheinen zu lassen. Ein Angebot, keine Vorschrift, Gefühle zu erleben.

Und so gab es die Akkordbrechungen, Dissonanzen, Verschiebung der Metren, Tempovariationen, rhythmische Finessen, die klangliche Selbstgefälligkeit nie aufkommen ließ. Ja, bei „Polska“ konnte man das ganze Stück hindurch den Eindruck gewinnen, als spielten die Musiker alle etwas anderes. Am ehesten noch von einem rhythmischen Muster verbunden, ansonsten aber auf seltsame Weise wie um einen Ton daneben.

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In der Regel aber gab es diese Ausbrüche ins unvermeidlich Schräge nur phasenweise in den Kompositionen. Das Zuhören hätte man zu einem Ratespiel über die Dramaturgie der Stücke machen können. Wann kommt der Ausflug ins Abstraktere, wann die Rückkehr ins ruhige Fahrwasser? Hätte. Wäre man dann nicht doch immer wieder, wie bei „Incogitor“ oder dem Depeche Mode -Cover „Enjoy the silence“ in eine Stimmung versetzt worden, die Ratespiele ad absurdum führten. Wenige Akkorde nur, starke lyrische Momente bei Bass und Piano, dazu Frescos lautmalende Stimme – ein wiegendes Ein- und Ausatmen, mehr nicht. Und doch absolut kitschfrei.

Lars Danielsson 1

Das Trio spielt schon lange zusammen. Die fein gesponnene Dynamik und differenzierte Interaktion macht alles Auftrumpfen und Prahlerische unnötig. Begeisternd-ansteckend die immer noch ungemeine Spielfreude der Drei. Improvisierte Musik auf höchstem Niveau.

„Das Highlight des Jahres!“, kommentierten viele Gäste diesen Auftritt, den die Initiative Jazz-BS auch als Gruß an den deutsch-polnischen Kulturverein Braunschweig verstanden wissen wollte, der nunmehr seit 20 Jahren besteht. Fein, dass Leszek Możdżer dann noch geduldig den Signier-und Fotowünschen vor allem der Zuhörer mit polnischen Wurzeln entsprach.