Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Musik ohne Krücken

Veröffentlicht: 27. Oktober 2019 in Allgemein

Drei Tage Neue Musik werden mit „Kompositionen auf Weiß“ virtuos eröffnet

Text und Fotos: Klaus Gohlke

20191025_205653

Die Stimme der Sängerin, sie gurrt, krächzt, flötet, haucht, kreischt, tiriliert, pfeift, schluchzt, spricht, springt in großen Intervallen oder verschiebt sich minimal.. Das Saxophon nimmt das auf, geht dazwischen, umgarnt, schmeichelt, schreit roh dazwischen, spielt im „tiefsten Keller“ und unmittelbar darauf gemein hoch. Das Piano legt rhythmische Fundamente, hebt sie alsbald wieder auf, schafft einen Klangteppich, um ihn wieder zu zerstören, mal Kontrast, mal Umschreibung zu den anderen Stimmen.

20191025_191227

Happening? Chaotische Zufälligkeit? Mitnichten. Nur eine sprachliche – zugegeben unzulängliche – Darstellung eines Momentes des Eröffnungskonzertes „Kompositionen auf Weiß“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Drei Tage Neue Musik“.

Wobei – der Zufall spielt bei dieser Art der Kompositionen schon eine Rolle. Eventuell schon im Titel. Denn: Warum „Kompositionen auf Weiß“? Hätte durchaus auch Schwarz sein können. Oder? Und Komposition – auch irritierend.  „Komposition“, so der künstlerische Leiter der Veranstaltungsreihe, Dr. Vlady Bystrov, „ist hier nicht im traditionellen Sinn zu verstehen! Also als notierte Festlegung.“ Nein, es geht dem Trio Anne-Liis Poll (Gesang), Anto Pett (Piano) – beide aus Estland angereist –  und Vlady Bystrov (Holzblasinstrumente) um freie Improvisationen. Das sei nicht Zufallskram, vielmehr „die höchste Stufe des Musizierens und Komponierens überhaupt!“, so Bystrov in seinem Einführungsvortrag. Komposition und musikalische Praxis seien eins, sogenannte „Echtzeit-Kompositionen“.

20191025_191155

 

Und in der Tat spielte hier nicht jeder irgendetwas vor sich hin, wie man sich mitunter „Freien Jazz“ vorstellt. Hier interagierten drei Musiker auf höchstem technischem Niveau absolut strukturiert. Jedes Konzert ein Unikat, nicht reproduzierbar. Musikalischen Impulsen, die ohne Festlegung eingebracht wurden, konnte auf den Ebenen der Rhythmik, Dynamik, Harmonik und Melodik, Instrumentierung,  Tonalität, des Sounds,

des Tempos begegnet werden. Ein hochkomplexer Austausch, der große Virtuosität und Souveränität voraussetzt. Musik ohne Krücken.

Den Freunden der Neuen Musik, an die 40 waren zum Eröffnungskonzert am Freitagabend in der Dornse erschienen, wird dabei eine aktive, aber nicht einfache Rolle eröffnet. Nämlich die Aufführungsideen zu dechiffrieren, was aber bei der Flüchtigkeit des Mediums wohl

20191025_200803

eher nur punktuell gelingt. Man kann sich aber genauso gut einfach den Bildern, die sich beim Zuhören einstellen, hingeben. Auch hier gilt Regelfreiheit.

So abstrakt und klanglich verwunderlich diese Musik sich anhört, so begeisternd kann es auch sein, die Einfälle der Musiker, ihre sensible Art des Aufeinander-Reagierens, zu verfolgen. Aber allein zu hören, was Anne-Liis Poll mit ihrer Stimme zu leisten vermochte, war faszinierend und unbeschreiblich. „I’m a human bird!“, meinte sie schlicht. Ein menschlicher Vogel.

 

Die „Drei Tage Neue Musik“ des Vereins „Freunde Neuer Musik“ in Kooperation mit dem Louis Spohr Musikzentrum waren dem Bauhaus-Jubiläum gewidmet. Ob das Eröffnungskonzert mit Bauhaus-Ideen zu tun hatte, sei dahin gestellt. Über jeden Zweifel erhaben aber war die Begeisterung aller Anwesenden über diese Konzert- Eröffnung.

 

Hochkomplexe Trioarbeit

Veröffentlicht: 22. Oktober 2019 in Allgemein

Das Schweizer Piano-Trio VEIN spielt reduzierte Bigbandkompositionen und Ravelbearbeitungen im Roten Saal zu Braunschweig   Text und Fotos: Klaus Gohlke

20191018_205414

„Symphonic Bop“ war das Konzert des Schweizer Klaviertrios „Vein“ bei der Initiative Jazz Braunschweig betitelt.  Was meint „Symphonic“ im Zusammenhang mit einem Jazztrio? Bop ist ja unmittelbar einleuchtend. Nun, es ist eine etwas unglückliche Bezeichnung, die zurückzuführen ist auf das letzte Projekt der Schweizer mit der Norbotten Bigband. Eine Kooperation von Trio und Groß-Ensemble  sollte erprobt werden, die die jeweiligen Charakteristika beider Formationen ohne Selbstaufgabe verschmelzen sollte. Schon hier aber war „symphonisch“ irreführend. Es wurde weder symphonische Musik gespielt, noch hat eine Bigband Sinfonieorchester-Stärke.

Was nun am Freitagabend im Roten Saal zu Gehör gebracht wurde, war eine Reduktion dieser Bigband-Arrangements, ein Herunterbrechen auf Kammermusik-Jazz-Ebene. Nicht, dass das nicht geglückt wäre. Im Gegenteil, grundsätzlich gesehen. Nur, dass gewisse Hörerwartungen, die eventuell in Richtung durchschaubaren „Third Stream“ gingen, gleich zu Beginn enttäuscht wurden.

„Vein“ spielte, wenn schon, dann eher Bop, wobei das auch nicht stimmt. Es war eine Mixtur hochkomplexer Trioarbeit, die einerseits eine Aneignung der Jazztradition widerspiegelte, andererseits aber sehr eigenständige Fortentwicklungen des Jazz bot. Ergänzt durch Bearbeitungen von Ravel-Kompositionen, nur für Experten als solche erkennbar, was aber durchaus kein Handicap sein musste.

20191018_205511

Der Einstieg mit „Boarding the Beat“ war kein sanftes Hinführen zum Vein-typischen musikalischen Denken, sondern es ging gleich zur Sache. Wohl war da eine thematische Einführung, dann aber ging es zügig in die Durchführung, die sich durch konzentriertes Interplay auszeichnete. Vor allem die Rolle von Thomas Lähns am Kontrabass war spannend zu hören, nämlich einerseits eine rhythmische Grundierung mit und über das Schlagzeug hinaus zu liefern, andererseits die Piano-Exkurse melodisch einzuleiten und zu umspielen. Die Band  zeigte sich dynamisch und rhythmisch variantenreich und jazzaffin, wenngleich immer wieder Hinweise auf klassische Musik aufschienen.

Was „Vein“ an diesem Abend aber offenbar auch demonstrieren wollte – oder wollte es nur der Schlagzeuger Florian Arbenz? – war nicht ganz unproblematisch. Dass es nämlich nicht ein typisches Klavier-zentriertes Piano-Trio sein wollte, sondern durchaus andere Akzente zu setzen weiß. Florian Arben, so schien es streckenweise, wollte wohl den kammermusikalisch-klassischen Ansatz mit Jazzrock-Anleihen durchlöchern. Nicht, dass er im Laufe des  Abends dynamisch einfallsarm geblieben wäre! Überhaupt nicht. Wunderbar sein Duo mit Lähns etwa, seine Besenarbeit später.

20191018_212902

Aber er zeigte sich als ungemein kräftiger Gegenpol zum  Pianospiel seines Bruders Michael. Sein Können beeindruckte, aber er überlagerte seine beiden Mitspieler mitunter doch sehr. Das konnten das Pianosolo in „Reflections in D“ und die Ravel-Bearbeitung „Mouvement de Menuet“ nur partiell kompensieren.

Die Kompositionen waren komplex, anspielungsreich, keinesfalls flacher Third Stream. Eine sehr eigenständige Tonsprache des Jazz wurde erlebbar, nur die an „Vein“ so gelobte größtmögliche Ausgewogenheit ihres Interplays konnte man an diesem Abend nicht unbedingt erleben.

 

Kammermusik mit produktivem Hintersinn

Veröffentlicht: 30. September 2019 in Allgemein

Das Londoner Phacelia-Ensemble spielt im Lucklumer Rittersaal ein hinreißendes Jubiläumskonzert  zum 200. Geburtstag von Clara Schumann         Text/Fotos: Klaus Gohlke

20190929_173232

Die Komture und ihre würdigen Verwandten blickten sehr ernsthaft aus ihren Bilderrahmen auf das Auditiorium und die Musici im Rittersaal des Herrenhauses zu Lucklum. Von der Sache her bestand dazu aber gar kein Anlass. Kammermusik sollte zur Aufführung gelangen. Vorgetragen vom jungen und doch schon renommierten Londoner Phacelia-Ensemble. Und zwar Kammermusik, die eher mit Schwung, Licht und Willen, denn düster-melancholisch daherkommt. Zudem ein Gruß zum 200. Geburtstag Clara Schumanns.  Allerdings mit Hintersinn! Was an der Kuratorin und Leiterin des Ensembles liegt,  der gebürtigen deutschen Pianistin  Elisabeth Streichert. Großartige Klaviermusik sollte, so ihre Idee, auch in kleinen Konzertsälen stattfinden. Was bedeutet, orchestrale Werke für kleine Ensembles umzuschreiben, damit eine Tradition des 19.Jhd. aufgreifend.

So offerierte man ein formal und historisch gemischtes Programm, das sehr klug mit einem Werk der Frühmoderne, nämlich Zoltán Kodálys Streichquartett No.2 begann. Selten gespielt, vielleicht, weil es etwas rau sich präsentiert. Zwischen unruhig-schrägen, aufbegehrenden Momenten und zurückhaltenden Passagen, Heftig-Bewegtem und Elegischem  kontrastiv changierend, kommt das Werk oft recht dissonant daher, in seiner freien Struktur nicht leicht durchschaubar. Trotzdem oder deshalb faszinierend, und für die Streicherinnen und Streicher sicherlich ein Leckerbissen, weil technisch herausfordernd und beeindruckend. Ein absolut überzeugender Einstieg.

Höchst gespannt konnte man dann auf die Realisierung der Transkription von Clara Schumanns einzig überliefertem Klavierkonzert a-Moll op.7 sein. Mit 16 Jahren komponiert, gewissermaßen ein Sturm-und-Drang-Werk, mit dem Klara zeigen wollte, wo die Harke liegt. Ein echtes Orchesterstück, nunmehr „herunter gebrochen“ auf ein Klavier-Sextett. Allerdings ohne Bruch. Der Maestoso-Beginn des Originals wird kammermusikalisch reduziert, ohne an Kraft zu verlieren. Die Transparenz der Stimmen wirkt hier gleichsam als Folie für den stolzen, virtuosen Anfang und die dann folgende Fantasie. Freilich bietet sich die Clara Schumannsche Komposition auch geradezu an für diese kleine Formation, insofern es im zweiten Satz ausgreifendere Klaviersolo-Passagen und die als Klavier-Cello-Dialog gestaltete  Romanze gibt. Zu Herzen gehend. Der tänzerische dritte Satz dann zeigt wiederum das Besondere der Umarbeitung. Natürlich ersetzen fünf Streicher kein Orchester. Wohl aber kommen so fünf Stimmen mit je eigenem Aussagecharakter zu Wort. Lediglich die Pizzicati gehen beim Powerplay des Klaviers  etwas unter.

Franz Schuberts Klavierquintett A-Dur, das sogenannte Forellenquintett, ist für den zweiten Teil des Konzertes klug gewählt. Einmal mit Blick auf das Auditorium: Der 4. Satz, den Variationen über das Lied von der Forelle, so etwas wie das Herzstück des  Werkes, hat schon fast Gassenhauer-Charakter. Aus Sicht der Musiker: Eine Komposition, in der man alle musikalisch-technischen Qualitäten und Ausdrucksmöglichkeiten entfalten kann. Und das tat das Ensemble. Es gelang den fünf Interpreten mit ihrem höchst aufmerksamen Interplay und der technischen Brillanz die formale und klangliche Schönheit des Werkes aufscheinen zu lassen.

Das abschließende folkloristisch inspirierte „Scarborough Fair“ war ein stimmungsvoller Schlusspunkt dieses vorletzten Kammermusik-Nachmittags im Lucklumer Herrenhaus. Große Anerkennung beim Publikum.

20190929_175929

Das Konzert wurde vom Deutschlandfunk Kultur mitgeschnitten und wird am 1. Oktober von 20.03 bis 22 Uhr übertragen.

 

Besser geht nicht

Veröffentlicht: 27. September 2019 in Allgemein

20190926_202618Das Trio des israelischen Jazzbassisten Avishai Cohen beeindruckt nachhaltig  bei Kultur im Zelt                                                                                   Text/Fotos: Klaus Gohlke

Das war schon volles Risiko, den israelischen Bassisten Avishai Cohen mit seinem Trio am Donnerstagabend in das Kulturzelt als Haupt-Act nach Braunschweig zu holen. Nicht, dass er dessen nicht würdig wäre. Ganz im Gegenteil. Wenn nicht ihn, wen sonst? Aber – wer kennt ihn schon, diesen Nischen-Genre-Musiker?

Zudem: Cohen ist eine Art Chamäleon. Mal gibt er sich afro-karibisch, dann strikt modern-jazzig. Sein letztes Album „1970“ kam sehr kommerziell daher. Also: alles nicht leicht einzuschätzen. Und so fehlte es dem Konzert an dem Zuspruch, den es verdient hätte. Nicht schlecht besucht, aber auch nicht gut. Deshalb die fehlende offizielle Konzerteröffnung? Schon seltsam.

Cohen kam mit seinem langjährigen Schlagzeuger Noam David und einem jüngeren aserbaidschanischen Pianisten, Elchin Shirinov. Beides keine Begleiter, sondern absolut ebenbürtige Partner. Und sie spielten Cohens jüngstes Album „Arvoles“ wie aus einem Guss. Musik, die sich aus vielen Traditionen speiste, oftmals schön lyrisch-liedhaft „erzählt“. Afro-Karibisches, traditionell Sephardisches, Swing, Bop, Ethno und Fusion. Aber nicht zusammengekleistert, sondern in den Eigenkompositionen sinnvoll entwickelt.

Das spielte kein Klaviertrio im üblichen Sinne. Die Rollen waren vielmehr gleichwertig verteilt, niemand nur Zuträger. Die Soli blieben konsequent begleitet und besonders erfreulich war, dass Cohen immer wieder mit dem Bogen spielte, was das Spiel von den Klangfarben und den rhythmisierenden Möglichkeiten her ungemein farbig werden ließ.

Musik auf höchstem Niveau. Stehende Ovationen aus tiefem Respekt und eigentlich auch für den Mut der Veranstalter.

20190926_213027

Wind oder Walze

Veröffentlicht: 26. August 2019 in Allgemein

                                   20190824_161032Text und Foto: Klaus Gohlke

„Akablas“ feiert seinen 55. Geburtstag mit einem World Tour Konzert in der Braunschweiger Stadthalle

„Akademische Bläservereinigung an der TU Braunschweig“ – klingt eher uncool, staubtrocken. Und dass es diese Truppe schon seit 1964 gibt – ist das nun ein Zeichen von Frische oder von dröghafter Tradition? Wenn man allerdings ihren Social-Media-Countdown bis zum Jubiläumskonzert am Samstagnachmittag in der Braunschweiger Stadthalle anschaut, wirkt das gar nicht so lebensfern-distanziert. 6, 5, 4, 3, 2, 1 Stunde, dann noch 20 Minuten bis zum Beginn – das riecht doch reichlich nach Lampenfieber oder?

„Blasen“ werden die rund 100 Musikerinnen und Musiker umgangsdeutsch locker genannt. Machen sie auch fast alle. Hölzer und Bleche blasen. Als wichtige Würze dazu etwas Schlagzeug und Perkussion.

Das klingt nach „Wall of Sound“, Klangwalze. Beeindruckung durch schiere Überwältigung. Die Engländer sprechen da untertreibend lieblich vom „Wind Orchestra“. Darüber nachsinnend, was es denn nun wirklich ist, Wind oder Walze, beginnt das Konzert schon mit einem Vorkonzert. Einer kleinen Zuhörer-Choreo, wenn  man so will. Rhythmisches Klatschen, Gesangsansätze, Vuvusela-Einsatz. Auf geht’s! Blaseneinmarsch. Gesang schon aus dem Off. „Let me entertain you“, die alte Robbie Williams Nummer.

Aber überhaupt nicht staubtrocken und uncool. Ein Gang durch die populäre Musikgeschichte der letzten 50 Jahre.  Bon Jovi,  Rock ’n‘ Roll – Medley (schön swingend!), später auch einer zur „Neuen Deutschen  Welle“.  Soundtracks aus James Bond und Disney-Produktionen. Durchmischt mit Smash-Hits wie „Hey Jude“ der Beatles und Abbas „Waterloo“. Musical- und TV-Serien-Themen. Und noch ein paar klassische Ohrwürmer, als da wären „You raise me up“ und „We are the world“.

Das nun nicht chronologisch abgewickelt, sondern bunt gemischt und verknüpft mit der Darstellung zentraler Ereignisse aus der Geschichte dieses Blasorchesters. Auch zukünftiger, wie dem September-USA-Trip inklusive Teilnahme an der New Yorker Steuben Parade. Nicht blutarm vorgeführt, sondern gestaltet nach allen Regeln des heutigen Entertainments.  Also multimedialer Ansatz mit Videoprojektionen und konsequenter Publikumsaktivierung. Abwechselnd moderiert durch den musikalischen Leiter des Orchesters, Benedikt Hampel, und den Flügelhornisten und Vereins-Vorständler Jeldrick Powitz. Alles bis ins Detail je nach Musikstück noch liebevoll ausgestaltet mit passenden Requisiten.

Überwältigung durch Klangmasse? Nein. Die Adaptionen,  allesamt von international ausgewiesenen Arrangeuren stammend, wurden so umgesetzt, dass die Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten der einzelnen Sektionen trotz ihrer Größe gut zum Tragen kamen. Manche Stücke freilich sind besser geeignet. „Hey Jude“ etwa bot viele Möglichkeiten sich zu entfalten, generell die Filmmusiken. Während Pop-Schmalz à la Bon Jovi nicht wirklich sich veredeln ließ. Schön dabei einzelne Soloparts, die man sich häufiger wünschte, wie auch ab und an mehr „Frechheit“, was Harmonik und Rhythmik angeht.

Fast eine Art Familienfest war es mit einem begeisterungswilligen Publikum und Musikerinnen und Musikern, denen der Spaß an der Sache anzumerken war. Klar doch: Stehende Ovationen und ein „Tiger Rag“ in Rekordtempo als Highlight!

Wanderer zwischen Klangwelten

Veröffentlicht: 10. August 2019 in Allgemein

19-179-56Der Braunschweiger Jazzpianist Elmar Vibrans erweist sich als erstaunlicher Allrounder                                                 Text: Klaus Gohlke  Fotos: Elmar Vibrans

 Kultur im Zelt, Bassgeige, Staatstheater Braunschweig, Figurentheater Fadenschein, BS-Energy Café, Kulttheater, Roter Saal, Galerien. Überall taucht er auf, aber das sind längst nicht alle Orte. Und spielt dort Klavier, Orgel, Synthesizer, Akkordeon, Bass, Melodica, Gitarre. Was vergessen? Ja, Schneemann, eine Nebenrolle im Kindertheater. Er komponiert, leitet, macht Geräusche. Ein Workaholic also? Ein hyperaktiver Musiker?  Mitnichten. Elmar Vibrans sitzt am Tisch. Ruhig, nahezu entspannt, freundlich-sachlich erzählt er davon, was ihn bewegt, interessiert. Wie er zur Musik kam.

In den USA 1963 geboren, aber gleich danach mit der Familie, alteingesessene Braunschweiger, zurückverpflanzt in ein Dorf bei Schöppenstedt. Schule, Klavierstunde und Musik aufsaugen. Art- und Progrock, später Jazzrock, also etwa Genesis, Pink Floyd, Manfred Mann’s Earthband, Yes, Joni Mitchell, George Duke, Joe Zawinul, ELP. Brechen wir hier einfach mal ab.  Aber immer schon weg vom Mainstream, vom Pop vor allem. Was er nicht mochte, das war das Solo-Gegniedel. „Ich mag Musik mit Songstrukturen. Ich bin melodieorientiert.“ Auch das Covern von Songs ist nicht seins. „Fürs Handwerkliche ist das gut, ja. Aber es ist letztlich langweilig. Ich muss mich selbst einbringen können mit meinen musikalischen Ideen.“

19-179-70R

Das Tricksige liebt er, witzige Ideen. Wie Musik noch klingen kann, das interessiert ihn. Acht Projekte hat er am Laufen. „Das klingt jetzt gewaltig. Aber das läuft ja nicht alles gleichzeitig. Sehr verteilt über die Wochen und Monate!“, stellt er gleich klar. Sie spiegeln seine musikalischen Interessen wieder, sind ein Spiegelbild seiner selbst.

Es gibt da Jazzzrockiges und Souliges. Diverse Trios für Standards und Pop-Jazz, für Eigenkompositionen. Bands, in deren Zentrum Verbindungen von Jazz und Literatur stehen. Und dann ist da noch ein Duo mit dem Braunschweiger Jazzgitarristen Dietmar Osterburg („eigentlich mein Lieblingsprojekt“) und schließlich noch ein Freejazz-Ensemble.

„You can’t catch me. Festlegen, nein, danke!“, könnte man frei übersetzen. Das gilt auch für ihn als „Tastenmensch“. Klavier spielt er, na klar. Aber auch die elektronischen Piano-Verwandten bedient er professionell. Professionell? Ist er professioneller Musiker? „Ja, ich lebe davon. Nicht von den Auftritten allein, auch nicht von Theaterarbeit. Das ist gutes Zubrot. Basis ist der Klavierunterricht. Ich bin eigentlich studierter Geologe. Aber ich hatte gute Kontakte zur hiesigen Musikszene, vor allem fünf Jahre Jazzpiano-Unterricht bei Otto Wolters. Ich dachte, dass ich tun sollte, was mir Spaß macht. Wissen Sie, ich bin ein Mensch, der die Sache auf sich zukommen lässt!“

19-179-75aR

Das trifft es. So präsentiert er sich bei den Auftritten. Er steht nicht im Zentrum. Aber auch nicht am Rande. Er ist nicht der Tastenlöwe, aber auch kein Backgrounder. Folgerichtig interessieren ihn auch nicht Solo-Piano-Projekte, etwa  in Keith-Jarrett-Manier. „Ich brauche den Dialog mit den anderen Musikern. Improvisation ist deswegen toll, weil man Ideen kommuniziert, angeregt wird. Am extremsten im freien Spiel beim „Ensemble auf Zeit“, da ist man musikalisch echt gefordert.“

Vibrans ist ein gefragter Musiker in der Braunschweiger Szene, was natürlich mit seiner Kompetenz und musikalischen Neugier zu tun hat. Er ist hervorragend vernetzt,  vor allem aber: er ist zuverlässig. Er sieht aber auch, dass es für ihn eine Art „Gnade der frühen Geburt“ gibt. „Als ich mit der Musik anfing, als sich die Szene hier entwickelte, gab es noch keinen Studiengang „Jazzmusik“. Heute ist der Konkurrenzdruck viel größer. Ich komme – wie früher üblich- von der Praxis her. Die steigen heute mit hohem Niveau ein, müssen dann aber eine eigene Sprache finde, was unheimlich schwer ist.“

 

Gibt es noch Ziele für ihn? Vibrans denkt nach. „Ja, weitermachen. Neue Synthie-Sounds raustüfteln, sich verbessern und die Herzen der Leute gewinnen.“ Letzteres dürfte mit der Nische Jazz nicht so einfach sein. Da er aber musikalisch offen ist, hat er keine schlechten Chancen.

Virtuoses auf der Problemorgel

Veröffentlicht: 29. Juli 2019 in Allgemein

Der New Yorker Ausnahme-Organist Stephen Tharp begeisterte mit einem außergewöhnlichen Konzertprogramm

          Text und Fotos: Klaus Gohlke

Internationaler Riddagshäuser Orgelsommer 2019: die Fünfte. Trotz anstrengenden  Wetters eine außerordentlich gut besuchte Veranstaltung. Diesmal ist Stephen Tharp aus New York angekündigt. Viele Vorschlusslorbeeren. Auch recht eigenartige für unsere Ohren. „Der beste Organist in Amerika!“ Und: „Gelistet im `Who is Who der USA‘, sowie im ‚Who is Who der Welt‘!“ „1500 Konzerte während 57 Touren weltweit!“ Es dröhnt so manches derzeit von jenseits des Atlantiks. Nun auch hier?

20190728_164108

Eröffnen will er das sonntägliche Konzert mit Georg Friedrich Händels „Feuerwerksmusik“. Ein Werk mit riesigem Orchesterapparat. Barocker Gigantismus, fast ein Gassenhauer. Tharp  hat es für die Orgel transkribiert, also umgearbeitet. Höchst spannend dieser Einstieg und verblüffend, weil überhaupt nicht auf Effekt getrimmt. Aus der staatstragenden, oft bombastischen  Musik anlässlich der Beendigung des Österreichischen Erbfolgekrieges lässt Tharp eine Friedensfeier mit vielen tänzerischen Elementen entstehen,  durchbrochen von nachdenklich-elegischen Passagen. Das eher extrovertierte Barocke wird ins Innere verlegt, ohne deswegen an Lebendigkeit zu verlieren.

Dass der New Yorker Organist, bei allem Temperament, nicht darauf aus war, das Publikum zu überrumpeln und die Klangmöglichkeiten der Orgel bis aufs Letzte auszuschöpfen, zeigten seine Bachinterpretationen. Die Choralbearbeitung „An den Wasserflüssen Babylon“  beeindruckte durch eine transparente Registrierung, die die  Schönheit der Melodie erkennbar werden ließ. Die Verknüpfung des Chorals mit „Präludium und Fuge e-moll“ sollte möglicherweise auf die damals übliche Bachsche Improvisationspraxis anspielen. Beides ging Tharp mit viel Tempo an, Trotzallem ließ sich die Struktur gerade der Fuge gut erkennen. Das gilt auch für seine Bearbeitung der Bachschen „Chromatischen Fantasie und Fuge“.

20190728_164144

Man konnte sich zwar durchaus vorstellen und mitunter wünschen, dass über eine Temporücknahme die Reflexionstiefe des Werkes vergrößert würde. Andererseits sind die perlenden Läufe der Komposition natürlich verführerisch. Um der Gefahr der brillanten Oberflächlichkeit zu entgehen, durchbrach Tharp in der abschließenden Fuge auf höchst verblüffende Weise mit dem Einsatz der „Vox humana – Stimme“ den Tonfluss. Es war wie ein Stoß in eine andere Klang- und damit Gefühlswelt. Deutlich wurde hier, wie genau sich der Organist mit der Registratur der Orgel und ihren Möglichkeiten beschäftigt hatte. Gerade die Bearbeitungen sind ja nicht umstandslos auf den jeweiligen Instrumenten zu spielen.

Musikalisch-historisch aus der Rolle fielen gewissermaßen die Auszüge aus William Albrights Orgelbuch 3.  Gerade die „Underground Streams“ und das „Nocturne“ überschritten übliche melodische und harmonische Muster hin zu teils atonalen atmosphärischen Klangflächen mit scharfen dynamischen Brüchen. Tharps Auswahl zeichnete sich dadurch aus, dass er Plakatives vermied, auch hier die Möglichkeiten des Instrumentes gut bedenkend. „Die Orgel ist in keinem guten Zustand!“, sagte er im anschließenden Gespräch. „Die Manuale sind nicht mehr gut zu bedienen!“ Und „Orgelhausherr“ Kantor Hans-Dieter Karras ergänzte, dass dicke Staubablagerungen und Schimmel eine umfassende Restaurierung dieser „Königin der Instrumente“ erforderten.

Der hohen Qualität des Konzertes tat das aber keinen Abbruch. Das Publikum war begeistert, und Stephen Tharp bedankte sich mit einem Bachschen Frühwerk als Zugabe.