Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Wind oder Walze

Veröffentlicht: 26. August 2019 in Allgemein

                                   20190824_161032Text und Foto: Klaus Gohlke

„Akablas“ feiert seinen 55. Geburtstag mit einem World Tour Konzert in der Braunschweiger Stadthalle

„Akademische Bläservereinigung an der TU Braunschweig“ – klingt eher uncool, staubtrocken. Und dass es diese Truppe schon seit 1964 gibt – ist das nun ein Zeichen von Frische oder von dröghafter Tradition? Wenn man allerdings ihren Social-Media-Countdown bis zum Jubiläumskonzert am Samstagnachmittag in der Braunschweiger Stadthalle anschaut, wirkt das gar nicht so lebensfern-distanziert. 6, 5, 4, 3, 2, 1 Stunde, dann noch 20 Minuten bis zum Beginn – das riecht doch reichlich nach Lampenfieber oder?

„Blasen“ werden die rund 100 Musikerinnen und Musiker umgangsdeutsch locker genannt. Machen sie auch fast alle. Hölzer und Bleche blasen. Als wichtige Würze dazu etwas Schlagzeug und Perkussion.

Das klingt nach „Wall of Sound“, Klangwalze. Beeindruckung durch schiere Überwältigung. Die Engländer sprechen da untertreibend lieblich vom „Wind Orchestra“. Darüber nachsinnend, was es denn nun wirklich ist, Wind oder Walze, beginnt das Konzert schon mit einem Vorkonzert. Einer kleinen Zuhörer-Choreo, wenn  man so will. Rhythmisches Klatschen, Gesangsansätze, Vuvusela-Einsatz. Auf geht’s! Blaseneinmarsch. Gesang schon aus dem Off. „Let me entertain you“, die alte Robbie Williams Nummer.

Aber überhaupt nicht staubtrocken und uncool. Ein Gang durch die populäre Musikgeschichte der letzten 50 Jahre.  Bon Jovi,  Rock ’n‘ Roll – Medley (schön swingend!), später auch einer zur „Neuen Deutschen  Welle“.  Soundtracks aus James Bond und Disney-Produktionen. Durchmischt mit Smash-Hits wie „Hey Jude“ der Beatles und Abbas „Waterloo“. Musical- und TV-Serien-Themen. Und noch ein paar klassische Ohrwürmer, als da wären „You raise me up“ und „We are the world“.

Das nun nicht chronologisch abgewickelt, sondern bunt gemischt und verknüpft mit der Darstellung zentraler Ereignisse aus der Geschichte dieses Blasorchesters. Auch zukünftiger, wie dem September-USA-Trip inklusive Teilnahme an der New Yorker Steuben Parade. Nicht blutarm vorgeführt, sondern gestaltet nach allen Regeln des heutigen Entertainments.  Also multimedialer Ansatz mit Videoprojektionen und konsequenter Publikumsaktivierung. Abwechselnd moderiert durch den musikalischen Leiter des Orchesters, Benedikt Hampel, und den Flügelhornisten und Vereins-Vorständler Jeldrick Powitz. Alles bis ins Detail je nach Musikstück noch liebevoll ausgestaltet mit passenden Requisiten.

Überwältigung durch Klangmasse? Nein. Die Adaptionen,  allesamt von international ausgewiesenen Arrangeuren stammend, wurden so umgesetzt, dass die Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten der einzelnen Sektionen trotz ihrer Größe gut zum Tragen kamen. Manche Stücke freilich sind besser geeignet. „Hey Jude“ etwa bot viele Möglichkeiten sich zu entfalten, generell die Filmmusiken. Während Pop-Schmalz à la Bon Jovi nicht wirklich sich veredeln ließ. Schön dabei einzelne Soloparts, die man sich häufiger wünschte, wie auch ab und an mehr „Frechheit“, was Harmonik und Rhythmik angeht.

Fast eine Art Familienfest war es mit einem begeisterungswilligen Publikum und Musikerinnen und Musikern, denen der Spaß an der Sache anzumerken war. Klar doch: Stehende Ovationen und ein „Tiger Rag“ in Rekordtempo als Highlight!

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Wanderer zwischen Klangwelten

Veröffentlicht: 10. August 2019 in Allgemein

19-179-56Der Braunschweiger Jazzpianist Elmar Vibrans erweist sich als erstaunlicher Allrounder                                                 Text: Klaus Gohlke  Fotos: Elmar Vibrans

 Kultur im Zelt, Bassgeige, Staatstheater Braunschweig, Figurentheater Fadenschein, BS-Energy Café, Kulttheater, Roter Saal, Galerien. Überall taucht er auf, aber das sind längst nicht alle Orte. Und spielt dort Klavier, Orgel, Synthesizer, Akkordeon, Bass, Melodica, Gitarre. Was vergessen? Ja, Schneemann, eine Nebenrolle im Kindertheater. Er komponiert, leitet, macht Geräusche. Ein Workaholic also? Ein hyperaktiver Musiker?  Mitnichten. Elmar Vibrans sitzt am Tisch. Ruhig, nahezu entspannt, freundlich-sachlich erzählt er davon, was ihn bewegt, interessiert. Wie er zur Musik kam.

In den USA 1963 geboren, aber gleich danach mit der Familie, alteingesessene Braunschweiger, zurückverpflanzt in ein Dorf bei Schöppenstedt. Schule, Klavierstunde und Musik aufsaugen. Art- und Progrock, später Jazzrock, also etwa Genesis, Pink Floyd, Manfred Mann’s Earthband, Yes, Joni Mitchell, George Duke, Joe Zawinul, ELP. Brechen wir hier einfach mal ab.  Aber immer schon weg vom Mainstream, vom Pop vor allem. Was er nicht mochte, das war das Solo-Gegniedel. „Ich mag Musik mit Songstrukturen. Ich bin melodieorientiert.“ Auch das Covern von Songs ist nicht seins. „Fürs Handwerkliche ist das gut, ja. Aber es ist letztlich langweilig. Ich muss mich selbst einbringen können mit meinen musikalischen Ideen.“

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Das Tricksige liebt er, witzige Ideen. Wie Musik noch klingen kann, das interessiert ihn. Acht Projekte hat er am Laufen. „Das klingt jetzt gewaltig. Aber das läuft ja nicht alles gleichzeitig. Sehr verteilt über die Wochen und Monate!“, stellt er gleich klar. Sie spiegeln seine musikalischen Interessen wieder, sind ein Spiegelbild seiner selbst.

Es gibt da Jazzzrockiges und Souliges. Diverse Trios für Standards und Pop-Jazz, für Eigenkompositionen. Bands, in deren Zentrum Verbindungen von Jazz und Literatur stehen. Und dann ist da noch ein Duo mit dem Braunschweiger Jazzgitarristen Dietmar Osterburg („eigentlich mein Lieblingsprojekt“) und schließlich noch ein Freejazz-Ensemble.

„You can’t catch me. Festlegen, nein, danke!“, könnte man frei übersetzen. Das gilt auch für ihn als „Tastenmensch“. Klavier spielt er, na klar. Aber auch die elektronischen Piano-Verwandten bedient er professionell. Professionell? Ist er professioneller Musiker? „Ja, ich lebe davon. Nicht von den Auftritten allein, auch nicht von Theaterarbeit. Das ist gutes Zubrot. Basis ist der Klavierunterricht. Ich bin eigentlich studierter Geologe. Aber ich hatte gute Kontakte zur hiesigen Musikszene, vor allem fünf Jahre Jazzpiano-Unterricht bei Otto Wolters. Ich dachte, dass ich tun sollte, was mir Spaß macht. Wissen Sie, ich bin ein Mensch, der die Sache auf sich zukommen lässt!“

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Das trifft es. So präsentiert er sich bei den Auftritten. Er steht nicht im Zentrum. Aber auch nicht am Rande. Er ist nicht der Tastenlöwe, aber auch kein Backgrounder. Folgerichtig interessieren ihn auch nicht Solo-Piano-Projekte, etwa  in Keith-Jarrett-Manier. „Ich brauche den Dialog mit den anderen Musikern. Improvisation ist deswegen toll, weil man Ideen kommuniziert, angeregt wird. Am extremsten im freien Spiel beim „Ensemble auf Zeit“, da ist man musikalisch echt gefordert.“

Vibrans ist ein gefragter Musiker in der Braunschweiger Szene, was natürlich mit seiner Kompetenz und musikalischen Neugier zu tun hat. Er ist hervorragend vernetzt,  vor allem aber: er ist zuverlässig. Er sieht aber auch, dass es für ihn eine Art „Gnade der frühen Geburt“ gibt. „Als ich mit der Musik anfing, als sich die Szene hier entwickelte, gab es noch keinen Studiengang „Jazzmusik“. Heute ist der Konkurrenzdruck viel größer. Ich komme – wie früher üblich- von der Praxis her. Die steigen heute mit hohem Niveau ein, müssen dann aber eine eigene Sprache finde, was unheimlich schwer ist.“

 

Gibt es noch Ziele für ihn? Vibrans denkt nach. „Ja, weitermachen. Neue Synthie-Sounds raustüfteln, sich verbessern und die Herzen der Leute gewinnen.“ Letzteres dürfte mit der Nische Jazz nicht so einfach sein. Da er aber musikalisch offen ist, hat er keine schlechten Chancen.

Virtuoses auf der Problemorgel

Veröffentlicht: 29. Juli 2019 in Allgemein

Der New Yorker Ausnahme-Organist Stephen Tharp begeisterte mit einem außergewöhnlichen Konzertprogramm

          Text und Fotos: Klaus Gohlke

Internationaler Riddagshäuser Orgelsommer 2019: die Fünfte. Trotz anstrengenden  Wetters eine außerordentlich gut besuchte Veranstaltung. Diesmal ist Stephen Tharp aus New York angekündigt. Viele Vorschlusslorbeeren. Auch recht eigenartige für unsere Ohren. „Der beste Organist in Amerika!“ Und: „Gelistet im `Who is Who der USA‘, sowie im ‚Who is Who der Welt‘!“ „1500 Konzerte während 57 Touren weltweit!“ Es dröhnt so manches derzeit von jenseits des Atlantiks. Nun auch hier?

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Eröffnen will er das sonntägliche Konzert mit Georg Friedrich Händels „Feuerwerksmusik“. Ein Werk mit riesigem Orchesterapparat. Barocker Gigantismus, fast ein Gassenhauer. Tharp  hat es für die Orgel transkribiert, also umgearbeitet. Höchst spannend dieser Einstieg und verblüffend, weil überhaupt nicht auf Effekt getrimmt. Aus der staatstragenden, oft bombastischen  Musik anlässlich der Beendigung des Österreichischen Erbfolgekrieges lässt Tharp eine Friedensfeier mit vielen tänzerischen Elementen entstehen,  durchbrochen von nachdenklich-elegischen Passagen. Das eher extrovertierte Barocke wird ins Innere verlegt, ohne deswegen an Lebendigkeit zu verlieren.

Dass der New Yorker Organist, bei allem Temperament, nicht darauf aus war, das Publikum zu überrumpeln und die Klangmöglichkeiten der Orgel bis aufs Letzte auszuschöpfen, zeigten seine Bachinterpretationen. Die Choralbearbeitung „An den Wasserflüssen Babylon“  beeindruckte durch eine transparente Registrierung, die die  Schönheit der Melodie erkennbar werden ließ. Die Verknüpfung des Chorals mit „Präludium und Fuge e-moll“ sollte möglicherweise auf die damals übliche Bachsche Improvisationspraxis anspielen. Beides ging Tharp mit viel Tempo an, Trotzallem ließ sich die Struktur gerade der Fuge gut erkennen. Das gilt auch für seine Bearbeitung der Bachschen „Chromatischen Fantasie und Fuge“.

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Man konnte sich zwar durchaus vorstellen und mitunter wünschen, dass über eine Temporücknahme die Reflexionstiefe des Werkes vergrößert würde. Andererseits sind die perlenden Läufe der Komposition natürlich verführerisch. Um der Gefahr der brillanten Oberflächlichkeit zu entgehen, durchbrach Tharp in der abschließenden Fuge auf höchst verblüffende Weise mit dem Einsatz der „Vox humana – Stimme“ den Tonfluss. Es war wie ein Stoß in eine andere Klang- und damit Gefühlswelt. Deutlich wurde hier, wie genau sich der Organist mit der Registratur der Orgel und ihren Möglichkeiten beschäftigt hatte. Gerade die Bearbeitungen sind ja nicht umstandslos auf den jeweiligen Instrumenten zu spielen.

Musikalisch-historisch aus der Rolle fielen gewissermaßen die Auszüge aus William Albrights Orgelbuch 3.  Gerade die „Underground Streams“ und das „Nocturne“ überschritten übliche melodische und harmonische Muster hin zu teils atonalen atmosphärischen Klangflächen mit scharfen dynamischen Brüchen. Tharps Auswahl zeichnete sich dadurch aus, dass er Plakatives vermied, auch hier die Möglichkeiten des Instrumentes gut bedenkend. „Die Orgel ist in keinem guten Zustand!“, sagte er im anschließenden Gespräch. „Die Manuale sind nicht mehr gut zu bedienen!“ Und „Orgelhausherr“ Kantor Hans-Dieter Karras ergänzte, dass dicke Staubablagerungen und Schimmel eine umfassende Restaurierung dieser „Königin der Instrumente“ erforderten.

Der hohen Qualität des Konzertes tat das aber keinen Abbruch. Das Publikum war begeistert, und Stephen Tharp bedankte sich mit einem Bachschen Frühwerk als Zugabe.

Bodenständig und doch weltoffen

Veröffentlicht: 23. Juli 2019 in Allgemein

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Der Braunschweiger Jazzpianist Niklas Wohlt zeigt sich als reflektierter Gegenpol zur heutigen Dauererregtheit                                                       Text/Foto: Klaus Gohlke

Klingt seltsam, ist aber so! Vier Jobs hat der junge Mann, der zum Gespräch in die Küche seiner Wohnung in der Braunschweiger Oststadt bittet. Produzent, Musiktrainer, Lehrbeauftragter für Musiktechnologie, Musiker. Das alles kann Niklas Wohlt. 26 Jahre alt, Jazzmusiker, Schwerpunkt Piano. Vier Jobs, Projekte unterschiedlicher Laufzeit, CD-Produktionen. Das ist kein Fall von Hyperaktivität. Das ist normal für Menschen, die im Kreativbereich tätig sind. Fürs Überleben. Aber auch, weil sie für die Sache brennen.

So jung er ist, hat er sich doch schon einen Namen in der Braunschweiger Szene erspielt. Er ist gut vernetzt mit den „Altvorderen“ der Szene. Der Bassist Jürgen Osterloh wäre zu nennen, in dessen Formation er ebenso mitwirkte wie bei dessen Riddagshausen Concerts. Wichtige Adressen sind auch die Jazzcombo der städtischen Musikschule  und das Jazzensemble der TU Braunschweig, um nur zwei zu nennen. Zentral ist aber für ihn sein Trio mit Timo Müller bzw. Johannes Sudermann am Schlagzeug und Leif Knüppel am Bass. Unlängst erst zu hören bei der Braunschweiger Kulturnacht.

Und – wie geht’s weiter mit der Musikerkarriere? Auf dem Absprung? Durchaus. Aber ganz anders als zu vermuten. Nichts mit Jazzkarriere. Dafür demnächst Beginn des Referendariats an Grund-, Haupt- und Realschulen in der Region. Fächer Musik und Mathematik. Wohlt erläutert: „Ich habe natürlich überlegt, wie das so wäre, richtig auf Jazzpiano, also Musik zu studieren. Das hat schon gejuckt.  Ich habe mich aber bewusst für das Lehramt entschieden. Ich komme aus der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit. Schon in meiner Schulzeit in der Christophorusschule war das wichtig für mich und das bleibt es!“

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Folgt Wohlt der Devise: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“? Also eine realistische Weltsicht in Bezug auf das eigene Können und die Marktsituation? Oder fehlt es einfach an Wagemut, an Ausbruchskraft? Von seiner Musik her betrachtet, ist die Antwort auch nicht einfach. Befragt nach seinen musikalischen Leitbildern, nennt er natürlich die Giganten, Keith Jarrett, Herbie Hancock, Chick Corea. Aber seelenverwandt ist er mit der Musik des skandinavischen Trios um den früh verstorbenen Esbjörn Svensson. Seine Musik sucht durchaus den Wohlklang und den Publikumsgeschmack. Jan-Heie Erchinger nennt er als für ihn wesentlichen musikalisch-künstlerischen, aber auch menschlichen Einfluss. Abstrakter Avantgarde-Jazz ist nicht sein Ding, aber auch keine Verklärung der Väter des Modern Jazz. „Die Welt ist heute ungemein widersprüchlich, zerrissen und bedrohlich. Meine Musik soll da ein Gegenpol sein. Zur Ruhe kommen lassen, ohne seicht zu werden.“, erläutert er. Er weiß um die zwangsläufigen Anfeindungen der Jazz-Polizei.

Aber nicht mal aus Braunschweig raus? „Nein. Warum auch? Diese Stadt hat alles, was ich brauche. Gute Spielorte. Durchaus interessierte Leute. Es gibt die Jazz-Sessions, ein hochwertiges Konzertangebot. Die Szene selbst ist sehr differenziert, was die Neigungen und Interessen betrifft. Wenn man sich da hinein begibt, kann man viel lernen!“ Das ist nicht Werbe-Schön-Sprech, es ist Überzeugung, gebündelt dann im Satz: „Man kann es in Braunschweig schaffen, ernst genommen zu werden als semi-professioneller oder auch engagierter Amateurmusiker! Das geht hier eher als anderswo, ist mein Eindruck!“

Niklas Wohlt scheint in gewisser Weise eine Art reflektierter Gegenpol zur heutigen Dauer-Aufgeregtheit und Lärmerei zu sein. So fällt seine Antwort auf die Frage, wie es denn nun musikalisch weiter gehe, nicht lautsprecherisch aus. „Mal sehen, wie sich Beruf und Musik vereinbaren lassen. Auf jeden Fall will ich das Trio nach vorne bringen. Neue Stücke erarbeiten und vernünftige Aufnahmen machen!“

Man darf gespannt sein.

Der Soundtrack des Wilden Westens

Veröffentlicht: 22. Juli 2019 in Allgemein

 

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Text: Klaus Gohlke                                                                                         Foto: Philipp Ziebart                              

Das Orchester der TU Braunschweig geht zum Semesterabschluss westwärts

Ist doch die halbe Miete, wenn eine Veranstaltung in ein passendes Ambiente gelegt werden kann. „Go West! Ein musikalischer Wild West Circus.“ Das ist das Motto des diesjährigen Abschlusskonzertes des TU Orchesters. Westen und wild in Braunschweig? Kein Problem. Eine mächtige Industriehalle in der Arndtstraße wurde gefunden: das Stellwerk. Eine Warnung vorab ans Publikum: „Flaches Schuhwerk wird empfohlen und Sitzkissen wegen der Bestuhlung!“ Klingt doch irgendwie wild-riskant, oder? War aber alles im sicheren Bereich. Und natürlich alles dem Umbau des  Audimax der TU geschuldet.

Mitten hinein ging’s dann. „The Magnificent Seven!“ Die Glorreichen Sieben. Elmar Bernsteins Hauptthema aus John Sturges‘ gleichnamigem Western. Fanfare, wenn man so will. „Der Stoff, aus dem die Träume sind!“, heißt es im Begleittext. Was für Träume? Kommt Klischeereproduktion pur?

Nun, das war mitnichten so. Zwar schien Götz van Ooyen diese Schiene zunächst fahren zu wollen, als er als „Zirkusdirektor Buffalo Bill“ die Bühne enterte. Er bespaßte das Publikum nach Kräften. Animierte es, die legendäre Schlacht am Little Bighorn nachzuspielen. Eindrucksvoll übte er mit allen einige Grundfiguren des Squaredance. Eine echte Gaudi. Aber dabei blieb es zum Glück nicht. Zum einen ironisierte Van Ooyen seinen Buffalo Bill – Part, vor allem aber wechselte er selbst geschickt die Rollen. Er wurde zum Erzähler, Vorleser, Erklärer. Später auch noch zum gefühlvollen Sänger.

Und dann war da natürlich die Musik, deren Spannbreite vom klassischen Country und Western über Film- und Ballettmusiken zur – wenn man so will – sinfonischen Dichtung reichte. Wunderbar die drei jungen Sänger, die Stan Jones‘ „The Searchers“ in der Pioneers-Version darboten. Kann man sanfter die rastlosen Männer in die  weite Einsamkeit musikalisch dahin reiten lassen? Weiter ging’s mit Ennio Morricone. Klar, ein Muss. „A fistful of Dollars“ statt des üblichen Todesliedes. Und auch ein Medley aus Martin Böttchers Musiken zu Karl-May-Verfilmungen darf nicht fehlen.

Ja, und dann ließ van Ooyen so ganz nebenher einen unglaublich treffenden Satz fallen. „Und nun hören Sie den Dvořák. Der hat ja den Soundtrack des Wilden Westens geschrieben!“ Die „Tonspur jener Zeit“ mit seiner „Sinfonie aus der neuen Welt“, und insbesondere das Largo daraus. 1893. Die Totenklage eines indianischen Häuptlings, eigentlich ein Abgesang auf das Überleben seines Volkes, wenn nicht gar mehr.

Eine Industriehalle ist kein Konzertsaal, und man musste fürchten, dass gerade Pianissimo-Passagen verloren gehen. Aber nein. Das Orchester, von Markus Lüdke wieder hervorragend motiviert und angeleitet, arbeitete absolut feinfühlig den Gehalt der Komposition heraus und berührte spürbar.

Überhaupt: ob Coplands Ballettmusik, insbesondere „Prairie Night“, Tiomkins „High Noon“ – Suite oder John Williams „Cowboys“-Ouvertüre: die gerade der Filmmusik eigenen Tempo-, Dynamik- und Rhythmuswechsel gestaltete das Orchester trefflich. Und was für eine schöne Idee, den achtzigjährigen Mundharmonikaspieler Achim Schwenkler beim Winnetou-Medley einzubeziehen. Als Zugabe noch „Shenandoah“. Zu Recht stehende Ovationen.

Noch einmal am Dienstag, 16. Juli 2019. 19.30 Uhr im Stellwerk West, Arndtstraße 5, Braunschweig. Eintritt frei

 

Alles geht – oder auch nicht

Veröffentlicht: 27. Juni 2019 in Allgemein

Jens Düppe im Gespräch mit Klaus Gohlke anlässlich seines Konzertes am Freitag, 28. Juni 2019 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses

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John Cage gilt als musikalischer Freigeist, als einer der Begründer der Neuen Musik. Hörgewohnheiten, Erwartungen zu unterlaufen, neue  Kontexte zu kreieren, das ist ihm immer wieder gelungen. Teilweise spektakulär, wie in seinem Werk 4’33, einem dreisätzigen Klavierstück, bei dem kein einziger Ton gespielt wird, oder mit einem Orgelstück, das im nahen Halberstadt so langsam wie möglich gespielt wird. In gut 600 Jahren wird es beendet sein! Nun kommt Jens Düppe mit seinem Jazz-Quartett am Freitag, dem 28. Juni in den Roten Saal nach Braunschweig und spielt bei „Dancing Beauty“  Stücke, die sich auf Cage beziehen. Was erwartet die Zuhörenden? Gibt es Grund besorgt zu sein? Das fragt unser Mitarbeiter den Jazzer vorab.

Herr Düppe, muss man damit rechnen, dass da 90 Minuten nichts anderes zu hören sein wird, als die Stille im eigenen Kopf? Oder vielleicht nur einige Töne, langsamst gespielt, wie in der Kirche St. Burchardi im nahen Halberstadt?

Lustig, dass Sie die Kirche in Halberstadt ansprechen. Für die Stiftung dort werden wir im September zu Cage Geburtstag spielen, am 5.9. Und zwar nicht nur Stücke des Quartetts. Wir werden stilistisch so unterschiedlich wie nur denkbar agieren. Und dann wird die Reihenfolge der Stücke ausgewürfelt. Das hat alles direkt mit Cage zu tun! Ja, so offen und humorvoll war er.  Es gibt halt viele Zugänge zu seiner Musik und viele Ansätze, sich von der Musik ansprechen zu lassen. Die Musik von DANCING BEAUTY wurde inspiriert von Wort-Zitaten und Denkweisen von Cage, als Komponist kommt er aber nicht drin vor (würde ich jedenfalls sagen), bis auf eine besondere Stelle im Konzert. Das wird hier aber nicht verraten. Es wird ein – wenn auch stellenweise etwas besonderes – Jazzkonzert werden.

John Cage hielt nicht viel vom Jazz. Jazz müsse sich dem Publikumsgeschmack beugen. Tue er das nicht, würde er zu E-Musik werden, wäre also kein Jazz mehr. Ärgert Sie so eine Sicht der Dinge?

Nein, Cage hat sich ja über jede Art von Musik geärgert, die auf irgendeine Art musikalisch vorhersehbar war, wo man nur ahnen konnte, wo die Melodie oder der Rhythmus hingehen werden. Da scheidet dann zum Beispiel schon mal jede Musik aus, die ein festes Tempo hat; das reicht dann von Mozart über Stravinsky bis hin zu James Brown und David Bowie. Da bleibt also nicht mehr viel an Musik über, die wirklich völlig unberechenbar daherkommt. Deshalb hat er sich ja zeitlebens als Komponist damit beschäftigt, diese Unberechenbarkeit den Ausführenden seiner Kompositionen irgendwie unverbindlich vorzuschreiben und dabei spannende Modelle entdeckt.

Muss Orientierung am Publikumsgeschmack Musiker automatisch verderben?

Ich kenne keinen Künstler, der überhaupt nicht reflektiert, wie sein Schaffen beim Publikum ankommt. Es kommt letztlich auf die Grundmotivation an, die einer hat, wenn er „Kunst“ schafft. Und diese sollte sich Inhalten widmen.

Ihre Musik wird hoch geschätzt. Sie wurden mit der aktuellen CD DANCING BEAUTY zum ECHO JAZZ 2018 nominiert, erhielten in diesem Jahr sogar den WDR-Jazzpreis für Improvisation. Trotz oder wegen Cage? Anders gefragt: Wäre Ihre Musik auch ohne den Cage’schen Überbau denkbar?

Ja, auf jeden Fall kann man sich das aktuelle Album anhören, auch wenn man den Inspirationsquell John Cage nicht kennt. Cage gibt dem ganzen einfach eine weitere Ebene und hat mir beim Komponieren geholfen; nämlich sehr geradlinig zu komponieren und mir selber und meinen musikalischen Ideen wirklich treu zu bleiben. Der Bezug zu Cage hat der Musik dieses Albums Kraft gegeben.

 

Eher Addition als Vertiefung

Veröffentlicht: 27. Mai 2019 in Allgemein

 

03_IMG_8164Das Kölner Piano-Trio TURN  tritt zusammen mit dem Braunschweiger Jazzschwergewicht Nils Wogram auf.  Text: Klaus Gohlke. Fotos: KC Amme

Wenn eine junge Jazzband dank glücklicher Umstände die Gelegenheit bekommt, zusammen mit einem Jazzschwergewicht, in diesem Falle einem weltweit geschätzten Posaunisten, eine kleine Konzerttournee auf die Beine zu  stellen, dann ist das geradezu ein kleines Wunder. Und wenn man die Tour dann auch noch in der Heimatstadt dieses Jazz-Übervaters beginnt, dann ist das ziemlich pfiffig. So geschehen am Freitagabend im Roten Saal unseres Schlosses mit dem Trio „TURN“ um den Kölner Pianisten Jonathan Hofmeister herum und Nils Wogram, dem „großen Sohn dieser Stadt“, so die einleitende Konzerteröffnung.

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Dass das als etwas Besonderes eingeschätzt wurde, zeigte die große Publikumsresonanz. Und kann, ja, muss man nicht auch beinahe zwangsläufig  Hochkarätiges erwarten? Hofmeister selbst hatte diesbezüglich auch einige Überlegungen angestellt. „Wir schätzen Nils‘ musikalischen Ansatz sehr. Er hat ein tiefes harmonisches Verständnis und vermag die Musik, die wir spielen, zu öffnen. Er bringt uns dazu,  unsere Musik neu zu denken und kann uns so in neue Klangwelten führen, neue Dimensionen  für unsere Improvisationen eröffnen!“

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Soweit die Theorie, die bekanntermaßen ja durchaus grau sein kann. Denn – es ist ein eigen Ding, aus einem Klaviertrio ein austariertes Quartett zu machen. Wenn nämlich mit der Posaune ein ausgewiesenes Melodieinstrument dazu kommt, dann verschieben sich die Gewichte im Zusammenspiel. Ja, die Arrangements müssen neu gestaltet werden. Vorausgesetzt, man addiert nicht einfach nur eine weitere Stimme, sondern will tatsächlichen musikalischen Mehrwert erzielen. Und das war das Problem des Abends.

Wie zu erwarten, eröffnete das Trio allein. „Song for Aaron“ – ein Stück, das die Stärken des Trios offenbarte: Eine feine Melodie, die dann vor allem rhythmisch pfiffig zerlegt wurde. Immer wieder kleine Stolpersteine, die Jan Brill am Schlagzeug einbaute. Florian Herzog spielte dazu einen Bass, der unangepasst diesen Weg noch erweiterte. Schließlich ein Klavier, das nicht mit Tönen zuschüttete, sondern sich ganz transparent des Themas annahm. Klare Strukturen, kein Getue, eine runde Sache.

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Dann kam die Posaune dazu und verließ die Band auch nicht mehr. Schade, denn nun ging, wie sich oftmals zeigte, durch die veränderte Rollenverteilung die Luftigkeit und Transparenz des Zusammenspiels etwas verloren. Wogram trat nicht etwa als Dominator auf, das ist gar nicht seine Art. Nein, einfach durch seine stupende Spieltechnik, seinen musikalischen Ideenfluss und sein kraftvolles Gebläse zwang er das Piano sehr oft in die Begleitfunktion, aus der es sich nicht ohne Mühen herausarbeitete. Vielleicht wären zwei, drei Stücke mehr nur im Trio-Format erhellender gewesen. Trotzdem- viele schöne Momente eines  Zusammenspiels auf hohem Niveau und deshalb völlig zu Recht viel Beifall.