Klanginseln im Meer des Gewöhnlichen

Veröffentlicht: 5. Oktober 2020 in Allgemein

Kaum beeindruckt von Corona präsentieren „Die Freunde Neuer Musik Braunschweig e.V.“ ihr jährliches Festivalprogramm Text und Fotos: Klaus Gohlke

Corona mache alles kaputt, was Kultur betrifft. Und wenn nicht, dann gebe es höchstens Schmalkost. Stimmt ja. Aber nicht immer. Vlady Bystrov, Braunschweiger Multiinstrumentalist,  Komponist und entschiedener Vertreter der Neuen Musik, er könnte dem nicht so umstandslos zustimmen. Sein alljährlich stattfindendes Festival „Drei Tage Neue Musik Braunschweig“ findet auch 2020 statt. Und abgespeckt ist es nun überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Na klar: Die Konzerte dauern maximal eine Stunde, keine Pause.  Wein gibt es auch nicht zu kaufen, sagt die Einladung. Anderes folglich wohl auch nicht. Dieser Speck ist weg. Dafür aber gibt es aus musikalischer Sicht, um im Bilde zu bleiben: Filet.

Aufführungen der Braunschweiger Klangwerkstatt etwa von Kompositionen wichtiger, wenngleich nicht unbedingt bekannter Gegenwartsmusiker. Eine Uraufführung eines Bystrov-Werkes sogar. Vor allem aber das Samstagabend – Programm am 10. Oktober ist der „Hammer“. Denn neben Bystrov treten zwei absolute Hochkaräter des avancierten Gegenwarts-Jazz auf: Simon Nabatov am Piano und Avantgarde-Drummer Christian Lillinger. Schwer zu bekommen diese Herren im Normalbetrieb. Hat Covid 19 ihnen so große Löcher in die Konzertpläne gefressen, dass sie jede Auftrittschance wahrnehmen?

Vlady Bystrov will dem nicht zustimmen. „Nein. Zu Simon Nabatov habe ich schon lange Kontakt. Er ist ein absolut versierter und vor allem neugierig-offener Jazz-Pianist, der gern über den eigenen Gartenzaun schaut. Und Christian Lillinger ist für mich kein Schlagzeuger, er ist viel mehr. Er ist Melodiker. Und beide finden mein Projekt der Echtzeitkomposition höchst spannend.“

Na gut, große Namen sind das eine, aber worum geht es Bystrov in diesem Jahr inhaltlich? Im Zentrum des Festivals steht der italienische, ja was eigentlich? Nicht Komponist, einfach Musiker auch nicht. Sagen wir: der musikalische Querdenker und Tonsetzer Giacinto Scelsi. Ein intuitiver Improvisator, dem musikalische Vorschriften und Konventionen zutiefst auf den Nerv gingen. Faszinierend für Bystrov, weil er bei Scelsi eigene musikalische Prinzipien erkennt?

„Ja, vielleicht. Er fasziniert mich, weil er ein Grenzüberschreiter ist. Alle diese Musikerinnen und Musiker, die aus dem Üblichen ausbrechen, interessieren mich. Und ich möchte, dass die Leute hier sie über das Festival kennenlernen.“

In der Tat. Scelsis Kompositionen widersprechen der europäischen Tradition des Komponierens. Keine traditionellen Satztechniken, kein Bezug zu Konzepten der musikalischen Moderne. Dafür Sphärenklänge, Mikrotonalität, fernöstliche Ideen. Man sieht in ihm einen Stammvater der musikalischen Avantgarde.

Allerdings – musikalische Avantgarde, das riecht doch arg nach Schwerverständlichkeit, nach hermetischer Musik, nach elitärem Kunstgenuss. Wie soll man mit einer Musik umgehen, der unsere üblichen Hör-Orientierungen fehlen? Kann man diese Musik hören, ohne so komplex wie der Komponist und Interpret mitzudenken? Kann man diese Musik „einfach so“ aus sich heraus genießen?

Bystrov teilt die Bedenken nicht. „Wir spielen ja nicht irgendwelche Töne, die uns gerade einfallen. Ich liebe Melodien, nicht Abstraktionen. Und Echtzeit-Komposition hat Struktur. Einer eröffnet mit einem Thema. Wir hören einander, reagieren, erweitern, verändern. Also das, was man Ausführung nennt. Und suchen dann ein Ende. Dem kann man sich als Hörer einfach hingeben.“

Einfach? Nun ja. Was man braucht, ist Neugier auf Unerwartetes, Offenheit für Unerhörtes. Man muss Grenzen überschreiten wollen, was Musik betrifft. Das Festival „Drei Tage Neue Musik“ vom 9.-11. Oktober 2020 bietet genug Gelegenheiten dafür.

Freitag, 9.Okt.2020 19.30 Uhr.  Samstag, 10. Okt. 2020.  Sonntag, 11. Okt. 2020. 11 Uhr

Alle Konzerte finden in der Dornse des Altstadtrathauses Braunschweig statt.

Das komplette Programm ist einsehbar unter https://neue-musik-bs.de/.

Wegen der Corona-Auflagen ist die Zuschauerzahl in der Dornse auf 50 Personen begrenzt, Vorverkauf ist dringend geboten.

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