Alles geht – oder auch nicht

Veröffentlicht: 27. Juni 2019 in Allgemein

Jens Düppe im Gespräch mit Klaus Gohlke anlässlich seines Konzertes am Freitag, 28. Juni 2019 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses

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John Cage gilt als musikalischer Freigeist, als einer der Begründer der Neuen Musik. Hörgewohnheiten, Erwartungen zu unterlaufen, neue  Kontexte zu kreieren, das ist ihm immer wieder gelungen. Teilweise spektakulär, wie in seinem Werk 4’33, einem dreisätzigen Klavierstück, bei dem kein einziger Ton gespielt wird, oder mit einem Orgelstück, das im nahen Halberstadt so langsam wie möglich gespielt wird. In gut 600 Jahren wird es beendet sein! Nun kommt Jens Düppe mit seinem Jazz-Quartett am Freitag, dem 28. Juni in den Roten Saal nach Braunschweig und spielt bei „Dancing Beauty“  Stücke, die sich auf Cage beziehen. Was erwartet die Zuhörenden? Gibt es Grund besorgt zu sein? Das fragt unser Mitarbeiter den Jazzer vorab.

Herr Düppe, muss man damit rechnen, dass da 90 Minuten nichts anderes zu hören sein wird, als die Stille im eigenen Kopf? Oder vielleicht nur einige Töne, langsamst gespielt, wie in der Kirche St. Burchardi im nahen Halberstadt?

Lustig, dass Sie die Kirche in Halberstadt ansprechen. Für die Stiftung dort werden wir im September zu Cage Geburtstag spielen, am 5.9. Und zwar nicht nur Stücke des Quartetts. Wir werden stilistisch so unterschiedlich wie nur denkbar agieren. Und dann wird die Reihenfolge der Stücke ausgewürfelt. Das hat alles direkt mit Cage zu tun! Ja, so offen und humorvoll war er.  Es gibt halt viele Zugänge zu seiner Musik und viele Ansätze, sich von der Musik ansprechen zu lassen. Die Musik von DANCING BEAUTY wurde inspiriert von Wort-Zitaten und Denkweisen von Cage, als Komponist kommt er aber nicht drin vor (würde ich jedenfalls sagen), bis auf eine besondere Stelle im Konzert. Das wird hier aber nicht verraten. Es wird ein – wenn auch stellenweise etwas besonderes – Jazzkonzert werden.

John Cage hielt nicht viel vom Jazz. Jazz müsse sich dem Publikumsgeschmack beugen. Tue er das nicht, würde er zu E-Musik werden, wäre also kein Jazz mehr. Ärgert Sie so eine Sicht der Dinge?

Nein, Cage hat sich ja über jede Art von Musik geärgert, die auf irgendeine Art musikalisch vorhersehbar war, wo man nur ahnen konnte, wo die Melodie oder der Rhythmus hingehen werden. Da scheidet dann zum Beispiel schon mal jede Musik aus, die ein festes Tempo hat; das reicht dann von Mozart über Stravinsky bis hin zu James Brown und David Bowie. Da bleibt also nicht mehr viel an Musik über, die wirklich völlig unberechenbar daherkommt. Deshalb hat er sich ja zeitlebens als Komponist damit beschäftigt, diese Unberechenbarkeit den Ausführenden seiner Kompositionen irgendwie unverbindlich vorzuschreiben und dabei spannende Modelle entdeckt.

Muss Orientierung am Publikumsgeschmack Musiker automatisch verderben?

Ich kenne keinen Künstler, der überhaupt nicht reflektiert, wie sein Schaffen beim Publikum ankommt. Es kommt letztlich auf die Grundmotivation an, die einer hat, wenn er „Kunst“ schafft. Und diese sollte sich Inhalten widmen.

Ihre Musik wird hoch geschätzt. Sie wurden mit der aktuellen CD DANCING BEAUTY zum ECHO JAZZ 2018 nominiert, erhielten in diesem Jahr sogar den WDR-Jazzpreis für Improvisation. Trotz oder wegen Cage? Anders gefragt: Wäre Ihre Musik auch ohne den Cage’schen Überbau denkbar?

Ja, auf jeden Fall kann man sich das aktuelle Album anhören, auch wenn man den Inspirationsquell John Cage nicht kennt. Cage gibt dem ganzen einfach eine weitere Ebene und hat mir beim Komponieren geholfen; nämlich sehr geradlinig zu komponieren und mir selber und meinen musikalischen Ideen wirklich treu zu bleiben. Der Bezug zu Cage hat der Musik dieses Albums Kraft gegeben.

 

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Eher Addition als Vertiefung

Veröffentlicht: 27. Mai 2019 in Allgemein

 

03_IMG_8164Das Kölner Piano-Trio TURN  tritt zusammen mit dem Braunschweiger Jazzschwergewicht Nils Wogram auf.  Text: Klaus Gohlke. Fotos: KC Amme

Wenn eine junge Jazzband dank glücklicher Umstände die Gelegenheit bekommt, zusammen mit einem Jazzschwergewicht, in diesem Falle einem weltweit geschätzten Posaunisten, eine kleine Konzerttournee auf die Beine zu  stellen, dann ist das geradezu ein kleines Wunder. Und wenn man die Tour dann auch noch in der Heimatstadt dieses Jazz-Übervaters beginnt, dann ist das ziemlich pfiffig. So geschehen am Freitagabend im Roten Saal unseres Schlosses mit dem Trio „TURN“ um den Kölner Pianisten Jonathan Hofmeister herum und Nils Wogram, dem „großen Sohn dieser Stadt“, so die einleitende Konzerteröffnung.

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Dass das als etwas Besonderes eingeschätzt wurde, zeigte die große Publikumsresonanz. Und kann, ja, muss man nicht auch beinahe zwangsläufig  Hochkarätiges erwarten? Hofmeister selbst hatte diesbezüglich auch einige Überlegungen angestellt. „Wir schätzen Nils‘ musikalischen Ansatz sehr. Er hat ein tiefes harmonisches Verständnis und vermag die Musik, die wir spielen, zu öffnen. Er bringt uns dazu,  unsere Musik neu zu denken und kann uns so in neue Klangwelten führen, neue Dimensionen  für unsere Improvisationen eröffnen!“

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Soweit die Theorie, die bekanntermaßen ja durchaus grau sein kann. Denn – es ist ein eigen Ding, aus einem Klaviertrio ein austariertes Quartett zu machen. Wenn nämlich mit der Posaune ein ausgewiesenes Melodieinstrument dazu kommt, dann verschieben sich die Gewichte im Zusammenspiel. Ja, die Arrangements müssen neu gestaltet werden. Vorausgesetzt, man addiert nicht einfach nur eine weitere Stimme, sondern will tatsächlichen musikalischen Mehrwert erzielen. Und das war das Problem des Abends.

Wie zu erwarten, eröffnete das Trio allein. „Song for Aaron“ – ein Stück, das die Stärken des Trios offenbarte: Eine feine Melodie, die dann vor allem rhythmisch pfiffig zerlegt wurde. Immer wieder kleine Stolpersteine, die Jan Brill am Schlagzeug einbaute. Florian Herzog spielte dazu einen Bass, der unangepasst diesen Weg noch erweiterte. Schließlich ein Klavier, das nicht mit Tönen zuschüttete, sondern sich ganz transparent des Themas annahm. Klare Strukturen, kein Getue, eine runde Sache.

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Dann kam die Posaune dazu und verließ die Band auch nicht mehr. Schade, denn nun ging, wie sich oftmals zeigte, durch die veränderte Rollenverteilung die Luftigkeit und Transparenz des Zusammenspiels etwas verloren. Wogram trat nicht etwa als Dominator auf, das ist gar nicht seine Art. Nein, einfach durch seine stupende Spieltechnik, seinen musikalischen Ideenfluss und sein kraftvolles Gebläse zwang er das Piano sehr oft in die Begleitfunktion, aus der es sich nicht ohne Mühen herausarbeitete. Vielleicht wären zwei, drei Stücke mehr nur im Trio-Format erhellender gewesen. Trotzdem- viele schöne Momente eines  Zusammenspiels auf hohem Niveau und deshalb völlig zu Recht viel Beifall.

 

Die Welt ist grässlich und auch wunderschön

Veröffentlicht: 9. April 2019 in Allgemein

20190405_222126Der Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen setzt die Konzertreihe „Musik bei Freunden“ im Aquarium des Kleiner Hauses mit melancholischen Akzenten fort    Text und Fotos: Klaus Gohlke

 Für seelisch Instabile war’s gefährlich, was Gisbert zu Knyphausen (hinfort aus Platzgründen: Gisbert z.K.) da am Freitagabend musikalisch bot. „Also, der nächste Song ist etwas deprimierend!“ Stimmt. Es geht um Entfremdung, Datenflut. Dass dieser ganze Müll nicht mehr rein passt in den Kopf. Gut, d.h. natürlich nicht gut, was die Botschaft betrifft. Gisbert z. K. lässt nicht locker. „Ja, der nächste Song ist genauso deprimierend.“ Es geht nun um einen Vater. Allein.
Fahles Gesicht im Novemberlicht. „Die Stille fällt auf den Asphalt!“ Dröhnend dunkle Akkorde zum Schluss. Aber dann vielleicht… Nix. Etwa wieder Depri? Genau. Diesmal sucht eine alte Dame in der Kirche ein Gespräch mit dem Herrn. Es geht um letzte Dinge. Nur, der Herr antwortet gar nicht. Da ist nur Schweigen. Gott ist tot, offenbar.

Gisbert z.K. aber tut unerschrocken. „Meine Konzerte sind heimliche Therapie-Stunden!“, erläutert er tröstend für Sensibelchen. Dabei lächelt er unergründlich. Nun gut. Es gibt ja auch Licht am Ende des depressiven Tunnels. „Dich zu lieben, ist einfach!“ etwa. Fenster und Türen gehen auf! Luft und Sonne flutet die Wohnung. Also die Seele. Dann erklingt ein Wiegenlied für ein Neugeborenes. Aber auch darin wieder so ein kleines borstiges Suppenhaar: „Das Chaos hier ist unendlich, aber die Liebe auch!“ Immerhin.

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Das Publikum nimmt das alles locker. Sie kennen ihren Gisbert, der sich an diesem Abend allein unplugged mit der Gitarre oder am Klavier präsentiert. Sie wissen, dass die Traurigkeit der Motor seiner Songproduktion ist. Und was sie mögen, das ist die Tatsache, dass er nicht poppig daher kommt. Die Texte: anspruchsvoll, aber nicht zu hirnig, kein triefendes Pathos.  Die Musik dazu passend vielschichtig. Viel Moll, na klar. Aber nicht die vollen Akkorde. Nein, viel Gebrochenes, nicht Vorhersagbares mit eleganten Verbindungen. Feines Picking.

Er quatscht die Leute auch nicht voll, eher spröde wirkt er anfangs. Obwohl das  Konzert-Konzept, das sich die drei Theaterleute Timo Scharf, Jörg Wockenfuß und Christoph Diem ausgedacht haben, zum Small-Talk verführen könnte. Beide Seiten, Musiker und Zuschauer. Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre. „Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Vergnügungsdampfer. Im Sitzliegen oder Barstehen!“ verspricht der Trailer. Die scharfe Trennung von Publikum und Akteuren verschwimmt. Gisbert z.K. spielt stellenweise Wunschkonzert. Textaussetzer ergänzt das Publikum, alles Hard-Core-Fans offenbar. Ein junger Mann begleitet Gisbert z.K. während einer Zugabe stimmlich und instrumental. Verblüffend.  Etwas Vertrauliches ist da, etwas Überschaubares, fast Intimes. Das Konzept der Theaterleute geht voll auf. Alle vier Konzerte bisher ausverkauft. Eine gute Idee, das Staatstheater auch von so einer Präsentation her attraktiv zu machen.

Zurück zu Gisbert z.K.. „Jeder Tag ist ein Geschenk, es ist nur scheiße verpackt!“, sagt er. Das sieht das Publikum an diesem Abend völlig anders. Viele erfolgreiche Zugabe-Verhandlungen.

Raffinierte Alchemie

Veröffentlicht: 18. März 2019 in Allgemein

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Das Nguyên Lê -Quartett „Streams“ überzeugt mit einer ganz eigenen Fusion von Welten unter dem Dach des Jazz         Text: Klaus Gohlke Fotos: Archiv Okerfrosch

 Nguyên Lê – französischer Jazz-Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln. Zum dritten oder vierten Male in Braunschweig. Die Gelehrten streiten da noch. Unstreitig aber: Wiederum ausverkauftes Konzert. Das lässt stutzen. Es geht schließlich um Jazz.  Man nennt ihn „Weltmusiker“, „personifizierte Fusion der Kulturen“ oder „Ethno-Jazzer“. Das aber riecht doch sehr nach Schön-Töner. Was er mitnichten ist.

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Recht arglos klingt die Konzerteröffnung. Er lade ein zu einer „Journey to different places“, zu einer Reise an verschiedene Orte. Und so reisen wir musikalisch nach Marokko z. B., zu den Buddha-Figuren von Bamiyan, ins China der Ming-Dynastie, nach Martinique. Aber auch zu „sehr exotischen Stationen“, wie J.S. Bachs „Goldberg-Variationen“, in die „Hippocampus“-Welt, wobei in der Schwebe bleibt, ob es die Welt der Seepferdchen oder die der Gedächtniszentrale im menschlichen Hirn ist. Oder mit „Subtle Body“  zu den Alchemisten, zu jenen, die aus Stein Gold machen wollten, wie Lê erläutert.

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Eine gute Bezeichnung für ihn selbst. Subtle, also raffiniert, feinsinnig, ausgetüftelt – das trifft diesen Mann hervorragend. Die uralte Gwana-Musik aus dem Maghreb, indische Ragas, vietnamesische und chinesische Phrasierungen, Rock und Funk, europäisch-romantischer Tanz, das sind die Steine, die Nguyên Lê bearbeitet. Aber nicht als folkloristische Adaptionen oder in Form stilistischen Wildwuchses, sondern als organisch strukturierte Musik auf der Höhe der Zeit, auch mit deren technischen Mitteln.

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Ob das immer Gold wird, sei dahin gestellt. Die Bach-Bearbeitung wirkte etwas bemüht. Ganz anders aber  „6h55“ mit seiner raffinierten Polyrhythmik oder das Amalgam aus Funk, Rock ‚n‘ Roll und ostasiatischen Skalen in „Swing a Ming“.

Ungewöhnliche Dialoge etwa zwischen Gitarre und Schlagzeug („Mazurka“), aufreizende Brüche zwischen ostinaten Figuren, minimalistischen Melodien am Bass bzw. Vibraphon und explosiven Ausbrüchen daraus(„Bamiyan“). Wahre musikalische Zwei-, wenn nicht gar Vierkämpfe. Das war es, was das Publikum begeisterte. Die Ausgestaltung der kreativen Freiheit, die den einzigartigen Reiz dieses Genres ausmacht.

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Natürlich ist Nguyên Lê ein Ausnahmegitarrist und großartiger Musiker. Aber es wäre alles nichts, hätte er mit dem US-Amerikaner John Hadfield (Schlagwerk), dem Kanadier Chris Jennings (Kontrabass) und dem Franzosen Illya Amar (Vibraphon) nicht  ausgesprochen hochklassige Partner im Quartett vereint. Knackige Grooves, bei denen man nicht weiß, wer wen antreibt, sphärisch-entrückende Klänge und vor allem ein absolut sicheres Interplay begeistern das Publikum und nicht zuletzt auch die Musiker selbst.

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Älter werden geht von selbst

Veröffentlicht: 24. Februar 2019 in Allgemein

Herman van Veen genießt sein 45-jähriges Bühnenjubiläum in der nahezu ausverkauften Braunschweiger Stadthalle     Fotos und Text: Klaus Gohlke

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„Neue Saiten“ heißt Herman van Veens neue Tournee. Aber – zieht er wirklich neue Saiten auf?  Vielleicht muss man das Sprachbild etwas genauer betrachten. Neue Saiten braucht‘s, wenn die alten nicht mehr klingen. Das Instrument bleibt gleich.

So auch am Freitagabend in der Stadthalle. Van Veen  singt, tanzt, rezitiert, parodiert, zeigt sich als Multi-Instrumentalist, als Autor, als Pantomime, als Kritiker und Humorist. Kurz: als Kleinkünstler im besten Sinne des Wortes. Das, was er immer tat. Seit nunmehr 45 Jahren, im 73. Lebensjahr. Quicklebendig, immer noch die Häuser füllend.

Neue Saiten – das meint seine Band und die Musik. Ein hervorragendes Quartett, allen voran die technisch brillante Gitarristin und musikalische Partnerin Edith Leerkes. Aber nicht minder beeindruckend die Geigerin und Sängerin Jannemien Cnossen, die Perkussionistin, Harfenistin und Co-Sängerin Wieke Garcia und der Bassist und Keyboarder Kees Dijkstra. Ein feines Akustik-Set, das Elektronik förderlich einsetzt und stilistisch unbegrenzt scheint. Chanson, Rock ‚n‘ Roll, Irish Folk, Flamenco, Pop, Klassik. Aber nicht als aufgeblasenes „Was wir alles können!“, sondern fein arrangiert. Hier eine kleine Jacques Brel-Anspielung, dort ein Rückgriff auf den Beatles-Klassiker „Blackbird“ als unterlegte Melodie. Dann neben den neuen Eigenkompositionen wie „Schreib mir“, „Pommes“, „Was fast Verrücktes“ auch eine Kontrafaktur auf Michel Legrands  „The Windmills of your mind“ mit tief melancholischem Text über die fehlende Arznei gegen das Alt- und Einsam-Werden.

Van Veen spielte schon immer feine Musik, diesmal noch etwas feiner? Durchaus. Diese neuen Saiten aber füllten keine Hallen. Sie sind vielmehr Mittel zum Zweck, Grundlage seines zeitübergreifenden, geradezu unzeitgemäßen Themas. Nämlich das Alltägliche zu würdigen. Die Missklänge des Morgens, die Eigentümlichkeiten des Partners, der Eltern, der Kinder und nicht zuletzt die eigenen.  Das Peinliche, das Heimliche, das Schöne und Gemeine, Witzige und Tragische . Ja, und  – gewissermaßen nahe liegend – das Altern und der Tod. Aber  das alles nicht mit der heute gängigen penetranten Aufgeregtheit und Unleidlichkeit. Stattdessen Gelassenheit, Ausdauer und Humor als conditio sine qua non, als unabdingbare Voraussetzung gelingenden Lebens.

„Ich lieb dich noch!“, singt er. Er spricht mit der toten Mutter, dem verstorbenen Freund, über den Lebensweg der Kinder, Kriegsleid, verfolgtes Anderssein, Regenwetter – aber, und das macht van Veen eigentlich aus – ohne jegliches Abgleiten in den Kitsch, in hohles Pathos. Eine überraschende Wendung, ein Wortwitz, eine Parodie, musikalische Kehrtwendungen, die clownesken überlangen roten Socken, die er trägt – all das holt zurück auf den Boden.

Van Veen hat eine Botschaft, zweifelsfrei. Aber er doziert nicht, arbeitet nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Er lebt sie auf der Bühne vor und begeistert ungemein.

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Ludwig XIV., de Gaulle und Napoléon jazzen

Veröffentlicht: 19. Februar 2019 in Allgemein

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Das Trio „Das Kapital“ des Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann präsentiert seine neue CD „Vive La France!“  Text: Klaus Gohlke Foto: Daniel Erdmann

 „Das Kapital“ nennt sich das renommierte Jazz-Trio um den Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann. „Das Kapital“? Welches? Marxens Opus Magnum oder was? Das Trio stellt demnächst im Braunschweiger LOT seine neue Produktion vor. Titel: „Vive la France!“. Weshalb? Was steckt dahinter? Klaus Gohlke beseitigt im Gespräch mit Erdmann alle Unklarheiten.

Die neue CD von „Das Kapital“ heißt „Vive la France!“ Dabei posiert das Trio auf dem Cover-Foto verkleidet als Ludwig XIV., Napoléon und Charles de Gaulle. Ist das eine politische Aussage?

Wir sind drei europäische Musiker, die in Frankreich leben, es ist eine Hommage an die Musik unseres Heimatlandes. Wir verpacken das ganze aber auf unsere Weise, etwas provokant, sicher aber eher lustig gemeint.

Die Musik scheint ein Gang durch die französische Musikgeschichte zu sein, vom 16.Jh.bis zur Gegenwart.  Warum diese Art Wanderung durch die Jahrhunderte? Und – wie sind Sie auf diese Auswahl gekommen?

Wir wollten wirklich die volle Bandbreite zeigen und ein abwechslungsreiches Programm präsentieren. Jeder von uns hat Vorschläge eingebracht, und wir haben dann die Stücke aufgenommen, mit denen alle einverstanden waren.

Sie spielen ja Instrumentalmusik. Bei den Chanson-und Pop-Referenzen fehlt  somit der Text. Geht damit nicht Entscheidendes bei den Interpretationen verloren?

 Ich finde, dass der Sinn der Texte oft sehr stark musikalisch umgesetzt ist, und wir haben versucht, das noch mehr herauszuarbeiten.

„Das Kapital“ ist ein Jazz-Trio. Wie kommt der Jazz in diese Kompositionen?

 Wir spielen eigentlich die Melodien ziemlich genau wie im Original, allerdings mit  den  Stilmitteln des Jazz. Aber wir versuchen, dem Original gerecht zu werden. Das Trio hat auch eine eigene Art zu spielen entwickelt, etwas zwischen den Stilen, eine akustische Musik ohne Grenzen.

Können Sie kurz die französische Jazzszene charakterisieren? Gibt es signifikante Unterschiede zu Deutschland?

Meiner Meinung nach gibt es in Frankreich verschiedene Jazzszenen, die sich jetzt langsam anfangen zu mischen. Ich denke, das Leben als Musiker ist in Frankreich etwas anders, weil das System anders funktioniert. Kurz gesagt, ist man dort generell als Künstler mehr in staatliche Systeme eingebunden.

Geboren sind Sie in Wolfsburg. Haben Sie noch einen Bezug zu dieser Region?

Ich bin ja in Braunschweig aufgewachsen. Ich habe hier keine Familie mehr, aber kürzlich war ich für einen Tag zu Besuch in der Stadt und habe Orte der Vergangenheit besucht. Das war sehr schön, denn mir ist da aufgefallen, dass ich in einer tollen Stadt aufgewachsen bin. Der Tag begann im Heidberg, wo ich in der Raabeschule war, und endete bei Bolle in der Bassgeige. Also freue ich mich umso mehr  auf das Konzert in der alten Heimat!

Konzert am Samstag, 23. Februar 2019 um 19 Uhr im LOT Kaffeetwete 4a Braunschweig

 

Theaterspielen nur – und sonst gar nichts

Veröffentlicht: 18. Februar 2019 in Allgemein

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Der Musiktheatergruppe der IGS Franzsches Feld gelingt eine beeindruckende Aufführung der Musikrevue „Es liegt in der Luft“          Foto/Text: Klaus Gohlke

 Freitagabend in der Brunsviga. Angekündigt ist die Premiere einer Revue in 24 Bildern mit dem Titel „Es liegt in der Luft“. Aufführende sind die Mitglieder der Musiktheatergruppe „jetztodernie“ der IGS Franzsches Feld. Es handele sich um ein Werk der Herren Marcellus Schiffer (Text) und Mischa Spolansky (Musik), sagt das Programmheft. Ach ja, es sei ein Spiel im Warenhaus, steht da noch.

Warenhaus? Auf der Bühne steht links der große Flügel, die rechte Seite ist abgeteilt für das Schlagzeug. Der „Spielraum“ ist recht klein. Deshalb ein sehr reduziertes Bühnenbild. Eine lange Stoffbahn im Hintergrund. Aufdruck „Sale“. Davor Tisch- und Podestartiges.

Das Stück spielt im Jahre 2019 in Berlin. Allerdings nur bis zur Pause. Dann befinden wir uns im Jahr 1928, wiederum Berlin. Wieso 1928? Dazu verrät uns das Programmheft, dass vor 90 Jahren das übermäßige Konsumdenken begann, auch rasante technische und mediale Entwicklungen. Insofern seien in dem Stück zwei Zeiten vereint, die mehr gemeinsam haben, als man so denke. Nun gut, aber die Herren Schiffer und Spolansky schrieben das Stück doch 1928, wieso dann Berlin 2019?

Die beiden Verantwortlichen der Produktion, Felix Goltermann für die Musik, Kaja Brandenburger für die Regie, klären im Gespräch auf. „Es ist das Originalstück von 1928. Wir haben die Aktualisierung nur eingebaut, um zu verhindern, dass man das als Revue von früher betrachtet, historisiert. Textlich und von der musikalischen Substanz her haben wir letztlich nichts verändert. Es gibt diesen kleinen Trick des Zurückbeamens vor der Pause. Mehr nicht. 2019 ist nicht 1928, Berlin nicht Weimar. Aber – es gibt viele Parallelen zwischen diesen beiden Zeiten!“

Musikrevue 1928 – dahinter steht eine Welt großer politischer und gesellschaftlicher Unübersichtlichkeit, die die Texte widerspiegeln. Aber auch die musikalische Welt ist höchst komplex. Wie ist das mit Schülerinnen und Schülern zu bewältigen? Wird simplifiziert, gerät die Vorstellung gar zur Peinlichkeit?

Ganz und gar nicht. Um es mal salopp zu formulieren: was die Bühnenakteure, die Band, was das gesamte Team da ablieferte, war allererste Sahne. Nur zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler treten auf und die sind gefordert. Sie müssen sprechen, tanzen, singen. Sich ständig umziehen, eine Rolle  nach der anderen übernehmen. Einfach toll, wie sich die Akteure durch die Welt aus Tango, Foxtrott, Swing, Marsch, Solo-, Duett-, mehrstimmigem Gesang und
Choreografievorgaben  hindurch bewegten. Aber sie machten das nach kurzer Aufwärmphase und Justierung der Aussteuerung mit einer verblüffenden Hingabe, Begeisterung und Präzision. Als wäre es ihre Natur und sonst gar nichts.

Einzelne hervorzuheben, verbietet sich hier. Dahinter steht die Leistung eines  begeisterungsfähigen und effizienten Teams. Ob das die Stimmbildner sind, die Maske, Technik, Kostüme (ganz eindrucksvoll, besonders im 1928er Teil), Dramaturgie, musikalische Leitung oder Regie. Jubel am Ende, völlig zu Recht. Man sollte es gesehen haben.

Weitere Aufführungen in der Brunsviga am

Montag, 18.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Mittwoch, 20.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Donnerstag, 21.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Freitag, 22.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Samstag, 23.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€