Geysir der totalen Revolution!

Veröffentlicht: 7. Mai 2018 in Allgemein

20180505_200001Das Niederdeutsche Theater Braunschweig karikiert den Kunstbetrieb mit der ersten plattdeutschen Version eines Kishon-Stücks.                       Text und Fotos: Klaus Gohlke

Hier kriegt der Kritiker sein Fett weg. Als üblen Windhund, als Rosstäuscher, stellt ihn Ephraim Kishon in seiner Kunstsatire vor. Als einen, der sein Geschäft darin sieht, die arglose Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Er bestimmt die Richtungen, in die sich der Kunstwind zu drehen hat. In mafiösem Zusammenspiel mit seinem Kompagnon, einem Kunsthändler und Mäzen, geht der Daumen hoch oder aber runter.

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Das wird gezeigt am Beispiel des guten, des armen Malers Raphael (Raphael? Wenn das man keine geheime Anspielung ist!). Er will malen, gegenständlich. Dafür aber gibt es keinen Markt. Weil der Großkritiker es so bestimmt. Also darbt er im Beisein seines Modells und Muse Dahlia. Über Nacht aber wird er berühmt, als der Herr Kunst(hin)richter im armseligen Atelier eine künstlerische Revolution zu entdecken meint: einen Turm aus übereinandergestapelten Stühlen und Tischchen, gekrönt von einem Wasserkocher, dessen Kabel mit einer Steckdose an der Zimmerdecke verbunden ist. Eine Haushalts-Notkonstruktion, die der Kritiker zum „vitalen konstruktiven Symbolismus“ versprachnebelt, zum „Mobiliarismus“, zum „Geysir der totalen Revolution“ gar. Schon ist „Raffi“ der gemachte Mann, freilich: sehr ungern! Deshalb Protest am Ende und ab.20180505_195318

Kishons bitterbös-satirisches Theaterstück aus dem Jahre 1968 „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht!“ erlebt in Braunschweig seine Erstaufführung in niederdeutscher Sprache. Also: „Treck den Stecker rut, dat Water kaakt!“ Übrigens: die Aufführung im Roten Saal ist durchaus gut zu verstehen für Hochdeutsche.

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Das Stück ist eher eine Typenkomödie mit derbem Pinselstrich, voller Klischees über moderne Kunst, das Künstlerleben und den Kulturbetrieb. Es gibt die herzhaften Lacher, spontanen Beifallsbekundungen, auch Zwischenrufe. Aber aufgrund der klaren Regie Angelika Köchers und der engagierten Leistung des Amateurtheater-Teams wird das nicht zum billigen Spiel mit Vorurteilen, sondern zu einem „Nachdenker“ über Vermarktungsprinzipien der Kulturindustrie weit über die Darstellende Kunst hinaus.

Wieder am 13.und 20. Mai, je 16 und 19.30 Uhr, im Roten Saal im Schloss.

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Tausche Big Apple gegen Big Pitter

Veröffentlicht: 19. April 2018 in Allgemein

Der amerikanische Schlagzeuger Drori Mondlak über Jazz heute in Europa und den USA                                                          Text: Klaus Gohlke  Fotos: Website Drori Mondlak

Drori Mondlak

„New York, New York!”, singen Lisa Minelli und Frank Sinatra. Von der Stadt, die niemals schläft. Wer es hier schafft, schafft es überall. Dachte sich wohl auch die in Österreich geborene Saxofonistin Karolina Strassmayer. Auf ins Mekka der Jazzer, damals wie heute. Um dort zufällig Drori Mondlak zu treffen, erprobter Drummer in der Szene. Wo aus Zufälligem Absichtliches wurde. Nun, die Liebe ist eine Himmelsmacht. Was letztendlich bedeutete: Tausche Big Apple gegen den Big Pitter, New York gegen Köln am Rhein, die deutsche Jazz-Metropole. Hier wurde die gemeinsame musikalische Zukunft kreiert mit der Band KLARO! Entscheidend für die Wahl Kölns war sicherlich aber auch Karolina Strassmayers intensives Engagement bei der WDR-Bigband.

 

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Was aber ist das Alleinstellungsmerkmal von New York? Im Interview mit Drori Mondlak stellt dieser klar:

„New Yorks Jazz Szene mit seinem absolut anspruchsvollen musikalischen Niveau und seinem hohen Energielevel ist einzigartig in der Welt. Du triffst dort alle Welt! Kannst spielen, lernen, Ideen austauschen, kooperieren. Die Szene dort ist absolut offen und dynamisch. Meine Liebe und Hingabe zum Jazz hat dort begonnen, das setze ich in Köln fort.“

Gibt es dann etwas, was einzigartig ist hier in Deutschland oder Europa?

„Durchaus!“, betont Mondlak. „Der Jazz erfährt allgemein mehr Unterstützung durch kulturelle Organisationen, Jazzinitiativen, Funk und Fernsehen, Festivals. Jazz wird hier als eine Kunstform betrachtet, die es wert ist, auf einer Konzertbühne aufgeführt zu werden. Und es gibt viele engagierte Leute hier, die ihre Zeit damit verbringen, den Jazz-Ball am Laufen zu halten.“

Moers Jazzfestival 2006

Das zu hören, ist zweifellos erfreulich. Dass das Interesse am Jazz aber nicht erlischt, dafür muss er interessant bleiben. Keine einfache Sache in der sich immer mehr zerfasernden Musikwelt. Jazz bewegt sich dabei zwischen den Polen des Softi-Pops und der Attacke auf alle Hörgewohnheiten. Wie also sieht Mondlak die Zukunft dieses Genres?

Josh Ginsburg

„Ich betrachte Jazz nicht unter dem Gesichtspunkt von Stilrichtungen. Jazz ist die Person, die ihn spielt, was diese mit dem Instrument auszusagen in der Lage ist. Was sie zu erzählen hat. Jazz hat seine Wurzeln im Blues, in den afro-amerikanischen Erfahrungen. Dazu kommt der einzigartige Swing der Musik. Wohin sich das alles entwickelt, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass die Tradition nicht vergessen wird. Zentral ist der Wille, eine eigene improvisatorische Tonsprache zu entwickeln, und das auf einem hohen künstlerischen Level.“

Und wie stellt sich das für Mondlak in seiner Art Schlagzeug zu spielen dar? Lässt sich das in Worte fassen?

„Ich glaube, dass es mir in den letzten Jahren immer besser gelungen ist, mit meinem Schlagzeugspiel dichter an das heran zu kommen, was ich in der Musik höre und empfinde. Was ich mit Karolina, die überwiegend die Kompositionen von KLARO! schreibt, im Zusammenspiel mit den verschiedensten Musikern erfahre, entwickelt mein Drumming immer weiter fort. Ein Prozess, der völlig offen ist.“

Wie aber lässt sich die Musik der Band, deren spezieller Ansatz beschreiben? Mondlak bleibt keine Antwort schuldig und führt aus:

„KLARO! vereint die romantischen Elemente der europäischen Klassik und Volksmusik mit dem rhythmischen Feuer und Swing des amerikanischen Jazz auf der Basis der harmonischen Raffinesse der zeitgenössischen improvisierten Musik. Wir wollen Musik schöpfen, die uns bewegt. Die etwas Schönes ausdrückt, Bedeutung hat und auch so vom Publikum verstanden werden kann. Also keine Barrieren durch unnötige Komplexität der Arrangements!“

Zu erleben ist „Karolina Strassmayer&Drori Mondlak – KLARO!“ am 21. April 2018 im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses ab 20 Uhr. Karten an der Abendkasse und im Vorverkauf.

Was Menschen Menschen antun

Veröffentlicht: 20. März 2018 in Allgemein

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Chöre vereinigten sich in St. Katharinen zur Matthäus-Passion      Text/Foto: Klaus Gohlke

Komisch, da wird jahrelang Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ in unserer Region nur ganz vereinzelt zu Gehör gebracht und diesmal innerhalb einer Woche gleich dreimal. In Helmstedt, Wolfenbüttel und am Sonntag nun auch in Braunschweigs St. Katharinen.

Was reizt die Kirchenmusiker eigentlich, sich an Bachs „großer Passion“ abzuarbeiten. Ein Opus – einzigartig in Ausmaß und Komplexität! Der große Aufriss? Im Original immerhin drei Chöre, zwei Orchester und etliche Solisten? Oder so etwas wie Selbstprüfung? Imagepflege? Oder einfach der Wunsch, Außergewöhnliches, Großartiges, Schönes in Gemeinschaft zu Gehör zu bringen?

Was reizt die Zuhörerinnen und Zuhörer eigentlich? Die Konzerte sind stets gut besucht. Warum zweieinhalb Stunden auf nur schwach gepolsterten Kirchenbänken ausharren? Die Story etwa? Jesu Leiden und Tod? Wenig erbaulich und auch hinreichend bekannt. Da ist ja keine sakrale Weihnachtsstimmung erhältlich. Ist’s dann die religiöse Botschaft? Wohl kaum in unserer glaubensfernen Zeit.

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!“, singen die Chöre im Exordium. „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet!“ Und die Chöre singen weiter: „Seht – Wohin? – auf unsere Schuld!“ In Christi Leiden steht sie uns vor Augen. „Ecce homo“, sagt später Pilatus. „Sehet, welch ein Mensch!“ Die Passion aber sagt und zeigt somit: Was sind wir doch für Menschen! Das heißt: Wir begegnen uns selbst.

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Bach mag uns die Welt des barocken Menschen zeigen, wie man gern sagt. Aber er geht doch weit darüber hinaus ins Grundsätzliche, über alle Religion hinaus. Er macht über die Musik lebendig, was menschliches Leben ausmacht. Neid, Hass, Verrat, Demütigung, Folter, Mord, Wegsehen, aber auch Leiden, Schmerz, Verzweiflung, Todesangst und schließlich Liebe, Reue, Mitgefühl, Erbarmen. Und schon sind wir mitten in der Gegenwart oder? Bei den Pegida-Demos, den Herren Trump, Putin, Erdogan, in Syrien, im Sudan…

Aushaltbar? Nur dadurch, dass Bach die Zuhörer in unterschiedliche Rollen versetzt, eine Art aktiven Zuhörens ermöglicht. Zwischen heftigster Aktion sind es die Arien und Rezitative, die Zeit schaffen, das Gehörte zu verarbeiten, tiefste Gefühle zu entwickeln, ohne an ihnen zu scheitern. Und dann die wunderbar singbaren Choräle, in denen die Gemeinde des unschuldig zum Tode Verurteilten gedenkt.

Und alle im Kirchenschiff sind am Arbeiten und Verarbeiten. Die Partitur lesend, das Libretto verfolgend und intensiv zuhörend. Das gelingt nur deshalb, weil die Musik unter der Leitung des Landeskirchenmusikdirektors Claus-Eduard Hecker so gekonnt präsentiert wird. Man hätte sich insgesamt mehr Zug in der Aufführung denken können, mehr Wucht. Aber die Kantoreien von St. Marien Wolfenbüttel, St. Katharinen, sowie der Cantus firmus Chor der Städtischen Musikschule wirkten im Zusammenspiel mit dem Kammerorchester St. Katharinen gut ausbalanciert. Die SolistenInnen Lisa Schmalz (Sopran), Geneviéve Tschumi (Alt), Ezra Jung (Bass/Jesus), Henryk Böhm (Bass/Arien) und Sebastian Franz (Tenor/Evangelist) überzeugten farben- und facettenreich. Wäre da nur nicht das ewige Problem mit der schwierigen Akustik der Kirche.

Was Musiker und Zuhörende an der Aufführung an der Matthäus-Passion reizt? Müsste eigentlich klar geworden sein. Lang anhaltender, herzlicher Beifall.

 

In fremden Zungen

Veröffentlicht: 19. März 2018 in Allgemein

20180316_202207Das Trio Gropper-Graupe-Lillinger konfrontiert sein Publikum mit ungewöhnlicher Jazzmusik                                                                                               Text/Fotos: Klaus Gohlke

Ernst sei das Leben und heiter die Kunst? Nein! Das, was die Berliner Jazz-Avantgardisten Philipp Gropper, Ronny Graupe und Christian Lillinger am Freitagabend im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses zu Gehör brachten – es war kein Garten Elysium, in dem die himmlischen Rosen wachsen.Wer da kam, um mal eben ein nettes Jazzkonzert zu hören, der sah sich bös überrascht. Denn was es da auf die Ohren gab, das war befremdlich, das klang oft wie musikalische Fremdsprache.

Kein verspieltes Intro, das in ein Thema mit erkennbaren Harmonien überwechselte. Keine Melodien, die man jazzig nennt, weil da die eine oder andere Dissonanz auftaucht. Und auch nicht die abwechselnde Solo-Virtuosität, und was es da so mehr an wohlstrukturiertem Jazz gibt.

Was aber dann? Chaos, was manche dann Free Jazz nennen? Auch nicht. Na klar, es sträubt sich das Nackenhaar, wenn der Gitarrist Ronny Graupe

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einen schwer einzuordnenden Akkord schier endlos monoton anschlägt, während seine Kollegen komplexe Rhythmen fabrizieren und Skalen hoch- und runter spielen. Was soll das? Ganz einfach: Struktur einziehen. Denn die Band hat keinen Bass. Es bedarf aber musikalischer Leitplanken. An anderer Stelle übernimmt Saxophonist Philipp Gropper

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diese Absicherungsarbeit mit sich wiederholenden großen Intervallsprüngen. Christian Lillinger weigert sich, die alte Drummer-Rolle des Timekeepers einzunehmen.

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Worum es geht, ist vielmehr, dass musikalische Impulse kreiert werden, auf die man reagiert. Diese Impulse sind oftmals minimalistisch. Einzelne Töne nur, die elektronisch manipuliert werden. Kein echtes Thema, mehr ein Denkanstoß in Form eines Sounds, eines Geräusches, mit dem sich jeder dann auseinander setzt. Erweitert, verändert, unterläuft, zerstört wird die musikalische Idee. Das ist ein intensives Zuhören und Reagieren aufeinander. Takte werden gezählt, intensiver Blickkontakt gehalten. Die Klänge schwellen an bis zur Schmerzgrenze, ebben ab. Rhythmen überlagern sich bis zur Unkenntlichkeit. „Morphen“, nennt Lillinger diese Methode, ein Klanggebilde fließend so verändern, dass ein neues daraus entsteht.   Eine sich nicht zur Schau stellende Virtuosität wird dabei erkennbar.

90 Minuten arbeiten die Musiker in einem Stück, nur einmal kurz unterbrochen, um außermusikalischen Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Harte Arbeit für die Musiker, aber auch für die Zuhörer, die dahinter kommen wollen, was da abgeht. Freilich: jene, die Stimmungen, feine Nuancierungen suchten, hatten es schwer. Die anderen feierten die modernen Kreationen.

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Manchmal sind wir wie Aliens

Veröffentlicht: 5. März 2018 in Allgemein
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Foto: Ludwig Olah

Über Lust und Last, avantgardistischen Jazz zu spielen                               Klaus Gohlke

 Das Jazztrio „Gropper/Graupe/Lillinger“ versucht, das Vokabular des Jazz zu erweitern. Dabei überschreitet es mancherlei Grenzen. Klaus Gohlke sprach mit dem Saxofonisten der Gruppe, Philipp Gropper, über die Absichten und Schwierigkeiten, zur Jazz-Avantgarde gezählt zu werden.

Herr Gropper, man zählt Ihr Trio zur Jazz-Avantgarde. Können Sie mit dieser Bezeichnung leben?

 In Ermangelung eines besseren Ausdrucks: Ja. Das ist ja alles relativ. Wir sind Suchende, Forschende mit je eigenen musikalischen Wurzeln.

Könnte man Ihr Trio auch als eine Band bezeichnen, die sog. Neue Musik spielt. Z.B. bewusst auf so etwas wie Thema, Ausführung eines musikalischen Gedankens verzichtet?

 Wir kommen vom Jazz. Aber es gibt da gewiss Überschneidungen. Die Grenzen verschwimmen. Unsere Musik ist teilweise präzise notiert, dann wieder frei. Was uns interessiert, das ist die Klangsprache. Sound im weitesten Sinne. Wir spielen nicht einfach Bebop-Linien nach. Oder formulieren ein Thema, über das dann jeder improvisiert. Natürlich gibt es auch Harmonieschemata, Akkorde als Grundlage für Improvisationen. Traditioneller Jazz ist für uns Ausgangspunkt, wie auch Neue Musik, elektronische Musik, Hip Hop usw. Überall findet man Inspiration; abstrahiert, überträgt ins „Jetzt“ und formuliert neu. Die Geschichte des Jazz ist die Geschichte einer ständigen Erneuerung.

Heißt das, dass das Zuhören schwieriger wird, insofern ihre Musik weder eingängig, noch gefällig, noch konventionell sein will?

 Das hängt zum einen von den musikalischen Erfahrungen des Publikums ab. Andererseits wollen wir unsere Tonsprache klar rüberbringen. Es ist nicht unsere Absicht, alle zu schocken und vor den Kopf zu stoßen. Vielmehr sollen die Strukturen unserer Kompositionen erkennbar sein. Wir suchen nach   Klängen, Sounds, die uns selbst faszinieren. Wir haben durchaus den Wunsch, dass man das nachvollziehen kann und davon berührt wird. Wir wollen also mit den Zuhörern diese Faszination teilen. Mainstream allerdings liefern wir nicht.

Wie reagiert das Publikum auf ihre Grenzerweiterungen?

 Oft heißt es: „So etwas haben wir noch gar nicht gehört. Das ist schwer einzuordnen. Aber trotzdem toll!“ Es gibt auch Leute, die einfach rausgehen, weil ihre Erwartungen, wie ein Jazzkonzert ablaufen soll, nicht erfüllt werden. Mal sind wir wie Aliens, mal völlig akzeptiert. Aber die Leute bemerken unsere Ernsthaftigkeit und Intensität in der Auseinandersetzung mit der musikalischen Materie. Es geht uns aber nicht darum, dem Publikum zu gefallen. Es geht uns um die Realisierung unserer musikalischen Überzeugungen.

 Ihr Schlagzeuger Christian Lillinger sagte unlängst, dass der Gegenwartsjazz sich zwischen Langeweile und Terror bewege. Wie sehen Sie das?

Nun, ich kenne den Kontext nicht. Aus meiner Sicht ist Vieles eher an Eingängigkeit orientiert, will nicht fordern. Man setzt also auf Wiedererkennbarkeit. Oder eben auf plakativ Spektakuläres, dem oft wirklicher musikalischer Gehalt und tiefe fehlen. Und dann gibt es noch diese Hype-Schiene in den Medien. Es gibt urplötzlich irgendwo irgendjemanden, der den Jazz wiederbelebt, ihm den angeblichen Modergeruch nimmt. Man sieht so etwas auch bei den Festival-Acts. Es wird vorsichtig gebucht.

Denken Sie z.B. an die Aufregung um Kamasi Washington? Da weiß ich ja auch nicht, was das Revolutionäre sein soll.

Ja, sehe ich auch so. Aber mir gefällt die Energie, mit der sie spielen, das nahezu Hippiehafte des Auftretens. Das Problem, das ich sehe, ist, dass das Innovative ein anderes Hören verlangt.

Sie meinen statt des genussorientierten Hörens ein eher strukturiertes Nachvollziehen?

Das Innovative verlangt eine andere Offenheit, ein Loslassen von Erwartungen. Es findet den Weg in die Öffentlichkeit nicht so leicht,  lässt sich nicht so gut verkaufen und bleibt daher oft im Untergrund. Dennoch gilt für uns: Wir spielen, was für uns wichtig und spannend ist. Es heißt ja oft, man soll das Publikum abholen. Das kann aber nicht bedeuten, dass man sich anpasst. Wir holen es – wie gesagt – ab, um mit ihm zusammen neues Gelände zu betreten.

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Foto: Natalie van Ysselt

 

Sie sagten vorhin, sie wollten improvisierte Musik machen, nicht Bebop-Linien spielen. Eine Absage an Traditionen?

Nein, überhaupt nicht. Ich komme selbst von Charlie Parker her. Wir haben früher alle Standards gespielt. Aber: Bebop war revolutionär in den 40er/50er Jahren. Jetzt nicht mehr. Er ist Geschichte. Die Musik ist immer noch gut und lebt weiter. Aber die musikalische Entwicklung ist weiter gegangen. Ob das Drum ’n‘ Bass ist oder Hip-Hop oder Modern Creative, Electronica. Was sich in der Rhythmik, der Instrumentierung, der Tongestaltung, den musikalischen Strukturen alles getan hat, das kann man doch nicht ignorieren. Die Erneuerung ist die Essenz des Jazz, ist seine Tradition.

Sind Sie mit Ihrem Jazz „einsame“ Musiker?

Nein, absolut nicht. Außerdem spielen wir in verschiedenen Projekten. Wer da in unsere Konzerte kommt, das hängt viel von den Auftrittsorten ab. Der Jazz hat, anders als der Pop, ein Vermittlungsproblem. Dabei gibt es keine Musik, die derart gegenwärtig beim Spielen ist, derart in der Lage ist, auf Aktuelles zu reagieren, wie der Jazz! Das ist doch hochgradig spannend, wer da was macht und warum. Improvisation, das ist etwas Spontanes, aus dem Inneren Kommendes. Aber das hat gleichzeitig einen verinnerlichten intellektuellen Unterbau. Das ist ja nichts, was man da einfach so hinhaut. Wir spielen seit 15 Jahren zusammen. D.h. in unserer Musik, unserem Interplay steckt eine jahrzehntelange auch intellektuelle Auseinandersetzung. Wenn wir dann auftreten, dann denke ich natürlich nicht über alles nach. Da laufen oft lang eingeschliffene Automatismen ab zusammen mit plötzlichen Wendungen ins Unerwartete, wo du spontan reagieren musst.

Kein Thema für die Medien?

Wenig. Aber vielleicht müssen wir auch selbstkritisch unsere Aktivitäten überprüfen.

Sie sagten, Sie setzten sich auch mit den Möglichkeiten Ihres Instrumentes auseinander, dem Saxofon. Knüpfen Sie am späten Coltrane an, dem das Instrument nicht mehr ausreichte, das, was ihn bewegte, auszudrücken?

Das Saxofon hat das Problem, dass man es z.B. schnell mit dem Genre Blues zusammendenkt. Wenn du etwas tief in dir ausdrücken willst, dann kann das Instrument dir Grenzen setzen, dich fehl leiten. Diese Grenzen zu erkennen und nach Wegen der Überwindung zu suchen, ist eine große Aufgabe. Das gilt wohl für jeden Instrumentalisten in unserem Trio.

Das Trio Gropper/Graupe/Lillinger spielt am Freitag, dem 16.März 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses. Karten im VVK und an der Abendkasse.

 

 

 

 

 

 

Spiel mit kleinem Besteck

Veröffentlicht: 18. Februar 2018 in Allgemein

20180216_201647Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte                                            Text/Foto oben: Klaus Gohlke.Fotos:KC Amme

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.

Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.

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Foto:KC Amme

Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.

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Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.

Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

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Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.

Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.

Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.

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Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Welanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

 

Jazz wird weiblicher

Veröffentlicht: 11. Februar 2018 in Allgemein

nicole-johaenntgen-new-orleans-5Die Saxofonistin Nicole Johänntgen arbeitet mit ihrem Projekt SOFIA zumindest daran.                                                               Text: Klaus Gohlke Fotos: Nicole Johänntgen

Sie kommt offensichtlich gern nach Braunschweig, die Jazzsaxofonistin Nicole Johänntgen. Das vierte Mal wird es sein. Diesmal mit ihrem Trio „Lavendel“ in einer verblüffenden Besetzung mit Izabella Effenberg am Vibrafon und Jörgen Welander an der Tuba. Aber es ist nicht nur das, was Johänntgen interessant macht. Es gibt da noch ein anderes Thema, das sie beackert. Wichtig gerade jetzt, wo kein Tag vergeht, an dem nicht auf ein offenbar in schwerer Schieflage befindliches Verhältnis von Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird. Vor allem die hehre Kunstwelt erweist sich als Zentrum sexueller Übergriffigkeit.

Aber es geht doch dabei, machen wir uns nichts vor, „nur“ um eine besonders üble Variante dessen, was James Brown treffend und elend zugleich besingt: „It’s a man’s, man’s, man’s world“. Eine Männerwelt. Ach, und ohne die Frauen lebten die armen Herren in „wilderness and bitterness“, in der Wüstenei und Bitternis. Wie toll für die Frauen!

Auch die Jazzwelt, das gelobte Land der musikalischen Freiheiten, ist da nicht anders strukturiert. Nicole Johänntgen kennt diese Welt. Befragt, ob der Jazz männerdominiert sei, antwortet sie: „Ich höre im Moment zwar viel von jungen, aufstrebenden Jazzmusikerinnen, aber es sind immer noch sehr viel mehr männliche Kollegen in der Jazzszene.“

 

Ein kurzer Blick auf die Braunschweiger Jazzszene, wie sich beispielhaft anhand größerer Konzerte der letzten fünf Jahre in der Stadt verfolgen lässt, illustriert das. Es fanden 45 Konzerte statt. 39 davon wurden von Männern geleitet. Es traten dabei 130 Männer auf und 13 Frauen. Die regelmäßig in Braunschweig gastierende NDR-Bigband präsentiert auf ihrem Promotion-Foto ganze null Frauen.

Johänntgen stellt aber auch fest: „An den Musikschulen, an denen ich unterrichte, habe ich vorwiegend Schülerinnen und nur wenige Schüler. Ich bin gespannt, wie es sich in den nächsten 20 Jahren entwickelt!“ Nur, leben kann man von der Jazzmusik nicht so ohne weiteres. Was nun, wenn es um Familiengründungen geht? Johänntgen sieht die Sache realistisch. „Da es nicht viele Jazzmusikerinnen gibt, gibt es auch wenige Vorbilder, die Jazz und Familie vereinen. Ich denke, dass Frauen im Jazz sich die Frage stellen, ob Jazz vereinbar ist mit Familienplanung.“

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Was also tun, um größere Geschlechtergerechtigkeit in der Jazzwelt zu erreichen? Lamentieren hilft nicht, wohl aber anpacken. Und so gründete Johänntgen SOFIA. Und sie führt aus: „Das ist die Abkürzung für „Support Of Female Improvising Artists“. Also Unterstützung weiblicher Improvisationskünstler. Alle zwei Jahre findet die SOFIA-Konferenz in Zürich statt, die jungen Jazzmusikerinnen die Möglichkeit gibt, sich im Musikbusiness weiterzubilden und mit anderen Musikerinnen zu jammen und Konzerte zu geben. Ich habe SOFIA gegründet, weil ich selbst einst starke Unterstützung fand. Ich habe erst nach dem Studium gelernt, wie ich Konzerte buche, Promotion mache, mich vernetze mit Musikerinnen in aller Welt. Das möchte ich nun weitergeben in der SOFIA-Konferenz. Dort herrscht ein entspanntes Klima untereinander. Ich konnte schon sehen, wie die Teilnehmerinnen nach den Workshops das Erlernte direkt umsetzten. Das freut mich sehr. Und das neue Programm steht schon!“. Derzeit tourt Nicole Johänntgen mit der polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg, die mit ihrem Baby und ihrem Partner in Braunschweig mit dabei sein werden. Jazz family on tour. Geht doch!

 

Das Trio „Lavendel“ gastiert am 16. Februar 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.