Zwiebeljazz – ein würziger Ohrenschmaus

Veröffentlicht: 31. Juli 2020 in Allgemein

Red Onions

 Die Braunschweiger Red Onion Jazz Company blickt mit einer Dokumentation auf mehr als 50 Jahre Bandgeschichte zurück 

Text: Klaus Gohlke       Fotos: Dr. Klaus Peter „Knatze“ Ulbrich

 „Früher kam die Musik noch zu uns. Jetzt müssen wir ihr nachlaufen!“, seufzt Knatze. Früher – das sind nicht die Frühjahrs-Vor-Corona-Zeiten. Nein, früher, das sind die 1970er, 80er, 90er Jahre. Und Knatze ist nicht etwa ein sentimentaler Alt-Rocker oder so etwas. Nein, dahinter verbirgt sich Dr. Klaus Peter Ulbrich, seines Zeichens Drummer der „Red Onion Jazz Company“ und so etwas wie deren Organisationszentrale. „Früher konntest du dich vor Auftrittsangeboten nicht retten. Aber dann wurde das Interesse an unserer Musik immer weniger.“

Tja, man kann es nicht leugnen. Wer fährt heute schon noch ab auf Oldtime-Jazz, denn das ist die Musik, die die „Red Onions“ spielen.  Echte alte New Orleans Besetzung. Drei Bläser, vier Rhythmiker. Wie bei den berühmten Vorbildern und Namenspatronen, die Red Onion Jazz Babies mit Louis Armstrong an der Trompete. Übrigens: Rote Zwiebeln – der Name hat  einen Regionalbezug. „Zwiebeln, Braunschweiger dunkelblutrote, mit Keimgewähr“, so steht es auf den Saatgutbeuteln.

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Jetzt aber spricht Knatze von der Band als „Braunschweiger Alt-Last“. Im übertragenen Sinne natürlich. Seit 52 Jahren gibt es die Truppe. Natürlich in immer mal wieder wechselnder Besetzung. Nur der Bläser Alfred Tischel ist aus der Urformation noch dabei. Knatze allerdings „zwiebelt“ auch schon seit 50 Jahren die Felle.

Von Früher zu schwärmen – eine Alterserscheinung? Mag sein, aber gut fünfzig Jahre eine Band am Laufen zu halten, ist wohl Stolz und Rückblick wert.  TradJazz war mal schwer in. Das kann sich weder die lockige Unschuld noch der kahle Scheitel vorstellen, dass diese Musik mal Top-Ten tauglich war. Wochenlang blockte beispielsweise der Jazzklarinettist Acker Bilk die Charts. Millionenseller von Chris Barber, Papa Bue. Überall wurden Bands gegründet, die diesen Gute-Laune-Jazz mit Verve zelebrierten.

Klar, die ProgJazzer blickten auf diese Mucker Seite9herunter, sprachen von „Mäuse- oder Mickey Maus-Jazz“, wie Ulbrich zu berichten weiß. Aber – die Braunschweiger Jazz Company war durchaus angesagt.  Alle Jazzclubs der Stadt und der Region wurden an den Wochenenden bespielt, und derer gab es in den 70er, 80er Jahren nicht wenige.  Man wurde – ein Zeichen hoher Wertschätzung – mehrfach zum Internationalen Dixieland-Festival nach Dresden eingeladen, spielte beim schwedischen Hällevik-Festival. Gerhard Schröder wurde auf der Kanzler-Tour begleitet, wie auch die Lesereise der Braunschweiger Zeitung nach New Orleans inklusive Live-Acts dort. In der Partnerstadt Bath bereicherte man das Kulturprogramm. Man engagierte sich sozial mit Benefizkonzerten,  absolvierte Rundfunk- und Fernsehauftritte und spielte  folgerichtig auch Schallplatten und CD’s ein, fünf insgesamt über die Jahre.

Um Zuhörer zu gewinnen, erweiterte man das Repertoire mit Songs der 1920er-40er Jahre. „Deutlich vor Max Raabe spielten wir „Herr Ober, zwei Mocca“ oder „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln“, merkt Knatze Ulbrich hörbar stolz an.  Aber immer klarer musste die Band feststellen, dass sie von der Bühne auf „Baumwollfelder“ vor sich blickte. Band und Publikum alterten; die Engagements gingen spürbar zurück. Krankheit und Tod belasten, es hilft kein Drumherum-reden. Da muss Covid 19 dann doppelt schmerzen.  Man hat ja keine Zeit mehr zu verschenken in dem Alter. „Nicht einen Ton haben wir in diesem Jahr gespielt, es gibt auch kaum konkrete Pläne!“, merkt Ulbrich bitter an.

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„Umso wichtiger schien es mir und der Band, diese mehr als fünfzig Jahre Leben für den traditionellen Jazz und diese Stadt nicht einfach so ausklingen zu lassen, sondern alles in ansprechender Form zu dokumentieren.“ Und so hat „Knatze“ Ulbrich auf 112 Seiten mustergültig alles zur Geschichte der Band zusammengestellt, ansprechend gestaltet von „Hinz & Kunst, Braunschweig“. Kurze prägnante Texte, jede Menge Fotos, das Repertoire, Covers, eine Fülle von Plakatrepros – ein Stück Braunschweiger Kulturgeschichte mithin, das zu studieren auch für Nicht-Jazzer von Interesse sein dürfte.

Dr. Klaus Peter „Knatze“ Ulbrich: Red Onion Jazz Company 1967-2019. Erhältlich über die Buchhandlung Graff, Braunschweig, 15 Euro.

Trauer und Dankbarkeit

Veröffentlicht: 9. April 2020 in Allgemein

Otto 1Foto: O.W. Home

Trauer und Dankbarkeit

Der Braunschweiger Jazzpianist und- pädagoge Otto Wolters ist im 82. Lebensjahr verstorben                                                                                                               Klaus Gohlke

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in den „Sozialen Medien“. Otto Wolters ist tot! Der Mann, der wie kein zweiter das Gesicht des Braunschweiger Jazz war. Innerhalb von 24 Stunden über 3500 Aufrufe bei Facebook, Beileidsbekundungen von überall her, bezeugen seine Wertschätzung weit über den Braunschweiger Raum hinaus. „Ein großer Verlust für die ganze Szene!“ „Otto war eine Lichtfigur und absolut authentisch!“ „Großartiger Lehrer, großartiger Mensch!“ „Sensibler Klavierspieler.“ „Er hat mich zum Jazz gebracht.“  „Seine Konzerte sonntags im Anton Ulrich!“ So oder so ähnlich wird kommentiert. Otto Wolters, 1938 in Oldenburg geboren, geliebter Mittelpunkt seiner Familie, ist nach längerer schwerer Krankheit am Montag verstorben.

Dass Braunschweig heute einen Ruf als  Top-Adresse des nationalen und internationalen Jazz hat, das ist ganz wesentlich Otto Wolters‘ Verdienst. Auf drei Ebenen, die eng miteinander verwoben waren, gelang es ihm, den Jazz zu etablieren. Als Praktiker in seinen verschiedenen Band- und Soloprojekten, als Lehrer an der Musikhochschule Hannover und der Städtischen Musikschule Braunschweig, schließlich als Initiator und treibender Motor der Braunschweiger Jazz-Szene, organisiert in der Braunschweiger Musiker-Initiative.

Jazz galt in den frühen 70er Jahren hier als ein sehr eigenartiges Gebräu. Als schräge Ami-Mucke oder aber als eine Art „Eliten-Protest-Musik“. Kaum verortbar nebulös zwischen Dixie und Post-Bop pendelnd, zwischen Riverboat-Party und Räucher-Keller. Otto Wolters nun gelang es einerseits, diese Musik in Braunschweig  und darüber hinaus gewissermaßen zu erden. Vor allem dadurch, dass er das Fach „Jazzpiano“ an der Städtischen Musikschule Braunschweig zu etablieren vermochte, aber auch durch seine zahlreichen Konzerte, die mit Braunschweiger Lokalen untrennbar verbunden sind: „Bassgeige“, „Altdeutsche Bierstube“, „Lindenhof“.

Gleichzeitig aber verlieh er dem Jazz eine Aura der Seriosität. Durch sein Zusammenspiel mit Jazzern von Rang und Namen: Sonny Stitt, Attila Zoller und Gunter Hampel, um nur wenige zu nennen. Vor allem aber, indem er zusammen mit seinen Mitstreitern in der Musikerinitiative Jazzmusiker der Top-Liga nach Braunschweig holte. Etwa US-Shooting Star Pat Metheny, deutsche Avantgardisten wie Albert Mangelsdorff und Joachim Kühn. Jazzmucke wurde in den Konzertrang erhoben, Gepflogenheiten bürgerlichen Konzertverhaltens übernommen.

Vieles kann man nur antippen. Wolters‘ Arbeit für das Goethe-Institut, Cross-over-Projekte mit Hans-Christian Wille, der Münchner „Klaviersommer“, die Reihe „Jazz und Lyrik“. Viele unserer in der Region aktiven Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker sind durch seine Schule gegangen. Zweierlei ist von ihnen immer wieder zu hören.  Er habe ein ungemein feines musikalisches Empfinden besessen,  gepaart mit großem pädagogischem Feingefühl. Aber dann vor allem: Otto Wolters sei immer ein Mensch gewesen, im besten Sinne. Was bliebt, sind Trauer, Dankbarkeit und großer Respekt.

Zwischen Lust, Frust und Alb

Veröffentlicht: 19. März 2020 in Allgemein

Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker der Region angesichts Covid 19

Text/Fotos: Klaus Gohlke

Jazzer gelten als die Kirchenmäuse unter den Musikern. Nicht, weil sie so possierlich spielten. Nein, es reicht hinten und vorne nicht, was sie da einspielen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Deshalb haben sie zu den normalen zwei Beinen eines Menschen noch mindestens zwei andere, nämlich berufliche Beine. Das Jazz-Spielbein und das alltagsabsichernde Standbein. Bislang schaukelte man die Sache irgendwie so hin, dass man über die Runden kam. Ein Schleuderkurs, mal Lust, mal Frust. Nun aber- in Corona-Zeiten – könnte ziemlich Schluss mit lustig werden.

20200301_184606Da ist Britta Rex, weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte freiberufliche Sängerin mit mindestens vier Projekten. „Was Corona konkret für mich bedeutet? Der Gesangskurs in Italien wurde abgesagt. Ein Grundschulprojekt in der nächsten Woche. Wie es mit meinem Lehrauftrag an der Musikhochschule in Hannover weitergeht, weiß ich nicht. Ich habe einen Honorarvertrag, keine Festanstellung. Das sind dann Totalausfälle. Gesichert ist die Arbeit an der Musikschule Salzgitter. Der Brotjob gewissermaßen. Alles andere – völlig unklar.“ Da es nicht Konzertangebote regnet, wird die Einnahmesituation also äußerst unübersichtlich. Was nun tun?  Gut, sie hätte Zeit über ihr neues CD-Projekt nachzudenken. Aber, das koste auch Geld. Und: Not mach erfinderisch. Man könne Web-Seminare abhalten, zoomen. Man könnte über Streaming-Portale Konzerte anbieten. Etwas steril, so ohne Publikum. Vor allem aber: Wie soll das Geld abwerfen? So etwas wie ein „Spielen für den Hut“ auf elektronischer Basis? Völlig ungeklärt. Offizielle Streaming-Portale kann man eh abhaken. Das läuft nur für „big names“ profitabel.

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Und da ist Heinrich Römisch, der Mann der tiefen Töne.  Viel unterwegs in Sachen Jazz. Breit aufgestellt mit Swingmusik, freier Improvisation, Loungejazz, Modern, Sessions, Auftragsbeschallung bei Feiern und Veranstaltungen. Römisch ist frustriert. „Ziemlich düster das alles. Ein  gutes Honorar bei der Braunschweiger VHS ist weg. Konzerte in der Bassgeige, dem Kulttheater, bei Steigenberger, BS-Energy, das Hamburger Hafenfest, ein Workshop in Thüringen:  Alles ersatzlos gestrichen oder auf der Kippe. Gerade die nicht-öffentlichen Engagements bei Firmenfeiern und Privatem brechen weg, weil dort auch Unsicherheiten bestehen. Was soll ich denn stärker fürchten: die Ansteckungsgefahr oder den finanziellen Absturz?“ Auch Römisch hat ein zweites Standbein. Freiberuflicher Illustrator und Graphiker. Was in Zeiten verbreiteter Unsicherheit ebenfalls zu einem Vabanque-Spiel wird. „Was dann bleibt, sind die eigentlich für später gedachten Ersparnisse!“

20190725_174844Freilich – nicht alle Jazzmusiker der Region sind derart eingebunden in den Jazzkontext. Elmar Vibrans, Tastenexperte, hat auch mindestens sechs Projekte unterschiedlicher Couleur am Laufen. „Derzeit liegt aber nicht viel an“, sagt er im Gespräch. Er lebt vom Unterrichten und das laufe jetzt weitgehend auf der digitalen Ebene ab. „Also skypen, Noten online versenden, mailen, MP3s schicken. Man muss improvisieren.“

Auch Braunschweigs Schlagzeug-Allrounder Eddie Filipp gibt sich noch zwei bis drei Monate, die er überwintern bzw. „überviren“ kann. Sein Sorgenblick geht eher in Richtung der freiberuflichen Musical- und Orchesterplayer. „Die stehen ja voll auf dem Schlauch!“

20180609_173929Das gilt aber auch für Braunschweigs bedeutendsten Jazzer, dem in der Schweiz lebenden Posaunisten Nils Wogram. Sein Konzert im Roten Saal für kommenden Sonntag ist gestrichen. Ein Telefonat mit seinem Promoter verläuft zäh ob der niederschmetternden Fakten. „Diese aktuelle Tour musste abgesagt werden, weil seine beide amerikanischen Bandmitglieder Einreiseprobleme bekommen hätten. Mittlerweile sind aber alle Konzerttermine gestrichen, weil ja Aus- und Einreisesperren gelten. Das sind hohe Verluste, die für jemanden, dessen Job die Musik ist, schwer kompensierbar sind!“

Die Beispiele mögen genügen. Die „Kirchenmaus-Situation“ spitzt sich zu. Wohl jenen, die feste Verträge etwa bei der Städtischen Musikschule haben. Gibt es Hoffnungen? Zuschüsse seitens der Stadt, des Landes, des Bundes? Man vergesse nicht, dass Jazz nur eine Randnische besetzt. Im Netz finden sich Spendenaufrufe, Forderungen nach einem halbjährigen Bürgergehalt, Petitionen. Gut gemeint, aber wenig aussichtsreich. Für viele bleibt nur die Hoffnung, dass es nicht zu lange dauern möge mit dem Virus und sich dann irgendwie richte.

Da geht doch mehr!

Veröffentlicht: 2. März 2020 in Allgemein

 

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Das „Jan Behrens Trio“ stellt neue Songs im ausverkauften Roten Saal vor

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Lag es an der Abmischung, lag es am Konzept, an einer gewissen inneren Anspannung? Wahrscheinlich an allem. Der Braunschweiger Pianist Jan Behrens will demnächst eine neue CD einspielen und stellte an frühen Sonntagabend einem breiteren Publikum im Roten Saal das frische Songmaterial vor. Nun ist die Arbeit im Tonstudio nicht mit einem Live-Auftritt zu vergleichen. Wäre es aber so, dann erwartete die Öffentlichkeit wenig Aufregendes.

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Dabei verkündete Behrens Programmatisches. Es ginge ihm nunmehr um andere Sounds, um den Versuch, die  Dinge einfacher zu machen. Weg von der Komplexität. (Aber: Gab es die denn je bei diesem Trio?) Schon was die Taktwahl beträfe, käme er immer öfter zum Walzer. (Wogegen ja prinzipiell nichts einzuwenden wäre!) Überhaupt lebe die Kunst ja vom Ausprobieren, deshalb sei diesmal auch das Genre „Country“ vertreten. (Was auch weder verwerflich noch revolutionär ist.) Nur: Geht es wirklich um die große Kunst des Einfachen oder bleibt es ein Verharren im Schon-Bekannten, um Simplifizierung?

Werden denn die musikalischen Mittel, die die Handwerkskiste des Jazz doch zu Hauf bietet, genutzt, um aus diesen traditionellen Formen etwas Aufregendes zu machen? Etwas, was die Variation des Immergleichen durchbricht und aufhorchen lässt, ohne deswegen hoch abstrakt zu werden?

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Die Stücke zeichnen sich überwiegend durch eine gewisse strukturelle Gleichförmigkeit aus. Das liegt nicht daran, dass Behrens‘ Kompositionen repetitive Bausteine verwenden. Die zweifellos vorhandenen harmonisch-rhythmischen Figuren werden einfach nicht entfaltet, sondern schmerzhaft in einem dynamischen Einheitsbrei platt gespielt. Die Piano-Soloparts bleiben harmonisch und rhythmisch eher schematisch. Gegen Wohlklang ist ja nichts einzuwenden, sofern er sich nicht darin erschöpft. Es fehlte einfach an Gestaltung.

Warum etwa nicht mal die völlige Zurücknahme des Pianos, um André Neygenfind am Kontrabass Geschichten erzählen zu lassen? Und Eddie Filipp am Schlagzeug Raum und Zeit zu geben, Klangfarben zu entfalten und Akzente zu setzen, die die Strukturen durchbrechen? Natürlich spielen beide präzise ihre Rolle, und sie hatten auch ab und an Gelegenheit, sich solistisch zu präsentieren. Aber das blieb doch alles sehr konventionell.

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Auch die Präsentation eines Special Guests, nämlich der Vokalistin Britta Rex, brachte nur bedingt Farbe in die Sache. Sie kam zum einen gegen den Klangwall nicht an, zum anderen schien zumindest zu Beginn die Tonlage der Komposition ungeeignet, um sich abzuheben.

 

Dass das anders gehen kann, zeigte das Trio zunächst in einer vom Takt her interessanten 7/4 -Komposition,  und Britta Rex zum Schluss in der Bearbeitung einer Cassandra Wilson – Nummer, bei der sie loslassen konnte, um ihre Scat-Gesang-Talente zu zeigen.

 

Die Generalprobe war wenig überzeugend, das spricht für ein besseres Ergebnis im Studio.

 

Klesses Erzählungen

Veröffentlicht: 16. Februar 2020 in Allgemein

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Das Eva Klesse Quartett spielt begeisternden modernen Jazz im ausverkauften Roten Saal                                                                                  Text/Fotos: Klaus Gohlke

Nein, das waren keine neuen Hoffnungsträger des Jazz, keine „upcoming stars“, kein Silberstreif am Jazzhorizont. Nichts von dem, was medial wichtigtuerisch herum posaunt wird  und doch bloßer Reflex kulturindustrieller Imperative ist.

Es war „nur“ das Eva Klesse Quartett, das am Freitagabend auf Einladung der Initiative Jazz Braunschweig im Roten Saal spielte. „Nur“? Nun, es spielte eine hervorragend eingespielte, kreativ miteinander kommunizierende Formation. Vier MusikerInnen, die ihr musikalisches Handwerk bis ins Detail verstehen. Die nicht morphten oder Module konstruierten, auch kein angeblich neues „zirkulares Musikverständnis“  zelebrierten, wohl aber Kompositionen spielten, deren zugrunde liegende Ideen den ZuhörerInnen unmittelbar einleuchteten. Die  eine Basis lieferten,  Jazz-Spaziergängen zu folgen, auch wenn sie mal ins musikalische Hochgebirge führten.

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„Wesen und Zustände“, so Eva Klesse,  „spiegeln die Stücke wider oder sind Ausgangspunkte.“ Alltägliche Verwirrungen, Traumsequenzen, Gefühlsüberschüsse, Fabelwesen, Erinnerungen, die in Musik transformiert werden.

Fast programmmusikalisch mitunter, wie in „Klabautermann“. Geisterartig-verschwebende Sounds  als Einstieg, gefolgt von einer dramatisch aufgeladenen Fortführung, die sich zu einem wilden Tanz entwickelte. Ja, der Schiffsgeist war an Bord! Dann überraschend ein harter Break – etwas, was das Klesse-Quartett liebt – dem fast kammermusikalische Gespräche zwischen Bass und Piano folgten. Ein langes Crescendo dann, ein Finale furioso, wüst, die tonalen Grenzen aufsprengend. Klare Botschaft: Der Schiffsgeist geht und das Schiff unter.

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Ganz anders präsentierte sich das Quartett in „Gravity“. Melancholisch-düster, verzerrt, hoch- und tiefst-tönig, mal völlig transparenter Klang, dann mächtig anschwellender Soundwall. Dazwischen wiederholt eine wunderschöne Melodie bei Reduktion der Begleitung auf das Nötigste.

Überhaupt: Improvisation und Komposition verschmolzen raffiniert, die Soloparts waren integriert. Und die Verankerung der Band in der musikalischen Tradition auch außerhalb des Jazz war unaufdringlich und doch schön nachvollziehbar in Stücken wie „Hal Incandenza“ oder aber dem anrührenden, nahezu „romantischen“ „Choral für P.“

Eva Klesse weist zu Recht darauf hin, dass sie zwar die „Orga-Chefin“ der Band , das Quartett aber ein Kollektiv sei mit ihr am Schlagzeug, Philip Frischkorn am Klavier, Evgeny Ring am Saxophone und Stefan Schönegg am Kontrabass. Genauso ist es:  Ein organisches Gebilde auf höchstem Niveau. Viel Beifall im ausverkauften Haus.

Konzentrieren wir uns doch auf die Musik

Veröffentlicht: 6. Februar 2020 in Allgemein

Geschlechtergerechtigkeit ist für die Hannoveraner Bandleaderin, Schlagzeugerin und Jazzprofessorin Eva Klesse ein wichtiges Thema

Eva Klesse solo1 Eva Klesse spielt am Freitag, 14. Februar 2020 im Roten Saal Braunschweig mit ihrem Quartett Modern Jazz. Sie war 2018 die erste Jazz-Instrumentalprofessorin und lehrt an der Hochschule für Musik in Hannover. Klaus Gohlke sprach mit ihr über die  Genderthematik  im Jazz.

Frau Klesse, in Deutschland gibt es zwei Instrumentalprofessorinnen für Jazz. Sie sind eine davon. Was ist das Besondere daran im Vergleich zu anderen Lehrenden im Studiengang Jazz?

E.K.: Ich denke, das Besondere ist, dass es immer noch als etwas Besonderes angesehen wird (obwohl wir denken, dass wir – was Gleichstellung in unserer Gesellschaft angeht – angeblich schon „so wahnsinnig weit“ sind und obwohl gerade wir im Jazz, der als progressive Musik angesehen wird, eigentlich Vorreiter sein müssen für gesellschaftliche Prozesse, oder?). Für meine tägliche Arbeit und den Umgang mit meinen Studierenden spielt die Tatsache, dass ich eine Frau bin, keine große Rolle. Das Besondere ist das politische Signal, das von der Berufung von 2 Frauen für diese Stellen ausgeht, die ersten im Jahr 2018,  obwohl es Jazz-Ausbildung an Hochschulen schon seit Jahrzehnten gibt. Ich erhoffe mir einen Aufbruch und mehr Diversität unter Studierenden und Lehrenden an Hochschulen, in der Jazzausbildung und überall.

Wolfram Knauer überschreibt ein Kapitel in seiner gerade erschienenen Geschichte des deutschen Jazz: Jazz wird diverser, weiblicher, queerer. Frauen tauchen also auf im Zusammenhang mit Verschiedenartigkeit, mit Normabweichung, wenn man Lexikondefinitionen folgen will.  Auch wenn Knauer das nicht so meint, aber Weiblichkeit im Jazz als Abweichung:  eine zutreffende Beschreibung?

E.K.: Ich finde das Buch von Wolfram Knauer sehr lesenswert und bin froh, dass auch er dieses wichtige Thema aufgreift. Jazz wird diverser, weiblicher, queerer – das ist/wäre doch ganz wunderbar! Klar waren Frauen bisher in der Jazzwelt/-geschichte die Abweichung von der Norm, aber Wolfram Knauer spricht in seinem Buch ja genau diesen nun stattfindenden und längst fälligen Wandel an: die Szene öffnet sich (und muss sich auch öffnen!), mehr und verschiedenere Menschen finden Platz, Raum und Gehör.

Finden Sie das Tempo im Hinblick auf die Geschlechtergerechtigkeit im Bereich Jazz nunmehr ermutigend oder eher erschreckend?

E.K.: Natürlich dauert das alles lange und manchmal kommt das Gefühl auf, als müsste man wieder neu für Dinge kämpfen, die doch eigentlich schon mal common sense waren. Aber: ich finde es ermutigend, dass gerade ein Wandel stattfindet: gesamtgesellschaftlich und in der Jazzwelt. Und freue mich über alle Kolleginnen und Kollegen, die diesen Weg mitgehen. Erschreckend finde ich den gleichzeitig stattfindenden Backlash, rechts-nationale, rassistische und damit einhergehend auch sexistische und anti-feministische Tendenzen.

Warum ist das mit der Geschlechtergerechtigkeit im Jazz so schwierig?

E.K.: Ich denke, die Gründe für das Geschlechterverhältnis im Jazz sind vielfältig, ebenso wie die Ansätze, um dieses zu verändern. Meine große Hoffnung ist, dass dieses Thema für nachfolgende Generationen irgendwann keine Rolle mehr spielt, ehrlich gesagt, sondern alle ihren Talenten und Neigungen nachgehen können, und sich dabei nicht nach irgendwelchen Gender-Konventionen/ veralteten Rollenbilder richten müssen – Männer wie Frauen! Feminismus und das Streben nach Gleichberechtigung/Gleichstellung sind für alle da!

In Ihrer Band sind  Sie die Chefin. Ihre Bandkollegen sind alles Männer. Müssten Sie da nicht gegensteuern, etwa mit reinen Frauenbands (vgl. Marilyn Mazurs „Shamania“)

E.K.: In meiner Band bin ich die Orga-Chefin. Musikalisch wir sind wir ein Kollektiv. Und: ich muss gottseidank gar nix 🙂 Ich finde ja, es sollte alles geben dürfen: Männerbands, Frauenbands, gemischte Bands, diverse Bands. Vielleicht könnte man einfach aufhören, bei „Frauenbands“ immer wieder darauf hinzuweisen, dass es Frauenbands sind. Oder, alternativ: wir sprechen ab jetzt auch immer von Männerbands, wenn wir von rein männlich besetzen Ensembles sprechen. Dann müssten wir aber alle je erschienenen Jazz-Bücher und die gesamte Jazzgeschichte umschreiben. Bisher gab es nämlich ja so gut wie ausschließlich nur Männer-Bands. Reine Männer-Bands, reine Männer-Festivals. Vielleicht wurden die alle ja nur wegen ihres Geschlechts ausgesucht?? 🙂 Sie sehen, manchmal hilft es, sich mal alles umgekehrt vorzustellen, dann wird einem die Absurdität bewusst. Vielleicht lassen wir diesen ganzen Quatsch aber auch einfach mal und konzentrieren uns auf das, worum es uns ja eigentlich geht: die Musik!

Welche „Jazz-Role-Models“ gab/gibt es für Sie?

E.K.: Viele. Meine Lehrer waren oft role models für mich, weil ich auch so tolle hatte. Heinrich Köbberling war und ist für mich ein Vorbild zum Beispiel, als Lehrer, Mensch und Musiker. Julia Hülsmann war und ist eine ungemein wichtige Mentorin für mich. Brian Blade verehre ich als Schlagzeuger. Daneben aber genau so Joni Mitchell und noch ganz viele andere. Ausserdem alle, die sich  – sowohl gesamtgesellschaftlich als auch in unserer Szene – für Gleichstellung und Gerechtigkeit einsetzen. Eine wilde Mischung also.

 

 

 

 

 

Jazz ist ein Kind der Freiheit

Veröffentlicht: 19. Januar 2020 in Allgemein

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Das Silke Eberhard Trio eröffnete das Jazzjahr 2020 der Initiative Jazz Braunschweig                                                           Text und Fotos: Klaus Gohlke

Musik ist ein flüchtig Ding. Des ist man oftmals froh, mitunter aber auch nicht. Vor allem bei Jazzkonzerten. Ganz besonders schmerzlich, wenn die Musik über einen kommt wie der Sturm und in so vielfältig gebrochener Weise, wie dies das Silke Eberhard Trio am Freitagabend im Roten Saal zu Braunschweig tat.

Zum Beispiel: Nur ein Ton!  Knallig, scharf, von allen zugleich. Dann  Pause. Tja, wie ging es weiter? Zwei Takte oder etwas länger? War das dann ein Thema oder nur eine Art Ton-Bewegung. Hören kann so schwierig sein, wie das Spielen von Musik. Über die verwirrende Fortsetzung musikalischen Geschehens vergaß man schon den Einstieg. Waren das nun Melodien oder deren Fragmente? Oder aber Flächen?

Wie auch immer im Detail – das Trio zeigte, was es heißt, die Traditionen zu kennen und fort zu entwickeln. Es wurde natürlich nicht nur ein wenig am harmonischen Korsett gerüttelt. Nein, Jazz ist ein Kind der Freiheit. Darum ging es. Gewiss, für Freunde der sanglich-melodischen, harmonisch eingängigeren Musik war das schwere Kost. Wobei allerdings die entspannte, spielerische Haltung der Musiker doch zum Aushalten einlud. Aber – macht es nicht auch Spaß, zu erleben, wie das Trio quasi telepathische Tempo- und Taktwechsel, ein blitzschnelles Changieren zwischen verschiedenen rhythmischen Idiomen vorführte? Wie die Begleitstrukturen zerflossen, sich neu ordneten und verselbständigten, um eigene Wege zu gehen? Natürlich ist das nicht so einfach zu erkennen, besonders, weil Silke Eberhard gerade nicht zu den „Kaltblütern“ am Instrument gehört, also das Tempo, den Druck liebt.

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Dabei verführen die Songtitel geradezu. „Schneekatze“, „One for Laika“, „Belka und Strelka“, „Strudel“, „Damenschrank“(!) „Schwarzwurzelwäldle“, „Ping-Pong“. Das klingt nach Programmmusik. Aber, weit gefehlt, zu glauben, „Laika“ sei ein Requiem und die Schneekatze striche irgendwo leis-tatzig durch die Gegend. Schön: „Strudel“ fängt – sofern man ans Wasser denkt – durchaus wirbelnd an. Ein Chaos. So endet es auch. Aber sogleich stellen sich die Fragen ein:  Ist das Trio der Tonalität verpflichtet? Oder wird diese eher von innen heraus verändert statt zerbrochen? Die Tonskalen werden aufgrund ihres offenen Charakters flexibel ausgedeutet zwischen Bass und Saxofon hin zu einer Polymelodik.  Es gibt keine vom Thema her definierte Chorusstruktur, was spontanes Reagieren auf harmonisch-rhythmische Wendungen zur Folge hat. Eine Art von Befreiung der Melodie von formalen Fesseln vertikaler Ordnungen. Allerdings: Dazwischen auch eingängige, wunderbar swingende Intermezzi. Und spielte die Klarinette nicht auf einmal tänzerisch-locker im Benny-Goodman-Sound? Mit Charles Mingus könnte man von einer „organisierten Desorganisation“ sprechen.

Was das Konzert spannend machte, war auch die absolut gleichberechtigte Kommunikation der Instrumentalisten. Natürlich ist Silke Eberhard die Chefin auf der Bühne. Wer jedoch auf welche Weise auf harmonische Wendungen der Bläsersolistin reagiert, ist freigestellt. Soloparts unterliegen keiner schematischen Verteilung.  Es gibt eben keine Begleiter, nur Mitspieler. Kay Lübke am Schlagzeug beeindruckte mit einer Vielfalt an Klängen, die er mit einem relativ kleinen Schlagzeug-Besteck zu erzeugen wusste. Es ging eben nicht nur um das time-keeping. Es ging um eigene rhythmisch-klangliche Gestaltung. Um ein Grundieren, Umspielen, Erweitern, Unterlaufen,  Neuordnen der musikalischen Ideen. Das traf in gleichem Maße auf Jan Roder am Kontrabass zu. Mühelos bewegte er sich über das gesamte Griffbrett. Expressive Glissandi, feine Bendings und eine ausgefeilte Dynamik zeichneten sein Spiel aus. Allerdings – wegen der Mikro-Abnahme- nicht immer gut beim Forte-Spiel herauszuhören. Sein langes Bass-Intro vor der Pause war schlichtweg eindrucksvoll.

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Dass Silke Eberhard zu den versiertesten Könnern an ihren Instrumenten zählt, muss nicht herausgehoben werden. Dass sie im Sommer den Berliner Jazzpreis 2020 erhält, spricht für sich. Schön vor allem, dass die MusikerInnen aus entspannter Haltung Momente größter Intensität entwickelten, frei von Avantgarde-Attitüden. Viel Beifall für einen guten Start ins Jazzjahr 2020 mit der Initiative Jazz-Braunschweig.

Zwischen Tradition und Avantgarde

Veröffentlicht: 12. Januar 2020 in Allgemein

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Das Silke Eberhard Trio entwickelt den modernen Jazz beharrlich weiter

Das Jahr fängt sehr gut an für Silke Eberhard, eine der renommiertesten deutschen Saxofon- und Bass-Klarinette-Spielerinnen. Nach dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ist ihr nun der Berliner Jazzpreis 2020 zuerkannt worden.   Am kommenden Freitag gastiert sie in mit ihrem Trio in Braunschweig. Unser Mitarbeiter Klaus Gohlke sprach mit ihr über den kommenden Auftritt.

Mir scheint, Kontinuität ist Dir bei der Fortentwicklung deiner musikalischen Ideen sehr wichtig. Mit Deinem Trio arbeitest Du schon weit über zehn Jahre zusammen.

Kontinuität ist ja nicht das Gegenteil von Progressivität. Mein Trio ist so etwas wie eine „Working Band“, in der wir unsere musikalischen Ideen stetig weiterentwickeln. Das sind gewissermaßen Forschungsprojekte. In dieser Gruppe spüre ich große Freiheit. Es ist meine Musik, es sind meine Improvisationen, vor allem Leute, mit denen ich gern zusammenspiele.

Deine Musik setzt sich explizit mit Eric Dolphy, Charles Mingus und Ornette Coleman auseinander. Warum sind sie Dir noch immer so wichtig?

Ihre Musik berührt mich. Heute. Ich hab von denen allen gelernt. Sie sind mein musikalisches Fundament, auf dem ich aufbaue.

Du spielst keinen Schmuse-Jazz. Was erwartet die ZuhörerInnen?

Gerne können die Menschen auch zu meiner Musik schmusen! Die Triobesetzung mit Saxophon, Bass und Schlagzeug ist gewissermaßen „klassisch“.  Die fundamentalen Kategorien Melodie, Basslinie und Rhythmus sind ideal verkörpert. Dieses Format steht in einer langen Tradition im Jazz. Diese Linie führen wir weiter.

 Du warst 2007 schon einmal in Braunschweig. Hat sich die Jazzwelt aus deiner Sicht seitdem verändert?

Die Frage ist sehr komplex. Zwei Hinweise vielleicht:  Die gesellschaftlich virulente Debatte um Geschlechtergerechtigkeit ist auch im Jazz angekommen. Auch die Fragmentierungsprozesse, die wir gesamtgesellschaftlich erleben, sind im Jazz zu sehen und so gibt es beide Tendenzen – globale, was Rezeptionsmöglichkeiten, Kooperationen etc. betrifft,  und partikulare, was z.B. Spezialisierung der Szenen und deren Narrative anbetrifft.

Deine Wahlheimat – Du bist ja gebürtige Schwäbin – ist Berlin. Ist Berlin so etwas wie die Jazzhauptstadt Deutschlands?

Berlin ist aus meiner Sicht zur Zeit die für Jazz zentrale Stadt in Deutschland, wenn nicht darüber hinaus. Die Szene ist in den letzen beiden Jahrzehnten enorm gewachsen – und zwar vor allem auch an internationalen Musikern. Das bedeutet natürlich nicht, dass Impulse ausschließlich von Berlin ausgehen. Was die Schwäbin betrifft: Nach wie vor sind mir – wahrscheinlich genetisch bedingt – gute Spätzle sehr wichtig. Ich gebe auch auf Anfrage Kässpätzle Workshops.

Das Silke Eberhard – Trio spielt am Freitag, dem 17. Januar im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses ab 20 Uhr. Karten im Vorverkauf und an der Abendkasse.

Glück im Unglück

Veröffentlicht: 9. Dezember 2019 in Allgemein

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Text+Fotos: Klaus Gohlke

Das Nathan-Ott-Quartett bescherte zum Nikolaustag hochkarätige Jazz-Feinkost

 Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So erging es Nathan Ott, Jazzschlagzeuger aus Berlin, als er seine Dezembertour plante. War ja auch prima gedacht und schon mehrfach vorher Probe gelaufen. Eine kleine Supergruppe zusammengestellt mit der New Yorker Saxofonlegende Dave Liebman im Zentrum. Dafür ein interessantes Konzept der Elvin-Jones Band der frühen 70er Jahre aufgegriffen, nämlich zwei Saxofonisten ohne Harmonieinstrument gegeneinander antreten zu lassen. Und auf geht‘s, unter anderem auch nach Braunschweig in den Roten Saal.

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Dann jedoch das Leben, wie es so spielt. Liebman hatte einen schweren Unfall. Spielunfähig. Was tun? Ott, hervorragend vernetzt, fand Abhilfe. Nämlich in Christof Lauer, einem der herausragenden Saxofonisten der Gegenwart, der sich flugs das Tourprogramm drauf schaffte.

Das Konzept, zwei Saxofonisten spielen zu lassen, klingt gut, ist aber nicht ungefährlich. Zum einen stehen die beiden Protagonisten im Mittelpunkt, die „Rhythmiker“ scheinen in den Hintergrund gedrängt. Zum anderen aber ist die Frage, wie die Bläser damit umgehen. Gibt es einen Showdown oder eine gleichgewichtige Kommunikation?

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Lauers Partner war Sebastian Gille, Bigband-Kollege für einige Zeit. Wie würde dieser umgehen mit so einem musikalischen Schwergewicht? Höchst interessante Fragen fürs zahlreich erschienene Publikum und: gute Antworten der Musiker.

Lauer und Gille entwarfen einfühlsam Melodienbögen, gestalteten schöne Unisono-Partien, führten durchdachte, ruhige Dialoge mit allen Bandmitgliedern. Aber dann, in den Improvisationsteilen zeigte Lauer  seine ganze Kraft und Spielfreude. Er folgte gewissermaßen seiner inneren Natur mit nahezu ekstatischen Arpeggien, die wie Klangflächen erschienen, einer Tour de Force die Skalen hoch und runter,  Überblaseffekten, Intervallsprüngen. Hoch konzentriert, trotzdem locker und ohne technizistische Effekthascherei. Und Gille? Stand dem in nichts nach, fand seinen eigenen Zugriff und Ton. Wozu sicherlich auch der Charakter der Kompositionen beitrug, in der Mehrzahl von Ott geschrieben.

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Und die „Rhythmiker“, waren sie die armen, im Dunkel Stehenden? Mitnichten. Jonas Westergaard am Kontrabass leistete Schwerstarbeit. Er hatte auf der harmonischen wie auf der rhythmischen Ebene zu gestalten und zog mit Schlagzeuger Ott gewissermaßen die Streben für die Bläsergebäude ein. In den Up-Tempo-Parts  erhöhte er repetitiv den Druck und gestaltete das rhythmische Konzept farbiger. Ott seinerseits ließ nicht den Bandleader raushängen. Ja, er schuf Raum und nutzte sein Instrument bei der Schlägelarbeit geradezu melodiös. Und ein Drumsolo ohne Muskelspiel als Ausklang eines Stückes – selten zu hören.

Insgesamt beschritten die vier Musiker musikalische Wege, die zwischen großer Offenheit und Gebundenheit, zwischen Abstraktion und feiner Melodiosität verliefen. Metrisch komplex mit beeindruckender Polyrhythmik, ja, mitunter mal weniger harmonisch durchorganisiert, als von der Rhythmik und der Expressivität zusammen gehalten.  Vielleicht nicht immer leichte Arbeit beim Zuhören, aber zu Recht viel Beifall.

Musik ohne Krücken

Veröffentlicht: 27. Oktober 2019 in Allgemein

Drei Tage Neue Musik werden mit „Kompositionen auf Weiß“ virtuos eröffnet

Text und Fotos: Klaus Gohlke

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Die Stimme der Sängerin, sie gurrt, krächzt, flötet, haucht, kreischt, tiriliert, pfeift, schluchzt, spricht, springt in großen Intervallen oder verschiebt sich minimal.. Das Saxophon nimmt das auf, geht dazwischen, umgarnt, schmeichelt, schreit roh dazwischen, spielt im „tiefsten Keller“ und unmittelbar darauf gemein hoch. Das Piano legt rhythmische Fundamente, hebt sie alsbald wieder auf, schafft einen Klangteppich, um ihn wieder zu zerstören, mal Kontrast, mal Umschreibung zu den anderen Stimmen.

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Happening? Chaotische Zufälligkeit? Mitnichten. Nur eine sprachliche – zugegeben unzulängliche – Darstellung eines Momentes des Eröffnungskonzertes „Kompositionen auf Weiß“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Drei Tage Neue Musik“.

Wobei – der Zufall spielt bei dieser Art der Kompositionen schon eine Rolle. Eventuell schon im Titel. Denn: Warum „Kompositionen auf Weiß“? Hätte durchaus auch Schwarz sein können. Oder? Und Komposition – auch irritierend.  „Komposition“, so der künstlerische Leiter der Veranstaltungsreihe, Dr. Vlady Bystrov, „ist hier nicht im traditionellen Sinn zu verstehen! Also als notierte Festlegung.“ Nein, es geht dem Trio Anne-Liis Poll (Gesang), Anto Pett (Piano) – beide aus Estland angereist –  und Vlady Bystrov (Holzblasinstrumente) um freie Improvisationen. Das sei nicht Zufallskram, vielmehr „die höchste Stufe des Musizierens und Komponierens überhaupt!“, so Bystrov in seinem Einführungsvortrag. Komposition und musikalische Praxis seien eins, sogenannte „Echtzeit-Kompositionen“.

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Und in der Tat spielte hier nicht jeder irgendetwas vor sich hin, wie man sich mitunter „Freien Jazz“ vorstellt. Hier interagierten drei Musiker auf höchstem technischem Niveau absolut strukturiert. Jedes Konzert ein Unikat, nicht reproduzierbar. Musikalischen Impulsen, die ohne Festlegung eingebracht wurden, konnte auf den Ebenen der Rhythmik, Dynamik, Harmonik und Melodik, Instrumentierung,  Tonalität, des Sounds,

des Tempos begegnet werden. Ein hochkomplexer Austausch, der große Virtuosität und Souveränität voraussetzt. Musik ohne Krücken.

Den Freunden der Neuen Musik, an die 40 waren zum Eröffnungskonzert am Freitagabend in der Dornse erschienen, wird dabei eine aktive, aber nicht einfache Rolle eröffnet. Nämlich die Aufführungsideen zu dechiffrieren, was aber bei der Flüchtigkeit des Mediums wohl

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eher nur punktuell gelingt. Man kann sich aber genauso gut einfach den Bildern, die sich beim Zuhören einstellen, hingeben. Auch hier gilt Regelfreiheit.

So abstrakt und klanglich verwunderlich diese Musik sich anhört, so begeisternd kann es auch sein, die Einfälle der Musiker, ihre sensible Art des Aufeinander-Reagierens, zu verfolgen. Aber allein zu hören, was Anne-Liis Poll mit ihrer Stimme zu leisten vermochte, war faszinierend und unbeschreiblich. „I’m a human bird!“, meinte sie schlicht. Ein menschlicher Vogel.

 

Die „Drei Tage Neue Musik“ des Vereins „Freunde Neuer Musik“ in Kooperation mit dem Louis Spohr Musikzentrum waren dem Bauhaus-Jubiläum gewidmet. Ob das Eröffnungskonzert mit Bauhaus-Ideen zu tun hatte, sei dahin gestellt. Über jeden Zweifel erhaben aber war die Begeisterung aller Anwesenden über diese Konzert- Eröffnung.