Wir tanzen den Regen weg

Veröffentlicht: 12. Juli 2018 in Allgemein

20180711_200326

Die Singer-Songwriterin Lotte kämpft bei ihrem Sparkassen-Open-Konzert gegen die Regenmelancholie                                                        Text und Fotos:   Klaus Gohlke

Ein Konzert im Regen muss nichts Schlimmes sein. Und auch wenn gleichzeitig ein Fußball-WM-Halbfinale gespielt wird, ist das nichts, was trübsinnig stimmen muss. Nein, es ist, wie es ist. Dem bietet man die Stirn. The Show must go on. Das schien sich auch Lotte, die 22jährige Singer-Songwriterin mit ihrer Band am Mittwochabend im Après – Tennis – Konzert so vorgenommen zu haben. Fieser Regen setzte kurz vorm Gastspiel ein und trieb die Besucher unter das Dach des großen Vorbühnenzeltes. Da es nur sehr wenige Hundert waren, war das kein Problem.

„Wir tanzen den Regen weg! Das wird ein schöner Abend!“, prophezeite die Musikerin zuversichtlich. Und sie machte Vieles auch ganz richtig. Start in den ersten Song ohne Handbremse. „Farben“ heißt er. Also schon mal dem Wetter widersprochen! Das Publikum wird ins Konzert hineingezogen. Es geht ans Mitklatschen, Mithüpfen, Mitsingen. Zwischendurch Stimmungswechsel ins Intimere. Nur Stimme und Keyboard. Keine einfache Sache, klappt aber, denn Lotte kann singen.

Das Publikum ist überdies willig und beweist Kennerschaft. „Auf beiden Beinen“ wird textsicher mitgesungen. Und der Song hat ja auch was. Es geht um Freiheit und Bindung, Liebe und Trennung, Freude und Ängste. Der Text ist offen. Es mag um das Ende einer Liebe oder die Trennung von Zuhause gehen. Lotte also so etwas wie ein Role-Model. Wenn es dann über die „Flügel-Bridge“ in den Refrain geht, schiebt die Musik richtig nach vorn. Gut.

 

Nur – läuft „Pauken“ nicht nach dem gleichen Muster? Oder „Wenn’s zu Ende geht“ oder „Farben“? Aufbau, Tempo nahezu identisch. Klar, es gibt die Balladen. Melancholie pur, wie „Die schönste Zeit der Welt“, „Schwer“. Texte, denen man zuhören will. Aber es wächst ein eigentümliches Unbehagen während des Konzertes. Musikalisch müsste sich da mal etwas ereignen! Dass da Könner an ihren Instrumenten arbeiten, die auch einzeln etwas zu sagen haben, kann man nicht erleben. Perfektes Interplay ist ja nicht die musikalische Welt, sondern eher deren Voraussetzung.

20180711_200314

Und die „Frontfrau“ Lotte, die zur neuen deutschen Pop-Hoffnung gehypt wird, bleibt zu brav. Da müsste mal etwas abgehen. „Stoß mich raus aus deinem Nest!“, singt sie. Aber das ist ja nur ein kleiner Schubser. Es bleibt alles moderat. Ein Konzert braucht Gefühle. Ergriffenheit, Überschwang, Wut: die Emotionen bleiben gedeckelt.

Diese junge Musikerin braucht Zeit zum Reifen. Für genaue Blicke etwa zum Nu-Folk Englands. Es wäre schade, würde sie im Geschäft nur verheizt. So hängt ein eigentümlicher Grauschleier über dem Konzert, dem Wetter nahe. Am Publikum hat es nicht gelegen.

 

Advertisements

Ein Ass gleich zu Beginn

Veröffentlicht: 9. Juli 2018 in Allgemein

20180707_210927Johannes Oerding begeistert 4000 Fans bei der „Nightlife meets Tennis“ – Show

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Spiel, Satz und Sieg für Johannes Oerding! Das schiene doch die richtige Ansage anlässlich des Auftaktkonzerts der Reihe „Nightlife meets Tennis“ beim 25. Braunschweiger Sparkassen Open. Stimmt aber nicht. Denn Oerding hatte ja gar keinen Gegner, den er hätte besiegen müssen. Es war ein Konzert-Spiel mit bestem Blatt, um mal die Sportart zu wechseln.

Toller Sommerabendhimmel mit sich überlagernden Kondensstreifen, heimfliegenden Reihern, im Winde sich leicht wiegenden Bäumen. Vorzügliche Rahmenbedingungen, was das leibliche Wohl betrifft. Ein überaus geschicktes „Warmup“ mit der erst 13-jährigen Braunschweiger „The Voice Kids- Sängerin“ Maxima Clavey.

20180707_192106

Eine ganze Gefühlspalette begleitete ihren Karaoke-Gesang. Sorgend-ängstliches Mitfiebern, zuversichtliches Hoffen, nahezu elterliche Fürsorge und zum guten Ende erleichterter Jubel.

Ja, und ein Publikum, das absolut bereit war, sich diesem derzeit sehr angesagten Manne und seiner Band hinzugeben. Und er macht das ja auch sehr geschickt. Etwa, das Publikum näher ranzuholen, ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Freilich – die Fans aufzufordern, jedem Vor-, Hinter-, Nebenstehenden die Hand zu reichen und sich vorzustellen – das riecht doch sehr nach Kirchentag. Aber – wenn das zu seinem Schmusesong „So schön“ geschieht und man zum Gegenüber „Du bist sooo schön!“ sagen soll, dann wird das alles ungemein witzig und entspannt.

Aber es ist nicht nur dieses Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Publikum, es ist das „Gesamtpaket“, das überzeugt. Da ist seine Band, „meine Jungs“, wie Oerding gern sagt. Eine absolut gut eingespielte und handwerklich überzeugende Truppe. Es ist die Song-Mixtur, die präsentiert wird. Hits aus allen Phasen der Fünf-Alben-Karriere, die stilistisch breit angelegt sind. Vom Folk-Format über aufgelockerten Pop hin zu rockigen Nummern, die den Musikern auch etwas Platz für solistische Einlagen erlauben. Und es ist Oerdings sicherer Umgang mit griffigen Showelementen. Sei es der Gang runter von der Bühne durchs Publikum, Star-Posing, Lightshow, Publikumsansprache.

20180707_211535

Dazu gehört auch, dass er die oben erwähnte Jungsängerin Maxima zu seinem jüngsten Erfolgstitel „Hundert Leben“ zu einem Kurzauftritt auf die Bühne holt. „Ich habe viel erlebt!“, kann sie sich dereinst mal erinnern.

Natürlich kann man sich kritisch zum musikalischen Minimalismus seiner Songs äußern, kann man die Kraftmeierei und die teilweise fehlende Schlüssigkeit seiner Sprachbilder kritisieren. Aber – Oerding kam nicht zur Dichterlesung, nicht zum Kompositionswettbewerb oder als Politbarde. Er kam, um Pop-Musik zu machen und damit den Moment zu leben. „Die Zeit steht still, weil ich diesen Moment für immer behalten will!“, sang er nahezu faustisch inspiriert zum Abschluss anrührend und zur großen Freude aller allein auf der Bühne. Aufschlag-Ass noch mal als Finale.

Dancing in the Park

Veröffentlicht: 25. Juni 2018 in Allgemein

20180624_144938

Das Festival „Jazz im Park“ lockt weit über tausend Gäste in den Wendhausener Schlossgarten                                                                       Text und Fotos: Klaus Gohlke

„Jazz und Park, das harmoniert wunderbar!“, meint Klaus Hermann, Organisator des diesjährigen Festivals „Jazz im Park“ im Schlosspark zu Wendhausen. So? Was haben historische Parkanlagen, als Inbegriff des geordneten Grüns, mit Jazz zu tun? Steht Jazz nicht für Improvisation und Wildwuchs?

Über tausend Gäste zeigen, dass das schon alles zusammen passt. So ein Treffen im Freien hat ja auch seine Reize. Man trifft sich zwanglos, hat Zeit, miteinander zu plauschen. Man hört Musik ganz unterschiedlicher Art. Ja – und Kunst steht auch herum. Skulpturen, die einem durchaus etwas sagen Das kann man alles völlig entspannt tun. Es gibt Essen und Trinken, sogar Kaffee und Kuchen. Man kann auch einfach abhängen und sich an Schwalben, Reihern und Roten Milanen erfreuen. Und so sieht man Menschen, die nicht zwingend jazz- oder kunstaffin sind oder sein müssen. Es ist das Veranstaltungsformat als Ganzes, das offensichtlich stimmt.

Freilich, ohne die Musik wäre alles nichts. Und es ist kein Wunder, dass es der Jazz ist, der in den Park gehört. Er steht einerseits für Unterhaltung, für Beiläufigkeit, für Easy Listening. Andererseits ist er aber auch Kunstform, die Anspruch erhebt. Steht also auch für Virtuosität und Komplexität. Diese Aspekte einzufangen, hält Jan-Eie Erchinger, der musikalische Leiter des Festivals, für grundlegend. „Es geht darum, dass wir die ganze Bandbreite des Jazz einfangen. Was aber auch identifikationsstiftend ist, das ist die Mixtur aus Künstlern der Region und jenen, die von außen dazu kommen.“

20180625_134635

Da ist dann eine Festival-Eröffnung mit der Bigband der Städtischen Musikschule Braunschweig unter der Leitung von Karle Bardowicks schon ein gelungener Schachzug. Basie, Ellington, Gershwin, einst die Top of the Pops, gehen immer noch ins Ohr, wie die Bigband mit Georg Renz als Sänger überzeugend zeigte.

Positiv überraschend die Musik des „Hannes Dunker Trios als Quartett“ aus Berlin. Denn ihre Musik war erfreulicherweise keine

20180624_152442

Mischung aus Weltmusik, Klassik und skandinavischem Jazz, wie angekündigt, sondern hervorragend gespielter Modern Jazz. Feines Interplay, intelligente Improvisationen auf der Grundlage niveauvoller Kompositionen, die vielleicht noch etwas freier im Aufbau werden könnten.

20180624_162527

Mit Spannung wurde dann der Auftritt der Braunschweiger VoiceSistas Britta Rex, Lindsay Lewis und Melanie Germain plus Band erwartet. „Keine leichte Sache auf so einer großen Bühne und bei diesem Abstand zum Publikum. Wir hatten bisher immer intimere Räume bespielt!“, resümierte Rex. Doch die Sorgen waren unbegründet. Das Publikum zeigte sich hochkonzentriert und sichtlich beeindruckt. Es ist ja nicht allein die Komplexität des mehrstimmigen Gesanges, die zu bewältigen ist. Da sind ja auch die rhythmischen Vertracktheiten, die offenen Formen, die hinzukommen. Und dann soll alles auch noch easy wirken. Aber – es swingte, es groovte südafrikanisch – es gab Dancing in the Park.

20180625_134438

Dass Nils Wograms „Nostalgia Trio“ Highlight des Festivals war, stand außer Zweifel. Ob man nun die Musik wie vorangekündigt als naturpoetisch inspiriert, ja, der Romantik nahestehend, einordnen möchte, sei dahingestellt. Das Trio mit diesem spezifischen Sound, der durch die bravourös gespielte Hammondorgel einen nostalgischen Unterzug erhält, war im Einfallsreichtum, der Ausdrucksstärke, den eleganten Rückgriffen auf musikalische Wurzeln und dem instrumentellen Können schlicht überwältigend. Ein musikalischer Blick zurück nach vorn.20180624_144847

 

Das Highlight ans Festivalende zu legen, ist aber auch problematisch. Der Publikumsschwund war unübersehbar, es blieben die wirklich Enthusiasmierten. Vor großem Auditorium zu spielen, das hätte man der Band vergönnt.

Erchinger, der es sich nicht nehmen ließ, bei allen Acts als Gast mitzuwirken und selbst mit Improvisationen zum Gelingen beizutragen, konnte ein absolut positives Fazit ziehen: „Fantastisch!“

Der Herr der Tasten

Veröffentlicht: 25. Juni 2018 in Allgemein

20180622_200257Das Jacky Terrasson Trio genießt die Jazzclub – Atmosphäre des Roten Saales im Braunschweiger Schloss                                             Text: Klaus Gohlke Fotos: KC Amme

Er ist ein Mann des Sowohl-als auch. Entschieden setzt er sich ans Piano. Klare Gestik gegenüber seinen Mitspielern. Auch verbale Einwürfe, selbst dem Publikum gegenüber, fast herrisch. Andererseits Hip-Shake am Klaviersessel, Lachen, Mitsingen beim Spiel. Animation des Publikums, rhythmische Akzente abfordernd. Man versteht ziemlich gut, warum renommierte Jazz-Ladies wie Betty Carter oder Cassandra Wilson sich seiner Klavier-und Arrangementfähigkeiten bedienen wollten. Was für eine Anschlagskultur, von der derben rechten Pranke bis zum nahezu zärtlichen Tastenstreicheln. Jedes Gefühl, jeder Gedanke findet seinen Ausdruck.

01_Jacky 1

Welch nahezu überbordende musikalische Ideenfülle. Rätselhaft. Gesprächsfetzen in der Pause, nach dem Konzert: „Klar, das war „Funny Valentine!“ Aber was war das dazwischen? Michael Jackson hat er auch eingebaut, „Beat it“! Aber dann? Weiß ich nicht!“ Gospeligen Kadenzen, könnte vielleicht „My Church“ gewesen sein. Melancholische Walzerpassagen, manche tippten auf Chopin. Terrasson war an Quizlösungen nicht interessiert, es gab keine Ansagen dazu, er kreierte einfach.

So ein Mann konnte einfach nicht Sideman bleiben. Er musste nach vorn, Bestimmer werden. Und er ist es in einem amerikanischen Sinne, wie wir es von Miles oder Trane und bis in die heutigen Tage kennen. Das nun braucht Mitspieler, die in ihrer Rolle eigenartig traditionell bleiben, dienend. Das heißt nicht,

02_Thomas 2

dass Thomas Bramerie am Kontrabass und Lucmil Perez am Schlagzeug nicht zu glänzen verstanden. Beide hatten sich extrem in die musikalischen Einfälle ihres Chefs hineinzuhören. Bramerie leistete teilweise Schwerstarbeit dabei, das rhythmische Fundament stabil zu halten. Und Perez hatte die höchst unterhaltsame Aufgabe, so ein Fundament luftig erscheinen zu lassen. Aber Freiheit von der Rolle der Timekeeper gab es kaum, beeindruckende Soli ausgenommen.

02_Lukmil 2

Andererseits geht auch nur so Terrassons Spielkonzept auf. Nämlich einerseits als ein pianistischer Suspense- und Understatement-Meister zu agieren, der einen Standard immer weiter bis auf ein einfachstes Riff reduziert. Am eindrücklichsten wohl die ostinate Bassfigur von „Maraba blue“. Dann aber wieder die Fülle unterschiedlichster Anspielungen! Abenteuerlichste, die Tonalität untergrabende Harmonieübergänge, lässig eingeworfene blaue Noten, die Standards wie „Take five“ zu so nie gehörten Erlebnissen werden lassen. Tongerippe neben Hymnik.

Zwischen Jazz-und Barpianist sich bewegend, angeregt wohl durch die Clubatmosphäre des Roten Saals und ein locker reagierendes Publikum, gab sich Terrasson zunehmend launig. Umstritten vielleicht die Publikums-Hitabfrage im zweiten Set – es wurde ein Blues und was für einer – und das eher uninspirierte Zugabefragment. Trotzdem: höchste Zustimmung zum Konzertende.

 

Meister ihres Fachs

Veröffentlicht: 11. Juni 2018 in Allgemein

20180610_205511

Iron Maidens „Legacy of the Beast“- Expo Plaza – Konzert in Hannover begeistert

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Einerseits sind sie ja etwas jenseitig, diese sechs Herren, die am Sonntagabend als „Eiserne Jungfrauen“ die Hannöversche Expo Plaza vermetal-ten. Jenseitig im besten Sinne des Wortes. Keine Debatten mehr, ob ihre Musik denn nun wirklich klassisch heavy ist oder eher punkig. Ob sie noch top sind oder als Saurier bloße Legendenverwalter. Sie müssen auch nichts mehr beweisen. Sie spielen auch nicht, um Schulden oder Alimente abzubezahlen. Nein! Sie haben Bock drauf. Sie sind selbstbewusst schlicht „Iron Maiden“. Punkt! Oder besser: Rums!!! Kult, Historie, Show, Energie, guter Heavy Metal.

Das zieht 25000 Fans auf die Freifläche in die absolute Dies-Seitigkeit der „The Legacy of the Beast European Tour 2018“. Eine Art Best-of-tour. Und die begann eigentlich erst, als sich die Eisernen einstöpselten. Support und Special Guest eines derartigen Headliners zu sein, das ist ein harter Job, manchmal aber auch eine Chance.

20180610_193345

„The Raven Age“ aus England und „Killswitch Engage“ aus den USA konnten sie nicht nutzen. Das war weder alternativ, noch extreme, noch hardcore – das waren brav dem üblichen Muster folgende Auftritte.

Ab ging es wirklich erst mit den Altmeistern. Und zwar wie folgt: Brachialer Kriegslärm, dahinein Winston Churchills berühmte Weltkriegsrede „We shall fight them on the beaches“ und dann tatsächlich ein altes Spitfire-Kampfflugzeug, das in den Bühnenhimmel hineingezogen wurde. „Aces High“ – die musikalische Fassung der Luftschlacht um England – ein kriegerischer Opener. Einem Thema, dem „Iron Maiden“ zunächst treu blieb. Kalter Krieg, Wettrüsten, Agentenaction, der historische Krimkrieg fanden musikalisch Platz auf der mit viel Tarnnetz dekorierten Bühne. Ein Reflex auf die gegenwärtige Weltlage? Möglicherweise. So könnte man auch Frontmann Bruce Dickinsons Aufforderung, für die Freiheit zu kämpfen, verstehen. Gegen Nationalismus, gegen Trumpismus und neuere stalinistische Politik. Seine Einleitung zu „The Clansman“, dem Song über den schottischen Befreiungskampf gegen England.

20180610_205220

Das vieltausendfache „Freedom“ der Fans auf dem Expo-Gelände, das hatte schon gänsehäutende Momente. Das allein wäre es jedoch nicht gewesen, wären Musik, Bühnenbild und Performance nicht in ein in sich stimmiges Konzept gebracht worden. Dickinsons Stimme ist einfach phänomenal, vor allem diese Kraft in den Höhen. Uralt Maid Steve Harris am Bass und Schlagzeug-Gewitterer Nick McBrain – was für ein Rhythmus-Duo! Drei Gitarristen, das mag zunächst überproportioniert erscheinen. Aber Dave Murray, Adrian Smith und Janick Gers achten auf eigene Soundqualität und vermeiden Überschneidungen. Spitzenmusiker ihres Fachs. Freilich, um alle zur Geltung zu bringen, zieht sich mancher Song auch mal in die Länge.

20180610_205454

Abwechslungsreich das Bühnenbild, das mit jedem Song variiert. Mal Klostergemäuer, mal Kirchenraum, dann düster-gruftiges Gelände oder Monstergebilde. Und viel, viel Feuer, echte Flammensäulen. Dickinson damit dramatisch herum speiend, bei „Flight of Icarus“ recht eigenartig mit Flammenwerfer ausgerüstet. Natürlich ist das alles mit viel, vor allem Endzeitstimmungs-Pathos überzogen, überdramatisiert. Es sind da die typischen Metal-Posen der Gitarristen. Eben viel Bombast. Aber, wie Frontmann Dickinson hervorhebt: „Leute, lasst es nicht an Humor fehlen!“ Um ein Zitat einer anderen „Saurier-Band“ leicht zu variieren: „It’s only heavy metal, but we like it!“ Drei Zugaben. Schwermetallene Zufriedenheit all überall.

Dreihundert singende Rinder

Veröffentlicht: 11. Juni 2018 in Allgemein

20180609_191930

Eine beeindruckende Posaunenserenade auf dem Burgplatz beim 34. Landesposaunentag der Braunschweiger Landeskirche Text und Fotos: Klaus Gohlke

„Fürchtet euch nicht!“, mochte man frohen Mutes ausrufen. Dreihundert oder mehr Posaunenspielerinnen und -spieler auf dem Burgplatz sind keine Gefahr! Nein, kein zweites Jericho droht. Die Musiker umrunden ja nicht siebenmal das Herzstück Braunschweigs. Und es erhebt sich auch kein Feldgeschrei, auf dass Dom, Burg und unschuld’ger Löw’ in sich zusammenbröseln. Zwar lautete das Motto des 34.Landesposaunentages der Braunschweiger Landeskirche „hier und jetzt“, aber das meinte – Gott Lob – nicht, dass zur Attacke geblasen wurde. Freilich – ein Ständchen war es nicht gerade, was man sich da ausgedacht hat, auch wenn es sich „Serenade“ nannte. Aber muss eine derartige Ballung dieses Instruments nicht doch zu Trommelfellverwerfungen führen? Posaune bedeutet, mal wortgeschichtlich betrachtet, „singendes Rind“. Und mehr als dreihundert davon?

Nun, es wurde nichts heraus posaunt. Schon das eröffnende Präludium und Rondo zeigte, was sich im Folgenden dann bestätigte: trotz nur knapper Probenzeit vermochte Landesposaunenwart Siegfried Markowis ein durchaus differenziert und diszipliniert spielendes Blechbläserensemble zu präsentieren.

Trotz der Tatsache, dass Posaunenspielerinnen und -spieler ganz unterschiedlicher Fähigkeit zusammenkamen, war man anspruchsvoll. Und zwar insofern, als man Kompositionen ganz unterschiedlichen Stils zu Gehör brachte. Vor allem aber, weil bekannte Kirchenlieder wie „Von Gott will ich nicht lassen“ nicht nur im Originalsatz wiedergegeben wurden. Vielmehr wechselten sich modernes Vorspiel, alter Satz und moderne Neufassung ab. So kamen die unterschiedlichen Posaunenklänge sowie die mächtige Tubasektion gut zur Wirkung.

20180609_173929

Musikalischer Höhepunkt war natürlich die Welturaufführung der Nils Wogram-Komposition „Spiritual Life“. Wogram, einer der bedeutendsten Jazzposaunisten der Gegenwart, hatte von Markowis eigens für diesen Landesposaunentag den Kompositionsauftrag erhalten. „Das Stück sollte einerseits meine musikalische Handschrift tragen, aber auch dem Format Posaunenchor/Blechbläserensemble gerecht werden!“, erläutere Wogram auf Nachfrage. Und er ergänzte: „Es featured den orchestralen Klang, ein paar raffinierte Harmonien und Melodien und ein bisschen Improvisation von mir!“

Und in der Tat: Wograms einleitende Improvisation, in einer Art bluesverwurzeltem Ruf- und Antwortspiel vorgetragen, ließen Töne erklingen, die für viele der anwesenden Posaunisten sehr ungewohnt klingen mussten. Das betraf den Tonumfang, die mehrstimmigen Klänge (Multiphonics), die Tonverschleifungen, aber auch die rhythmischen Varianten. Insofern man dann aber mit Wogram zusammenspielte, zeigten die Landesposaunisten, dass sie durchaus auch auf ungewohnten Pfaden zu wandeln verstehen.

Wogram erhoffte sich von seiner Komposition, „dass sich Leute überhaupt Gedanken machen und sich und ihre Umgebung reflektieren. Ein spirituelles Bewusstsein gibt uns größeres Selbstbewusstsein und hilft, Entscheidungen zu treffen!“ Den zahlreich erschienenen Gästen schien dieses Angebot zu gefallen. Kräftiger Beifall und eine Zugabe.

 

Wenn der Meister am Monster Kette gibt

Veröffentlicht: 5. Juni 2018 in Allgemein

20180603_205248

Im Rahmen von „Soli Deo Gloria“ spielt Cameron Carpenter ein Bach-Programm an seiner elektronischen International Touring Organ             Fotos/Text:Klaus Gohlke

Der Blick geht aufs Äußerliche. Zwangsläufig. Das ist bei einem Konzert im Rahmen des „Festivals Soli Gloria Deo“ nicht unbedingt zu erwarten. Aber gewollt. So jedenfalls sagt es Günther Graf von der Schulenburg-Wolfsburg im Interview mit NDR-Klassik Ende letzter Woche. Es bedürfe neuer Vermarktungsstrategien. Die Menschen seien nicht mehr so einfach für dieses Konzertformat zu gewinnen. „Mit Speck fängt man Mäuse!“, so der Graf kurz und bündig. Speck, das sei das eher Exzentrische im Klassikbetrieb. Aussehen, Auftritt, Zugriff. Jean Rondeau etwa. „Der Mann mit dem Dutt, der Rock ‘n‘- Roller des Cembalo!“ Oder Daniel Richter: „Der Superstar der modernen Malerei!“ und schließlich Cameron Carpenter: „Das Enfant terrible der Orgel!“, so der Graf griffig im Gespräch.

„All you need is Bach!“, titelt Carpenter sein ausverkauftes Konzert am Sonntagabend in Wolfsburger Scharoun-Theater. Beatles 1967 reloaded? Nein, nur locker angedockt am Fadeout der berühmten Beatles-Nummer „All you need is love!“ J.S. Bachs Invention No.8 F-Dur Geschicktes Spiel mit Zitat, thematischer Ausrichtung, Genreübergriff.

Aber – bevor man zu den musikalischen Inhalten kommt, dominiert der äußere Eindruck. Man kann sich dem auch nicht entziehen, diesem digitalen Orgelmonster auf der Bühne. An einen Jet-Cockpit erinnernd. 200 Register, fünf Manuale, keine Pfeifen. Eine Datenbank von Klängen unterschiedlichster Orgeln, historischer Stimmungen. Weitere Effektspeicher außerhalb, dazu ein 48-Kanal-Sound-System. Alles tourneetauglich und popsakral ausgeleuchtet.

20180603_191756

Eine Revolution der Orgel? Technisch gesehen, stimmt das. Aber – was heißt das musikalisch? Und darum geht es ja beim Konzert, oder? Geht man von der Publikumsresonanz aus, scheint alles klar. Begeisterungsjauchzer, stehende Ovationen. Warum? Äußerungen während der Pause und nach dem Konzert zeigen zweierlei: Es beeindruckt ungemein das Klangvolumen. Wenn Carpenter „Kette gibt“, und das tut er gern, mitunter schockartig, haut das um. Da hält kein Schwellwerkcrescendo einer noch so großen Analog-Orgel mit.

20180603_191737

Das andere fraglos Beeindruckende ist Carpenters außergewöhnliche Spiel-Virtuosität. Was aber heißt das alles im Hinblick auf die Interpretation der von Carpenter ausgewählten Bach‘schen Musik?

Es gibt wohl nur eine Antwort. Wer das wirklich wissen will, muss studieren. Carpenter wirft Fragen auf, die ins genaue Hören zwingen. Man muss – um nur ein Beispiel zu nennen – das einführende Bassthema und die anschließende Überleitung der „Passacaglia und Fuge in c-Moll“ in unterschiedlichen Einspielungen studieren. Etwa bei Ton Koopmann, bei Karl Richter und eben Cameron Carpenter. Und man wird feststellen, dass Carpenter anders akzentuiert, stärker dramatisiert und kontrastiert. Dass Cameron zu dieser Arbeit zwingt, ist ein Verdienst. Mit Schubladisierung ist da gar nichts zu machen.

Führt seine Vorliebe zu Kontrastierung und hoher Spielgeschwindigkeit zu einer neuen Sicht auf Bachs Musik? Oder ist sie Resultat einer Spielerei mit technisch schier unbegrenzten Möglichkeiten? Und man wird weiter fragen müssen: Ist der Klang der digitalen Orgel, wenn als digital erkennbar, abträglich? Wird die Orgel, weil sie zum Publikum kommt, „demokratischer“? Die fest verankerte Verbindung von sakralem Raum und Orgelton, die sich im traditionellen Orgelbau ja niederschlägt, wird sie zerstört, entweiht? Ist aus „Soli Deo Gloria“, dem alleinigen Gott die Ehre, Gott zu streichen?

Das sind der vielen Fragen, die aufkommen, nur wenige. Dass sie sich stellen, ist Carpenters Verdienst. Wen aber interessieren die Antworten? Was nicht der Fall sein wird, ist, dass sich des Grafen von der Schulenburgs Hoffnung erfüllt, neue Zuhörende, junge Bach-Begeisterte zu gewinnen. Dazu müsste Cameron mit seiner Orgel eher Plätze und große Clubs bespielen.