Spiel mit kleinem Besteck

Veröffentlicht: 18. Februar 2018 in Allgemein

20180216_201647Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte                                            Text/Foto oben: Klaus Gohlke.Fotos:KC Amme

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.

Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.

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Foto:KC Amme

Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.

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Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.

Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

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Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.

Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.

Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.

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Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Welanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

 

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Jazz wird weiblicher

Veröffentlicht: 11. Februar 2018 in Allgemein

nicole-johaenntgen-new-orleans-5Die Saxofonistin Nicole Johänntgen arbeitet mit ihrem Projekt SOFIA zumindest daran.                                                               Text: Klaus Gohlke Fotos: Nicole Johänntgen

Sie kommt offensichtlich gern nach Braunschweig, die Jazzsaxofonistin Nicole Johänntgen. Das vierte Mal wird es sein. Diesmal mit ihrem Trio „Lavendel“ in einer verblüffenden Besetzung mit Izabella Effenberg am Vibrafon und Jörgen Welander an der Tuba. Aber es ist nicht nur das, was Johänntgen interessant macht. Es gibt da noch ein anderes Thema, das sie beackert. Wichtig gerade jetzt, wo kein Tag vergeht, an dem nicht auf ein offenbar in schwerer Schieflage befindliches Verhältnis von Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird. Vor allem die hehre Kunstwelt erweist sich als Zentrum sexueller Übergriffigkeit.

Aber es geht doch dabei, machen wir uns nichts vor, „nur“ um eine besonders üble Variante dessen, was James Brown treffend und elend zugleich besingt: „It’s a man’s, man’s, man’s world“. Eine Männerwelt. Ach, und ohne die Frauen lebten die armen Herren in „wilderness and bitterness“, in der Wüstenei und Bitternis. Wie toll für die Frauen!

Auch die Jazzwelt, das gelobte Land der musikalischen Freiheiten, ist da nicht anders strukturiert. Nicole Johänntgen kennt diese Welt. Befragt, ob der Jazz männerdominiert sei, antwortet sie: „Ich höre im Moment zwar viel von jungen, aufstrebenden Jazzmusikerinnen, aber es sind immer noch sehr viel mehr männliche Kollegen in der Jazzszene.“

 

Ein kurzer Blick auf die Braunschweiger Jazzszene, wie sich beispielhaft anhand größerer Konzerte der letzten fünf Jahre in der Stadt verfolgen lässt, illustriert das. Es fanden 45 Konzerte statt. 39 davon wurden von Männern geleitet. Es traten dabei 130 Männer auf und 13 Frauen. Die regelmäßig in Braunschweig gastierende NDR-Bigband präsentiert auf ihrem Promotion-Foto ganze null Frauen.

Johänntgen stellt aber auch fest: „An den Musikschulen, an denen ich unterrichte, habe ich vorwiegend Schülerinnen und nur wenige Schüler. Ich bin gespannt, wie es sich in den nächsten 20 Jahren entwickelt!“ Nur, leben kann man von der Jazzmusik nicht so ohne weiteres. Was nun, wenn es um Familiengründungen geht? Johänntgen sieht die Sache realistisch. „Da es nicht viele Jazzmusikerinnen gibt, gibt es auch wenige Vorbilder, die Jazz und Familie vereinen. Ich denke, dass Frauen im Jazz sich die Frage stellen, ob Jazz vereinbar ist mit Familienplanung.“

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Was also tun, um größere Geschlechtergerechtigkeit in der Jazzwelt zu erreichen? Lamentieren hilft nicht, wohl aber anpacken. Und so gründete Johänntgen SOFIA. Und sie führt aus: „Das ist die Abkürzung für „Support Of Female Improvising Artists“. Also Unterstützung weiblicher Improvisationskünstler. Alle zwei Jahre findet die SOFIA-Konferenz in Zürich statt, die jungen Jazzmusikerinnen die Möglichkeit gibt, sich im Musikbusiness weiterzubilden und mit anderen Musikerinnen zu jammen und Konzerte zu geben. Ich habe SOFIA gegründet, weil ich selbst einst starke Unterstützung fand. Ich habe erst nach dem Studium gelernt, wie ich Konzerte buche, Promotion mache, mich vernetze mit Musikerinnen in aller Welt. Das möchte ich nun weitergeben in der SOFIA-Konferenz. Dort herrscht ein entspanntes Klima untereinander. Ich konnte schon sehen, wie die Teilnehmerinnen nach den Workshops das Erlernte direkt umsetzten. Das freut mich sehr. Und das neue Programm steht schon!“. Derzeit tourt Nicole Johänntgen mit der polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg, die mit ihrem Baby und ihrem Partner in Braunschweig mit dabei sein werden. Jazz family on tour. Geht doch!

 

Das Trio „Lavendel“ gastiert am 16. Februar 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.

Pop-oratorische Pandemie in der Volkswagenhalle

Veröffentlicht: 4. Februar 2018 in Allgemein

Die Braunschweigische Landeskirche feiert einen erfolgreichen Auftakt ihrer 450-Jahr-Feierlichkeiten                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

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Wenn es stimmt, was der Mediziner und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen sagte, dann müssten am Samstagabend mehr als 6000 Menschen die Braunschweiger Volkswagenhalle mit einer gesunden Infektion verlassen haben. Dort wurde nämlich das Pop-Oratorium „Luther – das Projekt der tausend Stimmen“ aufgeführt. Und von diesem Werk sagt unser Doktor, dass es die ursprünglichsten Ausdrucksformen der Seele, nämlich Singen, Lachen, Tanzen und damit den Infekt „ansteckende Freude“ hervorrufe. Ja, weil es sich – so wollen wir hier lehrreich ergänzen – bei der Braunschweiger Aufführung um die 38. Aufführung handelt, könnte man durchaus von einer Pandemie, einer regionsübergreifenden Infektion, sprechen.

Und in der Tat: Spätestens beim Finale des Singspiels erhoben sich alle Anwesenden klatschend und singend, ganz gleich, ob Gäste oder Mitwirkende. Allerdings: Wie wollte man sich auch der Mönchs-Story, vorgetragen von etwa 1500 Sängern, Orchester-, Bandmitgliedern und Ensemble, entziehen? Zumal die Braunschweiger Aufführung noch einige lokale Leckerlis bereithielt. War das mitwirkende Orchester kein anderes als das Jugend-Sinfonie-Orchester der Städtischen Musikschule Braunschweig unter der sicheren Leitung von Knut Hartmann. Und mit Heike Kieckhöfel und Paul-Gerhard Blüthner dirigierten zwei regional bekannte Kantoren souverän den XXL-Chor.

„Wer ist Martin Luther?“ Die sich leitmotivisch durch das Singspiel ziehende Frage findet keine einfache Antwort. Michael Kunzes Libretto, das sich klugerweise auf die Ereignisse rund um den Wormser Reichstag von 1521 konzentriert, will einen starken, aber auch von Selbstzweifeln und Ängsten geplagten Menschen vorstellen. Einen Mann mit Ecken und Kanten. Aber letztlich doch den „guten Bruder Martin“. Vom Antisemiten und eiskalten Machtpolitiker Martin Luther, von dem erfährt man nichts. Andererseits: Wie soll man das auch in einem musical-artigen Stück, das ja nun gerade mit dem Mechanismus der Identifikation arbeitet? Und war er nicht sympathisch und überzeugend, der Luther-Darsteller Frank Winkels?

Der Versuchung des Personenkults erlag das Stück freilich nicht. Da gab es treffliche Aktualisierungen. Etwa das „Heilige Geschäft der Banken“ betreffend, Politik als Kunst der Entscheidungsverhinderung. Ob allerdings der Kaiser als permanent Smartphone-daddelnder Selfie-Shooter so gut getroffen war? Etwas dicke aufgetragen.

Das musikalische Powerplay ließ solche Überlegungen allerdings schnell vergessen machen. Wobei man nicht entscheiden kann, was mehr faszinierte. Die ungemeine Präzision und fehlerfreie Koordinationsleistung des Zusammenspiels dieser Riesentruppe. Oder aber die musikalische Finesse, die einem da gut zwei Stunden lang entgegen schlug. Es ist nicht ganz fair, zu sagen: „Der Chor ist der Star“. Aber es ist schon etwas dran. 27 Chöre aus der Region mit über 1000 Frauen und knapp 300 Männern – das muss man erst einmal zusammenbringen und trainieren. Man sah es auf der den Video-Leinwänden, mit welchem Ernst und mit Enthusiasmus die Menschen zwischen 4 und 83 Jahren zu Werke gingen.

Natürlich gibt es technische Hilfsmittel, aber dieses disziplinierte komplexe Zusammenspiel bedarf tieferen Sachverstandes. Und die Musik war nicht etwa simpler Sakro-Pop. Dieter Falk zeigte, dass er sein Geschäft versteht und unterschiedliche Stile wie Broadwaymusik, Blues, Gospel, Jazz, Bombast-Rock und Folkiges textangemessen zu komponieren versteht. „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit wahrhaftigen Holzhammerschlägen von Daniel Keding wehrhaft zu begleiten, das zeugt doch von Humor.

Auch das Oratoriumsfinale war klug ersonnen. Ein Medley der wichtigsten Songs lenkte den Blick auf zentrale Aussagen Luthers: Benutze deinen eigenen Kopf und studiere die Schrift. Ein gutes Virus, durchaus.

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Walzer kaputt, Umflutgraben und Seelenschmerz

Veröffentlicht: 29. Januar 2018 in Allgemein

Das Orchester der TU BS präsentiert sein Semesterkonzert im Audimax

Text und Fotos:                                                                                                             Klaus Gohlke

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„Das erste Mal!“ Ein guter Aufreißer für die diesjährigen Semesterkonzerte des TU-Orchesters. Man assoziiert irgend so etwas Hormonelles. Aber Musizierende sind da beruhigend anders. Sie denken dabei nämlich in erster Linie an erste Konzerte eines Komponisten, z.B. Schostakowitschs 1. Cellokonzert in Es-Dur oder an Kalinnikows 1. Sinfonie g-moll. Oder sie denken an Uraufführungen, wie die von Hans Sommers Walzer Intermezzo und Henning Bundies‘ „Oker. Ein orchestraler Umflutgraben.“

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Aber ganz praktisch mussten sie erst einmal mit ihrem Dirigenten Markus Lüdke an das erste Stück denken, das sie zu Gehör bringen wollten. Und das war mit Georges Bizet „Farandole“ aus der L’Arlésienne-Suite Nr.2 klug gewählt. Fanfarenartiger Auftakt und auf ging‘s mit ordentlichem Schwung, so die Gäste im wie immer vollbesetzten Audimax sofort positiv überwältigend. Auch das zweite Stück war sehr gut platziert. „Walzer-Intermezzo“ – das klingt nach Wiener Gemütlichkeit, aber Hans Sommer fabrizierte da keinen lauen Aufguss, sondern ein Schelmenstück. Denn was das Orchester spielen musste, war so etwas wie „Walzer kaputt“. Ein scheinbar ungeordneter Einsatz, rhythmisch zerfallend. Harmonisch lief das auch nicht immer rund, ordentliche Tutti lösten sich wieder auf. Diese gewollt parodistische Nummer, das „richtige Falschspiel“ verlangt einem Ensemble hohe Konzentration ab.

Dieser gelungene Einstieg setzte sich dann mit der „Besteigung“ des Henning Bundies’schem Okerfloßes fort. Der Braunschweiger Komponist schrieb eine Art Programmmusik, die vom Eisenbütteler Wehr durch den Umflutgraben bis in die Flughafennähe führte, dabei allerlei Gebäude und auch Personen Tongestalt werden lassend.

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Mit der Aufführung von Schostakowitschs Cello-Konzert Nr.1 hat Markus Lüdke allerdings wohl doch etwas zu viel gewagt. Es ist sicherlich gut, sein Orchester zu fordern, und es ist auch gut, einer sehr jungen Cello-Solistin, Frau Luise Frappier, Gehör zu verschaffen. Aber das ist die Komposition eines Mannes, der die Todesqualen, die er unter dem Stalinismus durchlitt, musikalisch zu fassen versuchte. Dynamische, rhythmische, harmonische und Tempo-Extreme müssen oft bruchlos bewältigt werden. Und die Kadenz im dritten Satz ist von extremer Schwierigkeit. Das konnte vom Ensemble und Frau Frappier nur in Ansätzen geleistet werden.

Versöhnlich dann der Konzertabschluss mit der 1.Sinfonie des weniger bekannten Wassili s.Kalinnikow. Die eingängige und schlicht schöne Melodik wurde in Ruhe herausgearbeitet und die Struktur der Komposition transparent gemacht.

Das erste Mal, egal welches, ist mit Vorfreude und ungeduldiger Erwartung verbunden, kann aber auch Zweifel und Angst hervorrufen. Das wurde in diesem Konzert deutlich. Trotzallem großer Beifall und als umjubeltes Sahnehäubchen dann noch Johann Straußens Polka „Unter Blitz und Donner“.

Weitere Termine: Di., 30.01. 2018 20 Uhr//Mi., 31.01.2018 20 Uhr

Jazz mit Spaßfaktor

Veröffentlicht: 28. Januar 2018 in Allgemein

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„Movie Music“ lockt mit frei interpretierter Filmmusik auch Skeptiker aus der Reserve                                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

Da kann etwas nicht stimmen. Moderner Jazz und Spaß auf allen Seiten? Das ist verdächtig. Musik und Humor ist ja eh schon ein Problem! Schlag nach bei Brendel. Dass Musiker sich beim Jazzen freuen, nun ja, das mag an der Gage liegen oder an stimulierenden Drinks vorher und währenddessen. Kann auch Rollenspiel sein. Aber – dass das Publikum gleichermaßen Freude empfindet, das ist dann doch eigenartig oder?

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Infizierte die Freude der Musiker? Jan Leipnitz behandelte sein Drumset mit einem seligen Lächeln, als habe er es seit Wochen nicht mehr spielen dürfen. Johannes Fink zupfte und strich sein extra tiefer gelegtes 5-Saiten-Cello mit staunendem Schmunzeln, als würde ihm von höherer Stelle die Hand geführt.

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Und Rudi Mahall, das heftige Gebläse an den Klarinetten, schien Mal um Mal amüsiert über das Klanggebräu. Nur Pianist Zoran Terzic zeigte Ernst und Würde bei der Arbeit, aber er war ja auch der Leiter der Kapelle.

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Das mag ein Publikum wohl positiv affizieren, aber auf Dauer trägt so etwas nicht. Da muss schon etwas der Musik Innewohnendes hinzu kommen. Nun, vielleicht war es ja auch gar kein Jazz, der gespielt wurde, und deswegen erheiternd, erfreuend, mitreißend?

Sagen wir so: Das war eine Art Jazz-Hybridmusik. Nicht in dem Sinne, dass da verschiedene Stilrichtungen in John Zornscher Manier brutal zusammengeschnitten wurden. Auch kein prinzpienarm zusammengefügtes Tomaterial. Die Stücke hatten vielmehr etwas Kaleidoskopartiges. Jede Sequenz innerhalb der Kompositionen ließ, nachdem sie ausgespielt war, das Klanggebilde in neuem Licht erscheinen. Und so hatte man den Eindruck, mal einer Kaffeehausmusik zuzuhören, mal einem Gypsy-Swing. Mal Tanzmusik, dann Ballade, Blues, auch zügelloses Uptempo oder Brachial-Punkiges. Das ganze Konzert schien immer wieder zu verweisen auf musikalische Traditionen, jazzig oder auch nicht. Nicht als Zitat, nur als Anspielung. Vielleicht ein Irving Berlin’scher Unterton mit melancholischer Grundierung, die mitunter hätte feiner vernommen werden können, wenn die Klarinette nicht mit so viel Druck gespielt worden wäre.

 

Filmmusik-Bearbeitungen im engeren Sinne waren das eher nicht. Eher Widerspiegelungen eines inneren Films des Komponisten, entstanden aus Filmerlebnissen und eigener Befindlichkeit in ganz persönlichen sozialen Bezügen. Natürlich konnte man filmmusikalische Form-und Funktionselemente wiederfinden. Wenn man konnte bzw. wollte auch direkte Anspielungen auf Filme feststellen, aber darum ging es Terzic in seinen Kompositionen wohl weniger. Eher darum, beim Zuhörer den eigenen inneren Film, einen Assoziationsstrom zu stimulieren. Und das geht gut, wenn man eingängige Melodien, nachvollziehbare harmonische Abläufe und musikalischen Witz niveauvoll zusammenführt.

Das war wohl der Grund der allseits konstatierbaren Freude am Konzert der Band „Movie Music“.

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Alte Hasen und junge Wilde

Veröffentlicht: 24. Dezember 2017 in Allgemein

 

20171222_201008Das Uli Beckerhoff-Quartett und der Braunschweiger Jazz-Pianist Otto Wolters als „Special Guest“ begeistern ihre Fans                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

 

Der Uli beschenkt den Otto und der Otto den Uli. Beide beschenken das Publikum und das beschenkt wiederum die beiden. Gelungene Weihnachten unter Jazzern, wobei der Uli das Ulrich Beckerhoff Quartett meint. Und der Otto ist der Braunschweiger Jazzpianist, den man gerne „Urgestein“ nennt, dabei ist er alles andere als Gestein, und ob er „Ur“ ist, soll beantworten, wer meint, es zu können. Ja, und das Publikum, das waren alle im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses am Freitagabend, die dem Modern- Jazz-Konzert des Quartetts, für zwei Songs um Special Guest Otto Wolters erweitert, mit Sympathie und Vergnügen lauschten.

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Ausverkauft- warum eigentlich? Nun, Otto Wolters hat viele Freunde in der Region, die wissen, dass er seiner Berufung, dem Jazz, immer noch mit Anspruch nachgeht. Und auch der Trompeten-Professor Uli Beckerhoff hat viele Anhänger hier. Einmal seiner Musik, seines ausgezeichneten Trompetenklangs wegen, aber auch, weil er mit Otto Wolters durch etliche gemeinsame Konzerte hier in Braunschweig schon als eine Art mystische Jazz-Einheit gilt. Buddies, die für Jazz auf höchstem Niveau stehen. Eine innige Melange also aus persönlichem und allgemeinem Interesse auf allen Seiten.

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Dabei war die Musik nicht unbedingt von einschmeichelnder Qualität. Sie war vielmehr bewusst anspruchsvoll, von gewissermaßen quer liegendem Charme. Durchaus Wohlklingendes wurde jäh mittels furioser Trompetenstöße oder -läufe in dissonantes Gestrüpp verwandelt. Unvermittelt wurden durch krassen Rhythmuswechsel lang durchgehaltene ostinate Bass-Passagen aufgebrochen ( „Capo d’Orlando“) und später wieder fortgeführt. „Heroes“ ließ merkwürdigerweise Erinnerungen an Miles Davis‘ frühe Elektrik-Phase, den Druck der Rhythmus-Gruppe vor allem, aufkommen. Soundlandschaften ließen sich erahnen, die nach schöner Entfaltung zerstört wurden. In „Tango Tragico“ zeigte diese musikalische Konzeption – man könnte sie „Änderung der Fahrtrichtung durch absichtliche Entgleisung“ nennen – recht humorvolle Züge. Ironischer Umgang mit dem typischen Tango-Rhythmus, melodische Verschleifungen, Stimmungswechsel zwischen überbordender Dramatik und Understatement ließen das Bild eines nicht ganz elegant ablaufenden Tanzabends aufkommen.

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Das Quartett sorgte aber auch schon deshalb für Interesse, weil sich Beckerhoff als 70jähriger „alter Hase“ mit drei ‘“jungen Wilden“ umgab, nämlich Richard Brenner (Piano), Moritz Götzen (Bass) und Niklas Walter (Schlagzeug). Der Meister ließ ihnen völlig uneitel viel Raum, ihre musikalische Kompetenz zu entfalten. Und die war angenehm fern irgendwelcher Sturm- und-Drang-Kraftmeierei.

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Aber – Anspruch und Konzept hin oder her: manchmal hätte man einfach Lust gehabt, sich musikalisch fallen zu lassen, sich mal richtig einem Groove hinzugeben. Aber vielleicht war das ja nur ein schwächelndes Begehren, das sich angesichts des unabwendbaren Weihnachtsgedudels draußen einstellte. Lang anhaltender Beifall.

Glan(t)z in der Hütte

Veröffentlicht: 10. Dezember 2017 in Allgemein

Das 5. FESTIV für Indie und Electronica kann nur teilweise überzeugen 

Text/Fotos: Klaus Gohlke

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Ymay

Nebel steigt auf hinter der Bühnenplattform und breitet sich halbhoch im Zuschauerraum aus. Erinnert an kühlen Wiesengrund, an den weißen Nebel wunderbar. Halt! Nicht wunderbar! Cool ist angesagt. „Underground des Underground“, „Future-/Synthie-/Elektro-Pop“. Anti-Weihnachtsmusik als sphärisch-tanzbare Kost. Gegen den Strom, aber auch nicht.

Eine Haltung, die eigentlich Motto sein könnte auch des 5. Braunschweiger FESTIVs, der Plattform für Indie und Electronic. In weiser Selbstbescheidung will man nicht nur Fest sein (weil uncool), aber auch nicht Festival (weil überdimensioniert). Eben FESTIV: man begibt sich in die Welt des ausdrücklichen Dazwischen-Seins, die ja konstitutiv ist für die Electronica-Welt.

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Glantz/Stürmer

Drei musikalische Linien sollten in Beziehung gesetzt werden: IndieTronic, vertreten durch die Braunschweiger Musiker und FESTIV-Gastgeber Peter M. Glantz und Stefan Stürmer. Future Pop-Anmutungen vorgetragen vom Duo YMAY, und schließlich Trip Hop mit dem Haupt-Act des Abends, dem Projekt ANA ANA der Berlinerin Anastasia Schöck.

Es war kein Easy-listening-Abend, im positiven wie im negativen Sinne. Schon die Moderation des Abends durch Christian Krüger, wahrscheinlich als Parodie gedacht, ließ mit ihren Unbeholfenheiten und Übertreibungen Fragen aufkommen. Aber auch die musikalische Kost konnte nur teilweise überzeugen.

Das Duo Glantz/Stürmer als Opener  war mitnichten „Too stoned to survive“, zu bedröhnt, um zu überleben, wie Glantz sang. Die klare rhythmische Struktur der Songs wurde durch Stürmers Bassarbeit je nach Bedarf noch akzentuiert oder aber aufgebrochen. Harmonisch-melodisch bewegte man sich nicht Vorhersagbaren und schuf in der Tat eine untergründig-dunkle Atmosphäre. Indie-Musik im besten Sinne als individuelles, strukturiertes Amalgam von Sounds, Geräuschen, tonalem Material und handgemachter Präsentation. Der Ansatz, eine Art Gesamtkunstwerk zu kreieren, also Lichtkunst, Videoprojektionen und Musik aufeinander zu beziehen, ist ansatzweise vorhanden, müsste aber geschärft werden.

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YMAY

 

Im Gladiatorenstil mit Ton-Bombast betrat YMAY das Bühnenpodest. Das leicht Außerirdische wich schnell einer technoid geprägten, melodisch poppigeren Musik, die jedoch auf die Dauer das Publikum eher zu ermüden schien. Die Piano-Einlage dann zeigte, und das gilt auch für ANA ANA, dass das Electronica-Genre mit sich selbst nicht im Reinen ist. Das Konzept, Musik mit einem Gerät allein zu produzieren und den Aufführungsrahmen zu minimalisieren, hat seine Grenzen und führt wieder zurück zu eher traditionellen Ausflügen. Allerdings im Falle YMAYS zu einem recht trostlos-einsamen Set-Ende. Stiller Abgang mit Verweis auf den nächsten Act: unverdient einsam.

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ANA ANA brachte mehr Druck in den Laden, stimmlich und soundmäßig. Aber Trip Hop? Es vibrierte endlich mal das Zwerchfell bei den tiefgelegten Frequenzen, aber Anklänge an Massive Attack? Eher Wunschträume, dafür ungeklärte Zwischenwelt. Man war nicht in einem Konzert, aber auch nicht im Club, getanzt wurde so gut wie gar nicht. Die etwa hundert Gäste hingen nicht wirklich musikumspült ab, war nicht recht dabei, aber auch nicht daneben. Weder Fisch noch Fleisch also. Das Veranstaltungskonzept, in seiner Anlage gut und auch für die Stadtkultur wichtig, bräuchte eine Schärfung.