Eher Addition als Vertiefung

Veröffentlicht: 27. Mai 2019 in Allgemein

 

03_IMG_8164Das Kölner Piano-Trio TURN  tritt zusammen mit dem Braunschweiger Jazzschwergewicht Nils Wogram auf.  Text: Klaus Gohlke. Fotos: KC Amme

Wenn eine junge Jazzband dank glücklicher Umstände die Gelegenheit bekommt, zusammen mit einem Jazzschwergewicht, in diesem Falle einem weltweit geschätzten Posaunisten, eine kleine Konzerttournee auf die Beine zu  stellen, dann ist das geradezu ein kleines Wunder. Und wenn man die Tour dann auch noch in der Heimatstadt dieses Jazz-Übervaters beginnt, dann ist das ziemlich pfiffig. So geschehen am Freitagabend im Roten Saal unseres Schlosses mit dem Trio „TURN“ um den Kölner Pianisten Jonathan Hofmeister herum und Nils Wogram, dem „großen Sohn dieser Stadt“, so die einleitende Konzerteröffnung.

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Dass das als etwas Besonderes eingeschätzt wurde, zeigte die große Publikumsresonanz. Und kann, ja, muss man nicht auch beinahe zwangsläufig  Hochkarätiges erwarten? Hofmeister selbst hatte diesbezüglich auch einige Überlegungen angestellt. „Wir schätzen Nils‘ musikalischen Ansatz sehr. Er hat ein tiefes harmonisches Verständnis und vermag die Musik, die wir spielen, zu öffnen. Er bringt uns dazu,  unsere Musik neu zu denken und kann uns so in neue Klangwelten führen, neue Dimensionen  für unsere Improvisationen eröffnen!“

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Soweit die Theorie, die bekanntermaßen ja durchaus grau sein kann. Denn – es ist ein eigen Ding, aus einem Klaviertrio ein austariertes Quartett zu machen. Wenn nämlich mit der Posaune ein ausgewiesenes Melodieinstrument dazu kommt, dann verschieben sich die Gewichte im Zusammenspiel. Ja, die Arrangements müssen neu gestaltet werden. Vorausgesetzt, man addiert nicht einfach nur eine weitere Stimme, sondern will tatsächlichen musikalischen Mehrwert erzielen. Und das war das Problem des Abends.

Wie zu erwarten, eröffnete das Trio allein. „Song for Aaron“ – ein Stück, das die Stärken des Trios offenbarte: Eine feine Melodie, die dann vor allem rhythmisch pfiffig zerlegt wurde. Immer wieder kleine Stolpersteine, die Jan Brill am Schlagzeug einbaute. Florian Herzog spielte dazu einen Bass, der unangepasst diesen Weg noch erweiterte. Schließlich ein Klavier, das nicht mit Tönen zuschüttete, sondern sich ganz transparent des Themas annahm. Klare Strukturen, kein Getue, eine runde Sache.

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Dann kam die Posaune dazu und verließ die Band auch nicht mehr. Schade, denn nun ging, wie sich oftmals zeigte, durch die veränderte Rollenverteilung die Luftigkeit und Transparenz des Zusammenspiels etwas verloren. Wogram trat nicht etwa als Dominator auf, das ist gar nicht seine Art. Nein, einfach durch seine stupende Spieltechnik, seinen musikalischen Ideenfluss und sein kraftvolles Gebläse zwang er das Piano sehr oft in die Begleitfunktion, aus der es sich nicht ohne Mühen herausarbeitete. Vielleicht wären zwei, drei Stücke mehr nur im Trio-Format erhellender gewesen. Trotzdem- viele schöne Momente eines  Zusammenspiels auf hohem Niveau und deshalb völlig zu Recht viel Beifall.

 

Die Welt ist grässlich und auch wunderschön

Veröffentlicht: 9. April 2019 in Allgemein

20190405_222126Der Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen setzt die Konzertreihe „Musik bei Freunden“ im Aquarium des Kleiner Hauses mit melancholischen Akzenten fort    Text und Fotos: Klaus Gohlke

 Für seelisch Instabile war’s gefährlich, was Gisbert zu Knyphausen (hinfort aus Platzgründen: Gisbert z.K.) da am Freitagabend musikalisch bot. „Also, der nächste Song ist etwas deprimierend!“ Stimmt. Es geht um Entfremdung, Datenflut. Dass dieser ganze Müll nicht mehr rein passt in den Kopf. Gut, d.h. natürlich nicht gut, was die Botschaft betrifft. Gisbert z. K. lässt nicht locker. „Ja, der nächste Song ist genauso deprimierend.“ Es geht nun um einen Vater. Allein.
Fahles Gesicht im Novemberlicht. „Die Stille fällt auf den Asphalt!“ Dröhnend dunkle Akkorde zum Schluss. Aber dann vielleicht… Nix. Etwa wieder Depri? Genau. Diesmal sucht eine alte Dame in der Kirche ein Gespräch mit dem Herrn. Es geht um letzte Dinge. Nur, der Herr antwortet gar nicht. Da ist nur Schweigen. Gott ist tot, offenbar.

Gisbert z.K. aber tut unerschrocken. „Meine Konzerte sind heimliche Therapie-Stunden!“, erläutert er tröstend für Sensibelchen. Dabei lächelt er unergründlich. Nun gut. Es gibt ja auch Licht am Ende des depressiven Tunnels. „Dich zu lieben, ist einfach!“ etwa. Fenster und Türen gehen auf! Luft und Sonne flutet die Wohnung. Also die Seele. Dann erklingt ein Wiegenlied für ein Neugeborenes. Aber auch darin wieder so ein kleines borstiges Suppenhaar: „Das Chaos hier ist unendlich, aber die Liebe auch!“ Immerhin.

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Das Publikum nimmt das alles locker. Sie kennen ihren Gisbert, der sich an diesem Abend allein unplugged mit der Gitarre oder am Klavier präsentiert. Sie wissen, dass die Traurigkeit der Motor seiner Songproduktion ist. Und was sie mögen, das ist die Tatsache, dass er nicht poppig daher kommt. Die Texte: anspruchsvoll, aber nicht zu hirnig, kein triefendes Pathos.  Die Musik dazu passend vielschichtig. Viel Moll, na klar. Aber nicht die vollen Akkorde. Nein, viel Gebrochenes, nicht Vorhersagbares mit eleganten Verbindungen. Feines Picking.

Er quatscht die Leute auch nicht voll, eher spröde wirkt er anfangs. Obwohl das  Konzert-Konzept, das sich die drei Theaterleute Timo Scharf, Jörg Wockenfuß und Christoph Diem ausgedacht haben, zum Small-Talk verführen könnte. Beide Seiten, Musiker und Zuschauer. Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre. „Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Vergnügungsdampfer. Im Sitzliegen oder Barstehen!“ verspricht der Trailer. Die scharfe Trennung von Publikum und Akteuren verschwimmt. Gisbert z.K. spielt stellenweise Wunschkonzert. Textaussetzer ergänzt das Publikum, alles Hard-Core-Fans offenbar. Ein junger Mann begleitet Gisbert z.K. während einer Zugabe stimmlich und instrumental. Verblüffend.  Etwas Vertrauliches ist da, etwas Überschaubares, fast Intimes. Das Konzept der Theaterleute geht voll auf. Alle vier Konzerte bisher ausverkauft. Eine gute Idee, das Staatstheater auch von so einer Präsentation her attraktiv zu machen.

Zurück zu Gisbert z.K.. „Jeder Tag ist ein Geschenk, es ist nur scheiße verpackt!“, sagt er. Das sieht das Publikum an diesem Abend völlig anders. Viele erfolgreiche Zugabe-Verhandlungen.

Raffinierte Alchemie

Veröffentlicht: 18. März 2019 in Allgemein

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Das Nguyên Lê -Quartett „Streams“ überzeugt mit einer ganz eigenen Fusion von Welten unter dem Dach des Jazz         Text: Klaus Gohlke Fotos: Archiv Okerfrosch

 Nguyên Lê – französischer Jazz-Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln. Zum dritten oder vierten Male in Braunschweig. Die Gelehrten streiten da noch. Unstreitig aber: Wiederum ausverkauftes Konzert. Das lässt stutzen. Es geht schließlich um Jazz.  Man nennt ihn „Weltmusiker“, „personifizierte Fusion der Kulturen“ oder „Ethno-Jazzer“. Das aber riecht doch sehr nach Schön-Töner. Was er mitnichten ist.

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Recht arglos klingt die Konzerteröffnung. Er lade ein zu einer „Journey to different places“, zu einer Reise an verschiedene Orte. Und so reisen wir musikalisch nach Marokko z. B., zu den Buddha-Figuren von Bamiyan, ins China der Ming-Dynastie, nach Martinique. Aber auch zu „sehr exotischen Stationen“, wie J.S. Bachs „Goldberg-Variationen“, in die „Hippocampus“-Welt, wobei in der Schwebe bleibt, ob es die Welt der Seepferdchen oder die der Gedächtniszentrale im menschlichen Hirn ist. Oder mit „Subtle Body“  zu den Alchemisten, zu jenen, die aus Stein Gold machen wollten, wie Lê erläutert.

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Eine gute Bezeichnung für ihn selbst. Subtle, also raffiniert, feinsinnig, ausgetüftelt – das trifft diesen Mann hervorragend. Die uralte Gwana-Musik aus dem Maghreb, indische Ragas, vietnamesische und chinesische Phrasierungen, Rock und Funk, europäisch-romantischer Tanz, das sind die Steine, die Nguyên Lê bearbeitet. Aber nicht als folkloristische Adaptionen oder in Form stilistischen Wildwuchses, sondern als organisch strukturierte Musik auf der Höhe der Zeit, auch mit deren technischen Mitteln.

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Ob das immer Gold wird, sei dahin gestellt. Die Bach-Bearbeitung wirkte etwas bemüht. Ganz anders aber  „6h55“ mit seiner raffinierten Polyrhythmik oder das Amalgam aus Funk, Rock ‚n‘ Roll und ostasiatischen Skalen in „Swing a Ming“.

Ungewöhnliche Dialoge etwa zwischen Gitarre und Schlagzeug („Mazurka“), aufreizende Brüche zwischen ostinaten Figuren, minimalistischen Melodien am Bass bzw. Vibraphon und explosiven Ausbrüchen daraus(„Bamiyan“). Wahre musikalische Zwei-, wenn nicht gar Vierkämpfe. Das war es, was das Publikum begeisterte. Die Ausgestaltung der kreativen Freiheit, die den einzigartigen Reiz dieses Genres ausmacht.

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Natürlich ist Nguyên Lê ein Ausnahmegitarrist und großartiger Musiker. Aber es wäre alles nichts, hätte er mit dem US-Amerikaner John Hadfield (Schlagwerk), dem Kanadier Chris Jennings (Kontrabass) und dem Franzosen Illya Amar (Vibraphon) nicht  ausgesprochen hochklassige Partner im Quartett vereint. Knackige Grooves, bei denen man nicht weiß, wer wen antreibt, sphärisch-entrückende Klänge und vor allem ein absolut sicheres Interplay begeistern das Publikum und nicht zuletzt auch die Musiker selbst.

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Älter werden geht von selbst

Veröffentlicht: 24. Februar 2019 in Allgemein

Herman van Veen genießt sein 45-jähriges Bühnenjubiläum in der nahezu ausverkauften Braunschweiger Stadthalle     Fotos und Text: Klaus Gohlke

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„Neue Saiten“ heißt Herman van Veens neue Tournee. Aber – zieht er wirklich neue Saiten auf?  Vielleicht muss man das Sprachbild etwas genauer betrachten. Neue Saiten braucht‘s, wenn die alten nicht mehr klingen. Das Instrument bleibt gleich.

So auch am Freitagabend in der Stadthalle. Van Veen  singt, tanzt, rezitiert, parodiert, zeigt sich als Multi-Instrumentalist, als Autor, als Pantomime, als Kritiker und Humorist. Kurz: als Kleinkünstler im besten Sinne des Wortes. Das, was er immer tat. Seit nunmehr 45 Jahren, im 73. Lebensjahr. Quicklebendig, immer noch die Häuser füllend.

Neue Saiten – das meint seine Band und die Musik. Ein hervorragendes Quartett, allen voran die technisch brillante Gitarristin und musikalische Partnerin Edith Leerkes. Aber nicht minder beeindruckend die Geigerin und Sängerin Jannemien Cnossen, die Perkussionistin, Harfenistin und Co-Sängerin Wieke Garcia und der Bassist und Keyboarder Kees Dijkstra. Ein feines Akustik-Set, das Elektronik förderlich einsetzt und stilistisch unbegrenzt scheint. Chanson, Rock ‚n‘ Roll, Irish Folk, Flamenco, Pop, Klassik. Aber nicht als aufgeblasenes „Was wir alles können!“, sondern fein arrangiert. Hier eine kleine Jacques Brel-Anspielung, dort ein Rückgriff auf den Beatles-Klassiker „Blackbird“ als unterlegte Melodie. Dann neben den neuen Eigenkompositionen wie „Schreib mir“, „Pommes“, „Was fast Verrücktes“ auch eine Kontrafaktur auf Michel Legrands  „The Windmills of your mind“ mit tief melancholischem Text über die fehlende Arznei gegen das Alt- und Einsam-Werden.

Van Veen spielte schon immer feine Musik, diesmal noch etwas feiner? Durchaus. Diese neuen Saiten aber füllten keine Hallen. Sie sind vielmehr Mittel zum Zweck, Grundlage seines zeitübergreifenden, geradezu unzeitgemäßen Themas. Nämlich das Alltägliche zu würdigen. Die Missklänge des Morgens, die Eigentümlichkeiten des Partners, der Eltern, der Kinder und nicht zuletzt die eigenen.  Das Peinliche, das Heimliche, das Schöne und Gemeine, Witzige und Tragische . Ja, und  – gewissermaßen nahe liegend – das Altern und der Tod. Aber  das alles nicht mit der heute gängigen penetranten Aufgeregtheit und Unleidlichkeit. Stattdessen Gelassenheit, Ausdauer und Humor als conditio sine qua non, als unabdingbare Voraussetzung gelingenden Lebens.

„Ich lieb dich noch!“, singt er. Er spricht mit der toten Mutter, dem verstorbenen Freund, über den Lebensweg der Kinder, Kriegsleid, verfolgtes Anderssein, Regenwetter – aber, und das macht van Veen eigentlich aus – ohne jegliches Abgleiten in den Kitsch, in hohles Pathos. Eine überraschende Wendung, ein Wortwitz, eine Parodie, musikalische Kehrtwendungen, die clownesken überlangen roten Socken, die er trägt – all das holt zurück auf den Boden.

Van Veen hat eine Botschaft, zweifelsfrei. Aber er doziert nicht, arbeitet nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Er lebt sie auf der Bühne vor und begeistert ungemein.

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Ludwig XIV., de Gaulle und Napoléon jazzen

Veröffentlicht: 19. Februar 2019 in Allgemein

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Das Trio „Das Kapital“ des Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann präsentiert seine neue CD „Vive La France!“  Text: Klaus Gohlke Foto: Daniel Erdmann

 „Das Kapital“ nennt sich das renommierte Jazz-Trio um den Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann. „Das Kapital“? Welches? Marxens Opus Magnum oder was? Das Trio stellt demnächst im Braunschweiger LOT seine neue Produktion vor. Titel: „Vive la France!“. Weshalb? Was steckt dahinter? Klaus Gohlke beseitigt im Gespräch mit Erdmann alle Unklarheiten.

Die neue CD von „Das Kapital“ heißt „Vive la France!“ Dabei posiert das Trio auf dem Cover-Foto verkleidet als Ludwig XIV., Napoléon und Charles de Gaulle. Ist das eine politische Aussage?

Wir sind drei europäische Musiker, die in Frankreich leben, es ist eine Hommage an die Musik unseres Heimatlandes. Wir verpacken das ganze aber auf unsere Weise, etwas provokant, sicher aber eher lustig gemeint.

Die Musik scheint ein Gang durch die französische Musikgeschichte zu sein, vom 16.Jh.bis zur Gegenwart.  Warum diese Art Wanderung durch die Jahrhunderte? Und – wie sind Sie auf diese Auswahl gekommen?

Wir wollten wirklich die volle Bandbreite zeigen und ein abwechslungsreiches Programm präsentieren. Jeder von uns hat Vorschläge eingebracht, und wir haben dann die Stücke aufgenommen, mit denen alle einverstanden waren.

Sie spielen ja Instrumentalmusik. Bei den Chanson-und Pop-Referenzen fehlt  somit der Text. Geht damit nicht Entscheidendes bei den Interpretationen verloren?

 Ich finde, dass der Sinn der Texte oft sehr stark musikalisch umgesetzt ist, und wir haben versucht, das noch mehr herauszuarbeiten.

„Das Kapital“ ist ein Jazz-Trio. Wie kommt der Jazz in diese Kompositionen?

 Wir spielen eigentlich die Melodien ziemlich genau wie im Original, allerdings mit  den  Stilmitteln des Jazz. Aber wir versuchen, dem Original gerecht zu werden. Das Trio hat auch eine eigene Art zu spielen entwickelt, etwas zwischen den Stilen, eine akustische Musik ohne Grenzen.

Können Sie kurz die französische Jazzszene charakterisieren? Gibt es signifikante Unterschiede zu Deutschland?

Meiner Meinung nach gibt es in Frankreich verschiedene Jazzszenen, die sich jetzt langsam anfangen zu mischen. Ich denke, das Leben als Musiker ist in Frankreich etwas anders, weil das System anders funktioniert. Kurz gesagt, ist man dort generell als Künstler mehr in staatliche Systeme eingebunden.

Geboren sind Sie in Wolfsburg. Haben Sie noch einen Bezug zu dieser Region?

Ich bin ja in Braunschweig aufgewachsen. Ich habe hier keine Familie mehr, aber kürzlich war ich für einen Tag zu Besuch in der Stadt und habe Orte der Vergangenheit besucht. Das war sehr schön, denn mir ist da aufgefallen, dass ich in einer tollen Stadt aufgewachsen bin. Der Tag begann im Heidberg, wo ich in der Raabeschule war, und endete bei Bolle in der Bassgeige. Also freue ich mich umso mehr  auf das Konzert in der alten Heimat!

Konzert am Samstag, 23. Februar 2019 um 19 Uhr im LOT Kaffeetwete 4a Braunschweig

 

Theaterspielen nur – und sonst gar nichts

Veröffentlicht: 18. Februar 2019 in Allgemein

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Der Musiktheatergruppe der IGS Franzsches Feld gelingt eine beeindruckende Aufführung der Musikrevue „Es liegt in der Luft“          Foto/Text: Klaus Gohlke

 Freitagabend in der Brunsviga. Angekündigt ist die Premiere einer Revue in 24 Bildern mit dem Titel „Es liegt in der Luft“. Aufführende sind die Mitglieder der Musiktheatergruppe „jetztodernie“ der IGS Franzsches Feld. Es handele sich um ein Werk der Herren Marcellus Schiffer (Text) und Mischa Spolansky (Musik), sagt das Programmheft. Ach ja, es sei ein Spiel im Warenhaus, steht da noch.

Warenhaus? Auf der Bühne steht links der große Flügel, die rechte Seite ist abgeteilt für das Schlagzeug. Der „Spielraum“ ist recht klein. Deshalb ein sehr reduziertes Bühnenbild. Eine lange Stoffbahn im Hintergrund. Aufdruck „Sale“. Davor Tisch- und Podestartiges.

Das Stück spielt im Jahre 2019 in Berlin. Allerdings nur bis zur Pause. Dann befinden wir uns im Jahr 1928, wiederum Berlin. Wieso 1928? Dazu verrät uns das Programmheft, dass vor 90 Jahren das übermäßige Konsumdenken begann, auch rasante technische und mediale Entwicklungen. Insofern seien in dem Stück zwei Zeiten vereint, die mehr gemeinsam haben, als man so denke. Nun gut, aber die Herren Schiffer und Spolansky schrieben das Stück doch 1928, wieso dann Berlin 2019?

Die beiden Verantwortlichen der Produktion, Felix Goltermann für die Musik, Kaja Brandenburger für die Regie, klären im Gespräch auf. „Es ist das Originalstück von 1928. Wir haben die Aktualisierung nur eingebaut, um zu verhindern, dass man das als Revue von früher betrachtet, historisiert. Textlich und von der musikalischen Substanz her haben wir letztlich nichts verändert. Es gibt diesen kleinen Trick des Zurückbeamens vor der Pause. Mehr nicht. 2019 ist nicht 1928, Berlin nicht Weimar. Aber – es gibt viele Parallelen zwischen diesen beiden Zeiten!“

Musikrevue 1928 – dahinter steht eine Welt großer politischer und gesellschaftlicher Unübersichtlichkeit, die die Texte widerspiegeln. Aber auch die musikalische Welt ist höchst komplex. Wie ist das mit Schülerinnen und Schülern zu bewältigen? Wird simplifiziert, gerät die Vorstellung gar zur Peinlichkeit?

Ganz und gar nicht. Um es mal salopp zu formulieren: was die Bühnenakteure, die Band, was das gesamte Team da ablieferte, war allererste Sahne. Nur zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler treten auf und die sind gefordert. Sie müssen sprechen, tanzen, singen. Sich ständig umziehen, eine Rolle  nach der anderen übernehmen. Einfach toll, wie sich die Akteure durch die Welt aus Tango, Foxtrott, Swing, Marsch, Solo-, Duett-, mehrstimmigem Gesang und
Choreografievorgaben  hindurch bewegten. Aber sie machten das nach kurzer Aufwärmphase und Justierung der Aussteuerung mit einer verblüffenden Hingabe, Begeisterung und Präzision. Als wäre es ihre Natur und sonst gar nichts.

Einzelne hervorzuheben, verbietet sich hier. Dahinter steht die Leistung eines  begeisterungsfähigen und effizienten Teams. Ob das die Stimmbildner sind, die Maske, Technik, Kostüme (ganz eindrucksvoll, besonders im 1928er Teil), Dramaturgie, musikalische Leitung oder Regie. Jubel am Ende, völlig zu Recht. Man sollte es gesehen haben.

Weitere Aufführungen in der Brunsviga am

Montag, 18.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Mittwoch, 20.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Donnerstag, 21.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Freitag, 22.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€
Samstag, 23.02.2019, 19:30 Uhr, 6,-€/12,-€

 

Schöne heile Welt

Veröffentlicht: 13. Februar 2019 in Allgemein

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Die „Disney in Concert-Show“ stillt beeindruckend tiefe Sehnsüchte in der Braunschweiger Volkswagenhalle                               Text/Fotos: Klaus Gohlke

Ach – wenn Vaiana und Maui gemeinsam Riesenwellen und Meeresungeheuer bezwingen, wenn Tarzan seiner Jane ewige Liebe schwört, wenn die kleine rein- herzige Belle das ungeschlachte Biest rückverwandelt, wenn Aladdin seine Jasmin in die Arme schließen kann, wenn in der „Toystory“ die beiden Helden das Herz des Kindes erobern, wenn schließlich – nicht alles Wunderliebliche kann hier erwähnt werden – Simba mit Nala den Kreis des Lebens erneuert, dann, ja dann befinden wir uns mitten in der Disneyschen Wunder-Märchenwelt. Ach ja, und die Strände sind darin so weit und rein, die Luft klar, die Wälder grün wie der Schnee weiß, die Sterne tanzen.

Tja – ist das nun alles Schmonzes, ausgelutschter Kitsch, Weihrauch, der ablenken soll von den Widrigkeiten der Welt um uns herum? Ein Spiel geschäftstüchtiger Leute der Unterhaltungsbranche mit dem Bedürfnis der Menschen, einmal Ruhe zu haben von den Problemhalden des Alltags? Oder ist „Disney in Concert – Wonderful worlds“, aufgeführt am Dienstagabend in der sehr gut besuchten Braunschweiger Volkswagenhalle, einfach nur schön, „ein Traum, der wahr wird“, wie der Moderator des Abends, Jan Köppen, einleitend bemerkte.

Wie immer man das beantworten will, das Konzept der Veranstaltung ging voll auf, musste voll aufgehen.  Die Idee, eine Art „Gesamtkunstwerk“ zu kreieren, hatte was. Es wurden nicht nur gängige Melodien der Disneyschen Filmwelt gesungen und orchestral begleitet. Nein, gleichzeitig wurden Auszüge der jeweils thematisierten Animationsfilme auf die Großleinwand projiziert. Tanz, Lichtshow, Bühnenbild, Kostümierung, Sound, Glitter-, Herzchen- und Konfetti-Salven ergänzten das alles zur Mixed-Media-Show. Und damit auch gar nichts danebengeht, wurde zu den stimmlich absolut überzeugenden und beeindruckenden Musical-Solisten Sabrina Weckerlin, Elisabeth Hübert, Alexander Klaws, Mark Seibert und Anton Zetterholm noch zwei Stars der Pop-Welt, nämlich Annett Louisan und die „Voice of Germany-Stimme“ Ivy Quainoo in die Show integriert.

Das wäre alles nichts gewesen, hätte nicht als musikalisches Kraftwerk das „Hollywood-Sound-Orchstra“ unter konzentrierter Leitung von Wilhelm Keitel fungiert. Die eingängigen und gleichzeitig anspruchsvollen Musical-Kompositionen der Alan Menken, George Bruns, Robert Shermans, aber auch eines Elton John, eines Phil Collins wurden mit höchster Präzision und Feingefühl zu Gehör gebracht. Und wie das Orchester  Paul Dukas knifflige Komposition „Der Zauberlehrling“ bewältigte: Respekt.

Schön, die Disney-World Produzenten, sie spielen gewieft mit den Mechanismen unserer Gefühlswelt. Mit den Sehnsüchten, den Ängsten, dem Mitgefühl und den Abneigungen. Und die Filmmusik-Komponisten potenzieren das Ganze um ein Vielfaches. Alles oft klischeehaft und in den Ausdrucksmitteln des Animationsfilms auf Dauer stereotyp. Jedoch: die Illusionisten erlebten nicht den Zuspruch, ginge das alles an unseren Bedürfnissen nach einer heilen Welt vorbei.

Und so ging der Abend dann auch mit stehenden Ovationen zu Ende. Mit Verlassen der Halle stand man wieder in der nasskalten Realität.

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Schöne heile Welt

Veröffentlicht: 13. Februar 2019 in Allgemein

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Die „Disney in Concert-Show“ stillt tiefe Sehnsüchte in der Braunschweiger Volkswagenhalle                                                                 Text/Fotos: Klaus Gohlke

Ach – wenn Vaiana und Maui gemeinsam Riesenwellen und Meeresungeheuer bezwingen, wenn Tarzan seiner Jane ewige Liebe schwört, wenn die kleine rein- herzige Belle das ungeschlachte Biest rückverwandelt, wenn Aladdin seine Jasmin in die Arme schließen kann, wenn in der „Toystory“ die beiden Helden das Herz des Kindes erobern, wenn schließlich – nicht alles Wunderliebliche kann hier erwähnt werden – Simba mit Nala den Kreis des Lebens erneuert, dann, ja dann befinden wir uns mitten in der Disneyschen Wunder-Märchenwelt. Ach ja, und die Strände sind darin so weit und rein, die Luft klar, die Wälder grün wie der Schnee weiß, die Sterne tanzen.

Tja – ist das nun alles Schmonzes, ausgelutschter Kitsch, Weihrauch, der ablenken soll von den Widrigkeiten der Welt um uns herum? Ein Spiel geschäftstüchtiger Leute der Unterhaltungsbranche mit dem Bedürfnis der Menschen, einmal Ruhe zu haben von den Problemhalden des Alltags? Oder ist „Disney in Concert – Wonderful worlds“, aufgeführt am Dienstagabend in der sehr gut besuchten Braunschweiger Volkswagenhalle, einfach nur schön, „ein Traum, der wahr wird“, wie der Moderator des Abends, Jan Köppen, einleitend bemerkte.

Wie immer man das beantworten will, das Konzept der Veranstaltung ging voll auf, musste voll aufgehen.  Die Idee, eine Art „Gesamtkunstwerk“ zu kreieren, hatte was. Es wurden nicht nur gängige Melodien der Disneyschen Filmwelt gesungen und orchestral begleitet. Nein, gleichzeitig wurden Auszüge der jeweils thematisierten Animationsfilme auf die Großleinwand projiziert. Tanz, Lichtshow, Bühnenbild, Kostümierung, Sound, Glitter-, Herzchen- und Konfetti-Salven ergänzten das alles zur Mixed-Media-Show. Und damit auch gar nichts danebengeht, wurde zu den stimmlich absolut überzeugenden und beeindruckenden Musical-Solisten Sabrina Weckerlin, Elisabeth Hübert, Alexander Klaws, Mark Seibert und Anton Zetterholm noch zwei Stars der Pop-Welt, nämlich Annett Louisan und die „Voice of Germany-Stimme“ Ivy Quainoo in die Show integriert.

Das wäre alles nichts gewesen, hätte nicht als musikalisches Kraftwerk das „Hollywood-Sound-Orchstra“ unter konzentrierter Leitung von Wilhelm Keitel fungiert. Die eingängigen und gleichzeitig anspruchsvollen Musical-Kompositionen der Alan Menken, George Bruns, Robert Shermans, aber auch eines Elton John, eines Phil Collins wurden mit höchster Präzision und Feingefühl zu Gehör gebracht. Und wie das Orchester  Paul Dukas knifflige Komposition „Der Zauberlehrling“ bewältigte: Respekt.

Schön, die Disney-World Produzenten, sie spielen gewieft mit den Mechanismen unserer Gefühlswelt. Mit den Sehnsüchten, den Ängsten, dem Mitgefühl und den Abneigungen. Und die Filmmusik-Komponisten potenzieren das Ganze um ein Vielfaches. Alles oft klischeehaft und in den Ausdrucksmitteln des Animationsfilms auf Dauer stereotyp. Jedoch: die Illusionisten erlebten nicht den Zuspruch, ginge das alles an unseren Bedürfnissen nach einer heilen Welt vorbei.

Und so ging der Abend dann auch mit stehenden Ovationen zu Ende. Mit Verlassen der Halle stand man wieder in der nasskalten Realität.

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„Ich arbeite wie bescheuert“

Veröffentlicht: 6. Dezember 2018 in Allgemein

Vor seinem Auftritt im Schloss spricht der Schlagzeuger Jochen Rückert über sein Leben als Jazzer in New York.    15.11.2018                                                                       Klaus Gohlke

Wer es hier schafft, schafft es überall, singt Frank Sinatra. Der Platz zum Durchstarten. Jazzmusiker glauben immer noch daran. Wer etwas auf sich hält, geht mindestens einmal für ein Weilchen in die Welthauptstadt des Jazz. Und wer dort den Ritterschlag erhalten hat, wer mit möglichst mehreren der Großjazzer der Stadt gespielt hat, lässt das gern werbewirksam durchblicken.

Manche gehen allerdings noch einen Schritt weiter. Sie verlassen ihr Heimatland und bleiben dort. So zum Beispiel der Kölner Jazz-Schlagzeuger Jochen Rückert (43), einer der Herausragenden seiner Zunft. Rückert spielt mit seinem Quartett am Freitag in Braunschweig. Er ist amerikanischer Staatsbürger mittlerweile.

Befragt nach den Gründen, Deutschland zu verlassen und dort zu bleiben, nimmt er kein Blatt vor den Mund. „Als ich um die 19 Jahre alt war, brachte mir Deutschland musikalisch gesehen nichts mehr. Ich wollte richtigen Jazz spielen und internationaler unterwegs sein. Ich wollte Anregungen von vielen Leuten erhalten, nicht nur von wenigen. Du triffst – und das gilt immer noch – in New York viel mehr sehr unterschiedliche Musiker aus aller Herren Länder. Der Treffpunkt schlechthin!“

Nun, das war vor vielen Jahren. Mittlerweile hat die Globalisierung auch den Jazz erfasst. Hat New York jetzt nicht sein Alleinstellungsmerkmal verloren? Rückert sieht zwar keinen grundsätzlichen Wandel, räumt aber durchaus Veränderungen ein. „Das traditionelle Jazzspiel ist in Deutschland besser geworden. Auch wird der europäische Jazz immer interessanter. Aber du triffst in New York nicht doppelt so viele, sondern 50mal so viele gleichgesinnte Musiker. Und du kannst in den kleinen Clubs und bei Sessions unheimlich viel lernen und Anregungen bekommen. Und zwar täglich. Niveau und Dichte machen die Stadt aus. .“

Aber eine derartige Dichte guter Musiker bedeutet ja doch auch, dass man sehen muss, wie man an Jobs kommt. Der Club-Betrieb lahmt auch in New York. Kommen die Musiker aus den Staaten nicht deshalb so gern nach Europa und eben Deutschland, ja, ziehen von dort hierher, weil hier die Auftrittsbedingungen sehr attraktiv sind? Gute Gagen, gute Rahmenbedingungen, aufmerksames Publikum?

Rückert räumt ein, dass es schwierig ist, als Berufsmusiker auszukommen. Auch in New York. „Ich kann mich aber nicht beschweren. Ich verdiene genug Geld, ich arbeite allerdings auch wie bescheuert. Nicht nur als Musiker, auch als Lehrer, Booking Agent, Reisebüro für Musiker, Gitarristen-Kindermädchen. Ich publiziere Schlagzeug-Unterrichtsmaterial. Es ist leider auch so, dass das Wohnen schwierig geworden ist. Brooklyn ist so teuer mittlerweile, dass alle entweder weiter raus oder nach Queens, Washington Heights oder in die Bronx ziehen müssen.“

Also, doch vielleicht mal wieder mit Deutschland als Lebenszentrum liebäugeln? „Fuck no!“, kommt es spontan. Und dann erläuternd: „Ich bin verheiratet, hab einen Sohn, eine Wohnung, fühle mich zuhause. Meine Frau spricht nicht deutsch. Außerdem: Ich mache Touren durch Europa, wie jetzt gerade, auch arbeite ich fürs Goethe-Institut. Also guter Draht nach Europa. Ansonsten gibt es hier in New York viele musikalische Immigranten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl.“

Jochen Rückert hat wichtigere Sorgen als eine Rückkehr nach Deutschland. „In der Musik finde ich eine spirituelle Befriedigung. Ist aber kompliziert. Jazz war mal gleichbedeutend mit Grenzüberschreitung. Aber es gibt immer weniger Grenzen. Alle sind schon überquert. Mir fallen jedenfalls im Moment keine unüberschrittenen Grenzen ein. Das ist aber kein Drama. Wenn du ein Publikum mit offenen Ohren hast, entsteht ein wunderbarer Energiefluss.“

 

Erfolg ist kein Naturgesetz

Veröffentlicht: 28. Oktober 2018 in Allgemein

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Die Erfolgsautorin Charlotte Link und TV-Moderatorin Bärbel Schäfer eröffnen das elfte Braunschweiger Krimifestival                                      Text und Fotos: Klaus Gohlke

Charlotte Link und Bärbel Schäfer gemeinsam auf dem Podium im ausverkauften Braunschweiger C1-Kino! Die eine die erfolgreichste Autorin Deutschlands mit mehr als 28 Millionen verkaufter Bücher allein in Deutschland, die andere eine erfolgreiche TV-Moderatorin. Das ließ Starrummel vermuten.

Aber – weit gefehlt. Diese Eröffnung des 11. Braunschweiger Krimifestivals erwies sich dann doch als Glücksgriff. Ein einschränkendes „doch“ deshalb, weil „BILD“ am Samstagmorgen fett mit „Bestseller-Autorin geht auf Merkel los!“ titelte. Gemeint war Charlotte Links heftige Kritik am Angela Merkels Migrations-und Kommunikationspolitik bei Markus Lanz im ZDF, die hohe Zustimmung vor allem im rechten poltischen Spektrum fand. Das Konzept der Veranstalter hätte leicht kippen können, eine gewisse Anspannung war unverkennbar. Das alles war aber bei der Festival-Eröffnung kein Thema.

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Vielmehr zeigten sich Autorin wie Moderatorin außerordentlich fokussiert bei der Erörterung der Frage, was denn den Erfolg von Charlotte Links neuem Kriminalroman „Die Suche“ ausmache, der mittlerweile schon auf Platz 1 gelistet wird.

Was schriftstellerische Tätigkeit, was Kreativität generell bedeutet, welche Komplexität sich damit verbinden kann, das erschloss sich dem Publikum in einem von großer Ernsthaftigkeit geprägten Dialog.

In diesem Fall nämlich 14 Monate disziplinierte Arbeit, Überwindung von Schreibblockaden, immer wieder Abstandsuche, um einen gute Handlungsentwicklung zu finden. Vor allem aber das Problem der allmählichen Verfertigung des Romans beim Schreiben. Was meint, dass die Figuren, die Handlungsstränge sich während des Schreibens entwickeln, es gewissermaßen ein Art Eigenleben der Personen gibt.

Natürlich machte Link sich da Vorgaben. Es sollte ein Fall sein, der in die Tiefe geht, nicht eindimensional bleibt. Also machte sie Kindesentführung als Worst Case zum Thema. Damit das vielschichtig wird, verschwinden vier Mädchen. Und alle im Pubertätsalter, in der konfliktuösen Ablösungsphase. Eine Zeit, die innerfamilial vieles zum Kochen bringt. Mutter-Tochter-Konflikte, Erziehungsfragen, Eheprobleme: die große Zeit der Emotionen.

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Aber gut erzählen, das ergibt das Gespräch auch, heißt erzählerisch anspruchsvoll sein. Also flexibler Wechsel von personaler und Ich-Perspektive, unterschiedliche Personenfokussierung. Und als sei das nicht genug, erweitert Link das Genre Kriminalroman noch um das der Romanze. In ihrem neuen Roman tauchen die Ermittler-Figuren des Vorgängerbuches auf. Die Scotland-Yard-Sergeantin Kate Liville und der Stadtpolizist Caleb Hales. Eine Serie tut sich auf.

Und so kann Charlotte Link auch dem Anspruch, das Ohr am Puls der Zeit zu haben, gerecht werden. Kate ist Single, natürlich einsam, also bei Social Media, genauer beim Parship-Date. Und das erlaubt der Autorin, die Elemente des Abgründigen, des Spannenden um jenes des Satirisch-Humorvollen zu erweitern.

Dass das alles zu einem gelungenen Werk und nicht zu einer überfordernden Unübersichtlichkeit für den Leser wird, das ist eben die Kunst. Link scheint über eine Sprache zu verfügen, die ankommt. Das zeigten jedenfalls die spontanen Reaktionen des Publikums beim Vorlesen. Ob das für den ganzen Roman gilt, kann hier nun nicht beurteilt werden.

Dass das Genre Kriminalroman im allgemeinen und Charlotte Links neues Buch insbesondere eine erhebliche Bedeutung für den kommerziellen Buchhandel hat, das war an der Länge der „Signierschlange“ zu erkennen.