Walzer kaputt, Umflutgraben und Seelenschmerz

Veröffentlicht: 29. Januar 2018 in Allgemein

Das Orchester der TU BS präsentiert sein Semesterkonzert im Audimax

Text und Fotos:                                                                                                             Klaus Gohlke

20180128_172351

„Das erste Mal!“ Ein guter Aufreißer für die diesjährigen Semesterkonzerte des TU-Orchesters. Man assoziiert irgend so etwas Hormonelles. Aber Musizierende sind da beruhigend anders. Sie denken dabei nämlich in erster Linie an erste Konzerte eines Komponisten, z.B. Schostakowitschs 1. Cellokonzert in Es-Dur oder an Kalinnikows 1. Sinfonie g-moll. Oder sie denken an Uraufführungen, wie die von Hans Sommers Walzer Intermezzo und Henning Bundies‘ „Oker. Ein orchestraler Umflutgraben.“

20180128_172337

Aber ganz praktisch mussten sie erst einmal mit ihrem Dirigenten Markus Lüdke an das erste Stück denken, das sie zu Gehör bringen wollten. Und das war mit Georges Bizet „Farandole“ aus der L’Arlésienne-Suite Nr.2 klug gewählt. Fanfarenartiger Auftakt und auf ging‘s mit ordentlichem Schwung, so die Gäste im wie immer vollbesetzten Audimax sofort positiv überwältigend. Auch das zweite Stück war sehr gut platziert. „Walzer-Intermezzo“ – das klingt nach Wiener Gemütlichkeit, aber Hans Sommer fabrizierte da keinen lauen Aufguss, sondern ein Schelmenstück. Denn was das Orchester spielen musste, war so etwas wie „Walzer kaputt“. Ein scheinbar ungeordneter Einsatz, rhythmisch zerfallend. Harmonisch lief das auch nicht immer rund, ordentliche Tutti lösten sich wieder auf. Diese gewollt parodistische Nummer, das „richtige Falschspiel“ verlangt einem Ensemble hohe Konzentration ab.

Dieser gelungene Einstieg setzte sich dann mit der „Besteigung“ des Henning Bundies’schem Okerfloßes fort. Der Braunschweiger Komponist schrieb eine Art Programmmusik, die vom Eisenbütteler Wehr durch den Umflutgraben bis in die Flughafennähe führte, dabei allerlei Gebäude und auch Personen Tongestalt werden lassend.

20180128_173449

 

 

Mit der Aufführung von Schostakowitschs Cello-Konzert Nr.1 hat Markus Lüdke allerdings wohl doch etwas zu viel gewagt. Es ist sicherlich gut, sein Orchester zu fordern, und es ist auch gut, einer sehr jungen Cello-Solistin, Frau Luise Frappier, Gehör zu verschaffen. Aber das ist die Komposition eines Mannes, der die Todesqualen, die er unter dem Stalinismus durchlitt, musikalisch zu fassen versuchte. Dynamische, rhythmische, harmonische und Tempo-Extreme müssen oft bruchlos bewältigt werden. Und die Kadenz im dritten Satz ist von extremer Schwierigkeit. Das konnte vom Ensemble und Frau Frappier nur in Ansätzen geleistet werden.

Versöhnlich dann der Konzertabschluss mit der 1.Sinfonie des weniger bekannten Wassili s.Kalinnikow. Die eingängige und schlicht schöne Melodik wurde in Ruhe herausgearbeitet und die Struktur der Komposition transparent gemacht.

Das erste Mal, egal welches, ist mit Vorfreude und ungeduldiger Erwartung verbunden, kann aber auch Zweifel und Angst hervorrufen. Das wurde in diesem Konzert deutlich. Trotzallem großer Beifall und als umjubeltes Sahnehäubchen dann noch Johann Straußens Polka „Unter Blitz und Donner“.

Weitere Termine: Di., 30.01. 2018 20 Uhr//Mi., 31.01.2018 20 Uhr

Advertisements

Jazz mit Spaßfaktor

Veröffentlicht: 28. Januar 2018 in Allgemein

20180126_211648

„Movie Music“ lockt mit frei interpretierter Filmmusik auch Skeptiker aus der Reserve                                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

Da kann etwas nicht stimmen. Moderner Jazz und Spaß auf allen Seiten? Das ist verdächtig. Musik und Humor ist ja eh schon ein Problem! Schlag nach bei Brendel. Dass Musiker sich beim Jazzen freuen, nun ja, das mag an der Gage liegen oder an stimulierenden Drinks vorher und währenddessen. Kann auch Rollenspiel sein. Aber – dass das Publikum gleichermaßen Freude empfindet, das ist dann doch eigenartig oder?

20180126_200909

Infizierte die Freude der Musiker? Jan Leipnitz behandelte sein Drumset mit einem seligen Lächeln, als habe er es seit Wochen nicht mehr spielen dürfen. Johannes Fink zupfte und strich sein extra tiefer gelegtes 5-Saiten-Cello mit staunendem Schmunzeln, als würde ihm von höherer Stelle die Hand geführt.

20180126_213225

Und Rudi Mahall, das heftige Gebläse an den Klarinetten, schien Mal um Mal amüsiert über das Klanggebräu. Nur Pianist Zoran Terzic zeigte Ernst und Würde bei der Arbeit, aber er war ja auch der Leiter der Kapelle.

20180126_211701

Das mag ein Publikum wohl positiv affizieren, aber auf Dauer trägt so etwas nicht. Da muss schon etwas der Musik Innewohnendes hinzu kommen. Nun, vielleicht war es ja auch gar kein Jazz, der gespielt wurde, und deswegen erheiternd, erfreuend, mitreißend?

Sagen wir so: Das war eine Art Jazz-Hybridmusik. Nicht in dem Sinne, dass da verschiedene Stilrichtungen in John Zornscher Manier brutal zusammengeschnitten wurden. Auch kein prinzpienarm zusammengefügtes Tomaterial. Die Stücke hatten vielmehr etwas Kaleidoskopartiges. Jede Sequenz innerhalb der Kompositionen ließ, nachdem sie ausgespielt war, das Klanggebilde in neuem Licht erscheinen. Und so hatte man den Eindruck, mal einer Kaffeehausmusik zuzuhören, mal einem Gypsy-Swing. Mal Tanzmusik, dann Ballade, Blues, auch zügelloses Uptempo oder Brachial-Punkiges. Das ganze Konzert schien immer wieder zu verweisen auf musikalische Traditionen, jazzig oder auch nicht. Nicht als Zitat, nur als Anspielung. Vielleicht ein Irving Berlin’scher Unterton mit melancholischer Grundierung, die mitunter hätte feiner vernommen werden können, wenn die Klarinette nicht mit so viel Druck gespielt worden wäre.

 

Filmmusik-Bearbeitungen im engeren Sinne waren das eher nicht. Eher Widerspiegelungen eines inneren Films des Komponisten, entstanden aus Filmerlebnissen und eigener Befindlichkeit in ganz persönlichen sozialen Bezügen. Natürlich konnte man filmmusikalische Form-und Funktionselemente wiederfinden. Wenn man konnte bzw. wollte auch direkte Anspielungen auf Filme feststellen, aber darum ging es Terzic in seinen Kompositionen wohl weniger. Eher darum, beim Zuhörer den eigenen inneren Film, einen Assoziationsstrom zu stimulieren. Und das geht gut, wenn man eingängige Melodien, nachvollziehbare harmonische Abläufe und musikalischen Witz niveauvoll zusammenführt.

Das war wohl der Grund der allseits konstatierbaren Freude am Konzert der Band „Movie Music“.

20180128_103359

Alte Hasen und junge Wilde

Veröffentlicht: 24. Dezember 2017 in Allgemein

 

20171222_201008Das Uli Beckerhoff-Quartett und der Braunschweiger Jazz-Pianist Otto Wolters als „Special Guest“ begeistern ihre Fans                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

 

Der Uli beschenkt den Otto und der Otto den Uli. Beide beschenken das Publikum und das beschenkt wiederum die beiden. Gelungene Weihnachten unter Jazzern, wobei der Uli das Ulrich Beckerhoff Quartett meint. Und der Otto ist der Braunschweiger Jazzpianist, den man gerne „Urgestein“ nennt, dabei ist er alles andere als Gestein, und ob er „Ur“ ist, soll beantworten, wer meint, es zu können. Ja, und das Publikum, das waren alle im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses am Freitagabend, die dem Modern- Jazz-Konzert des Quartetts, für zwei Songs um Special Guest Otto Wolters erweitert, mit Sympathie und Vergnügen lauschten.

20171222_212746

Ausverkauft- warum eigentlich? Nun, Otto Wolters hat viele Freunde in der Region, die wissen, dass er seiner Berufung, dem Jazz, immer noch mit Anspruch nachgeht. Und auch der Trompeten-Professor Uli Beckerhoff hat viele Anhänger hier. Einmal seiner Musik, seines ausgezeichneten Trompetenklangs wegen, aber auch, weil er mit Otto Wolters durch etliche gemeinsame Konzerte hier in Braunschweig schon als eine Art mystische Jazz-Einheit gilt. Buddies, die für Jazz auf höchstem Niveau stehen. Eine innige Melange also aus persönlichem und allgemeinem Interesse auf allen Seiten.

20171222_201100

Dabei war die Musik nicht unbedingt von einschmeichelnder Qualität. Sie war vielmehr bewusst anspruchsvoll, von gewissermaßen quer liegendem Charme. Durchaus Wohlklingendes wurde jäh mittels furioser Trompetenstöße oder -läufe in dissonantes Gestrüpp verwandelt. Unvermittelt wurden durch krassen Rhythmuswechsel lang durchgehaltene ostinate Bass-Passagen aufgebrochen ( „Capo d’Orlando“) und später wieder fortgeführt. „Heroes“ ließ merkwürdigerweise Erinnerungen an Miles Davis‘ frühe Elektrik-Phase, den Druck der Rhythmus-Gruppe vor allem, aufkommen. Soundlandschaften ließen sich erahnen, die nach schöner Entfaltung zerstört wurden. In „Tango Tragico“ zeigte diese musikalische Konzeption – man könnte sie „Änderung der Fahrtrichtung durch absichtliche Entgleisung“ nennen – recht humorvolle Züge. Ironischer Umgang mit dem typischen Tango-Rhythmus, melodische Verschleifungen, Stimmungswechsel zwischen überbordender Dramatik und Understatement ließen das Bild eines nicht ganz elegant ablaufenden Tanzabends aufkommen.

20171222_204700

Das Quartett sorgte aber auch schon deshalb für Interesse, weil sich Beckerhoff als 70jähriger „alter Hase“ mit drei ‘“jungen Wilden“ umgab, nämlich Richard Brenner (Piano), Moritz Götzen (Bass) und Niklas Walter (Schlagzeug). Der Meister ließ ihnen völlig uneitel viel Raum, ihre musikalische Kompetenz zu entfalten. Und die war angenehm fern irgendwelcher Sturm- und-Drang-Kraftmeierei.

20171222_204732

Aber – Anspruch und Konzept hin oder her: manchmal hätte man einfach Lust gehabt, sich musikalisch fallen zu lassen, sich mal richtig einem Groove hinzugeben. Aber vielleicht war das ja nur ein schwächelndes Begehren, das sich angesichts des unabwendbaren Weihnachtsgedudels draußen einstellte. Lang anhaltender Beifall.

Glan(t)z in der Hütte

Veröffentlicht: 10. Dezember 2017 in Allgemein

Das 5. FESTIV für Indie und Electronica kann nur teilweise überzeugen 

Text/Fotos: Klaus Gohlke

20171209_212827

Ymay

Nebel steigt auf hinter der Bühnenplattform und breitet sich halbhoch im Zuschauerraum aus. Erinnert an kühlen Wiesengrund, an den weißen Nebel wunderbar. Halt! Nicht wunderbar! Cool ist angesagt. „Underground des Underground“, „Future-/Synthie-/Elektro-Pop“. Anti-Weihnachtsmusik als sphärisch-tanzbare Kost. Gegen den Strom, aber auch nicht.

Eine Haltung, die eigentlich Motto sein könnte auch des 5. Braunschweiger FESTIVs, der Plattform für Indie und Electronic. In weiser Selbstbescheidung will man nicht nur Fest sein (weil uncool), aber auch nicht Festival (weil überdimensioniert). Eben FESTIV: man begibt sich in die Welt des ausdrücklichen Dazwischen-Seins, die ja konstitutiv ist für die Electronica-Welt.

20171209_201725

Glantz/Stürmer

Drei musikalische Linien sollten in Beziehung gesetzt werden: IndieTronic, vertreten durch die Braunschweiger Musiker und FESTIV-Gastgeber Peter M. Glantz und Stefan Stürmer. Future Pop-Anmutungen vorgetragen vom Duo YMAY, und schließlich Trip Hop mit dem Haupt-Act des Abends, dem Projekt ANA ANA der Berlinerin Anastasia Schöck.

Es war kein Easy-listening-Abend, im positiven wie im negativen Sinne. Schon die Moderation des Abends durch Christian Krüger, wahrscheinlich als Parodie gedacht, ließ mit ihren Unbeholfenheiten und Übertreibungen Fragen aufkommen. Aber auch die musikalische Kost konnte nur teilweise überzeugen.

Das Duo Glantz/Stürmer als Opener  war mitnichten „Too stoned to survive“, zu bedröhnt, um zu überleben, wie Glantz sang. Die klare rhythmische Struktur der Songs wurde durch Stürmers Bassarbeit je nach Bedarf noch akzentuiert oder aber aufgebrochen. Harmonisch-melodisch bewegte man sich nicht Vorhersagbaren und schuf in der Tat eine untergründig-dunkle Atmosphäre. Indie-Musik im besten Sinne als individuelles, strukturiertes Amalgam von Sounds, Geräuschen, tonalem Material und handgemachter Präsentation. Der Ansatz, eine Art Gesamtkunstwerk zu kreieren, also Lichtkunst, Videoprojektionen und Musik aufeinander zu beziehen, ist ansatzweise vorhanden, müsste aber geschärft werden.

20171209_210754

YMAY

 

Im Gladiatorenstil mit Ton-Bombast betrat YMAY das Bühnenpodest. Das leicht Außerirdische wich schnell einer technoid geprägten, melodisch poppigeren Musik, die jedoch auf die Dauer das Publikum eher zu ermüden schien. Die Piano-Einlage dann zeigte, und das gilt auch für ANA ANA, dass das Electronica-Genre mit sich selbst nicht im Reinen ist. Das Konzept, Musik mit einem Gerät allein zu produzieren und den Aufführungsrahmen zu minimalisieren, hat seine Grenzen und führt wieder zurück zu eher traditionellen Ausflügen. Allerdings im Falle YMAYS zu einem recht trostlos-einsamen Set-Ende. Stiller Abgang mit Verweis auf den nächsten Act: unverdient einsam.

20171209_220544

ANA ANA

 

 

ANA ANA brachte mehr Druck in den Laden, stimmlich und soundmäßig. Aber Trip Hop? Es vibrierte endlich mal das Zwerchfell bei den tiefgelegten Frequenzen, aber Anklänge an Massive Attack? Eher Wunschträume, dafür ungeklärte Zwischenwelt. Man war nicht in einem Konzert, aber auch nicht im Club, getanzt wurde so gut wie gar nicht. Die etwa hundert Gäste hingen nicht wirklich musikumspült ab, war nicht recht dabei, aber auch nicht daneben. Weder Fisch noch Fleisch also. Das Veranstaltungskonzept, in seiner Anlage gut und auch für die Stadtkultur wichtig, bräuchte eine Schärfung.

Undogmatische Mischung aus Rock und Bubblegum

Veröffentlicht: 26. November 2017 in Allgemein

SweetyGlitter_Pressefoto04

 

Die Braunschweiger Glam-Rocker „Sweety Glitter & the Sweethearts“ feiern 30jähriges Bühnenjubiläum              Text: Klaus Gohlke Foto: EML. Fotografie

Ganz im Ernst: Respekt vor dieser Leistung! Dreißig Jahre als Glam-Rock-Band „Sweety Glitter & The Sweethearts“ zu touren, das bedarf großen Stehvermögens. Man muss sie und ihre Musik ja nicht mögen, aber auf jeden Fall: Hut ab! Woher diese Motivation, durchzuhalten? Ist’s Die „Kohle“? „Man kann davon leben, aber nicht reich werden!“, sagt Mastermind Volker Petersen. Oder träumen die Jungs doch noch davon, den großen Durchbruch zu erzielen? Da kann man nur mit dem Alt-Blueser Eddie „Cleanhead“ Vinson entgegnen: „It’s a dream, baby!“ Bloß ein Traum! Oder – ist es der Auftritt vor begeistertem Anhang, die Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung? Oder – kann man einfach nichts anderes? Oder – ist es eine Art höhere Bestimmung?

Wie dem auch sei. Es riecht nach so etwas wie Bob Dylans „Never ending tour“, der nie endenden Konzertreise, bzw. dem Dauerbrand der „Rolling Stones“. Das Standing muss man erst einmal haben. Dabei- und das ist das Merkwürdigste an dieser Band – machen die Jungs ja nur so etwas wie „Musik-Recycling“. Die Verwertung der Konkursmasse der Rockmusik der 1960er Jahre.

Als die Rock-Revolution sich drogensiffig in Monstershows mit Endlosgegniedel und Skandalen in die Perspektivlosigkeit verabschiedete, der „Stairway to heaven“ sich eher zum „Highway to Hell“ verwandelte, übernahmen die Glam-Rocker das Kommando. Rollenspieler, die eine eigene schrille Auftritts-Ästhetik entwickelten, die sich schon in der Namensgebung widerspiegelte. „Gary Glitter“, „The Sweet“, „T-Rex“, „Queen“, David Bowies „Ziggy Stardust“. Das Outfit ließ die Geschlechterrollen uneindeutig werden, Cross-Dressing war angesagt, Schminke und Glitzer. Und als das ausgelutscht war, Mitte der 70er, ging’s in die Discowelt, den Punk, den Synthie-Pop, je nach Vorliebe.

Und da kam – eigentlich völlig absurd und antizyklisch – „Sweetie Glitter & the Sweets“ aus unseren Braunschweiger Landen ins Rollen. Irgendwie schien die Welt des Androgynen, der geschlechtlichen Zweideutigkeit noch nicht erledigt. Nicht der Spaß an der ironisch-spielerischen, phantastischen Rockwelt. An schönen, eingängigen Melodien, zu denen man unbelastet abhotten konnte.

Also die Plateau-Schuhe angezogen, die maßgeschneiderten Lederjäckchen, leopardengemusterten Röhrenhosen, String-Tangas und Strapse, Stoas, Röckchen, rosa Täschchen und was die Phantasie noch so alles hergibt! Drauf die Schminke, die schrillen Perücken, das Glitzerzeug! Wenn David Bowie oder Elton John ihre Geburtsnamen ablegen konnten, dann die fünf Braunschweiger schon lange. Volker Petersen, Eiko Witt, Michael Hinze, Stephan Kabisch und Tobi Zweifler wurden kurzerhand zu Sweety Glitter, Randy B. Bluebird, Mighty Mitch McCennedy und Sir Tobi. Und ab ging es mit einer undogmatischen Mischung aus Rock und Bubblegum unter dem Motto „Love&Peace&Rock“.

Es war gewiss kein einfacher Weg, den das Quintett antrat. Aber das Konzept kam an, weil es stimmig war. Erscheinungsbild, Bühnenshow und musikalisches Handwerk überzeugten, was dazu führte, dass die „local heroes“ – sie nennen sich selbst die ältesten Newcomer – alsbald zur norddeutschen und schließlich zu der deutschen Glamrock-Attraktion wurden. Auftritte mit Rocklegenden wie Chuck Berry und Status Quo, die Eröffnung der Plaza-Bühne anlässlich der EXPO 2000 in Hannover vor zigtausenden Zuhörern, TV-Einladungen – all das zeigt die Wertschätzung der Band nun schon seit Jahren. Genauer: seit 30 Jahren. Zwei ausverkaufte Konzerte jetzt in Braunschweig und Schwerin – wie mag es weitergehen? Tatsächlich eine „never ending tour“? Mögliche Antwort der Glitzernden: „All I need is music and the free electric band!“

Lebenswichtiges Jazzorgan

Veröffentlicht: 25. November 2017 in Allgemein

Die Braunschweiger Szenekneipe „Bassgeige“ feiert 40. Geburtstag

Text und Fotos: Klaus Gohlke

20171117_195707

„Sie haben ein Kleinod hier! Wo gibt es das noch in Deutschland?“, sagt Robert Landfermann, einer der bekanntesten deutschen Jazz-Bassisten bei einem kurzen Zwischenstopp auf der Reise von Krakau nach Köln über die „Bassgeige“ am Braunschweiger Bäckerklint. Und er muss es ja wissen, er kommt in der Welt herum. Aber – eine Jazzkneipe als Kleinod zu bezeichnen? Also als eine Kostbarkeit, ein Schmuckstück? Was soll das Kostbare, das Schmucke daran sein? Dass sie am 23. November 40 Jahre alt wird?20171123_211834

Seien wir ehrlich, Schönheit ist etwas anderes. „Verqualmt und abgeranzt!“, nennt die passionierte Szenegängerin Carola Remus die Kneipe. „Aber – ich mag sie halt!“ Abgeranzt? Vielleicht etwas zu hart. Aber ein echter Ra(e)ucherschuppen. Eigentlich out so etwas. Wer da reingeht, ist entweder passionierter Raucher, oder aber er nimmt die Atembeschwerden und den anschließenden Klamottengestank bewusst in Kauf. Weil, ja, weil es da etwas Wichtigeres gibt, als diesen „Kleinkram“. Was da wäre? Die Braunschweiger Jazzsängerin Britta Rex formuliert es so: „Die ‚Bassgeige‘ ist urig, ehrlich, erfrischend unangepasst an aktuelle Modeerscheinungen!“

Dieser Schlauch von Lokal, die schlichten Lampenschirme aus Peddigrohr-Geflecht, das zweckdienliche Mobiliar. Die überall – wiederum mit Carola Remus zu sprechen: „…verstaubten, liebevoll angesammelten und originell arrangierten „Steh-Herum-chen“ wie die PEZ-Figuren, die Ü-Eier-Basteleien, die Wachsposaune!“ Dazu die Plakate und Bilder. Absolut kein durchkonfektioniertes, steriles Gaststätten-Interieur. Und völlig kompatibel dazu die Erscheinung des „Bassgeigen“-Chefs Norbert „Bolle“ Bolz. Gern im karierten Hemd, die Haare altersgemäß ausgedünnt langfädig. Aber seien wir ehrlich: Der sich dokumentierende urige Eigensinn des Lokals mag seinen Charme haben, aber ein „Kleinod“ wird es dadurch doch nicht unbedingt. Nein, es ist anderes! Mehr!

20171123_201405

„Die ‚Bassgeige‘ ist mir über die vielen Jahre gleichsam ein musikalisches Zuhause geworden!“, so Hans-Christian Hasse, Jazz-Pianist und Dozent an der TU Braunschweig. „Eine anregende, seelenvolle Oase!“, meint der Braunschweiger Bassist Heinrich Römisch. Und Thomas Geese, ortsbekannter Schlagzeuger und Jazz-Autorität, verweist auf die größeren Zusammenhänge, die diese Spielstätte so besonders sein lassen: „Bolle hat die ‚Bassgeige‘ zu einer bundesdeutschen Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern gemacht! Die Bassgeige groovt!“

In der Tat! Dieser „Laden“ war über vier Dekaden so etwas wie ein zentrales Organ des Jazz. Braunschweig wurde zu einem Begriff in der Szene. Wer hier alles auflief, spielte oder einfach die Aura genoss – mit wem soll man anfangen, mit wem aufhören? Blues-Legenden wie Eddie „Cleanhead“ Vinson, Jack Dupree, Robert Lockwood Jr. gaben sich die Klinke. Jazz-Größen wie Horace Parlan, Jim Pepper, Charlie Mariano, Gerd Dudek, Joachim Kühn gastierten. Einer der gegenwärtig weltbesten Posaunisten, der Braunschweiger Nils Wogram, nennt die „Bassgeige“ einen für ihn „ganz wichtigen Ort, und zwar als eigene frühe Auftrittsmöglichkeit, als Ort produktiven Zuhörens, aber auch als Inspirationsquelle durch Bolles profunde Plattensammlung!“, die mittlerweile über 7000 Exemplare umfasst.

20171123_210359

Lange bevor man von „Networking“ sprach, schuf Bolle sein Jazz-Netzwerk. Das bedeutete, dass er nicht nur Musiker einlud, sondern auch zu den Jazz-Brennpunkten fuhr, um dort Kontakte zu knüpfen. Die internationale, regionale und lokale Szene wurden so in Verbindung gebracht und konnten sich präsentieren. Es war und ist für viele Musiker nicht nur der Region eine Ehre, in Bolles „Baßgeige“ aufzutreten.

Und das unter diesen räumlich arg eingeschränkten Bedingungen! Die Bühne am Ende des Lokal-Schlauchs ist, wenn ein Quartett mit Akustik-Bass, Piano, mittlerem Schlagzeug und Gebläse auftritt, eher ein „Stau“-Raum von 6 Quadratmetern. Man hockt nahezu aufeinander – und fast im Publikum. „Jazz direkt vor deiner Nase (bzw. Ohren). Atemberaubend, hautnah!“, charakterisiert Uli Papke, Braunschweiger Saxofonist und Session-Organisator das Ganze.

Das ist es gerade: Clubatmosphäre mit einem ganz besonderen Ambiente. So ein wenig New York der 40er und 50er Jahre: Birdland, Village Vanguard, Onyx, gewürzt mit etwas Jazzromantik. Deswegen Raucherlokal, Kneipenbetrieb während der Konzerte, der Zwang zur Improvisation auf und vor der Bühne. „Eng, heiß und inspirierend!“, bringt es Britta Rex auf den Punkt.

Das alles lässt die Musiker auftreten, auch wenn die Bezahlung nicht Gold ist. Weit mehr als 2000 Veranstaltungen gab es bislang. Man spielt auf Eintritt, spielt auch mal für einen Appel und ein Ei, weil man andernorts eine ordentliche Gage erzielen konnte. Aber – es kann auch sein, dass Bolle zulegen muss. Die Zuhörerkapazität ist im Lokal nun mal begrenzt. Gewinnstreben war allerdings nie Bolles Sache. Man muss sich da eben durch lavieren. Und das ginge weder physisch, noch psychisch, noch betriebswirtschaftlich, hätte Bolle nicht seine Lebensgefährtin, Karin Schlesiger, als Ruhepol an seiner Seite. Und gerade jetzt, wo es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten bestellt ist, braucht er sie mehr denn je.

„Bassgeige“ ist Bolle und Bolle ist die „Bassgeige“. Diese Szenekneipe und der Mann dahinter hätten den deutschen Spielstättenpreis verdient. Durch sie ist Braunschweig weit, sehr weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Er sollte sich noch bewerben! Ja, und er sollte auch noch ein Buch über diese Geschichte Braunschweiger Kultur schreiben. Material hat er zuhauf und ein phänomenales Erinnerungsvermögen dazu.

20171117_201001

Wie wird es weiter gehen? Bolle weiß es auch nicht so recht. Es kommt auf seinen Körper an. Läuft der weiter, läuft auch der Betrieb weiter. „Bis ich hinterm Tresen liege!“, sagt er schwarz-humorig. Mannomann. Gar nicht auszudenken, wenn dieses Kleinod plötzlich dicht machte!

 

Enrico Rava „New Quartet“ im LOT Braunschweig

Veröffentlicht: 26. Oktober 2015 in Allgemein

Rava + Evangelista 1

Keine Angst vor Wölfen

Das „Enrico Rava New Quartet“ verblüfft im Braunschweiger LOT-Theater

Das Haupthaar trägt er immer noch offen und lang, ungezähmt, nunmehr aber angegraut. So auch sein Schnurrbart. Leicht gebeugt geht er zur Bühne, der Leitwolf Enrico Rava, 76jähriger Startrompeter aus Italien, oft in einem Atemzug mit Miles Davis und Chet Baker genannt. Und hinter ihm seine drei Jungwölfe. Ein Generationenprojekt, so scheint es. Alter Mann, erfahrungssatt, wehmütig-altersweise trifft auf ungebändigten Lebenswillen. Folglich: ein Abend mit  kontrollierter Musik und einigen Eskapaden, letztlich von Melancholie umflort. Wirklich?

Falsch, völlig falsch. Der Opener ist schon Programm. Eine ostinate Bassfigur, cleane Gitarre im frisellschen Schwebesound, dezentes Schlagwerk. Heraus schält sich in bestechendem Unisono eine wundervoll leichte Melodie. Sie wird wiederholt, hierhin, dorthin transponiert und – kaum entfaltet – nach allen Regeln der Jazzkunst verwandelt, verfremdet, zerstört. Das alles in einem beinahe freien,  sehr druckvollen Improvisationsteil mit viel Gestaltungsspielraum. „Cornette“, eine hintergründige Hommage  an  Ornette Coleman, endet wieder mit der strahlenden Melodie, die anfangs zu hören war.

Kontraste, das Zusammenführen ganz unterschiedlicher Traditions- und Gestaltungselemente war die Devise für dieses Konzert. „Wild dance“: Eine theatralische Eröffnung mit Trommelwirbel, Crescendo und Tusch wird fortgeführt mit einem orchestralen Gitarrenpart, der sich zu einem fetten Metal-Klang mausert. Dann ein nahezu bruchloser Übergang in swingenden Jazz, Zitate aus dessen Frühphase. Oder „Space Girl“: Ein vager, martialischer Rhythmus zunächst, dann Anklänge an Melodien des „Great American Songbook“ mit schönen lyrischen Flügelhorn-Passagen.  „Not funny“: eine ganz zurückgenommene Erinnerung an den Popsong und späteren Jazzklassiker „My funny Valentine“. Eher gelegentlich wird die Melodie berührt, sie bleibt vielmehr ein Hintergrundkontext.

Gewissermaßen war das Konzert eine gelungene Irreführung. Es lag ja nahe, zu meinen, dass Ravas „New Quartet“ eine Live-Version der jüngsten Studioproduktion „Wild Dance“ abliefert. Feiner ECM-Sound, ausbalanciert, eher dezent, wehmütig, hier und da Ausbrüche, aber voller Affektkontrolle.

Diodati 2

Eben das geschah nicht, und das lag an der losen Leine für die „jungen Wilden“. Ravas Trio konnte sich spielerisch frei bewegen, allen voran Gitarrist Francesco Diodati. Packend seine Arbeit am Griffbrett, absolut überzeugend der Einsatz der elektronischen Effekte. Was Gabriele Evangelista am Kontrabass leistete, war schon rein physisch unglaublich. Die rasend schnelle Begleitung nicht nur bei „Happy Shade“, insgesamt seine Art des Zusammenspiels auf der rhythmischen Ebene war beeindruckend. Und schließlich Enrico Morello am Schlagzeug: elegante Leichtigkeit, ein Dynamikexperte und Kenner aller möglichen Spielvarianten in der Geschichte seines Instruments,: bewundernswert.

Morallo 1

Es war eine kluge Entscheidung Ravas, als Harmonieinstrument das bei ihm übliche und stets hochrangig besetzte Piano durch die Gitarre zu ersetzen. Gitarristen können ihre Akkorde eben nicht mit 10 fingern spielen, wie Rava mehr oder weniger scherzhaft bemerkte. Der musikalischer Raum wird einfach transparenter, lässt mehr Luft für den spielerischen Atem, wenn man es denn so beherrscht, wie Diodati.

Andererseits wird durch die intelligente Verwendung ausgeklügelter Elektronik eine ganz neue Soundpalette bereit gestellt. Das gibt neue Farben, neue Klänge, neue dynamische Möglichkeiten bis hin zur Genreaufsprengung.

Und Ravas Flügelhornspiel? Es ist intensiv, elegant: von Leichtigkeit geprägt, aber auch von Eruptionen reiner Expressivität. In den Höhen merkt man die anstrengung mitunter. Aber ansonsten bleibt er nicht hinter seinen jungen Leuten zurück. Man spielt auf Augenhöhe, nirgends ein Anflug von Übervater. Woher Rava in dem Alter noch das Standing, vor allem die Luft für das intensive Trompetenspiel nimmt, wissen die Götter.

Insgesamt ein Sonntagabend mit einer tollen Mixtur aus Kraft, Eleganz, einem Blick in sehr unbestimmte ferne Gefühlswelten und auch Grandezza. Das Publikum im ausverkauften Haus war sichtlich beeindruckt.

Text: Klaus Gohlke     Fotos: K.C. Amme