Dreihundert singende Rinder

Veröffentlicht: 11. Juni 2018 in Allgemein

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Eine beeindruckende Posaunenserenade auf dem Burgplatz beim 34. Landesposaunentag der Braunschweiger Landeskirche Text und Fotos: Klaus Gohlke

„Fürchtet euch nicht!“, mochte man frohen Mutes ausrufen. Dreihundert oder mehr Posaunenspielerinnen und -spieler auf dem Burgplatz sind keine Gefahr! Nein, kein zweites Jericho droht. Die Musiker umrunden ja nicht siebenmal das Herzstück Braunschweigs. Und es erhebt sich auch kein Feldgeschrei, auf dass Dom, Burg und unschuld’ger Löw’ in sich zusammenbröseln. Zwar lautete das Motto des 34.Landesposaunentages der Braunschweiger Landeskirche „hier und jetzt“, aber das meinte – Gott Lob – nicht, dass zur Attacke geblasen wurde. Freilich – ein Ständchen war es nicht gerade, was man sich da ausgedacht hat, auch wenn es sich „Serenade“ nannte. Aber muss eine derartige Ballung dieses Instruments nicht doch zu Trommelfellverwerfungen führen? Posaune bedeutet, mal wortgeschichtlich betrachtet, „singendes Rind“. Und mehr als dreihundert davon?

Nun, es wurde nichts heraus posaunt. Schon das eröffnende Präludium und Rondo zeigte, was sich im Folgenden dann bestätigte: trotz nur knapper Probenzeit vermochte Landesposaunenwart Siegfried Markowis ein durchaus differenziert und diszipliniert spielendes Blechbläserensemble zu präsentieren.

Trotz der Tatsache, dass Posaunenspielerinnen und -spieler ganz unterschiedlicher Fähigkeit zusammenkamen, war man anspruchsvoll. Und zwar insofern, als man Kompositionen ganz unterschiedlichen Stils zu Gehör brachte. Vor allem aber, weil bekannte Kirchenlieder wie „Von Gott will ich nicht lassen“ nicht nur im Originalsatz wiedergegeben wurden. Vielmehr wechselten sich modernes Vorspiel, alter Satz und moderne Neufassung ab. So kamen die unterschiedlichen Posaunenklänge sowie die mächtige Tubasektion gut zur Wirkung.

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Musikalischer Höhepunkt war natürlich die Welturaufführung der Nils Wogram-Komposition „Spiritual Life“. Wogram, einer der bedeutendsten Jazzposaunisten der Gegenwart, hatte von Markowis eigens für diesen Landesposaunentag den Kompositionsauftrag erhalten. „Das Stück sollte einerseits meine musikalische Handschrift tragen, aber auch dem Format Posaunenchor/Blechbläserensemble gerecht werden!“, erläutere Wogram auf Nachfrage. Und er ergänzte: „Es featured den orchestralen Klang, ein paar raffinierte Harmonien und Melodien und ein bisschen Improvisation von mir!“

Und in der Tat: Wograms einleitende Improvisation, in einer Art bluesverwurzeltem Ruf- und Antwortspiel vorgetragen, ließen Töne erklingen, die für viele der anwesenden Posaunisten sehr ungewohnt klingen mussten. Das betraf den Tonumfang, die mehrstimmigen Klänge (Multiphonics), die Tonverschleifungen, aber auch die rhythmischen Varianten. Insofern man dann aber mit Wogram zusammenspielte, zeigten die Landesposaunisten, dass sie durchaus auch auf ungewohnten Pfaden zu wandeln verstehen.

Wogram erhoffte sich von seiner Komposition, „dass sich Leute überhaupt Gedanken machen und sich und ihre Umgebung reflektieren. Ein spirituelles Bewusstsein gibt uns größeres Selbstbewusstsein und hilft, Entscheidungen zu treffen!“ Den zahlreich erschienenen Gästen schien dieses Angebot zu gefallen. Kräftiger Beifall und eine Zugabe.

 

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Wenn der Meister am Monster Kette gibt

Veröffentlicht: 5. Juni 2018 in Allgemein

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Im Rahmen von „Soli Deo Gloria“ spielt Cameron Carpenter ein Bach-Programm an seiner elektronischen International Touring Organ             Fotos/Text:Klaus Gohlke

Der Blick geht aufs Äußerliche. Zwangsläufig. Das ist bei einem Konzert im Rahmen des „Festivals Soli Gloria Deo“ nicht unbedingt zu erwarten. Aber gewollt. So jedenfalls sagt es Günther Graf von der Schulenburg-Wolfsburg im Interview mit NDR-Klassik Ende letzter Woche. Es bedürfe neuer Vermarktungsstrategien. Die Menschen seien nicht mehr so einfach für dieses Konzertformat zu gewinnen. „Mit Speck fängt man Mäuse!“, so der Graf kurz und bündig. Speck, das sei das eher Exzentrische im Klassikbetrieb. Aussehen, Auftritt, Zugriff. Jean Rondeau etwa. „Der Mann mit dem Dutt, der Rock ‘n‘- Roller des Cembalo!“ Oder Daniel Richter: „Der Superstar der modernen Malerei!“ und schließlich Cameron Carpenter: „Das Enfant terrible der Orgel!“, so der Graf griffig im Gespräch.

„All you need is Bach!“, titelt Carpenter sein ausverkauftes Konzert am Sonntagabend in Wolfsburger Scharoun-Theater. Beatles 1967 reloaded? Nein, nur locker angedockt am Fadeout der berühmten Beatles-Nummer „All you need is love!“ J.S. Bachs Invention No.8 F-Dur Geschicktes Spiel mit Zitat, thematischer Ausrichtung, Genreübergriff.

Aber – bevor man zu den musikalischen Inhalten kommt, dominiert der äußere Eindruck. Man kann sich dem auch nicht entziehen, diesem digitalen Orgelmonster auf der Bühne. An einen Jet-Cockpit erinnernd. 200 Register, fünf Manuale, keine Pfeifen. Eine Datenbank von Klängen unterschiedlichster Orgeln, historischer Stimmungen. Weitere Effektspeicher außerhalb, dazu ein 48-Kanal-Sound-System. Alles tourneetauglich und popsakral ausgeleuchtet.

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Eine Revolution der Orgel? Technisch gesehen, stimmt das. Aber – was heißt das musikalisch? Und darum geht es ja beim Konzert, oder? Geht man von der Publikumsresonanz aus, scheint alles klar. Begeisterungsjauchzer, stehende Ovationen. Warum? Äußerungen während der Pause und nach dem Konzert zeigen zweierlei: Es beeindruckt ungemein das Klangvolumen. Wenn Carpenter „Kette gibt“, und das tut er gern, mitunter schockartig, haut das um. Da hält kein Schwellwerkcrescendo einer noch so großen Analog-Orgel mit.

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Das andere fraglos Beeindruckende ist Carpenters außergewöhnliche Spiel-Virtuosität. Was aber heißt das alles im Hinblick auf die Interpretation der von Carpenter ausgewählten Bach‘schen Musik?

Es gibt wohl nur eine Antwort. Wer das wirklich wissen will, muss studieren. Carpenter wirft Fragen auf, die ins genaue Hören zwingen. Man muss – um nur ein Beispiel zu nennen – das einführende Bassthema und die anschließende Überleitung der „Passacaglia und Fuge in c-Moll“ in unterschiedlichen Einspielungen studieren. Etwa bei Ton Koopmann, bei Karl Richter und eben Cameron Carpenter. Und man wird feststellen, dass Carpenter anders akzentuiert, stärker dramatisiert und kontrastiert. Dass Cameron zu dieser Arbeit zwingt, ist ein Verdienst. Mit Schubladisierung ist da gar nichts zu machen.

Führt seine Vorliebe zu Kontrastierung und hoher Spielgeschwindigkeit zu einer neuen Sicht auf Bachs Musik? Oder ist sie Resultat einer Spielerei mit technisch schier unbegrenzten Möglichkeiten? Und man wird weiter fragen müssen: Ist der Klang der digitalen Orgel, wenn als digital erkennbar, abträglich? Wird die Orgel, weil sie zum Publikum kommt, „demokratischer“? Die fest verankerte Verbindung von sakralem Raum und Orgelton, die sich im traditionellen Orgelbau ja niederschlägt, wird sie zerstört, entweiht? Ist aus „Soli Deo Gloria“, dem alleinigen Gott die Ehre, Gott zu streichen?

Das sind der vielen Fragen, die aufkommen, nur wenige. Dass sie sich stellen, ist Carpenters Verdienst. Wen aber interessieren die Antworten? Was nicht der Fall sein wird, ist, dass sich des Grafen von der Schulenburgs Hoffnung erfüllt, neue Zuhörende, junge Bach-Begeisterte zu gewinnen. Dazu müsste Cameron mit seiner Orgel eher Plätze und große Clubs bespielen.

 

Milliardenschwere Rache

Veröffentlicht: 4. Juni 2018 in Allgemein

20180602_200932Die Theatergruppe der TU BS präsentiert sich erfolgreich mit Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“                                                              Text/Foto: Klaus Gohlke

Besuch einer alten Dame? Nett in der Regel. Tässchen Kaffee oder Tee, etwas Torte vielleicht und ein wenig Durchhaltevermögen beim nachmittäglichen Smalltalk. So oder so ähnlich. Doch Vorsicht! Wir sind nicht im Caféhaus. Vielmehr sitzen wir im Audi Max und erleben eine Aufführung der Theatergruppe der TU BS. „Der Besuch der alten Dame“. Da kann es nicht so gemütlich werden. Selbst wenn es Boulevard wäre. Ist’s aber nicht. Es ist ein Dürrenmatt. Es naht die Tragikomödie. Und in der Tat: die Dame, die da zu sehen und hören ist, macht Schluss mit lustig. Sie kommt als Rachegöttin. Sie hat Gründe. Ein Liebhaber aus der Jugendzeit machte ihr ein Kind, bestritt mittels Lüge und Bestechung das Ganze. Sie ward aus ihrem Geburtsort verstoßen, wandelte durch tiefste Hölle als Entehrte wundersam hinauf ins Milliardärinnenlicht und kehrt nun heim. Und bietet ihrem heruntergekommenen Städtchen eine Milliarde, wenn man den Ex-Geliebten, einen Herrn Ill, tötet. „Gerechtigkeit für eine Milliarde!“

Und – wie kommt das nun daher? Aktualisiert? Als Kapitalismuskritik im Marx-Jubiläumsjahr? Im Me too – Kontext? Als Performance mit Zuschauereinbeziehung?

Nun, da kennte man das Regie- und Leitungspaar Imke Kügler und Dieter Prinzing schlecht. Sie sind bekannt dafür, Inszenierungen eng am Text orientiert zu gestalten. Ansonsten auf die grundlegenden schauspielerischen Leistungen zu achten und auf die Stärke des Stückes zu vertrauen.

Und das hat es nun in sich, wie die Jungschauspieler wissen und respektvoll einschätzen. „Die Schwierigkeit des Stückes liegt darin, den Stimmungswechsel, der sich im Stück vollzieht, darstellerisch hinzubekommen. Da ist die anfängliche positive Stimmung gegenüber Ill, die sich dann zur Ausgrenzung, zur offenen Aggression wandelt!“, sagt „Bürgermeister“ Kevin Winter im Gespräch.

Genauso ist es. Es erfordert schon einiges, den Gestus der Verlogenheit, des Hohlen, des Zynischen, des Pathetischen, aber auch des Verzweifelten, Ängstlichen, des zärtlichen Erinnerns sprachlich und vor allem mimisch darzustellen. Das gelang den jungen Leuten im Laufe des Stückes immer besser. Allen voran Annabelle Rettig und Nico Selle als Hauptfiguren steigerten sich eindrucksvoll. Auch sonst gelang es überwiegend, die im Stück angelegte Durchbrechung des Tragischen durch Mittel der Groteske nicht ins Klamaukhafte abgleiten zu lassen. Bedenken muss man allerdings, dass Pathos nicht dadurch überzeugt, dass es zu Geschrei wird, und dass in der Regel nach vorn gesprochen werden muss, um verstehbar zu sein.

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Das Bühnenbild war angesichts der sehr beschränkten Mittel des Ensembles absolut funktional: wenige, gut gruppierbare Elemente. Und dass man Umbauten als Zuschauer unmittelbar miterlebt, ist mitnichten abträglich. Zum Teil witzige Einfälle auch, was die Kostümierung und die Dekoration betrifft, die Not wird zur Tugend.

 

Das Publikum ist vom Stück spürbar gefangen genommen, was für die Leistung der Theatertruppe spricht. Viel Beifall.

Das Audi Max ist kein theaterfreundlicher Raum, was Bühne, Licht und Ton betrifft. Aber, gut – damit muss man leben und fertig werden. Dass dieser Vorzeigeraum der Universität nun aber schon seit Jahren in eher verwahrlostem Zustand den Besuchern und dort Arbeitenden sich präsentiert, ist betrüblich und bedarf des öffentlichen Protestes.

 

AlleMit afro-brasilianischer Musik begeistert die NDR-Bigband im Braunschweiger LOT-Theater                                                                              Text: Klaus Gohlke Fotos: KC Amme

„Was? NDR-Bigband? Diese Beamtenmusikertruppe!“, spricht es verächtlich aus dem Munde eines „Jazz-Experten“. „Ist doch eh tot, dieses großorchestrale Gedöns!“

Das zielt in Richtung Bigband als routiniert alt-eingespielter Klangkörper mit einem gewissen Traditionalismus. Also Dirigent, einheitliche Kleidung und andere hergebrachte Rituale. Jazz als Feuer und Leidenschaft, als Aus-und Aufbruch? Ausgeschlossen beim Spiel nach Partitur?

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Tot? Soso! Wie dann aber wiederum ein ausverkauftes Konzert, das mindestens achte mit dieser Truppe, das die Braunschweiger Jazzinitiative im LOT-Theater veranstaltete. Trotz harter Konkurrenz wie Champions-League Endspiel und Saunatemperaturen im Theater.

Freilich, die NDR-Leute greifen auch in die Trickkiste, um attraktiv zu bleiben. Man lockt mit Zugpferden. Mit Big Names! Mit großen Namen wie dem des Trompeters Randy Brecker, des Pianisten Omar Sosa. Diesmal nicht ganz so groß. Man featured Alon und Joca. Alon und Joca? Klingt wie Stan und Olli. Reichlich flapsige Ankündigung für die beiden Musiker, den Israeli Alon Yavnai, Pianist und Sänger, und den Brasilianer Joca Perpignan, Percussionist und Sänger. Aber – wenn es der Sache dient.

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Aber der Rückgriff auf die großen Namen ist kein reiner PR-Trick, wie sich zeigt. Der eventuell etwas ritualisierte Bigband-Auftritt erhält individuellere Züge, auch eine programmatische Ausrichtung. Perpignan ist der Komponist, Yavnai der Arrangeur – beide führen hinein in die Welt der brasilianischen Musik. Chefdirigent Geir Lysne tänzelt elegant Samba. Kompositionen im Stil Hermeto Pascoals verwandeln die Band in eine gar nicht norddeutsch-norwegisch kühle Truppe. Die Bläsersätze kommen aufgelockert daher, werden zu Klanggeweben. Die Tutti akzentuieren messerscharf und kurz, unterstreichen die Polyrhythmik der beiden Hauptakteure. Karibisch-fröhliche Klänge wechseln ab mit kapverdischen Impressionen von stark afrikanisch geprägter Melodik und Rhythmik. Nahtlos wechselt man von orientalischen Skalen zu Latinmelodik, alles mit mühelos federnder Präzision und Spannkraft.

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Höhepunkt waren natürlich die Duo-Parts von Perpignan und Yavnai. Die Parallelführung von Scat-Gesang und Pianoarbeit im Hochgeschwindigkeitstempo, später dann von Perkussion und Klavier, waren verblüffend und begeisterten. Und ebenso circensisch im besten Sinne war Perpignans Bearbeitung von so etwas Simplem wie dem Schellenkranz. Nicht nur der erzeugte Tonumfang erstaunte, sondern auch die Tatsache, dass man die Schellen aufeinander folgend, geradezu einzeln erklingen lassen konnte. Sonderbeifall.

Was das Konzert, das mit einer musikalischen Würdigung des unlängst verstorbenen Saxofonisten der Band, Lutz Buchner, abgeschlossen wurde, auch so angenehm machte, war die humorvolle Moderation Alon Yavnais. Stürmischer Beifall für die 19 Männer und die eine Frau an der Posaune!

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Das erste „Unser Aller Festival“ wird im Gifhorner Schloss erfolgreich eröffnet  Text und Fotos: Klaus Gohlke

Das Gefühl kennt jeder. Am Rande zu stehen, nicht wirklich dazu zu gehören. Wie eingeklemmt zu sein zwischen den Großen, den Erfolgreichen. „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht!“, heißt’s treffend in Bertolt Brechts „Moritat von Mackie Messer“. Ein unschönes Gefühl der Unzulänglichkeit, der Ungerechtigkeit und der Vergeblichkeit. Das brennt sich ein, aber nicht nur bei uns Menschen. Nein, auch Landkreise, Städte sind davon angenagt. Klingt komisch? War aber gerade schwarz auf weiß nachlesbar in der Studie „Arbeit und Wohnen“ (wir berichteten darüber). Im Lichte die Städte Braunschweig und Wolfsburg, im Dunkeln die Regions-Landkreise. Zum Beispiel Gifhorn. Platz 31 nur. 36,1 Punkte von 100 in der Rubrik „Freizeit und Natur“.

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!“, sagt dazu der Volksmund sarkastisch. Aber – soll man deswegen Rotz und Wasser heulen, resignierend sich fügen? Zu perspektivlos für den Gifhorner Landrat Dr. Andreas Ebel. Und er ersann wortspielend mit Gleichgesinnten das kulturelle Initiativkonzept „Unser Aller Festival“. Zehn Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten des Flächenkreises. Viel Musik ganz unterschiedlicher Genres; Puppenspiel für Erwachsene, Mitmach-Theater für Groß und Klein.

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Coffey

 

Eine famose Idee, so famos wie der Einfall, das Festival mit einer Art „Teaser“ zu eröffnen. Einem Appetitanreger, der die Spannbreite der Veranstaltungsserie in nuce widerspiegeln sollte. Freier Eintritt für jedermann, Musik an unterschiedlichen Stellen des Gifhorner Schlosshofes, fast angemessenes Catering. Da Mutter Natur einen recht warmen Blick auf die Veranstaltung warf, wäre ein zweiter Getränkeausschank gut gewesen.

Und die Umsetzung dieser Idee? Nun, Licht und Schatten. Den Opener des Abends musste der Braunschweiger Pianist Jan Behrens spielen. Und er tat das souverän, den Publikumsgeschmack fein treffend mit eingängigen, aber niveauvoll präsentierten Stücken. Hier eine schöne Bluesimprovisation, da eine angejazzte Bearbeitung eines alten Clapton-Ohrwurmes. Man konnte hören, wie Musik geht.

Aber muss denn eine offizielle Eröffnung des Abends, die dann folgte, langweilender Stimmungstöter sein? Ja, sein muss sie, aber warum so? Warum kein freier Vortrag und wenn schon abgelesen, warum nicht mit rhetorischem Geschick, was ja auch denkbar wäre?

Dass man dann das Josef Ziga Septett mit Musikern des Braunschweiger Staatstheaters nur dumpf und entfernt wahrnahm, lag auch am Spielort, dem recht abgeschlossenen Torbogen. Vor allem aber die Ton-Übertragung in den Schlosshof war grottenschlecht. Wie man sich auch die Abmischung bei der Soul-Rock-Formation „Coffey“ angemessener vorstellen konnte. In diesem Falle die Stimme deutlichst im Vordergrund. Wozu singt man denn deutschsprachige Texte, wenn nicht zum Verstehen?

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Honolulus

 

Es geht hier nicht um Perfektionsideale. Es geht um die optimale Umsetzung einer an sich guten Idee. Perfekt war ja etwa der Auftritt der „Honululus“ nicht. Deutschsprachige Schlagerklassiker, die offenbar schon zum Kulturgut geronnen sind, wurden singend und vorsichtig tanzend vom zahlreich erschienenen und begeisterungsfähigen Publikum gefeiert. Patzer hier und da, die noch fehlender Auftrittsroutine geschuldet waren, spielten eben keine Rolle. Wichtig war das Herzblut der „Ladies in Red“.

Insgesamt ein durchaus verheißungsvoller, viel Zustimmung findender Start in die kommende Konzertserie.

Kommende Konzerte:

  1. 5.: Liedfett 26.5.: Antje Schomaker 28.5.: Anna Depenbusch 29.5.: Tingvall Trio

30.5.: René Mark 31.5.: Alte Bekannte 2.6.: Staatsorchester Braunschweig 3.6. Jim Knopf; Heinz Rudolf Kunze

 

Geysir der totalen Revolution!

Veröffentlicht: 7. Mai 2018 in Allgemein

20180505_200001Das Niederdeutsche Theater Braunschweig karikiert den Kunstbetrieb mit der ersten plattdeutschen Version eines Kishon-Stücks.                       Text und Fotos: Klaus Gohlke

Hier kriegt der Kritiker sein Fett weg. Als üblen Windhund, als Rosstäuscher, stellt ihn Ephraim Kishon in seiner Kunstsatire vor. Als einen, der sein Geschäft darin sieht, die arglose Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Er bestimmt die Richtungen, in die sich der Kunstwind zu drehen hat. In mafiösem Zusammenspiel mit seinem Kompagnon, einem Kunsthändler und Mäzen, geht der Daumen hoch oder aber runter.

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Das wird gezeigt am Beispiel des guten, des armen Malers Raphael (Raphael? Wenn das man keine geheime Anspielung ist!). Er will malen, gegenständlich. Dafür aber gibt es keinen Markt. Weil der Großkritiker es so bestimmt. Also darbt er im Beisein seines Modells und Muse Dahlia. Über Nacht aber wird er berühmt, als der Herr Kunst(hin)richter im armseligen Atelier eine künstlerische Revolution zu entdecken meint: einen Turm aus übereinandergestapelten Stühlen und Tischchen, gekrönt von einem Wasserkocher, dessen Kabel mit einer Steckdose an der Zimmerdecke verbunden ist. Eine Haushalts-Notkonstruktion, die der Kritiker zum „vitalen konstruktiven Symbolismus“ versprachnebelt, zum „Mobiliarismus“, zum „Geysir der totalen Revolution“ gar. Schon ist „Raffi“ der gemachte Mann, freilich: sehr ungern! Deshalb Protest am Ende und ab.20180505_195318

Kishons bitterbös-satirisches Theaterstück aus dem Jahre 1968 „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht!“ erlebt in Braunschweig seine Erstaufführung in niederdeutscher Sprache. Also: „Treck den Stecker rut, dat Water kaakt!“ Übrigens: die Aufführung im Roten Saal ist durchaus gut zu verstehen für Hochdeutsche.

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Das Stück ist eher eine Typenkomödie mit derbem Pinselstrich, voller Klischees über moderne Kunst, das Künstlerleben und den Kulturbetrieb. Es gibt die herzhaften Lacher, spontanen Beifallsbekundungen, auch Zwischenrufe. Aber aufgrund der klaren Regie Angelika Köchers und der engagierten Leistung des Amateurtheater-Teams wird das nicht zum billigen Spiel mit Vorurteilen, sondern zu einem „Nachdenker“ über Vermarktungsprinzipien der Kulturindustrie weit über die Darstellende Kunst hinaus.

Wieder am 13.und 20. Mai, je 16 und 19.30 Uhr, im Roten Saal im Schloss.

Tausche Big Apple gegen Big Pitter

Veröffentlicht: 19. April 2018 in Allgemein

Der amerikanische Schlagzeuger Drori Mondlak über Jazz heute in Europa und den USA                                                          Text: Klaus Gohlke  Fotos: Website Drori Mondlak

Drori Mondlak

„New York, New York!”, singen Lisa Minelli und Frank Sinatra. Von der Stadt, die niemals schläft. Wer es hier schafft, schafft es überall. Dachte sich wohl auch die in Österreich geborene Saxofonistin Karolina Strassmayer. Auf ins Mekka der Jazzer, damals wie heute. Um dort zufällig Drori Mondlak zu treffen, erprobter Drummer in der Szene. Wo aus Zufälligem Absichtliches wurde. Nun, die Liebe ist eine Himmelsmacht. Was letztendlich bedeutete: Tausche Big Apple gegen den Big Pitter, New York gegen Köln am Rhein, die deutsche Jazz-Metropole. Hier wurde die gemeinsame musikalische Zukunft kreiert mit der Band KLARO! Entscheidend für die Wahl Kölns war sicherlich aber auch Karolina Strassmayers intensives Engagement bei der WDR-Bigband.

 

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Was aber ist das Alleinstellungsmerkmal von New York? Im Interview mit Drori Mondlak stellt dieser klar:

„New Yorks Jazz Szene mit seinem absolut anspruchsvollen musikalischen Niveau und seinem hohen Energielevel ist einzigartig in der Welt. Du triffst dort alle Welt! Kannst spielen, lernen, Ideen austauschen, kooperieren. Die Szene dort ist absolut offen und dynamisch. Meine Liebe und Hingabe zum Jazz hat dort begonnen, das setze ich in Köln fort.“

Gibt es dann etwas, was einzigartig ist hier in Deutschland oder Europa?

„Durchaus!“, betont Mondlak. „Der Jazz erfährt allgemein mehr Unterstützung durch kulturelle Organisationen, Jazzinitiativen, Funk und Fernsehen, Festivals. Jazz wird hier als eine Kunstform betrachtet, die es wert ist, auf einer Konzertbühne aufgeführt zu werden. Und es gibt viele engagierte Leute hier, die ihre Zeit damit verbringen, den Jazz-Ball am Laufen zu halten.“

Moers Jazzfestival 2006

Das zu hören, ist zweifellos erfreulich. Dass das Interesse am Jazz aber nicht erlischt, dafür muss er interessant bleiben. Keine einfache Sache in der sich immer mehr zerfasernden Musikwelt. Jazz bewegt sich dabei zwischen den Polen des Softi-Pops und der Attacke auf alle Hörgewohnheiten. Wie also sieht Mondlak die Zukunft dieses Genres?

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„Ich betrachte Jazz nicht unter dem Gesichtspunkt von Stilrichtungen. Jazz ist die Person, die ihn spielt, was diese mit dem Instrument auszusagen in der Lage ist. Was sie zu erzählen hat. Jazz hat seine Wurzeln im Blues, in den afro-amerikanischen Erfahrungen. Dazu kommt der einzigartige Swing der Musik. Wohin sich das alles entwickelt, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass die Tradition nicht vergessen wird. Zentral ist der Wille, eine eigene improvisatorische Tonsprache zu entwickeln, und das auf einem hohen künstlerischen Level.“

Und wie stellt sich das für Mondlak in seiner Art Schlagzeug zu spielen dar? Lässt sich das in Worte fassen?

„Ich glaube, dass es mir in den letzten Jahren immer besser gelungen ist, mit meinem Schlagzeugspiel dichter an das heran zu kommen, was ich in der Musik höre und empfinde. Was ich mit Karolina, die überwiegend die Kompositionen von KLARO! schreibt, im Zusammenspiel mit den verschiedensten Musikern erfahre, entwickelt mein Drumming immer weiter fort. Ein Prozess, der völlig offen ist.“

Wie aber lässt sich die Musik der Band, deren spezieller Ansatz beschreiben? Mondlak bleibt keine Antwort schuldig und führt aus:

„KLARO! vereint die romantischen Elemente der europäischen Klassik und Volksmusik mit dem rhythmischen Feuer und Swing des amerikanischen Jazz auf der Basis der harmonischen Raffinesse der zeitgenössischen improvisierten Musik. Wir wollen Musik schöpfen, die uns bewegt. Die etwas Schönes ausdrückt, Bedeutung hat und auch so vom Publikum verstanden werden kann. Also keine Barrieren durch unnötige Komplexität der Arrangements!“

Zu erleben ist „Karolina Strassmayer&Drori Mondlak – KLARO!“ am 21. April 2018 im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses ab 20 Uhr. Karten an der Abendkasse und im Vorverkauf.