Undogmatische Mischung aus Rock und Bubblegum

Veröffentlicht: 26. November 2017 in Allgemein

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Die Braunschweiger Glam-Rocker „Sweety Glitter & the Sweethearts“ feiern 30jähriges Bühnenjubiläum              Text: Klaus Gohlke Foto: EML. Fotografie

Ganz im Ernst: Respekt vor dieser Leistung! Dreißig Jahre als Glam-Rock-Band „Sweety Glitter & The Sweethearts“ zu touren, das bedarf großen Stehvermögens. Man muss sie und ihre Musik ja nicht mögen, aber auf jeden Fall: Hut ab! Woher diese Motivation, durchzuhalten? Ist’s Die „Kohle“? „Man kann davon leben, aber nicht reich werden!“, sagt Mastermind Volker Petersen. Oder träumen die Jungs doch noch davon, den großen Durchbruch zu erzielen? Da kann man nur mit dem Alt-Blueser Eddie „Cleanhead“ Vinson entgegnen: „It’s a dream, baby!“ Bloß ein Traum! Oder – ist es der Auftritt vor begeistertem Anhang, die Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung? Oder – kann man einfach nichts anderes? Oder – ist es eine Art höhere Bestimmung?

Wie dem auch sei. Es riecht nach so etwas wie Bob Dylans „Never ending tour“, der nie endenden Konzertreise, bzw. dem Dauerbrand der „Rolling Stones“. Das Standing muss man erst einmal haben. Dabei- und das ist das Merkwürdigste an dieser Band – machen die Jungs ja nur so etwas wie „Musik-Recycling“. Die Verwertung der Konkursmasse der Rockmusik der 1960er Jahre.

Als die Rock-Revolution sich drogensiffig in Monstershows mit Endlosgegniedel und Skandalen in die Perspektivlosigkeit verabschiedete, der „Stairway to heaven“ sich eher zum „Highway to Hell“ verwandelte, übernahmen die Glam-Rocker das Kommando. Rollenspieler, die eine eigene schrille Auftritts-Ästhetik entwickelten, die sich schon in der Namensgebung widerspiegelte. „Gary Glitter“, „The Sweet“, „T-Rex“, „Queen“, David Bowies „Ziggy Stardust“. Das Outfit ließ die Geschlechterrollen uneindeutig werden, Cross-Dressing war angesagt, Schminke und Glitzer. Und als das ausgelutscht war, Mitte der 70er, ging’s in die Discowelt, den Punk, den Synthie-Pop, je nach Vorliebe.

Und da kam – eigentlich völlig absurd und antizyklisch – „Sweetie Glitter & the Sweets“ aus unseren Braunschweiger Landen ins Rollen. Irgendwie schien die Welt des Androgynen, der geschlechtlichen Zweideutigkeit noch nicht erledigt. Nicht der Spaß an der ironisch-spielerischen, phantastischen Rockwelt. An schönen, eingängigen Melodien, zu denen man unbelastet abhotten konnte.

Also die Plateau-Schuhe angezogen, die maßgeschneiderten Lederjäckchen, leopardengemusterten Röhrenhosen, String-Tangas und Strapse, Stoas, Röckchen, rosa Täschchen und was die Phantasie noch so alles hergibt! Drauf die Schminke, die schrillen Perücken, das Glitzerzeug! Wenn David Bowie oder Elton John ihre Geburtsnamen ablegen konnten, dann die fünf Braunschweiger schon lange. Volker Petersen, Eiko Witt, Michael Hinze, Stephan Kabisch und Tobi Zweifler wurden kurzerhand zu Sweety Glitter, Randy B. Bluebird, Mighty Mitch McCennedy und Sir Tobi. Und ab ging es mit einer undogmatischen Mischung aus Rock und Bubblegum unter dem Motto „Love&Peace&Rock“.

Es war gewiss kein einfacher Weg, den das Quintett antrat. Aber das Konzept kam an, weil es stimmig war. Erscheinungsbild, Bühnenshow und musikalisches Handwerk überzeugten, was dazu führte, dass die „local heroes“ – sie nennen sich selbst die ältesten Newcomer – alsbald zur norddeutschen und schließlich zu der deutschen Glamrock-Attraktion wurden. Auftritte mit Rocklegenden wie Chuck Berry und Status Quo, die Eröffnung der Plaza-Bühne anlässlich der EXPO 2000 in Hannover vor zigtausenden Zuhörern, TV-Einladungen – all das zeigt die Wertschätzung der Band nun schon seit Jahren. Genauer: seit 30 Jahren. Zwei ausverkaufte Konzerte jetzt in Braunschweig und Schwerin – wie mag es weitergehen? Tatsächlich eine „never ending tour“? Mögliche Antwort der Glitzernden: „All I need is music and the free electric band!“

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Lebenswichtiges Jazzorgan

Veröffentlicht: 25. November 2017 in Allgemein

Die Braunschweiger Szenekneipe „Bassgeige“ feiert 40. Geburtstag

Text und Fotos: Klaus Gohlke

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„Sie haben ein Kleinod hier! Wo gibt es das noch in Deutschland?“, sagt Robert Landfermann, einer der bekanntesten deutschen Jazz-Bassisten bei einem kurzen Zwischenstopp auf der Reise von Krakau nach Köln über die „Bassgeige“ am Braunschweiger Bäckerklint. Und er muss es ja wissen, er kommt in der Welt herum. Aber – eine Jazzkneipe als Kleinod zu bezeichnen? Also als eine Kostbarkeit, ein Schmuckstück? Was soll das Kostbare, das Schmucke daran sein? Dass sie am 23. November 40 Jahre alt wird?20171123_211834

Seien wir ehrlich, Schönheit ist etwas anderes. „Verqualmt und abgeranzt!“, nennt die passionierte Szenegängerin Carola Remus die Kneipe. „Aber – ich mag sie halt!“ Abgeranzt? Vielleicht etwas zu hart. Aber ein echter Ra(e)ucherschuppen. Eigentlich out so etwas. Wer da reingeht, ist entweder passionierter Raucher, oder aber er nimmt die Atembeschwerden und den anschließenden Klamottengestank bewusst in Kauf. Weil, ja, weil es da etwas Wichtigeres gibt, als diesen „Kleinkram“. Was da wäre? Die Braunschweiger Jazzsängerin Britta Rex formuliert es so: „Die ‚Bassgeige‘ ist urig, ehrlich, erfrischend unangepasst an aktuelle Modeerscheinungen!“

Dieser Schlauch von Lokal, die schlichten Lampenschirme aus Peddigrohr-Geflecht, das zweckdienliche Mobiliar. Die überall – wiederum mit Carola Remus zu sprechen: „…verstaubten, liebevoll angesammelten und originell arrangierten „Steh-Herum-chen“ wie die PEZ-Figuren, die Ü-Eier-Basteleien, die Wachsposaune!“ Dazu die Plakate und Bilder. Absolut kein durchkonfektioniertes, steriles Gaststätten-Interieur. Und völlig kompatibel dazu die Erscheinung des „Bassgeigen“-Chefs Norbert „Bolle“ Bolz. Gern im karierten Hemd, die Haare altersgemäß ausgedünnt langfädig. Aber seien wir ehrlich: Der sich dokumentierende urige Eigensinn des Lokals mag seinen Charme haben, aber ein „Kleinod“ wird es dadurch doch nicht unbedingt. Nein, es ist anderes! Mehr!

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„Die ‚Bassgeige‘ ist mir über die vielen Jahre gleichsam ein musikalisches Zuhause geworden!“, so Hans-Christian Hasse, Jazz-Pianist und Dozent an der TU Braunschweig. „Eine anregende, seelenvolle Oase!“, meint der Braunschweiger Bassist Heinrich Römisch. Und Thomas Geese, ortsbekannter Schlagzeuger und Jazz-Autorität, verweist auf die größeren Zusammenhänge, die diese Spielstätte so besonders sein lassen: „Bolle hat die ‚Bassgeige‘ zu einer bundesdeutschen Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern gemacht! Die Bassgeige groovt!“

In der Tat! Dieser „Laden“ war über vier Dekaden so etwas wie ein zentrales Organ des Jazz. Braunschweig wurde zu einem Begriff in der Szene. Wer hier alles auflief, spielte oder einfach die Aura genoss – mit wem soll man anfangen, mit wem aufhören? Blues-Legenden wie Eddie „Cleanhead“ Vinson, Jack Dupree, Robert Lockwood Jr. gaben sich die Klinke. Jazz-Größen wie Horace Parlan, Jim Pepper, Charlie Mariano, Gerd Dudek, Joachim Kühn gastierten. Einer der gegenwärtig weltbesten Posaunisten, der Braunschweiger Nils Wogram, nennt die „Bassgeige“ einen für ihn „ganz wichtigen Ort, und zwar als eigene frühe Auftrittsmöglichkeit, als Ort produktiven Zuhörens, aber auch als Inspirationsquelle durch Bolles profunde Plattensammlung!“, die mittlerweile über 7000 Exemplare umfasst.

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Lange bevor man von „Networking“ sprach, schuf Bolle sein Jazz-Netzwerk. Das bedeutete, dass er nicht nur Musiker einlud, sondern auch zu den Jazz-Brennpunkten fuhr, um dort Kontakte zu knüpfen. Die internationale, regionale und lokale Szene wurden so in Verbindung gebracht und konnten sich präsentieren. Es war und ist für viele Musiker nicht nur der Region eine Ehre, in Bolles „Baßgeige“ aufzutreten.

Und das unter diesen räumlich arg eingeschränkten Bedingungen! Die Bühne am Ende des Lokal-Schlauchs ist, wenn ein Quartett mit Akustik-Bass, Piano, mittlerem Schlagzeug und Gebläse auftritt, eher ein „Stau“-Raum von 6 Quadratmetern. Man hockt nahezu aufeinander – und fast im Publikum. „Jazz direkt vor deiner Nase (bzw. Ohren). Atemberaubend, hautnah!“, charakterisiert Uli Papke, Braunschweiger Saxofonist und Session-Organisator das Ganze.

Das ist es gerade: Clubatmosphäre mit einem ganz besonderen Ambiente. So ein wenig New York der 40er und 50er Jahre: Birdland, Village Vanguard, Onyx, gewürzt mit etwas Jazzromantik. Deswegen Raucherlokal, Kneipenbetrieb während der Konzerte, der Zwang zur Improvisation auf und vor der Bühne. „Eng, heiß und inspirierend!“, bringt es Britta Rex auf den Punkt.

Das alles lässt die Musiker auftreten, auch wenn die Bezahlung nicht Gold ist. Weit mehr als 2000 Veranstaltungen gab es bislang. Man spielt auf Eintritt, spielt auch mal für einen Appel und ein Ei, weil man andernorts eine ordentliche Gage erzielen konnte. Aber – es kann auch sein, dass Bolle zulegen muss. Die Zuhörerkapazität ist im Lokal nun mal begrenzt. Gewinnstreben war allerdings nie Bolles Sache. Man muss sich da eben durch lavieren. Und das ginge weder physisch, noch psychisch, noch betriebswirtschaftlich, hätte Bolle nicht seine Lebensgefährtin, Karin Schlesiger, als Ruhepol an seiner Seite. Und gerade jetzt, wo es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten bestellt ist, braucht er sie mehr denn je.

„Bassgeige“ ist Bolle und Bolle ist die „Bassgeige“. Diese Szenekneipe und der Mann dahinter hätten den deutschen Spielstättenpreis verdient. Durch sie ist Braunschweig weit, sehr weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Er sollte sich noch bewerben! Ja, und er sollte auch noch ein Buch über diese Geschichte Braunschweiger Kultur schreiben. Material hat er zuhauf und ein phänomenales Erinnerungsvermögen dazu.

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Wie wird es weiter gehen? Bolle weiß es auch nicht so recht. Es kommt auf seinen Körper an. Läuft der weiter, läuft auch der Betrieb weiter. „Bis ich hinterm Tresen liege!“, sagt er schwarz-humorig. Mannomann. Gar nicht auszudenken, wenn dieses Kleinod plötzlich dicht machte!

 

Enrico Rava „New Quartet“ im LOT Braunschweig

Veröffentlicht: 26. Oktober 2015 in Allgemein

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Keine Angst vor Wölfen

Das „Enrico Rava New Quartet“ verblüfft im Braunschweiger LOT-Theater

Das Haupthaar trägt er immer noch offen und lang, ungezähmt, nunmehr aber angegraut. So auch sein Schnurrbart. Leicht gebeugt geht er zur Bühne, der Leitwolf Enrico Rava, 76jähriger Startrompeter aus Italien, oft in einem Atemzug mit Miles Davis und Chet Baker genannt. Und hinter ihm seine drei Jungwölfe. Ein Generationenprojekt, so scheint es. Alter Mann, erfahrungssatt, wehmütig-altersweise trifft auf ungebändigten Lebenswillen. Folglich: ein Abend mit  kontrollierter Musik und einigen Eskapaden, letztlich von Melancholie umflort. Wirklich?

Falsch, völlig falsch. Der Opener ist schon Programm. Eine ostinate Bassfigur, cleane Gitarre im frisellschen Schwebesound, dezentes Schlagwerk. Heraus schält sich in bestechendem Unisono eine wundervoll leichte Melodie. Sie wird wiederholt, hierhin, dorthin transponiert und – kaum entfaltet – nach allen Regeln der Jazzkunst verwandelt, verfremdet, zerstört. Das alles in einem beinahe freien,  sehr druckvollen Improvisationsteil mit viel Gestaltungsspielraum. „Cornette“, eine hintergründige Hommage  an  Ornette Coleman, endet wieder mit der strahlenden Melodie, die anfangs zu hören war.

Kontraste, das Zusammenführen ganz unterschiedlicher Traditions- und Gestaltungselemente war die Devise für dieses Konzert. „Wild dance“: Eine theatralische Eröffnung mit Trommelwirbel, Crescendo und Tusch wird fortgeführt mit einem orchestralen Gitarrenpart, der sich zu einem fetten Metal-Klang mausert. Dann ein nahezu bruchloser Übergang in swingenden Jazz, Zitate aus dessen Frühphase. Oder „Space Girl“: Ein vager, martialischer Rhythmus zunächst, dann Anklänge an Melodien des „Great American Songbook“ mit schönen lyrischen Flügelhorn-Passagen.  „Not funny“: eine ganz zurückgenommene Erinnerung an den Popsong und späteren Jazzklassiker „My funny Valentine“. Eher gelegentlich wird die Melodie berührt, sie bleibt vielmehr ein Hintergrundkontext.

Gewissermaßen war das Konzert eine gelungene Irreführung. Es lag ja nahe, zu meinen, dass Ravas „New Quartet“ eine Live-Version der jüngsten Studioproduktion „Wild Dance“ abliefert. Feiner ECM-Sound, ausbalanciert, eher dezent, wehmütig, hier und da Ausbrüche, aber voller Affektkontrolle.

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Eben das geschah nicht, und das lag an der losen Leine für die „jungen Wilden“. Ravas Trio konnte sich spielerisch frei bewegen, allen voran Gitarrist Francesco Diodati. Packend seine Arbeit am Griffbrett, absolut überzeugend der Einsatz der elektronischen Effekte. Was Gabriele Evangelista am Kontrabass leistete, war schon rein physisch unglaublich. Die rasend schnelle Begleitung nicht nur bei „Happy Shade“, insgesamt seine Art des Zusammenspiels auf der rhythmischen Ebene war beeindruckend. Und schließlich Enrico Morello am Schlagzeug: elegante Leichtigkeit, ein Dynamikexperte und Kenner aller möglichen Spielvarianten in der Geschichte seines Instruments,: bewundernswert.

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Es war eine kluge Entscheidung Ravas, als Harmonieinstrument das bei ihm übliche und stets hochrangig besetzte Piano durch die Gitarre zu ersetzen. Gitarristen können ihre Akkorde eben nicht mit 10 fingern spielen, wie Rava mehr oder weniger scherzhaft bemerkte. Der musikalischer Raum wird einfach transparenter, lässt mehr Luft für den spielerischen Atem, wenn man es denn so beherrscht, wie Diodati.

Andererseits wird durch die intelligente Verwendung ausgeklügelter Elektronik eine ganz neue Soundpalette bereit gestellt. Das gibt neue Farben, neue Klänge, neue dynamische Möglichkeiten bis hin zur Genreaufsprengung.

Und Ravas Flügelhornspiel? Es ist intensiv, elegant: von Leichtigkeit geprägt, aber auch von Eruptionen reiner Expressivität. In den Höhen merkt man die anstrengung mitunter. Aber ansonsten bleibt er nicht hinter seinen jungen Leuten zurück. Man spielt auf Augenhöhe, nirgends ein Anflug von Übervater. Woher Rava in dem Alter noch das Standing, vor allem die Luft für das intensive Trompetenspiel nimmt, wissen die Götter.

Insgesamt ein Sonntagabend mit einer tollen Mixtur aus Kraft, Eleganz, einem Blick in sehr unbestimmte ferne Gefühlswelten und auch Grandezza. Das Publikum im ausverkauften Haus war sichtlich beeindruckt.

Text: Klaus Gohlke     Fotos: K.C. Amme

Kein Schuss in den Ofen von Klaus Gohlke

Veröffentlicht: 28. September 2015 in Allgemein

Die Initiative Jazz Braunschweig eröffnete die Konzertsaison 2015/16 mit der Berliner Band „Shoot the moon“ unkonventionellshoot-grüner-salon3-foto-christian-betz-e1434974771809-300x155

Wie bekomme ich es hin, einzigartig zu erscheinen? Eine schwierige Kiste. Zum einen, weil jeder Mensch von vornherein einzigartig ist, siehe Fingerabdruck. Der aber ist – und da beginnt eben das Problem – nicht für jedermann sofort erkennbar.

Auch Jazzmusiker müssen Alleinstellungsmerkmale finden. Verkaufspsychologisch gesprochen, erhöht man so die Nachfrage und damit den Marktwert. Vorausgesetzt, das Besondere kommt nicht zu grob daher. Etwa der lauteste Drummer oder der speedigste Gitarrist zu sein.

Etwas Interessantes hat sich da die Berliner Kapelle „Shoot the Moon“, insbesondere die Bandleaderin und Saxofonistin Almut Schlichting ersonnen. Sie suchte Inspiration für ihre Jazztruppe in eher weltlichen Musiken des Mittelalters. In irischen Liedern, deftigen Volksfest-, Spott- und Tanzmusiken, aber auch im nordamerikanischem Country Blues. Und schrieb – weil die Band mit Winnie Brückner eine ausdrucksstarke Sängerin hat – ausgesprochen witzige bis skurrile Texte für ihre Kompositionen.Shoot_the_Moon-8998-e1392387690690-150x150

So fand sich das Braunschweiger Jazzpublikum am Freitagabend im Lindenhof plötzlich in der eigenartigen Welt der „Saints and fools“, der „Heiligen und Narren“ wieder. Piratenkönigin, Elisabeth I., St. Blaise, Sankt Barbara, Maria, Lucia, Wolf, Esel, Kaninchen und der große schwarze Hund gaben sich die Ehre. Und das auf eine Art und Weise, die im Jazz nicht oft anzutreffen ist, nämlich humorvoll.

Da wurden die heiligen Schutzpatrone kurzerhand in die Weltstadt New York versetzt, textlich und musikalisch. Sie wurden angefleht, den Kaffeestrom nie abreißen zu lassen und was es sonst noch so an Großstadtproblemen gibt. Aber nicht in Form frommer Choräle, das höchstens mal als ein fernes Zitat. Es war in diesem Falle eher programmartige „Fetzenmusik“, die in oft kurzen und dissonanten Phrasen das „Big Apple“-Gebrodel widerspiegelte.

Der alle Ausdrucksspektren durcheilende Gesang – Rock, Pop, Soul, Blues, Lied und Rap durchmischend, wurde thumbs_p1190011instrumental durch- und unterbrochen, kommentiert, kontrastiert hervorgehoben. Bassist Sven Hinse und Schlagzeuger Philipp Bernhardt hatten dabei eher die Aufgabe, für die beiden absolut überzeugenden Bläsern, neben Schlichting  der Bassklarinettist Tobias Dettbarn, das rhythmische Korsett zu bilden. Sie taten es absolut zuverlässig und funktional.

Freilich – diese Art Musik voller Brechungen, die mit den Genres spielte, ist sehr durchkomponiert. Die üblichen lockeren Solo-Passagen gab es weniger. Dafür aber ein hoch komplexes, anregendes Konzert, das den Zuhörern erkennbar Spaß machte. Ein viel versprechender Auftakt.

Fotos: Shoot the moon

Zwischen Rührung und Aufruhr

Nils Landgren und Michael Wollny begeistern bei Kultur im Zelt mit einem klugen Jazzkonzept

Von Klaus Gohlke

Cat Stevens‘ „Moonshadow“, Stings „Fragile“, Mr. Misters “Broken Wings”, Kris Kristoffersons “Please, don’t tell me how the story ends” – das ist Pop, Pop, Pop. Gewiss: schöner Pop. Nils Landgren: alter Schwede, was für ein Posaunenspieler!  Michael Wollny, Pianist, ein sogenannter „Junger Wilder“, den manche  in einem Atemzug mit Keith Jarrett und Herbie Hancock nennen – das ist Jazz, Jazz, Jazz. Wie geht das zusammen? Geht das überhaupt? Wer nimmt Schaden?

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Um das Ergebnis und das Konzertende vorweg zu nehmen: Niemand. Stehende Ovationen im nahezu ausverkauften großen Zelt. Und warum? Na klar, man re-interpretierte ja nun nicht nur Pop-Klassiker. Vor allem aber, weil die beiden Jazz-Hochkaräter ein paar kluge Grundüberlegungen anstellten. Erstens: Es kann nicht darum gehen, den aktuellen Entwicklungsstand des Jazz vorzuführen. Zweitens: Es muss aber auch gezeigt werden, was Jazz alles sein kann. Und drittens: Man muss die Distanz zu den Zuhörerinnen und Zuhörern überwinden.

Und was heißt das praktisch? Viel Melodie, Anknüpfung an Bekanntes, Improvisationen  hochgradig komplexer bzw. geradezu abgründiger Natur und schließlich Aufmunterung an das Publikum zu lockerer rhythmischer Mitarbeit per Hand und Fuß. Es ist das Einfache, was so schwer zu machen ist. Und das geht eben nur mit Ausnahmeerscheinungen wie Landgren und Wollny. Dass Landgren ein musikalischer Tausendsassa ist, der keine Berührungsängste kennt, ist bekannt. Er ist aber vor allem eins: ein Gefühlsmensch. Er will berühren, anrühren. Wenn er mit seinem leisen, etwas angerauten Tenor  „How fragile we are!“ singt, spürt man förmlich, dass wir auf dünnem Eis gehen. Zarte Melancholie durchweht seine Liebeslieder.  Dazu dieser wunderbar weiche Posaunenton.

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Das sind dann Steilvorlagen für Wollny. Er kennt sich ja bestens aus in der romantischen Musik und vermag Landgren bei seinen Gefühlsausflügen – nahezu in der Musik versunken – bestens zu begleiten. Aber wer ihn sonst in steter Unruhe auf seinem Klavierschemel herumrutschen sieht, weiß: es brodelt in ihm. Landgren gibt ihm viel Raum, das auszuleben. Und so wird innerhalb kürzester Zeit z. B. aus Willie Cobbs Bluesklassiker  „You don’t love me“ ein rasender Ausflug in die Möglichkeiten der Zerstörung aller Bluesschemata in melodischer, rhythmischer, tonaler Hinsicht. Fremde musikalische Welten tauchen kurz auf: Einfallsreichtum  und Virtuosität Wollnys sind umwerfend.

Was wiederum Landgren  zu großer Expressivität auf der Posaune herausfordert: Überblastechnik, Mehrstimmigkeit, schräge Glissandi und hohes Tempo. Keine Konkurrenz der Musiker, keine Eitelkeiten, sondern Begegnung auf Augenhöhe. Ein eindrucksvoller Abend, für den man gerne Schweiß tropfen ließ.

Amore, Amore, Amore

Veröffentlicht: 31. August 2015 in Allgemein

Etta Scollo und Joachim Król singen und erzählen bei „Kultur im Zelt“ von der Liebe

Text: Klaus Gohlke                                                       Fotos:Sonia Frangi (u); t-online.de (o)

„Erzähl mir von der Liebe!“ Na gut. Wäre es nicht am schönsten, wenn eine Frau und ein Mann das täten? Vielleicht nicht gerade so, dass es dabei um „ihre“ und „seine“ Sicht ginge, also kein klammheimliches Feminismus-Seminar. Eher so, dass beide je eine Kunstform nutzen, um sich dem Thema zu nähern? Literatur und Lied etwa. Anspruchsvoll und leicht zugleich? Und dann vielleicht auch aus fremdem Blickwinkel, sagen wir dem italienischen? Weil da die Leidenschaften stärker ausgeprägt sein könnten? Dann braucht man nur noch zwei Künstler zu finden, die das zu leisten in der Lage sind.

So ähnlich mögen die Überlegungen der sizilianischen Sängerin Etta Scollo gewesen sein, als sie das Programm für „Parlami d’amore“ entwarf. Sie ist die eine Künstlerin. Es fehlt der Mann. Doch gab es da nicht diesen deutschen Schauspieler, der den Commissario Brunetti so überzeugend rüber brachte: Joachim Król? Eine Lesung müsste es werden, die sich abwechselt mit Musik.  Und die präsentierte Braunschweigs „Kultur im Zelt“ am Samstagabend im ausverkauften kleinen Zelt.

Wunderbar anzuschauen, wie Król da auf der Bühne sitzt und vorliest! Die rechte Hand in ständiger Bewegung. Bilder in die Luft zeichnend von Wellen, Sand, Körperformen. Unterstreichungen und Abschwächungen markierend.images Gleichzeitig der linke Arm nach hinten eher ausgestreckt balancierend, um so scheinbar das Gleichgewicht zu wahren. Dazu eine exzellente mimische Leistung. Zweifel, Sorge, Wut, Lüge, Verstimmung, Freude, Überraschung, Trauer – die Figuren, von denen er spricht, nehmen förmlich Gestalt an.

Und  dann eben Etta Scollo, unterstützt von Cathrin Pfeifer am Akkordeon und Hinrich Dageför an diversen Saiteninstrumenten und der Perkussion. Ebenbürtig in ihrem Auftritt, vor allem nach der Pause. Eine außergewöhnliche Stimme, was allein den Tonumfang betrifft: vom tiefsten „Alt-Keller“ bruchlos in höchste Lagen rutschend. Aber auch ihre Phrasierungstechnik, ihre Rückgriffe auf unterschiedliche Genres wie sizilianische Folklore, Jazz und Chanson und die leuchtende Kraft ihres Auftritts beeindruckten.

Zweieinhalb Stunden  wechseln Lied und Lesung über den unerschöpflichen Stoff, zugleich ein schöner Einblick in italienische Erzählkunst.  Die Texte von Italo Calvino, Alberto Moravia, Paolo Conte, Salvatore Quasimodo, Andrea Camilleri sind abwechslungsreich. p1070918Es geht um den Voyeur, der sich pseudophilosophisch legitimieren will. Das Paar, das im Selbstmord die Erfüllung sucht, was freilich misslingt. Es geht um Geilheit, das Problem des Alterns, die Eitelkeit, den Neubeginn, das Unerfüllte – mal humorvoll, mal sarkastisch, mal nachdenklich oder skurril. Vielleicht etwas zu sehr der Männerblick?

Zum Abschluss dann ein Tanzlied.  Scollo und Król als Vortänzer. Das Publikum applaudiert stehend.

Ich mache dir die Maßgitarre

Matthias Meyer hat mit „Bassart“ eine respektable Nischenproduktion aufgebaut

Den Laden musst du erst einmal finden! Büchnerstraße in Braunschweig. Wobei – es ist ja kein Laden. Vielmehr eine Kelleretage: ausgedehnter Werkstattbereich mit einem Geschäftsraum. Ein Ein-Mann-Betrieb. Sitz der Firma „Bassart Guitars“. Ja, richtig. Da baut ein Mensch Gitarren und Bässe, elektrische. Ja, und auch richtig: Das klingt sehr abgedreht.

Es gibt doch Fender, Gibson, Ibanez, ESP, und vor allem diesen ganzen Fernost – Plunder à la Harley Benton, den Mega-Musikalienhändler in den Markt schwemmen. Warum, lieber Matthias Meyer, so heißt der gelernte Tischler und  von der Handwerkskammer anerkannte Gitarrenbauer, soll ich bei Ihnen eine Gitarre kaufen?IMG_0194

„Um es gleich klar zu sagen: Wenn du eine Gitarre für 100 bis 150 Euro bei mir haben willst, dann bist du verkehrt. Ich baue nur hochwertige Instrumente. Es ist vergleichbar mit einem Anzug, den du dir vom Schneider machen lässt. Der ist dir exakt angepasst, deine Wünsche sind berücksichtigt. Ein Maßanzug. Ich mache dir die Maßgitarre.“

Das klingt gut, konfrontiert den Käufer aber mit Fragen, die ihm beim Kauf eines Fertigprodukts erspart bleiben. Man muss u.U. selbst die Form des Gitarrenkörpers festlegen. Sich Gedanken über die Gestaltung der Decke und des Kopfes machen. Will man z.B. Birkenfournier oder eine Farblackierung? Man muss sich mit der Elektrik beschäftigen. Den Tonabnehmern, Schaltern, Knöpfen und was es sonst noch gibt. Will ich hochwertigste Technik aus Deutschland oder günstigere aus Asien? Mechanikfragen sind zu erörtern. Und Ökologisches: Fragen der nachhaltigen Herstellung. Ist das Holz zertifiziert, die Händler regisrtiert?  Oder aber will man ein Instrument ganz aus einheimischem Holz, z.B. Elm-Esche. Meyer kooperiert mit der dortigen Försterei. Hohe Anforderungen an die Käufer!

Meyer sieht das gelassen. „Natürlich ist viel mehr zu kommunizieren. Aber du verstehst dann auch mehr von deinem Instrument. Und vor allem: Du hast ein ganz individuelles Produkt, ein Unikat. Und wenn etwas nicht in Ordnung ist, kann alles direkt hier geklärt werden.“IMG_0195

Das klingt gut, riecht aber nach happigem Preis. „Es kommt darauf an, was du ausgeben kannst und willst“, beruhigt Meyer. „Ich muss auch auf ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis achten. Sonst kann ich nichts verkaufen. Deshalb biete ich auch fünf eigene Modelle mit Varianten an und beliefere damit Händler in Deutschland, der Schweiz, Spanien und den USA. Diese Instrumente sind Serie. Wer nicht mitentscheiden will, nimmt so ein Instrument.“

Der Mann ist sehr zurückhaltend. Von sich aus erwähnt er nicht, dass 1.Liga-Musiker auf seinen Instrumenten spielen: die Scorpions, Metallica, Neurosis etwa. Hard Rock, Metal, das ist, was er selbst am Bass auch gern spielt, er ist also auch Praktiker.

Wenn man in das produktive Chaos der Werkstatt blickt, fallen Maschinen auf. Elektrohobel, eine CNC-Fräse, Kreis- und Bandsägen. Werkzeuge, Hölzer, Farben. Alles Sachen, die Geld kosten. Und das soll der Instrumentenbau alles einspielen? „Nee. Ich hab noch weitere Standbeine, sonst käme ich nicht hin. Reparaturen, auch vom Equipment, Restaurationen, Farblackierungen, Aging (künstliches Auf-alt-Trimmen). Da kommen Aufträge aus halb Europa. Sehr interessante Dinge mitunter.“

Matthias Meyer, Anfang 50, wirkt zufrieden mit seiner Tätigkeit. Zwanzig Jahre macht er das schon. Aber – immer allein vor sich hin werkeln, ist das nicht doch etwas einsam? Das sieht er nicht so. Er sei eigentlich schon immer ein Eigenbrötler. Leute einstellen, das sei alles mit Bürokratie verbunden, lenke vom Eigentlichen ab: der Tüftelei mit Instrumenten.