Archiv für September, 2019

Kammermusik mit produktivem Hintersinn

Veröffentlicht: 30. September 2019 in Allgemein

Das Londoner Phacelia-Ensemble spielt im Lucklumer Rittersaal ein hinreißendes Jubiläumskonzert  zum 200. Geburtstag von Clara Schumann         Text/Fotos: Klaus Gohlke

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Die Komture und ihre würdigen Verwandten blickten sehr ernsthaft aus ihren Bilderrahmen auf das Auditiorium und die Musici im Rittersaal des Herrenhauses zu Lucklum. Von der Sache her bestand dazu aber gar kein Anlass. Kammermusik sollte zur Aufführung gelangen. Vorgetragen vom jungen und doch schon renommierten Londoner Phacelia-Ensemble. Und zwar Kammermusik, die eher mit Schwung, Licht und Willen, denn düster-melancholisch daherkommt. Zudem ein Gruß zum 200. Geburtstag Clara Schumanns.  Allerdings mit Hintersinn! Was an der Kuratorin und Leiterin des Ensembles liegt,  der gebürtigen deutschen Pianistin  Elisabeth Streichert. Großartige Klaviermusik sollte, so ihre Idee, auch in kleinen Konzertsälen stattfinden. Was bedeutet, orchestrale Werke für kleine Ensembles umzuschreiben, damit eine Tradition des 19.Jhd. aufgreifend.

So offerierte man ein formal und historisch gemischtes Programm, das sehr klug mit einem Werk der Frühmoderne, nämlich Zoltán Kodálys Streichquartett No.2 begann. Selten gespielt, vielleicht, weil es etwas rau sich präsentiert. Zwischen unruhig-schrägen, aufbegehrenden Momenten und zurückhaltenden Passagen, Heftig-Bewegtem und Elegischem  kontrastiv changierend, kommt das Werk oft recht dissonant daher, in seiner freien Struktur nicht leicht durchschaubar. Trotzdem oder deshalb faszinierend, und für die Streicherinnen und Streicher sicherlich ein Leckerbissen, weil technisch herausfordernd und beeindruckend. Ein absolut überzeugender Einstieg.

Höchst gespannt konnte man dann auf die Realisierung der Transkription von Clara Schumanns einzig überliefertem Klavierkonzert a-Moll op.7 sein. Mit 16 Jahren komponiert, gewissermaßen ein Sturm-und-Drang-Werk, mit dem Klara zeigen wollte, wo die Harke liegt. Ein echtes Orchesterstück, nunmehr „herunter gebrochen“ auf ein Klavier-Sextett. Allerdings ohne Bruch. Der Maestoso-Beginn des Originals wird kammermusikalisch reduziert, ohne an Kraft zu verlieren. Die Transparenz der Stimmen wirkt hier gleichsam als Folie für den stolzen, virtuosen Anfang und die dann folgende Fantasie. Freilich bietet sich die Clara Schumannsche Komposition auch geradezu an für diese kleine Formation, insofern es im zweiten Satz ausgreifendere Klaviersolo-Passagen und die als Klavier-Cello-Dialog gestaltete  Romanze gibt. Zu Herzen gehend. Der tänzerische dritte Satz dann zeigt wiederum das Besondere der Umarbeitung. Natürlich ersetzen fünf Streicher kein Orchester. Wohl aber kommen so fünf Stimmen mit je eigenem Aussagecharakter zu Wort. Lediglich die Pizzicati gehen beim Powerplay des Klaviers  etwas unter.

Franz Schuberts Klavierquintett A-Dur, das sogenannte Forellenquintett, ist für den zweiten Teil des Konzertes klug gewählt. Einmal mit Blick auf das Auditorium: Der 4. Satz, den Variationen über das Lied von der Forelle, so etwas wie das Herzstück des  Werkes, hat schon fast Gassenhauer-Charakter. Aus Sicht der Musiker: Eine Komposition, in der man alle musikalisch-technischen Qualitäten und Ausdrucksmöglichkeiten entfalten kann. Und das tat das Ensemble. Es gelang den fünf Interpreten mit ihrem höchst aufmerksamen Interplay und der technischen Brillanz die formale und klangliche Schönheit des Werkes aufscheinen zu lassen.

Das abschließende folkloristisch inspirierte „Scarborough Fair“ war ein stimmungsvoller Schlusspunkt dieses vorletzten Kammermusik-Nachmittags im Lucklumer Herrenhaus. Große Anerkennung beim Publikum.

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Das Konzert wurde vom Deutschlandfunk Kultur mitgeschnitten und wird am 1. Oktober von 20.03 bis 22 Uhr übertragen.

 

Besser geht nicht

Veröffentlicht: 27. September 2019 in Allgemein

20190926_202618Das Trio des israelischen Jazzbassisten Avishai Cohen beeindruckt nachhaltig  bei Kultur im Zelt                                                                                   Text/Fotos: Klaus Gohlke

Das war schon volles Risiko, den israelischen Bassisten Avishai Cohen mit seinem Trio am Donnerstagabend in das Kulturzelt als Haupt-Act nach Braunschweig zu holen. Nicht, dass er dessen nicht würdig wäre. Ganz im Gegenteil. Wenn nicht ihn, wen sonst? Aber – wer kennt ihn schon, diesen Nischen-Genre-Musiker?

Zudem: Cohen ist eine Art Chamäleon. Mal gibt er sich afro-karibisch, dann strikt modern-jazzig. Sein letztes Album „1970“ kam sehr kommerziell daher. Also: alles nicht leicht einzuschätzen. Und so fehlte es dem Konzert an dem Zuspruch, den es verdient hätte. Nicht schlecht besucht, aber auch nicht gut. Deshalb die fehlende offizielle Konzerteröffnung? Schon seltsam.

Cohen kam mit seinem langjährigen Schlagzeuger Noam David und einem jüngeren aserbaidschanischen Pianisten, Elchin Shirinov. Beides keine Begleiter, sondern absolut ebenbürtige Partner. Und sie spielten Cohens jüngstes Album „Arvoles“ wie aus einem Guss. Musik, die sich aus vielen Traditionen speiste, oftmals schön lyrisch-liedhaft „erzählt“. Afro-Karibisches, traditionell Sephardisches, Swing, Bop, Ethno und Fusion. Aber nicht zusammengekleistert, sondern in den Eigenkompositionen sinnvoll entwickelt.

Das spielte kein Klaviertrio im üblichen Sinne. Die Rollen waren vielmehr gleichwertig verteilt, niemand nur Zuträger. Die Soli blieben konsequent begleitet und besonders erfreulich war, dass Cohen immer wieder mit dem Bogen spielte, was das Spiel von den Klangfarben und den rhythmisierenden Möglichkeiten her ungemein farbig werden ließ.

Musik auf höchstem Niveau. Stehende Ovationen aus tiefem Respekt und eigentlich auch für den Mut der Veranstalter.

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