Die Welt ist grässlich und auch wunderschön

Veröffentlicht: 9. April 2019 in Allgemein

20190405_222126Der Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen setzt die Konzertreihe „Musik bei Freunden“ im Aquarium des Kleiner Hauses mit melancholischen Akzenten fort    Text und Fotos: Klaus Gohlke

 Für seelisch Instabile war’s gefährlich, was Gisbert zu Knyphausen (hinfort aus Platzgründen: Gisbert z.K.) da am Freitagabend musikalisch bot. „Also, der nächste Song ist etwas deprimierend!“ Stimmt. Es geht um Entfremdung, Datenflut. Dass dieser ganze Müll nicht mehr rein passt in den Kopf. Gut, d.h. natürlich nicht gut, was die Botschaft betrifft. Gisbert z. K. lässt nicht locker. „Ja, der nächste Song ist genauso deprimierend.“ Es geht nun um einen Vater. Allein.
Fahles Gesicht im Novemberlicht. „Die Stille fällt auf den Asphalt!“ Dröhnend dunkle Akkorde zum Schluss. Aber dann vielleicht… Nix. Etwa wieder Depri? Genau. Diesmal sucht eine alte Dame in der Kirche ein Gespräch mit dem Herrn. Es geht um letzte Dinge. Nur, der Herr antwortet gar nicht. Da ist nur Schweigen. Gott ist tot, offenbar.

Gisbert z.K. aber tut unerschrocken. „Meine Konzerte sind heimliche Therapie-Stunden!“, erläutert er tröstend für Sensibelchen. Dabei lächelt er unergründlich. Nun gut. Es gibt ja auch Licht am Ende des depressiven Tunnels. „Dich zu lieben, ist einfach!“ etwa. Fenster und Türen gehen auf! Luft und Sonne flutet die Wohnung. Also die Seele. Dann erklingt ein Wiegenlied für ein Neugeborenes. Aber auch darin wieder so ein kleines borstiges Suppenhaar: „Das Chaos hier ist unendlich, aber die Liebe auch!“ Immerhin.

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Das Publikum nimmt das alles locker. Sie kennen ihren Gisbert, der sich an diesem Abend allein unplugged mit der Gitarre oder am Klavier präsentiert. Sie wissen, dass die Traurigkeit der Motor seiner Songproduktion ist. Und was sie mögen, das ist die Tatsache, dass er nicht poppig daher kommt. Die Texte: anspruchsvoll, aber nicht zu hirnig, kein triefendes Pathos.  Die Musik dazu passend vielschichtig. Viel Moll, na klar. Aber nicht die vollen Akkorde. Nein, viel Gebrochenes, nicht Vorhersagbares mit eleganten Verbindungen. Feines Picking.

Er quatscht die Leute auch nicht voll, eher spröde wirkt er anfangs. Obwohl das  Konzert-Konzept, das sich die drei Theaterleute Timo Scharf, Jörg Wockenfuß und Christoph Diem ausgedacht haben, zum Small-Talk verführen könnte. Beide Seiten, Musiker und Zuschauer. Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre. „Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Vergnügungsdampfer. Im Sitzliegen oder Barstehen!“ verspricht der Trailer. Die scharfe Trennung von Publikum und Akteuren verschwimmt. Gisbert z.K. spielt stellenweise Wunschkonzert. Textaussetzer ergänzt das Publikum, alles Hard-Core-Fans offenbar. Ein junger Mann begleitet Gisbert z.K. während einer Zugabe stimmlich und instrumental. Verblüffend.  Etwas Vertrauliches ist da, etwas Überschaubares, fast Intimes. Das Konzept der Theaterleute geht voll auf. Alle vier Konzerte bisher ausverkauft. Eine gute Idee, das Staatstheater auch von so einer Präsentation her attraktiv zu machen.

Zurück zu Gisbert z.K.. „Jeder Tag ist ein Geschenk, es ist nur scheiße verpackt!“, sagt er. Das sieht das Publikum an diesem Abend völlig anders. Viele erfolgreiche Zugabe-Verhandlungen.

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