Älter werden geht von selbst

Veröffentlicht: 24. Februar 2019 in Allgemein

Herman van Veen genießt sein 45-jähriges Bühnenjubiläum in der nahezu ausverkauften Braunschweiger Stadthalle     Fotos und Text: Klaus Gohlke

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„Neue Saiten“ heißt Herman van Veens neue Tournee. Aber – zieht er wirklich neue Saiten auf?  Vielleicht muss man das Sprachbild etwas genauer betrachten. Neue Saiten braucht‘s, wenn die alten nicht mehr klingen. Das Instrument bleibt gleich.

So auch am Freitagabend in der Stadthalle. Van Veen  singt, tanzt, rezitiert, parodiert, zeigt sich als Multi-Instrumentalist, als Autor, als Pantomime, als Kritiker und Humorist. Kurz: als Kleinkünstler im besten Sinne des Wortes. Das, was er immer tat. Seit nunmehr 45 Jahren, im 73. Lebensjahr. Quicklebendig, immer noch die Häuser füllend.

Neue Saiten – das meint seine Band und die Musik. Ein hervorragendes Quartett, allen voran die technisch brillante Gitarristin und musikalische Partnerin Edith Leerkes. Aber nicht minder beeindruckend die Geigerin und Sängerin Jannemien Cnossen, die Perkussionistin, Harfenistin und Co-Sängerin Wieke Garcia und der Bassist und Keyboarder Kees Dijkstra. Ein feines Akustik-Set, das Elektronik förderlich einsetzt und stilistisch unbegrenzt scheint. Chanson, Rock ‚n‘ Roll, Irish Folk, Flamenco, Pop, Klassik. Aber nicht als aufgeblasenes „Was wir alles können!“, sondern fein arrangiert. Hier eine kleine Jacques Brel-Anspielung, dort ein Rückgriff auf den Beatles-Klassiker „Blackbird“ als unterlegte Melodie. Dann neben den neuen Eigenkompositionen wie „Schreib mir“, „Pommes“, „Was fast Verrücktes“ auch eine Kontrafaktur auf Michel Legrands  „The Windmills of your mind“ mit tief melancholischem Text über die fehlende Arznei gegen das Alt- und Einsam-Werden.

Van Veen spielte schon immer feine Musik, diesmal noch etwas feiner? Durchaus. Diese neuen Saiten aber füllten keine Hallen. Sie sind vielmehr Mittel zum Zweck, Grundlage seines zeitübergreifenden, geradezu unzeitgemäßen Themas. Nämlich das Alltägliche zu würdigen. Die Missklänge des Morgens, die Eigentümlichkeiten des Partners, der Eltern, der Kinder und nicht zuletzt die eigenen.  Das Peinliche, das Heimliche, das Schöne und Gemeine, Witzige und Tragische . Ja, und  – gewissermaßen nahe liegend – das Altern und der Tod. Aber  das alles nicht mit der heute gängigen penetranten Aufgeregtheit und Unleidlichkeit. Stattdessen Gelassenheit, Ausdauer und Humor als conditio sine qua non, als unabdingbare Voraussetzung gelingenden Lebens.

„Ich lieb dich noch!“, singt er. Er spricht mit der toten Mutter, dem verstorbenen Freund, über den Lebensweg der Kinder, Kriegsleid, verfolgtes Anderssein, Regenwetter – aber, und das macht van Veen eigentlich aus – ohne jegliches Abgleiten in den Kitsch, in hohles Pathos. Eine überraschende Wendung, ein Wortwitz, eine Parodie, musikalische Kehrtwendungen, die clownesken überlangen roten Socken, die er trägt – all das holt zurück auf den Boden.

Van Veen hat eine Botschaft, zweifelsfrei. Aber er doziert nicht, arbeitet nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Er lebt sie auf der Bühne vor und begeistert ungemein.

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