Archiv für August, 2018

Fotos und Ankündigungstexte (K. Gohlke)

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Tonverein Babelka

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Männerversteher

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Frank, der Tonmeister

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12 Bars

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Grey Bones

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Eine Frau mit Stil

Veröffentlicht: 23. August 2018 in Allgemein

20180822_201550Esther Ofarim eröffnet das 20. Braunschweiger Festival „Kultur im Zelt“              Text und Fotos: Klaus Gohlke

Wie sie da so am Mikrofon steht, die Esther Ofarim! Zerbrechlich-zart, lange schwarze Robe, kupferrotes Haar – als sei sie einem Bild des Expressionisten Egon Schiele entsprungen. Knappe Gesten nur, kaum eine Ansage, kurze Dankesblicke für ihre vier Begleitmusiker, freundliche Entgegennahme des Beifalls. Klare Botschaft: „Achtet auf die Musik, nicht auf mich!“ Und wenn sie dann den Mund aufmacht, nun, die Stimme ist nicht mehr so glockenhell wie einst, aber immer noch erstaunlich wandlungsfähig und präzise selbst in hohen Lagen. Musizieren mit Willen und nach ihrer Vorstellung. Esther Ofarim ist 77 Jahre alt.

Warum tut sie sich das noch an? Sie, von der man sagt, dass sie immer noch unter Lampenfieber litte, sehr zurückgezogen, nahezu bescheiden lebe, Anti-Star sei. Einen erneuten Auftritt zum 20.Jubiläum des Braunschweiger Festivals „Kultur im Zelt“, der letzte liegt immerhin elf Jahre zurück.

Festival-„Chefin“ Beate Wiedemann legt das Veranstalterinteresse dar. „Wir suchten ein Premierenkonzert, das ans Herz geht. Und nach Esthers Konzert damals waren alle so angerührt. Eine Dame fiel mir spontan mit Tränen in den Augen um den Hals. Daran erinnerten wir uns und schon war alles klar.“

Esther Ofarim sagte zu und tat sich offenbar nichts dabei an. Sie verspüre, so sagte sie in einem Interview, ein Gefühl des Leichtwerdens beim Singen, im Kontakt mit dem Publikum. Dass das harte Arbeit ist, hohe Konzentration – das merkt man ihr bei ihrem Gang durch musikalische Genres nicht an.

Sie will sich als Sängerin mit breiter Palette präsentieren. Große Songs, große Namen. Leonard Cohen, die Beatles, Brecht/Weill, Broadway-Songs, Irisch-englische und hebräische Folklore. Und weil die Original-Musik so bekannt ist, interessiert natürlich ihr Zugriff. Klar, es gibt Interpretationen, die nicht viel Neues bieten. McCartneys „Yesterday“, Arlens „Over the Rainbow“, Cohens „Hallelujah“ etwa. Gut gecovert, fertig. Aber es gibt durchaus interessante Herangehensweisen. Der Beatles-Klassiker “She’s leaving home” wird heftig dramatisiert. Wo Leonhard Cohen in „Bird on the wire“ versucht, die musikalische Schlichtheit nicht mit Sentiment zu verkitschen, versucht die Ofarim gerade den emotionalen Kern herauszustellen. Auch ohne Kitsch. Anrührende Zartheit durch Reduktion auf Piano und Stimme bei „Mad about the boy“, das wohl den meisten durch Dinah Washington bekannt geworden ist. Weniger überzeugend bleiben die Brecht/Weil-Klassiker „Surabayah Johnny“ und „Alabama-Song“. Das einfühlende Leiden steht zu sehr im Zentrum des Bemühens, weniger die konterkarierenden Hass- und Wutgefühle, eine gewisse fiese Schärfe.

Die Band erweist sich bei all diesen unterschiedlichen Anforderungen als eine Art musikalische Lebensversicherung. Die Ofarim erweist den vier Männern die Ehre, indem sie sie drei Titel allein spielen lässt. Das hat Stil.

Zum Schluss dann, dramaturgisch geschickt, ihr Welthit aus früheren Zeiten „In the Morning“, später noch „Cinderella Rockefella“. Ein guter Ausklang. Keine Tränen, wenig Rührung, aber großer Respekt im moderat gefüllten Zelt.

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Ich muss hier raus!

Veröffentlicht: 5. August 2018 in Allgemein

20180804_222804Max Giesinger wird seiner Rolle als Topact der NDR-Open-Airs in Wolfenbüttel gerecht                                                                                  Text und Fotos Klaus Gohlke

„Licht aus! Spot an!“ So ungefähr. Die Beats der Bassdrum direkt gekoppelt mit den Flashlights der Bühnenbeleuchtung. Ein lang dahinschwebendes keyboardlastiges Intro und auf geht’s mit Max Giesinger beim Stars@ndr2-Open-Air in Wolfenbüttel. Headliner ist er des langen heißen Tages Reise in die Nacht. „Roulette“ ist der Opener, aber kein Glücksspiel mit dem Publikum. Er will ran an die Leute. 20000 seien es, meint Moderator Christopher Scheffelmeier. Ist wie bei Demos: die Veranstalter rechnen gern nach oben.

20180804_190344Ran an die Leute, das heißt runter von der Bühne. Händeschütteln, Abklatschen, Lächeln, Singen. Er wirkt fit, ist gut gebräunt im weißen Tank Top. Wieselt durch die Menge wieder hoch auf die Bühne. Das Publikum schnell auf seine Seite ziehen, bedeutet auch, seine Hits nicht zu spät zu platzieren. „Legenden“ vom neuen Album also schon früh gespielt. Das kommt gut.

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Der Song hat ja auch das, was ein guter Pop-Song haben muss. Hooklines eben. Etwas, was sich festhakt. Ein guter Refrain und eine einprägsame Melodie. Gilt natürlich auch für Giesingers „Wenn sie tanzt“ und die elend ausgedehnte Zugabe „80 Millionen“. Das muss nicht sinnvoll sein oder anspruchsvoll, wie Jan Böhmermann ja schon hinreichend zeigte. Es muss aber Gefühle treffen: Alltagsgefühle, jedermanns Gefühle, Alltagsthemen. Wovon Böhmermann nicht spricht.

Dass einen das alltägliche Einerlei, das Immergleiche, das graue Grausen, anödet, wer verspürt’s nicht? Giesinger spricht’s aus, singt’s raus in „Legenden“. Musikalisch sehr clever gemacht die doppelte Steigerung hin zum Refrain, dessen Anfangszeile dann sitzt. „Wenn die Erde sich zu langsam dreht, dann laufen wir so schnell es geht…!“ Nachts im Bett wachwerden und „Wenn die Erde sich zu langsam dreht…“ im Kopf haben. Manche haben Tränen in den Augen, andere küssen sich. Geteilte Gefühle offenbar.

20180804_211033Diesen ganzen Stuss, den der Max da singt von der Flucht im Flugzeug, endlosen Straßen, namenlos sein – vergiss es. Natürlich muss man erst einmal Geld haben, ein Flugzeug finden, dann muss man durch Kontrollen, auschecken, Hotel finden, es gibt gar keine endlosen Straßen und was sind denn „Legenden für einen Augenblick“? Alles realitätsfern – nur darum geht es gar nicht. Es geht um gemeinsame Gefühle für einen Moment, in diesem Moment im S20180804_214909ommer in Wolfenbüttel.

Und Max Giesinger gibt dem Affen Zucker. Er hat die Entertainerrolle angenommen. Etwas geschwätzig mitunter, und die Mitsingübungen ermüden eher. Ob Giesinger und die anderen deutschen Pop-Poeten der „Hot Rotation“ das Potential haben, sich zu etablieren, darf man mit Recht bezweifeln. Es interessiert das Publikum auch nicht, stehen doch andere schon in den Startlöchern, die Sehn-Süchte zu befriedigen. Wie es offenbar auch nicht so sehr interessiert, dass es andere Musik gibt, die einen weniger frustriert wieder in den Alltag zurück kehren lässt.