Archiv für Juli, 2018

Gewitterzelle lässig gekontert

Veröffentlicht: 30. Juli 2018 in Allgemein

20180728_214250Silent Radio kämpfte beim BRAWO Open Air auf dem Wolters Hof wieder mit dem Gewitter und obsiegte                                                           Text und Fotos: Klaus Gohlke

 Ein junger Mann betritt die Bühne und fragt heiter: „Kennen Sie mich noch vom letzten Jahr?“ Aha, ein Special Guest beim Konzert von Silent Radio im Rahmen der Volksbank BRAWO Bühne. Allerdings – kein Applaus, eher ein Aufstöhnen im Sinne von „Nicht schon wieder!“. „Eine Gewitterzelle befindet sich genau über Braunschweig, wir müssen das Konzert unterbrechen und in die Lagerhalle verlegen!“, fährt er cool fort.

Man fühlte sich ans weihnachtliche „Dinner for one“ erinnert. An James‘ Frage: „Same procedure as last year, Ms. Sophie?” Yes, Silent Radio, auch dieses Jahr der Kampf gegen das Gewitter und die Fortsetzung in der Halle. Hat ja auch was. Der Umzug vollzieht sich heiter-gelassen. Alles ist sorgfältig organisiert und umsichtig vorgeplant. Keine einfache Sache, 2000 Fans ohne Chaos zu dirigieren. Aber auch Fans, die die Sache positiv sehen und dafür sorgen, dass der Stimmungspegel gehalten wird. Respekt!

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Dabei fing ja alles so normal an. Gutes Catering, Fingerlaternen für jedermann, wohlige Feucht-Wärme. Der Singer-/Songwriter Son mit Band wärmte auf. Leider nicht unbedingt beglückend. Gute Stimme, durchaus, aber der Sound war schlecht abgemischt. Jedes Viertel der Bass Drum, und davon gab es viele, traf ins Zwerchfell. Diese Art von Musik braucht überhaupt nicht maximale Lautstärke.

Und dann diese leidige Anrede mit „Hallo, Braunschweig!“ „Braunschweig! Ihr seht gut aus!“, so Son. Ja, geht’s noch? Dass Silent Radio ähnlich ansprach, macht’s ja nicht besser.

Aber dann: David Bowies „Heroes (just for one day)!“ Das war der Opener der Braunschweiger Lokal-Helden. Kein leises Radio. Lars Bottmer fieberte mit seiner Akustischen auf der Bühne herum wie Bruce Springsteen. Ein satter Sound und klare Ansage: Mitmachen! Also singen, tanzen, klatschen, lichtern. Und damit das allen klar wird, gleich noch „Sweet dreams“ von den Eurythmics, gefolgt von einer obligatorischen U2-Interpretation.

Die Band ist absolut gut eingespielt mit Claus Hartisch an der Gitarre, Jens Müller am Bass, Lars Plogschties am Schlagzeug und Rainer Tacke an der E-Geige. Und in Lars „Louie“ Bodmer hat sie einen Sänger, dessen Stimme passt und selbst in den Höhen beinahe an Kraft gewinnt. Nicht unbedingt charismatisch im Auftreten, aber enorm treibend, der Mann.

Diese Mixtur aus Greatest Hits of Popmusic und Eigenkompositionen kommt an. Rihanna, Scorpions, Whitney Houston, Joan Osborne, Oasis: Das schafft Raum für ganz private Erinnerungen, Gemeinschaftsgefühl, Pathos, Sentimentalitäten. Und selbst so ein blitzlichterndes Konzerttorpedo kann der guten Grundstimmung keinen Abbruch tun.

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Wie lange die Band mit diesem sich wiederholenden Konzept wohl noch Attraktion ist? Wie dem auch sei, die Antwort weiß eh nur der Wind. Aber nahezu genialisch war Einfall der Musiker, gegen Ende des Hallen-Intermezzos dem Wetter draußen Princens „Purple Rain“ entgegen zu halten. Ob man den anschließend draußen so purpelig empfand, sei dahin gestellt. Ohne Frage aber ein beeindruckender, stimmungsvoller Abend.

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Wir tanzen den Regen weg

Veröffentlicht: 12. Juli 2018 in Allgemein

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Die Singer-Songwriterin Lotte kämpft bei ihrem Sparkassen-Open-Konzert gegen die Regenmelancholie                                                        Text und Fotos:   Klaus Gohlke

Ein Konzert im Regen muss nichts Schlimmes sein. Und auch wenn gleichzeitig ein Fußball-WM-Halbfinale gespielt wird, ist das nichts, was trübsinnig stimmen muss. Nein, es ist, wie es ist. Dem bietet man die Stirn. The Show must go on. Das schien sich auch Lotte, die 22jährige Singer-Songwriterin mit ihrer Band am Mittwochabend im Après – Tennis – Konzert so vorgenommen zu haben. Fieser Regen setzte kurz vorm Gastspiel ein und trieb die Besucher unter das Dach des großen Vorbühnenzeltes. Da es nur sehr wenige Hundert waren, war das kein Problem.

„Wir tanzen den Regen weg! Das wird ein schöner Abend!“, prophezeite die Musikerin zuversichtlich. Und sie machte Vieles auch ganz richtig. Start in den ersten Song ohne Handbremse. „Farben“ heißt er. Also schon mal dem Wetter widersprochen! Das Publikum wird ins Konzert hineingezogen. Es geht ans Mitklatschen, Mithüpfen, Mitsingen. Zwischendurch Stimmungswechsel ins Intimere. Nur Stimme und Keyboard. Keine einfache Sache, klappt aber, denn Lotte kann singen.

Das Publikum ist überdies willig und beweist Kennerschaft. „Auf beiden Beinen“ wird textsicher mitgesungen. Und der Song hat ja auch was. Es geht um Freiheit und Bindung, Liebe und Trennung, Freude und Ängste. Der Text ist offen. Es mag um das Ende einer Liebe oder die Trennung von Zuhause gehen. Lotte also so etwas wie ein Role-Model. Wenn es dann über die „Flügel-Bridge“ in den Refrain geht, schiebt die Musik richtig nach vorn. Gut.

 

Nur – läuft „Pauken“ nicht nach dem gleichen Muster? Oder „Wenn’s zu Ende geht“ oder „Farben“? Aufbau, Tempo nahezu identisch. Klar, es gibt die Balladen. Melancholie pur, wie „Die schönste Zeit der Welt“, „Schwer“. Texte, denen man zuhören will. Aber es wächst ein eigentümliches Unbehagen während des Konzertes. Musikalisch müsste sich da mal etwas ereignen! Dass da Könner an ihren Instrumenten arbeiten, die auch einzeln etwas zu sagen haben, kann man nicht erleben. Perfektes Interplay ist ja nicht die musikalische Welt, sondern eher deren Voraussetzung.

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Und die „Frontfrau“ Lotte, die zur neuen deutschen Pop-Hoffnung gehypt wird, bleibt zu brav. Da müsste mal etwas abgehen. „Stoß mich raus aus deinem Nest!“, singt sie. Aber das ist ja nur ein kleiner Schubser. Es bleibt alles moderat. Ein Konzert braucht Gefühle. Ergriffenheit, Überschwang, Wut: die Emotionen bleiben gedeckelt.

Diese junge Musikerin braucht Zeit zum Reifen. Für genaue Blicke etwa zum Nu-Folk Englands. Es wäre schade, würde sie im Geschäft nur verheizt. So hängt ein eigentümlicher Grauschleier über dem Konzert, dem Wetter nahe. Am Publikum hat es nicht gelegen.

 

Ein Ass gleich zu Beginn

Veröffentlicht: 9. Juli 2018 in Allgemein

20180707_210927Johannes Oerding begeistert 4000 Fans bei der „Nightlife meets Tennis“ – Show

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Spiel, Satz und Sieg für Johannes Oerding! Das schiene doch die richtige Ansage anlässlich des Auftaktkonzerts der Reihe „Nightlife meets Tennis“ beim 25. Braunschweiger Sparkassen Open. Stimmt aber nicht. Denn Oerding hatte ja gar keinen Gegner, den er hätte besiegen müssen. Es war ein Konzert-Spiel mit bestem Blatt, um mal die Sportart zu wechseln.

Toller Sommerabendhimmel mit sich überlagernden Kondensstreifen, heimfliegenden Reihern, im Winde sich leicht wiegenden Bäumen. Vorzügliche Rahmenbedingungen, was das leibliche Wohl betrifft. Ein überaus geschicktes „Warmup“ mit der erst 13-jährigen Braunschweiger „The Voice Kids- Sängerin“ Maxima Clavey.

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Eine ganze Gefühlspalette begleitete ihren Karaoke-Gesang. Sorgend-ängstliches Mitfiebern, zuversichtliches Hoffen, nahezu elterliche Fürsorge und zum guten Ende erleichterter Jubel.

Ja, und ein Publikum, das absolut bereit war, sich diesem derzeit sehr angesagten Manne und seiner Band hinzugeben. Und er macht das ja auch sehr geschickt. Etwa, das Publikum näher ranzuholen, ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Freilich – die Fans aufzufordern, jedem Vor-, Hinter-, Nebenstehenden die Hand zu reichen und sich vorzustellen – das riecht doch sehr nach Kirchentag. Aber – wenn das zu seinem Schmusesong „So schön“ geschieht und man zum Gegenüber „Du bist sooo schön!“ sagen soll, dann wird das alles ungemein witzig und entspannt.

Aber es ist nicht nur dieses Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Publikum, es ist das „Gesamtpaket“, das überzeugt. Da ist seine Band, „meine Jungs“, wie Oerding gern sagt. Eine absolut gut eingespielte und handwerklich überzeugende Truppe. Es ist die Song-Mixtur, die präsentiert wird. Hits aus allen Phasen der Fünf-Alben-Karriere, die stilistisch breit angelegt sind. Vom Folk-Format über aufgelockerten Pop hin zu rockigen Nummern, die den Musikern auch etwas Platz für solistische Einlagen erlauben. Und es ist Oerdings sicherer Umgang mit griffigen Showelementen. Sei es der Gang runter von der Bühne durchs Publikum, Star-Posing, Lightshow, Publikumsansprache.

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Dazu gehört auch, dass er die oben erwähnte Jungsängerin Maxima zu seinem jüngsten Erfolgstitel „Hundert Leben“ zu einem Kurzauftritt auf die Bühne holt. „Ich habe viel erlebt!“, kann sie sich dereinst mal erinnern.

Natürlich kann man sich kritisch zum musikalischen Minimalismus seiner Songs äußern, kann man die Kraftmeierei und die teilweise fehlende Schlüssigkeit seiner Sprachbilder kritisieren. Aber – Oerding kam nicht zur Dichterlesung, nicht zum Kompositionswettbewerb oder als Politbarde. Er kam, um Pop-Musik zu machen und damit den Moment zu leben. „Die Zeit steht still, weil ich diesen Moment für immer behalten will!“, sang er nahezu faustisch inspiriert zum Abschluss anrührend und zur großen Freude aller allein auf der Bühne. Aufschlag-Ass noch mal als Finale.