Wenn der Meister am Monster Kette gibt

Veröffentlicht: 5. Juni 2018 in Allgemein

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Im Rahmen von „Soli Deo Gloria“ spielt Cameron Carpenter ein Bach-Programm an seiner elektronischen International Touring Organ             Fotos/Text:Klaus Gohlke

Der Blick geht aufs Äußerliche. Zwangsläufig. Das ist bei einem Konzert im Rahmen des „Festivals Soli Gloria Deo“ nicht unbedingt zu erwarten. Aber gewollt. So jedenfalls sagt es Günther Graf von der Schulenburg-Wolfsburg im Interview mit NDR-Klassik Ende letzter Woche. Es bedürfe neuer Vermarktungsstrategien. Die Menschen seien nicht mehr so einfach für dieses Konzertformat zu gewinnen. „Mit Speck fängt man Mäuse!“, so der Graf kurz und bündig. Speck, das sei das eher Exzentrische im Klassikbetrieb. Aussehen, Auftritt, Zugriff. Jean Rondeau etwa. „Der Mann mit dem Dutt, der Rock ‘n‘- Roller des Cembalo!“ Oder Daniel Richter: „Der Superstar der modernen Malerei!“ und schließlich Cameron Carpenter: „Das Enfant terrible der Orgel!“, so der Graf griffig im Gespräch.

„All you need is Bach!“, titelt Carpenter sein ausverkauftes Konzert am Sonntagabend in Wolfsburger Scharoun-Theater. Beatles 1967 reloaded? Nein, nur locker angedockt am Fadeout der berühmten Beatles-Nummer „All you need is love!“ J.S. Bachs Invention No.8 F-Dur Geschicktes Spiel mit Zitat, thematischer Ausrichtung, Genreübergriff.

Aber – bevor man zu den musikalischen Inhalten kommt, dominiert der äußere Eindruck. Man kann sich dem auch nicht entziehen, diesem digitalen Orgelmonster auf der Bühne. An einen Jet-Cockpit erinnernd. 200 Register, fünf Manuale, keine Pfeifen. Eine Datenbank von Klängen unterschiedlichster Orgeln, historischer Stimmungen. Weitere Effektspeicher außerhalb, dazu ein 48-Kanal-Sound-System. Alles tourneetauglich und popsakral ausgeleuchtet.

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Eine Revolution der Orgel? Technisch gesehen, stimmt das. Aber – was heißt das musikalisch? Und darum geht es ja beim Konzert, oder? Geht man von der Publikumsresonanz aus, scheint alles klar. Begeisterungsjauchzer, stehende Ovationen. Warum? Äußerungen während der Pause und nach dem Konzert zeigen zweierlei: Es beeindruckt ungemein das Klangvolumen. Wenn Carpenter „Kette gibt“, und das tut er gern, mitunter schockartig, haut das um. Da hält kein Schwellwerkcrescendo einer noch so großen Analog-Orgel mit.

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Das andere fraglos Beeindruckende ist Carpenters außergewöhnliche Spiel-Virtuosität. Was aber heißt das alles im Hinblick auf die Interpretation der von Carpenter ausgewählten Bach‘schen Musik?

Es gibt wohl nur eine Antwort. Wer das wirklich wissen will, muss studieren. Carpenter wirft Fragen auf, die ins genaue Hören zwingen. Man muss – um nur ein Beispiel zu nennen – das einführende Bassthema und die anschließende Überleitung der „Passacaglia und Fuge in c-Moll“ in unterschiedlichen Einspielungen studieren. Etwa bei Ton Koopmann, bei Karl Richter und eben Cameron Carpenter. Und man wird feststellen, dass Carpenter anders akzentuiert, stärker dramatisiert und kontrastiert. Dass Cameron zu dieser Arbeit zwingt, ist ein Verdienst. Mit Schubladisierung ist da gar nichts zu machen.

Führt seine Vorliebe zu Kontrastierung und hoher Spielgeschwindigkeit zu einer neuen Sicht auf Bachs Musik? Oder ist sie Resultat einer Spielerei mit technisch schier unbegrenzten Möglichkeiten? Und man wird weiter fragen müssen: Ist der Klang der digitalen Orgel, wenn als digital erkennbar, abträglich? Wird die Orgel, weil sie zum Publikum kommt, „demokratischer“? Die fest verankerte Verbindung von sakralem Raum und Orgelton, die sich im traditionellen Orgelbau ja niederschlägt, wird sie zerstört, entweiht? Ist aus „Soli Deo Gloria“, dem alleinigen Gott die Ehre, Gott zu streichen?

Das sind der vielen Fragen, die aufkommen, nur wenige. Dass sie sich stellen, ist Carpenters Verdienst. Wen aber interessieren die Antworten? Was nicht der Fall sein wird, ist, dass sich des Grafen von der Schulenburgs Hoffnung erfüllt, neue Zuhörende, junge Bach-Begeisterte zu gewinnen. Dazu müsste Cameron mit seiner Orgel eher Plätze und große Clubs bespielen.

 

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