Archiv für Mai, 2018

AlleMit afro-brasilianischer Musik begeistert die NDR-Bigband im Braunschweiger LOT-Theater                                                                              Text: Klaus Gohlke Fotos: KC Amme

„Was? NDR-Bigband? Diese Beamtenmusikertruppe!“, spricht es verächtlich aus dem Munde eines „Jazz-Experten“. „Ist doch eh tot, dieses großorchestrale Gedöns!“

Das zielt in Richtung Bigband als routiniert alt-eingespielter Klangkörper mit einem gewissen Traditionalismus. Also Dirigent, einheitliche Kleidung und andere hergebrachte Rituale. Jazz als Feuer und Leidenschaft, als Aus-und Aufbruch? Ausgeschlossen beim Spiel nach Partitur?

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Tot? Soso! Wie dann aber wiederum ein ausverkauftes Konzert, das mindestens achte mit dieser Truppe, das die Braunschweiger Jazzinitiative im LOT-Theater veranstaltete. Trotz harter Konkurrenz wie Champions-League Endspiel und Saunatemperaturen im Theater.

Freilich, die NDR-Leute greifen auch in die Trickkiste, um attraktiv zu bleiben. Man lockt mit Zugpferden. Mit Big Names! Mit großen Namen wie dem des Trompeters Randy Brecker, des Pianisten Omar Sosa. Diesmal nicht ganz so groß. Man featured Alon und Joca. Alon und Joca? Klingt wie Stan und Olli. Reichlich flapsige Ankündigung für die beiden Musiker, den Israeli Alon Yavnai, Pianist und Sänger, und den Brasilianer Joca Perpignan, Percussionist und Sänger. Aber – wenn es der Sache dient.

Alon Yavnai 1

Aber der Rückgriff auf die großen Namen ist kein reiner PR-Trick, wie sich zeigt. Der eventuell etwas ritualisierte Bigband-Auftritt erhält individuellere Züge, auch eine programmatische Ausrichtung. Perpignan ist der Komponist, Yavnai der Arrangeur – beide führen hinein in die Welt der brasilianischen Musik. Chefdirigent Geir Lysne tänzelt elegant Samba. Kompositionen im Stil Hermeto Pascoals verwandeln die Band in eine gar nicht norddeutsch-norwegisch kühle Truppe. Die Bläsersätze kommen aufgelockert daher, werden zu Klanggeweben. Die Tutti akzentuieren messerscharf und kurz, unterstreichen die Polyrhythmik der beiden Hauptakteure. Karibisch-fröhliche Klänge wechseln ab mit kapverdischen Impressionen von stark afrikanisch geprägter Melodik und Rhythmik. Nahtlos wechselt man von orientalischen Skalen zu Latinmelodik, alles mit mühelos federnder Präzision und Spannkraft.

Joca Perpignan 1

Höhepunkt waren natürlich die Duo-Parts von Perpignan und Yavnai. Die Parallelführung von Scat-Gesang und Pianoarbeit im Hochgeschwindigkeitstempo, später dann von Perkussion und Klavier, waren verblüffend und begeisterten. Und ebenso circensisch im besten Sinne war Perpignans Bearbeitung von so etwas Simplem wie dem Schellenkranz. Nicht nur der erzeugte Tonumfang erstaunte, sondern auch die Tatsache, dass man die Schellen aufeinander folgend, geradezu einzeln erklingen lassen konnte. Sonderbeifall.

Was das Konzert, das mit einer musikalischen Würdigung des unlängst verstorbenen Saxofonisten der Band, Lutz Buchner, abgeschlossen wurde, auch so angenehm machte, war die humorvolle Moderation Alon Yavnais. Stürmischer Beifall für die 19 Männer und die eine Frau an der Posaune!

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Das erste „Unser Aller Festival“ wird im Gifhorner Schloss erfolgreich eröffnet  Text und Fotos: Klaus Gohlke

Das Gefühl kennt jeder. Am Rande zu stehen, nicht wirklich dazu zu gehören. Wie eingeklemmt zu sein zwischen den Großen, den Erfolgreichen. „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht!“, heißt’s treffend in Bertolt Brechts „Moritat von Mackie Messer“. Ein unschönes Gefühl der Unzulänglichkeit, der Ungerechtigkeit und der Vergeblichkeit. Das brennt sich ein, aber nicht nur bei uns Menschen. Nein, auch Landkreise, Städte sind davon angenagt. Klingt komisch? War aber gerade schwarz auf weiß nachlesbar in der Studie „Arbeit und Wohnen“ (wir berichteten darüber). Im Lichte die Städte Braunschweig und Wolfsburg, im Dunkeln die Regions-Landkreise. Zum Beispiel Gifhorn. Platz 31 nur. 36,1 Punkte von 100 in der Rubrik „Freizeit und Natur“.

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!“, sagt dazu der Volksmund sarkastisch. Aber – soll man deswegen Rotz und Wasser heulen, resignierend sich fügen? Zu perspektivlos für den Gifhorner Landrat Dr. Andreas Ebel. Und er ersann wortspielend mit Gleichgesinnten das kulturelle Initiativkonzept „Unser Aller Festival“. Zehn Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten des Flächenkreises. Viel Musik ganz unterschiedlicher Genres; Puppenspiel für Erwachsene, Mitmach-Theater für Groß und Klein.

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Coffey

 

Eine famose Idee, so famos wie der Einfall, das Festival mit einer Art „Teaser“ zu eröffnen. Einem Appetitanreger, der die Spannbreite der Veranstaltungsserie in nuce widerspiegeln sollte. Freier Eintritt für jedermann, Musik an unterschiedlichen Stellen des Gifhorner Schlosshofes, fast angemessenes Catering. Da Mutter Natur einen recht warmen Blick auf die Veranstaltung warf, wäre ein zweiter Getränkeausschank gut gewesen.

Und die Umsetzung dieser Idee? Nun, Licht und Schatten. Den Opener des Abends musste der Braunschweiger Pianist Jan Behrens spielen. Und er tat das souverän, den Publikumsgeschmack fein treffend mit eingängigen, aber niveauvoll präsentierten Stücken. Hier eine schöne Bluesimprovisation, da eine angejazzte Bearbeitung eines alten Clapton-Ohrwurmes. Man konnte hören, wie Musik geht.

Aber muss denn eine offizielle Eröffnung des Abends, die dann folgte, langweilender Stimmungstöter sein? Ja, sein muss sie, aber warum so? Warum kein freier Vortrag und wenn schon abgelesen, warum nicht mit rhetorischem Geschick, was ja auch denkbar wäre?

Dass man dann das Josef Ziga Septett mit Musikern des Braunschweiger Staatstheaters nur dumpf und entfernt wahrnahm, lag auch am Spielort, dem recht abgeschlossenen Torbogen. Vor allem aber die Ton-Übertragung in den Schlosshof war grottenschlecht. Wie man sich auch die Abmischung bei der Soul-Rock-Formation „Coffey“ angemessener vorstellen konnte. In diesem Falle die Stimme deutlichst im Vordergrund. Wozu singt man denn deutschsprachige Texte, wenn nicht zum Verstehen?

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Honolulus

 

Es geht hier nicht um Perfektionsideale. Es geht um die optimale Umsetzung einer an sich guten Idee. Perfekt war ja etwa der Auftritt der „Honululus“ nicht. Deutschsprachige Schlagerklassiker, die offenbar schon zum Kulturgut geronnen sind, wurden singend und vorsichtig tanzend vom zahlreich erschienenen und begeisterungsfähigen Publikum gefeiert. Patzer hier und da, die noch fehlender Auftrittsroutine geschuldet waren, spielten eben keine Rolle. Wichtig war das Herzblut der „Ladies in Red“.

Insgesamt ein durchaus verheißungsvoller, viel Zustimmung findender Start in die kommende Konzertserie.

Kommende Konzerte:

  1. 5.: Liedfett 26.5.: Antje Schomaker 28.5.: Anna Depenbusch 29.5.: Tingvall Trio

30.5.: René Mark 31.5.: Alte Bekannte 2.6.: Staatsorchester Braunschweig 3.6. Jim Knopf; Heinz Rudolf Kunze

 

Geysir der totalen Revolution!

Veröffentlicht: 7. Mai 2018 in Allgemein

20180505_200001Das Niederdeutsche Theater Braunschweig karikiert den Kunstbetrieb mit der ersten plattdeutschen Version eines Kishon-Stücks.                       Text und Fotos: Klaus Gohlke

Hier kriegt der Kritiker sein Fett weg. Als üblen Windhund, als Rosstäuscher, stellt ihn Ephraim Kishon in seiner Kunstsatire vor. Als einen, der sein Geschäft darin sieht, die arglose Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Er bestimmt die Richtungen, in die sich der Kunstwind zu drehen hat. In mafiösem Zusammenspiel mit seinem Kompagnon, einem Kunsthändler und Mäzen, geht der Daumen hoch oder aber runter.

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Das wird gezeigt am Beispiel des guten, des armen Malers Raphael (Raphael? Wenn das man keine geheime Anspielung ist!). Er will malen, gegenständlich. Dafür aber gibt es keinen Markt. Weil der Großkritiker es so bestimmt. Also darbt er im Beisein seines Modells und Muse Dahlia. Über Nacht aber wird er berühmt, als der Herr Kunst(hin)richter im armseligen Atelier eine künstlerische Revolution zu entdecken meint: einen Turm aus übereinandergestapelten Stühlen und Tischchen, gekrönt von einem Wasserkocher, dessen Kabel mit einer Steckdose an der Zimmerdecke verbunden ist. Eine Haushalts-Notkonstruktion, die der Kritiker zum „vitalen konstruktiven Symbolismus“ versprachnebelt, zum „Mobiliarismus“, zum „Geysir der totalen Revolution“ gar. Schon ist „Raffi“ der gemachte Mann, freilich: sehr ungern! Deshalb Protest am Ende und ab.20180505_195318

Kishons bitterbös-satirisches Theaterstück aus dem Jahre 1968 „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht!“ erlebt in Braunschweig seine Erstaufführung in niederdeutscher Sprache. Also: „Treck den Stecker rut, dat Water kaakt!“ Übrigens: die Aufführung im Roten Saal ist durchaus gut zu verstehen für Hochdeutsche.

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Das Stück ist eher eine Typenkomödie mit derbem Pinselstrich, voller Klischees über moderne Kunst, das Künstlerleben und den Kulturbetrieb. Es gibt die herzhaften Lacher, spontanen Beifallsbekundungen, auch Zwischenrufe. Aber aufgrund der klaren Regie Angelika Köchers und der engagierten Leistung des Amateurtheater-Teams wird das nicht zum billigen Spiel mit Vorurteilen, sondern zu einem „Nachdenker“ über Vermarktungsprinzipien der Kulturindustrie weit über die Darstellende Kunst hinaus.

Wieder am 13.und 20. Mai, je 16 und 19.30 Uhr, im Roten Saal im Schloss.