Pop-oratorische Pandemie in der Volkswagenhalle

Veröffentlicht: 4. Februar 2018 in Allgemein

Die Braunschweigische Landeskirche feiert einen erfolgreichen Auftakt ihrer 450-Jahr-Feierlichkeiten                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

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Wenn es stimmt, was der Mediziner und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen sagte, dann müssten am Samstagabend mehr als 6000 Menschen die Braunschweiger Volkswagenhalle mit einer gesunden Infektion verlassen haben. Dort wurde nämlich das Pop-Oratorium „Luther – das Projekt der tausend Stimmen“ aufgeführt. Und von diesem Werk sagt unser Doktor, dass es die ursprünglichsten Ausdrucksformen der Seele, nämlich Singen, Lachen, Tanzen und damit den Infekt „ansteckende Freude“ hervorrufe. Ja, weil es sich – so wollen wir hier lehrreich ergänzen – bei der Braunschweiger Aufführung um die 38. Aufführung handelt, könnte man durchaus von einer Pandemie, einer regionsübergreifenden Infektion, sprechen.

Und in der Tat: Spätestens beim Finale des Singspiels erhoben sich alle Anwesenden klatschend und singend, ganz gleich, ob Gäste oder Mitwirkende. Allerdings: Wie wollte man sich auch der Mönchs-Story, vorgetragen von etwa 1500 Sängern, Orchester-, Bandmitgliedern und Ensemble, entziehen? Zumal die Braunschweiger Aufführung noch einige lokale Leckerlis bereithielt. War das mitwirkende Orchester kein anderes als das Jugend-Sinfonie-Orchester der Städtischen Musikschule Braunschweig unter der sicheren Leitung von Knut Hartmann. Und mit Heike Kieckhöfel und Paul-Gerhard Blüthner dirigierten zwei regional bekannte Kantoren souverän den XXL-Chor.

„Wer ist Martin Luther?“ Die sich leitmotivisch durch das Singspiel ziehende Frage findet keine einfache Antwort. Michael Kunzes Libretto, das sich klugerweise auf die Ereignisse rund um den Wormser Reichstag von 1521 konzentriert, will einen starken, aber auch von Selbstzweifeln und Ängsten geplagten Menschen vorstellen. Einen Mann mit Ecken und Kanten. Aber letztlich doch den „guten Bruder Martin“. Vom Antisemiten und eiskalten Machtpolitiker Martin Luther, von dem erfährt man nichts. Andererseits: Wie soll man das auch in einem musical-artigen Stück, das ja nun gerade mit dem Mechanismus der Identifikation arbeitet? Und war er nicht sympathisch und überzeugend, der Luther-Darsteller Frank Winkels?

Der Versuchung des Personenkults erlag das Stück freilich nicht. Da gab es treffliche Aktualisierungen. Etwa das „Heilige Geschäft der Banken“ betreffend, Politik als Kunst der Entscheidungsverhinderung. Ob allerdings der Kaiser als permanent Smartphone-daddelnder Selfie-Shooter so gut getroffen war? Etwas dicke aufgetragen.

Das musikalische Powerplay ließ solche Überlegungen allerdings schnell vergessen machen. Wobei man nicht entscheiden kann, was mehr faszinierte. Die ungemeine Präzision und fehlerfreie Koordinationsleistung des Zusammenspiels dieser Riesentruppe. Oder aber die musikalische Finesse, die einem da gut zwei Stunden lang entgegen schlug. Es ist nicht ganz fair, zu sagen: „Der Chor ist der Star“. Aber es ist schon etwas dran. 27 Chöre aus der Region mit über 1000 Frauen und knapp 300 Männern – das muss man erst einmal zusammenbringen und trainieren. Man sah es auf der den Video-Leinwänden, mit welchem Ernst und mit Enthusiasmus die Menschen zwischen 4 und 83 Jahren zu Werke gingen.

Natürlich gibt es technische Hilfsmittel, aber dieses disziplinierte komplexe Zusammenspiel bedarf tieferen Sachverstandes. Und die Musik war nicht etwa simpler Sakro-Pop. Dieter Falk zeigte, dass er sein Geschäft versteht und unterschiedliche Stile wie Broadwaymusik, Blues, Gospel, Jazz, Bombast-Rock und Folkiges textangemessen zu komponieren versteht. „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit wahrhaftigen Holzhammerschlägen von Daniel Keding wehrhaft zu begleiten, das zeugt doch von Humor.

Auch das Oratoriumsfinale war klug ersonnen. Ein Medley der wichtigsten Songs lenkte den Blick auf zentrale Aussagen Luthers: Benutze deinen eigenen Kopf und studiere die Schrift. Ein gutes Virus, durchaus.

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