Archiv für Februar, 2018

Spiel mit kleinem Besteck

Veröffentlicht: 18. Februar 2018 in Allgemein

20180216_201647Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte                                            Text/Foto oben: Klaus Gohlke.Fotos:KC Amme

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.

Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.

89BA8055E3314E4484AC52270ED8D81D

Foto:KC Amme

Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.

4F7DDD32703A4A38BC75AD03AF97EB65

Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.

Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

BD621D22E02B470E88C225FD74D16745

Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.

Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.

Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.

nj1

EF364E8AF14E454196C04A099420356F

Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Welanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

 

Werbeanzeigen

Jazz wird weiblicher

Veröffentlicht: 11. Februar 2018 in Allgemein

nicole-johaenntgen-new-orleans-5Die Saxofonistin Nicole Johänntgen arbeitet mit ihrem Projekt SOFIA zumindest daran.                                                               Text: Klaus Gohlke Fotos: Nicole Johänntgen

Sie kommt offensichtlich gern nach Braunschweig, die Jazzsaxofonistin Nicole Johänntgen. Das vierte Mal wird es sein. Diesmal mit ihrem Trio „Lavendel“ in einer verblüffenden Besetzung mit Izabella Effenberg am Vibrafon und Jörgen Welander an der Tuba. Aber es ist nicht nur das, was Johänntgen interessant macht. Es gibt da noch ein anderes Thema, das sie beackert. Wichtig gerade jetzt, wo kein Tag vergeht, an dem nicht auf ein offenbar in schwerer Schieflage befindliches Verhältnis von Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird. Vor allem die hehre Kunstwelt erweist sich als Zentrum sexueller Übergriffigkeit.

Aber es geht doch dabei, machen wir uns nichts vor, „nur“ um eine besonders üble Variante dessen, was James Brown treffend und elend zugleich besingt: „It’s a man’s, man’s, man’s world“. Eine Männerwelt. Ach, und ohne die Frauen lebten die armen Herren in „wilderness and bitterness“, in der Wüstenei und Bitternis. Wie toll für die Frauen!

Auch die Jazzwelt, das gelobte Land der musikalischen Freiheiten, ist da nicht anders strukturiert. Nicole Johänntgen kennt diese Welt. Befragt, ob der Jazz männerdominiert sei, antwortet sie: „Ich höre im Moment zwar viel von jungen, aufstrebenden Jazzmusikerinnen, aber es sind immer noch sehr viel mehr männliche Kollegen in der Jazzszene.“

 

Ein kurzer Blick auf die Braunschweiger Jazzszene, wie sich beispielhaft anhand größerer Konzerte der letzten fünf Jahre in der Stadt verfolgen lässt, illustriert das. Es fanden 45 Konzerte statt. 39 davon wurden von Männern geleitet. Es traten dabei 130 Männer auf und 13 Frauen. Die regelmäßig in Braunschweig gastierende NDR-Bigband präsentiert auf ihrem Promotion-Foto ganze null Frauen.

Johänntgen stellt aber auch fest: „An den Musikschulen, an denen ich unterrichte, habe ich vorwiegend Schülerinnen und nur wenige Schüler. Ich bin gespannt, wie es sich in den nächsten 20 Jahren entwickelt!“ Nur, leben kann man von der Jazzmusik nicht so ohne weiteres. Was nun, wenn es um Familiengründungen geht? Johänntgen sieht die Sache realistisch. „Da es nicht viele Jazzmusikerinnen gibt, gibt es auch wenige Vorbilder, die Jazz und Familie vereinen. Ich denke, dass Frauen im Jazz sich die Frage stellen, ob Jazz vereinbar ist mit Familienplanung.“

1052159725

Was also tun, um größere Geschlechtergerechtigkeit in der Jazzwelt zu erreichen? Lamentieren hilft nicht, wohl aber anpacken. Und so gründete Johänntgen SOFIA. Und sie führt aus: „Das ist die Abkürzung für „Support Of Female Improvising Artists“. Also Unterstützung weiblicher Improvisationskünstler. Alle zwei Jahre findet die SOFIA-Konferenz in Zürich statt, die jungen Jazzmusikerinnen die Möglichkeit gibt, sich im Musikbusiness weiterzubilden und mit anderen Musikerinnen zu jammen und Konzerte zu geben. Ich habe SOFIA gegründet, weil ich selbst einst starke Unterstützung fand. Ich habe erst nach dem Studium gelernt, wie ich Konzerte buche, Promotion mache, mich vernetze mit Musikerinnen in aller Welt. Das möchte ich nun weitergeben in der SOFIA-Konferenz. Dort herrscht ein entspanntes Klima untereinander. Ich konnte schon sehen, wie die Teilnehmerinnen nach den Workshops das Erlernte direkt umsetzten. Das freut mich sehr. Und das neue Programm steht schon!“. Derzeit tourt Nicole Johänntgen mit der polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg, die mit ihrem Baby und ihrem Partner in Braunschweig mit dabei sein werden. Jazz family on tour. Geht doch!

 

Das Trio „Lavendel“ gastiert am 16. Februar 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.

Pop-oratorische Pandemie in der Volkswagenhalle

Veröffentlicht: 4. Februar 2018 in Allgemein

Die Braunschweigische Landeskirche feiert einen erfolgreichen Auftakt ihrer 450-Jahr-Feierlichkeiten                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

20180203_194637

Wenn es stimmt, was der Mediziner und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen sagte, dann müssten am Samstagabend mehr als 6000 Menschen die Braunschweiger Volkswagenhalle mit einer gesunden Infektion verlassen haben. Dort wurde nämlich das Pop-Oratorium „Luther – das Projekt der tausend Stimmen“ aufgeführt. Und von diesem Werk sagt unser Doktor, dass es die ursprünglichsten Ausdrucksformen der Seele, nämlich Singen, Lachen, Tanzen und damit den Infekt „ansteckende Freude“ hervorrufe. Ja, weil es sich – so wollen wir hier lehrreich ergänzen – bei der Braunschweiger Aufführung um die 38. Aufführung handelt, könnte man durchaus von einer Pandemie, einer regionsübergreifenden Infektion, sprechen.

Und in der Tat: Spätestens beim Finale des Singspiels erhoben sich alle Anwesenden klatschend und singend, ganz gleich, ob Gäste oder Mitwirkende. Allerdings: Wie wollte man sich auch der Mönchs-Story, vorgetragen von etwa 1500 Sängern, Orchester-, Bandmitgliedern und Ensemble, entziehen? Zumal die Braunschweiger Aufführung noch einige lokale Leckerlis bereithielt. War das mitwirkende Orchester kein anderes als das Jugend-Sinfonie-Orchester der Städtischen Musikschule Braunschweig unter der sicheren Leitung von Knut Hartmann. Und mit Heike Kieckhöfel und Paul-Gerhard Blüthner dirigierten zwei regional bekannte Kantoren souverän den XXL-Chor.

„Wer ist Martin Luther?“ Die sich leitmotivisch durch das Singspiel ziehende Frage findet keine einfache Antwort. Michael Kunzes Libretto, das sich klugerweise auf die Ereignisse rund um den Wormser Reichstag von 1521 konzentriert, will einen starken, aber auch von Selbstzweifeln und Ängsten geplagten Menschen vorstellen. Einen Mann mit Ecken und Kanten. Aber letztlich doch den „guten Bruder Martin“. Vom Antisemiten und eiskalten Machtpolitiker Martin Luther, von dem erfährt man nichts. Andererseits: Wie soll man das auch in einem musical-artigen Stück, das ja nun gerade mit dem Mechanismus der Identifikation arbeitet? Und war er nicht sympathisch und überzeugend, der Luther-Darsteller Frank Winkels?

Der Versuchung des Personenkults erlag das Stück freilich nicht. Da gab es treffliche Aktualisierungen. Etwa das „Heilige Geschäft der Banken“ betreffend, Politik als Kunst der Entscheidungsverhinderung. Ob allerdings der Kaiser als permanent Smartphone-daddelnder Selfie-Shooter so gut getroffen war? Etwas dicke aufgetragen.

Das musikalische Powerplay ließ solche Überlegungen allerdings schnell vergessen machen. Wobei man nicht entscheiden kann, was mehr faszinierte. Die ungemeine Präzision und fehlerfreie Koordinationsleistung des Zusammenspiels dieser Riesentruppe. Oder aber die musikalische Finesse, die einem da gut zwei Stunden lang entgegen schlug. Es ist nicht ganz fair, zu sagen: „Der Chor ist der Star“. Aber es ist schon etwas dran. 27 Chöre aus der Region mit über 1000 Frauen und knapp 300 Männern – das muss man erst einmal zusammenbringen und trainieren. Man sah es auf der den Video-Leinwänden, mit welchem Ernst und mit Enthusiasmus die Menschen zwischen 4 und 83 Jahren zu Werke gingen.

Natürlich gibt es technische Hilfsmittel, aber dieses disziplinierte komplexe Zusammenspiel bedarf tieferen Sachverstandes. Und die Musik war nicht etwa simpler Sakro-Pop. Dieter Falk zeigte, dass er sein Geschäft versteht und unterschiedliche Stile wie Broadwaymusik, Blues, Gospel, Jazz, Bombast-Rock und Folkiges textangemessen zu komponieren versteht. „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit wahrhaftigen Holzhammerschlägen von Daniel Keding wehrhaft zu begleiten, das zeugt doch von Humor.

Auch das Oratoriumsfinale war klug ersonnen. Ein Medley der wichtigsten Songs lenkte den Blick auf zentrale Aussagen Luthers: Benutze deinen eigenen Kopf und studiere die Schrift. Ein gutes Virus, durchaus.

20180203_212519