Archiv für Januar, 2018

Walzer kaputt, Umflutgraben und Seelenschmerz

Veröffentlicht: 29. Januar 2018 in Allgemein

Das Orchester der TU BS präsentiert sein Semesterkonzert im Audimax

Text und Fotos:                                                                                                             Klaus Gohlke

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„Das erste Mal!“ Ein guter Aufreißer für die diesjährigen Semesterkonzerte des TU-Orchesters. Man assoziiert irgend so etwas Hormonelles. Aber Musizierende sind da beruhigend anders. Sie denken dabei nämlich in erster Linie an erste Konzerte eines Komponisten, z.B. Schostakowitschs 1. Cellokonzert in Es-Dur oder an Kalinnikows 1. Sinfonie g-moll. Oder sie denken an Uraufführungen, wie die von Hans Sommers Walzer Intermezzo und Henning Bundies‘ „Oker. Ein orchestraler Umflutgraben.“

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Aber ganz praktisch mussten sie erst einmal mit ihrem Dirigenten Markus Lüdke an das erste Stück denken, das sie zu Gehör bringen wollten. Und das war mit Georges Bizet „Farandole“ aus der L’Arlésienne-Suite Nr.2 klug gewählt. Fanfarenartiger Auftakt und auf ging‘s mit ordentlichem Schwung, so die Gäste im wie immer vollbesetzten Audimax sofort positiv überwältigend. Auch das zweite Stück war sehr gut platziert. „Walzer-Intermezzo“ – das klingt nach Wiener Gemütlichkeit, aber Hans Sommer fabrizierte da keinen lauen Aufguss, sondern ein Schelmenstück. Denn was das Orchester spielen musste, war so etwas wie „Walzer kaputt“. Ein scheinbar ungeordneter Einsatz, rhythmisch zerfallend. Harmonisch lief das auch nicht immer rund, ordentliche Tutti lösten sich wieder auf. Diese gewollt parodistische Nummer, das „richtige Falschspiel“ verlangt einem Ensemble hohe Konzentration ab.

Dieser gelungene Einstieg setzte sich dann mit der „Besteigung“ des Henning Bundies’schem Okerfloßes fort. Der Braunschweiger Komponist schrieb eine Art Programmmusik, die vom Eisenbütteler Wehr durch den Umflutgraben bis in die Flughafennähe führte, dabei allerlei Gebäude und auch Personen Tongestalt werden lassend.

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Mit der Aufführung von Schostakowitschs Cello-Konzert Nr.1 hat Markus Lüdke allerdings wohl doch etwas zu viel gewagt. Es ist sicherlich gut, sein Orchester zu fordern, und es ist auch gut, einer sehr jungen Cello-Solistin, Frau Luise Frappier, Gehör zu verschaffen. Aber das ist die Komposition eines Mannes, der die Todesqualen, die er unter dem Stalinismus durchlitt, musikalisch zu fassen versuchte. Dynamische, rhythmische, harmonische und Tempo-Extreme müssen oft bruchlos bewältigt werden. Und die Kadenz im dritten Satz ist von extremer Schwierigkeit. Das konnte vom Ensemble und Frau Frappier nur in Ansätzen geleistet werden.

Versöhnlich dann der Konzertabschluss mit der 1.Sinfonie des weniger bekannten Wassili s.Kalinnikow. Die eingängige und schlicht schöne Melodik wurde in Ruhe herausgearbeitet und die Struktur der Komposition transparent gemacht.

Das erste Mal, egal welches, ist mit Vorfreude und ungeduldiger Erwartung verbunden, kann aber auch Zweifel und Angst hervorrufen. Das wurde in diesem Konzert deutlich. Trotzallem großer Beifall und als umjubeltes Sahnehäubchen dann noch Johann Straußens Polka „Unter Blitz und Donner“.

Weitere Termine: Di., 30.01. 2018 20 Uhr//Mi., 31.01.2018 20 Uhr

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Jazz mit Spaßfaktor

Veröffentlicht: 28. Januar 2018 in Allgemein

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„Movie Music“ lockt mit frei interpretierter Filmmusik auch Skeptiker aus der Reserve                                                                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

Da kann etwas nicht stimmen. Moderner Jazz und Spaß auf allen Seiten? Das ist verdächtig. Musik und Humor ist ja eh schon ein Problem! Schlag nach bei Brendel. Dass Musiker sich beim Jazzen freuen, nun ja, das mag an der Gage liegen oder an stimulierenden Drinks vorher und währenddessen. Kann auch Rollenspiel sein. Aber – dass das Publikum gleichermaßen Freude empfindet, das ist dann doch eigenartig oder?

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Infizierte die Freude der Musiker? Jan Leipnitz behandelte sein Drumset mit einem seligen Lächeln, als habe er es seit Wochen nicht mehr spielen dürfen. Johannes Fink zupfte und strich sein extra tiefer gelegtes 5-Saiten-Cello mit staunendem Schmunzeln, als würde ihm von höherer Stelle die Hand geführt.

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Und Rudi Mahall, das heftige Gebläse an den Klarinetten, schien Mal um Mal amüsiert über das Klanggebräu. Nur Pianist Zoran Terzic zeigte Ernst und Würde bei der Arbeit, aber er war ja auch der Leiter der Kapelle.

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Das mag ein Publikum wohl positiv affizieren, aber auf Dauer trägt so etwas nicht. Da muss schon etwas der Musik Innewohnendes hinzu kommen. Nun, vielleicht war es ja auch gar kein Jazz, der gespielt wurde, und deswegen erheiternd, erfreuend, mitreißend?

Sagen wir so: Das war eine Art Jazz-Hybridmusik. Nicht in dem Sinne, dass da verschiedene Stilrichtungen in John Zornscher Manier brutal zusammengeschnitten wurden. Auch kein prinzpienarm zusammengefügtes Tomaterial. Die Stücke hatten vielmehr etwas Kaleidoskopartiges. Jede Sequenz innerhalb der Kompositionen ließ, nachdem sie ausgespielt war, das Klanggebilde in neuem Licht erscheinen. Und so hatte man den Eindruck, mal einer Kaffeehausmusik zuzuhören, mal einem Gypsy-Swing. Mal Tanzmusik, dann Ballade, Blues, auch zügelloses Uptempo oder Brachial-Punkiges. Das ganze Konzert schien immer wieder zu verweisen auf musikalische Traditionen, jazzig oder auch nicht. Nicht als Zitat, nur als Anspielung. Vielleicht ein Irving Berlin’scher Unterton mit melancholischer Grundierung, die mitunter hätte feiner vernommen werden können, wenn die Klarinette nicht mit so viel Druck gespielt worden wäre.

 

Filmmusik-Bearbeitungen im engeren Sinne waren das eher nicht. Eher Widerspiegelungen eines inneren Films des Komponisten, entstanden aus Filmerlebnissen und eigener Befindlichkeit in ganz persönlichen sozialen Bezügen. Natürlich konnte man filmmusikalische Form-und Funktionselemente wiederfinden. Wenn man konnte bzw. wollte auch direkte Anspielungen auf Filme feststellen, aber darum ging es Terzic in seinen Kompositionen wohl weniger. Eher darum, beim Zuhörer den eigenen inneren Film, einen Assoziationsstrom zu stimulieren. Und das geht gut, wenn man eingängige Melodien, nachvollziehbare harmonische Abläufe und musikalischen Witz niveauvoll zusammenführt.

Das war wohl der Grund der allseits konstatierbaren Freude am Konzert der Band „Movie Music“.

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