Archiv für Dezember, 2017

Alte Hasen und junge Wilde

Veröffentlicht: 24. Dezember 2017 in Allgemein

 

20171222_201008Das Uli Beckerhoff-Quartett und der Braunschweiger Jazz-Pianist Otto Wolters als „Special Guest“ begeistern ihre Fans                                Text und Fotos: Klaus Gohlke

 

Der Uli beschenkt den Otto und der Otto den Uli. Beide beschenken das Publikum und das beschenkt wiederum die beiden. Gelungene Weihnachten unter Jazzern, wobei der Uli das Ulrich Beckerhoff Quartett meint. Und der Otto ist der Braunschweiger Jazzpianist, den man gerne „Urgestein“ nennt, dabei ist er alles andere als Gestein, und ob er „Ur“ ist, soll beantworten, wer meint, es zu können. Ja, und das Publikum, das waren alle im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses am Freitagabend, die dem Modern- Jazz-Konzert des Quartetts, für zwei Songs um Special Guest Otto Wolters erweitert, mit Sympathie und Vergnügen lauschten.

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Ausverkauft- warum eigentlich? Nun, Otto Wolters hat viele Freunde in der Region, die wissen, dass er seiner Berufung, dem Jazz, immer noch mit Anspruch nachgeht. Und auch der Trompeten-Professor Uli Beckerhoff hat viele Anhänger hier. Einmal seiner Musik, seines ausgezeichneten Trompetenklangs wegen, aber auch, weil er mit Otto Wolters durch etliche gemeinsame Konzerte hier in Braunschweig schon als eine Art mystische Jazz-Einheit gilt. Buddies, die für Jazz auf höchstem Niveau stehen. Eine innige Melange also aus persönlichem und allgemeinem Interesse auf allen Seiten.

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Dabei war die Musik nicht unbedingt von einschmeichelnder Qualität. Sie war vielmehr bewusst anspruchsvoll, von gewissermaßen quer liegendem Charme. Durchaus Wohlklingendes wurde jäh mittels furioser Trompetenstöße oder -läufe in dissonantes Gestrüpp verwandelt. Unvermittelt wurden durch krassen Rhythmuswechsel lang durchgehaltene ostinate Bass-Passagen aufgebrochen ( „Capo d’Orlando“) und später wieder fortgeführt. „Heroes“ ließ merkwürdigerweise Erinnerungen an Miles Davis‘ frühe Elektrik-Phase, den Druck der Rhythmus-Gruppe vor allem, aufkommen. Soundlandschaften ließen sich erahnen, die nach schöner Entfaltung zerstört wurden. In „Tango Tragico“ zeigte diese musikalische Konzeption – man könnte sie „Änderung der Fahrtrichtung durch absichtliche Entgleisung“ nennen – recht humorvolle Züge. Ironischer Umgang mit dem typischen Tango-Rhythmus, melodische Verschleifungen, Stimmungswechsel zwischen überbordender Dramatik und Understatement ließen das Bild eines nicht ganz elegant ablaufenden Tanzabends aufkommen.

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Das Quartett sorgte aber auch schon deshalb für Interesse, weil sich Beckerhoff als 70jähriger „alter Hase“ mit drei ‘“jungen Wilden“ umgab, nämlich Richard Brenner (Piano), Moritz Götzen (Bass) und Niklas Walter (Schlagzeug). Der Meister ließ ihnen völlig uneitel viel Raum, ihre musikalische Kompetenz zu entfalten. Und die war angenehm fern irgendwelcher Sturm- und-Drang-Kraftmeierei.

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Aber – Anspruch und Konzept hin oder her: manchmal hätte man einfach Lust gehabt, sich musikalisch fallen zu lassen, sich mal richtig einem Groove hinzugeben. Aber vielleicht war das ja nur ein schwächelndes Begehren, das sich angesichts des unabwendbaren Weihnachtsgedudels draußen einstellte. Lang anhaltender Beifall.

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Glan(t)z in der Hütte

Veröffentlicht: 10. Dezember 2017 in Allgemein

Das 5. FESTIV für Indie und Electronica kann nur teilweise überzeugen 

Text/Fotos: Klaus Gohlke

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Ymay

Nebel steigt auf hinter der Bühnenplattform und breitet sich halbhoch im Zuschauerraum aus. Erinnert an kühlen Wiesengrund, an den weißen Nebel wunderbar. Halt! Nicht wunderbar! Cool ist angesagt. „Underground des Underground“, „Future-/Synthie-/Elektro-Pop“. Anti-Weihnachtsmusik als sphärisch-tanzbare Kost. Gegen den Strom, aber auch nicht.

Eine Haltung, die eigentlich Motto sein könnte auch des 5. Braunschweiger FESTIVs, der Plattform für Indie und Electronic. In weiser Selbstbescheidung will man nicht nur Fest sein (weil uncool), aber auch nicht Festival (weil überdimensioniert). Eben FESTIV: man begibt sich in die Welt des ausdrücklichen Dazwischen-Seins, die ja konstitutiv ist für die Electronica-Welt.

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Glantz/Stürmer

Drei musikalische Linien sollten in Beziehung gesetzt werden: IndieTronic, vertreten durch die Braunschweiger Musiker und FESTIV-Gastgeber Peter M. Glantz und Stefan Stürmer. Future Pop-Anmutungen vorgetragen vom Duo YMAY, und schließlich Trip Hop mit dem Haupt-Act des Abends, dem Projekt ANA ANA der Berlinerin Anastasia Schöck.

Es war kein Easy-listening-Abend, im positiven wie im negativen Sinne. Schon die Moderation des Abends durch Christian Krüger, wahrscheinlich als Parodie gedacht, ließ mit ihren Unbeholfenheiten und Übertreibungen Fragen aufkommen. Aber auch die musikalische Kost konnte nur teilweise überzeugen.

Das Duo Glantz/Stürmer als Opener  war mitnichten „Too stoned to survive“, zu bedröhnt, um zu überleben, wie Glantz sang. Die klare rhythmische Struktur der Songs wurde durch Stürmers Bassarbeit je nach Bedarf noch akzentuiert oder aber aufgebrochen. Harmonisch-melodisch bewegte man sich nicht Vorhersagbaren und schuf in der Tat eine untergründig-dunkle Atmosphäre. Indie-Musik im besten Sinne als individuelles, strukturiertes Amalgam von Sounds, Geräuschen, tonalem Material und handgemachter Präsentation. Der Ansatz, eine Art Gesamtkunstwerk zu kreieren, also Lichtkunst, Videoprojektionen und Musik aufeinander zu beziehen, ist ansatzweise vorhanden, müsste aber geschärft werden.

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YMAY

 

Im Gladiatorenstil mit Ton-Bombast betrat YMAY das Bühnenpodest. Das leicht Außerirdische wich schnell einer technoid geprägten, melodisch poppigeren Musik, die jedoch auf die Dauer das Publikum eher zu ermüden schien. Die Piano-Einlage dann zeigte, und das gilt auch für ANA ANA, dass das Electronica-Genre mit sich selbst nicht im Reinen ist. Das Konzept, Musik mit einem Gerät allein zu produzieren und den Aufführungsrahmen zu minimalisieren, hat seine Grenzen und führt wieder zurück zu eher traditionellen Ausflügen. Allerdings im Falle YMAYS zu einem recht trostlos-einsamen Set-Ende. Stiller Abgang mit Verweis auf den nächsten Act: unverdient einsam.

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ANA ANA

 

 

ANA ANA brachte mehr Druck in den Laden, stimmlich und soundmäßig. Aber Trip Hop? Es vibrierte endlich mal das Zwerchfell bei den tiefgelegten Frequenzen, aber Anklänge an Massive Attack? Eher Wunschträume, dafür ungeklärte Zwischenwelt. Man war nicht in einem Konzert, aber auch nicht im Club, getanzt wurde so gut wie gar nicht. Die etwa hundert Gäste hingen nicht wirklich musikumspült ab, war nicht recht dabei, aber auch nicht daneben. Weder Fisch noch Fleisch also. Das Veranstaltungskonzept, in seiner Anlage gut und auch für die Stadtkultur wichtig, bräuchte eine Schärfung.