Archiv für November, 2017

Undogmatische Mischung aus Rock und Bubblegum

Veröffentlicht: 26. November 2017 in Allgemein

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Die Braunschweiger Glam-Rocker „Sweety Glitter & the Sweethearts“ feiern 30jähriges Bühnenjubiläum              Text: Klaus Gohlke Foto: EML. Fotografie

Ganz im Ernst: Respekt vor dieser Leistung! Dreißig Jahre als Glam-Rock-Band „Sweety Glitter & The Sweethearts“ zu touren, das bedarf großen Stehvermögens. Man muss sie und ihre Musik ja nicht mögen, aber auf jeden Fall: Hut ab! Woher diese Motivation, durchzuhalten? Ist’s Die „Kohle“? „Man kann davon leben, aber nicht reich werden!“, sagt Mastermind Volker Petersen. Oder träumen die Jungs doch noch davon, den großen Durchbruch zu erzielen? Da kann man nur mit dem Alt-Blueser Eddie „Cleanhead“ Vinson entgegnen: „It’s a dream, baby!“ Bloß ein Traum! Oder – ist es der Auftritt vor begeistertem Anhang, die Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung? Oder – kann man einfach nichts anderes? Oder – ist es eine Art höhere Bestimmung?

Wie dem auch sei. Es riecht nach so etwas wie Bob Dylans „Never ending tour“, der nie endenden Konzertreise, bzw. dem Dauerbrand der „Rolling Stones“. Das Standing muss man erst einmal haben. Dabei- und das ist das Merkwürdigste an dieser Band – machen die Jungs ja nur so etwas wie „Musik-Recycling“. Die Verwertung der Konkursmasse der Rockmusik der 1960er Jahre.

Als die Rock-Revolution sich drogensiffig in Monstershows mit Endlosgegniedel und Skandalen in die Perspektivlosigkeit verabschiedete, der „Stairway to heaven“ sich eher zum „Highway to Hell“ verwandelte, übernahmen die Glam-Rocker das Kommando. Rollenspieler, die eine eigene schrille Auftritts-Ästhetik entwickelten, die sich schon in der Namensgebung widerspiegelte. „Gary Glitter“, „The Sweet“, „T-Rex“, „Queen“, David Bowies „Ziggy Stardust“. Das Outfit ließ die Geschlechterrollen uneindeutig werden, Cross-Dressing war angesagt, Schminke und Glitzer. Und als das ausgelutscht war, Mitte der 70er, ging’s in die Discowelt, den Punk, den Synthie-Pop, je nach Vorliebe.

Und da kam – eigentlich völlig absurd und antizyklisch – „Sweetie Glitter & the Sweets“ aus unseren Braunschweiger Landen ins Rollen. Irgendwie schien die Welt des Androgynen, der geschlechtlichen Zweideutigkeit noch nicht erledigt. Nicht der Spaß an der ironisch-spielerischen, phantastischen Rockwelt. An schönen, eingängigen Melodien, zu denen man unbelastet abhotten konnte.

Also die Plateau-Schuhe angezogen, die maßgeschneiderten Lederjäckchen, leopardengemusterten Röhrenhosen, String-Tangas und Strapse, Stoas, Röckchen, rosa Täschchen und was die Phantasie noch so alles hergibt! Drauf die Schminke, die schrillen Perücken, das Glitzerzeug! Wenn David Bowie oder Elton John ihre Geburtsnamen ablegen konnten, dann die fünf Braunschweiger schon lange. Volker Petersen, Eiko Witt, Michael Hinze, Stephan Kabisch und Tobi Zweifler wurden kurzerhand zu Sweety Glitter, Randy B. Bluebird, Mighty Mitch McCennedy und Sir Tobi. Und ab ging es mit einer undogmatischen Mischung aus Rock und Bubblegum unter dem Motto „Love&Peace&Rock“.

Es war gewiss kein einfacher Weg, den das Quintett antrat. Aber das Konzept kam an, weil es stimmig war. Erscheinungsbild, Bühnenshow und musikalisches Handwerk überzeugten, was dazu führte, dass die „local heroes“ – sie nennen sich selbst die ältesten Newcomer – alsbald zur norddeutschen und schließlich zu der deutschen Glamrock-Attraktion wurden. Auftritte mit Rocklegenden wie Chuck Berry und Status Quo, die Eröffnung der Plaza-Bühne anlässlich der EXPO 2000 in Hannover vor zigtausenden Zuhörern, TV-Einladungen – all das zeigt die Wertschätzung der Band nun schon seit Jahren. Genauer: seit 30 Jahren. Zwei ausverkaufte Konzerte jetzt in Braunschweig und Schwerin – wie mag es weitergehen? Tatsächlich eine „never ending tour“? Mögliche Antwort der Glitzernden: „All I need is music and the free electric band!“

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Lebenswichtiges Jazzorgan

Veröffentlicht: 25. November 2017 in Allgemein

Die Braunschweiger Szenekneipe „Bassgeige“ feiert 40. Geburtstag

Text und Fotos: Klaus Gohlke

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„Sie haben ein Kleinod hier! Wo gibt es das noch in Deutschland?“, sagt Robert Landfermann, einer der bekanntesten deutschen Jazz-Bassisten bei einem kurzen Zwischenstopp auf der Reise von Krakau nach Köln über die „Bassgeige“ am Braunschweiger Bäckerklint. Und er muss es ja wissen, er kommt in der Welt herum. Aber – eine Jazzkneipe als Kleinod zu bezeichnen? Also als eine Kostbarkeit, ein Schmuckstück? Was soll das Kostbare, das Schmucke daran sein? Dass sie am 23. November 40 Jahre alt wird?20171123_211834

Seien wir ehrlich, Schönheit ist etwas anderes. „Verqualmt und abgeranzt!“, nennt die passionierte Szenegängerin Carola Remus die Kneipe. „Aber – ich mag sie halt!“ Abgeranzt? Vielleicht etwas zu hart. Aber ein echter Ra(e)ucherschuppen. Eigentlich out so etwas. Wer da reingeht, ist entweder passionierter Raucher, oder aber er nimmt die Atembeschwerden und den anschließenden Klamottengestank bewusst in Kauf. Weil, ja, weil es da etwas Wichtigeres gibt, als diesen „Kleinkram“. Was da wäre? Die Braunschweiger Jazzsängerin Britta Rex formuliert es so: „Die ‚Bassgeige‘ ist urig, ehrlich, erfrischend unangepasst an aktuelle Modeerscheinungen!“

Dieser Schlauch von Lokal, die schlichten Lampenschirme aus Peddigrohr-Geflecht, das zweckdienliche Mobiliar. Die überall – wiederum mit Carola Remus zu sprechen: „…verstaubten, liebevoll angesammelten und originell arrangierten „Steh-Herum-chen“ wie die PEZ-Figuren, die Ü-Eier-Basteleien, die Wachsposaune!“ Dazu die Plakate und Bilder. Absolut kein durchkonfektioniertes, steriles Gaststätten-Interieur. Und völlig kompatibel dazu die Erscheinung des „Bassgeigen“-Chefs Norbert „Bolle“ Bolz. Gern im karierten Hemd, die Haare altersgemäß ausgedünnt langfädig. Aber seien wir ehrlich: Der sich dokumentierende urige Eigensinn des Lokals mag seinen Charme haben, aber ein „Kleinod“ wird es dadurch doch nicht unbedingt. Nein, es ist anderes! Mehr!

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„Die ‚Bassgeige‘ ist mir über die vielen Jahre gleichsam ein musikalisches Zuhause geworden!“, so Hans-Christian Hasse, Jazz-Pianist und Dozent an der TU Braunschweig. „Eine anregende, seelenvolle Oase!“, meint der Braunschweiger Bassist Heinrich Römisch. Und Thomas Geese, ortsbekannter Schlagzeuger und Jazz-Autorität, verweist auf die größeren Zusammenhänge, die diese Spielstätte so besonders sein lassen: „Bolle hat die ‚Bassgeige‘ zu einer bundesdeutschen Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern gemacht! Die Bassgeige groovt!“

In der Tat! Dieser „Laden“ war über vier Dekaden so etwas wie ein zentrales Organ des Jazz. Braunschweig wurde zu einem Begriff in der Szene. Wer hier alles auflief, spielte oder einfach die Aura genoss – mit wem soll man anfangen, mit wem aufhören? Blues-Legenden wie Eddie „Cleanhead“ Vinson, Jack Dupree, Robert Lockwood Jr. gaben sich die Klinke. Jazz-Größen wie Horace Parlan, Jim Pepper, Charlie Mariano, Gerd Dudek, Joachim Kühn gastierten. Einer der gegenwärtig weltbesten Posaunisten, der Braunschweiger Nils Wogram, nennt die „Bassgeige“ einen für ihn „ganz wichtigen Ort, und zwar als eigene frühe Auftrittsmöglichkeit, als Ort produktiven Zuhörens, aber auch als Inspirationsquelle durch Bolles profunde Plattensammlung!“, die mittlerweile über 7000 Exemplare umfasst.

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Lange bevor man von „Networking“ sprach, schuf Bolle sein Jazz-Netzwerk. Das bedeutete, dass er nicht nur Musiker einlud, sondern auch zu den Jazz-Brennpunkten fuhr, um dort Kontakte zu knüpfen. Die internationale, regionale und lokale Szene wurden so in Verbindung gebracht und konnten sich präsentieren. Es war und ist für viele Musiker nicht nur der Region eine Ehre, in Bolles „Baßgeige“ aufzutreten.

Und das unter diesen räumlich arg eingeschränkten Bedingungen! Die Bühne am Ende des Lokal-Schlauchs ist, wenn ein Quartett mit Akustik-Bass, Piano, mittlerem Schlagzeug und Gebläse auftritt, eher ein „Stau“-Raum von 6 Quadratmetern. Man hockt nahezu aufeinander – und fast im Publikum. „Jazz direkt vor deiner Nase (bzw. Ohren). Atemberaubend, hautnah!“, charakterisiert Uli Papke, Braunschweiger Saxofonist und Session-Organisator das Ganze.

Das ist es gerade: Clubatmosphäre mit einem ganz besonderen Ambiente. So ein wenig New York der 40er und 50er Jahre: Birdland, Village Vanguard, Onyx, gewürzt mit etwas Jazzromantik. Deswegen Raucherlokal, Kneipenbetrieb während der Konzerte, der Zwang zur Improvisation auf und vor der Bühne. „Eng, heiß und inspirierend!“, bringt es Britta Rex auf den Punkt.

Das alles lässt die Musiker auftreten, auch wenn die Bezahlung nicht Gold ist. Weit mehr als 2000 Veranstaltungen gab es bislang. Man spielt auf Eintritt, spielt auch mal für einen Appel und ein Ei, weil man andernorts eine ordentliche Gage erzielen konnte. Aber – es kann auch sein, dass Bolle zulegen muss. Die Zuhörerkapazität ist im Lokal nun mal begrenzt. Gewinnstreben war allerdings nie Bolles Sache. Man muss sich da eben durch lavieren. Und das ginge weder physisch, noch psychisch, noch betriebswirtschaftlich, hätte Bolle nicht seine Lebensgefährtin, Karin Schlesiger, als Ruhepol an seiner Seite. Und gerade jetzt, wo es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten bestellt ist, braucht er sie mehr denn je.

„Bassgeige“ ist Bolle und Bolle ist die „Bassgeige“. Diese Szenekneipe und der Mann dahinter hätten den deutschen Spielstättenpreis verdient. Durch sie ist Braunschweig weit, sehr weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Er sollte sich noch bewerben! Ja, und er sollte auch noch ein Buch über diese Geschichte Braunschweiger Kultur schreiben. Material hat er zuhauf und ein phänomenales Erinnerungsvermögen dazu.

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Wie wird es weiter gehen? Bolle weiß es auch nicht so recht. Es kommt auf seinen Körper an. Läuft der weiter, läuft auch der Betrieb weiter. „Bis ich hinterm Tresen liege!“, sagt er schwarz-humorig. Mannomann. Gar nicht auszudenken, wenn dieses Kleinod plötzlich dicht machte!