Archiv für September, 2015

Kein Schuss in den Ofen von Klaus Gohlke

Veröffentlicht: 28. September 2015 in Allgemein

Die Initiative Jazz Braunschweig eröffnete die Konzertsaison 2015/16 mit der Berliner Band „Shoot the moon“ unkonventionellshoot-grüner-salon3-foto-christian-betz-e1434974771809-300x155

Wie bekomme ich es hin, einzigartig zu erscheinen? Eine schwierige Kiste. Zum einen, weil jeder Mensch von vornherein einzigartig ist, siehe Fingerabdruck. Der aber ist – und da beginnt eben das Problem – nicht für jedermann sofort erkennbar.

Auch Jazzmusiker müssen Alleinstellungsmerkmale finden. Verkaufspsychologisch gesprochen, erhöht man so die Nachfrage und damit den Marktwert. Vorausgesetzt, das Besondere kommt nicht zu grob daher. Etwa der lauteste Drummer oder der speedigste Gitarrist zu sein.

Etwas Interessantes hat sich da die Berliner Kapelle „Shoot the Moon“, insbesondere die Bandleaderin und Saxofonistin Almut Schlichting ersonnen. Sie suchte Inspiration für ihre Jazztruppe in eher weltlichen Musiken des Mittelalters. In irischen Liedern, deftigen Volksfest-, Spott- und Tanzmusiken, aber auch im nordamerikanischem Country Blues. Und schrieb – weil die Band mit Winnie Brückner eine ausdrucksstarke Sängerin hat – ausgesprochen witzige bis skurrile Texte für ihre Kompositionen.Shoot_the_Moon-8998-e1392387690690-150x150

So fand sich das Braunschweiger Jazzpublikum am Freitagabend im Lindenhof plötzlich in der eigenartigen Welt der „Saints and fools“, der „Heiligen und Narren“ wieder. Piratenkönigin, Elisabeth I., St. Blaise, Sankt Barbara, Maria, Lucia, Wolf, Esel, Kaninchen und der große schwarze Hund gaben sich die Ehre. Und das auf eine Art und Weise, die im Jazz nicht oft anzutreffen ist, nämlich humorvoll.

Da wurden die heiligen Schutzpatrone kurzerhand in die Weltstadt New York versetzt, textlich und musikalisch. Sie wurden angefleht, den Kaffeestrom nie abreißen zu lassen und was es sonst noch so an Großstadtproblemen gibt. Aber nicht in Form frommer Choräle, das höchstens mal als ein fernes Zitat. Es war in diesem Falle eher programmartige „Fetzenmusik“, die in oft kurzen und dissonanten Phrasen das „Big Apple“-Gebrodel widerspiegelte.

Der alle Ausdrucksspektren durcheilende Gesang – Rock, Pop, Soul, Blues, Lied und Rap durchmischend, wurde thumbs_p1190011instrumental durch- und unterbrochen, kommentiert, kontrastiert hervorgehoben. Bassist Sven Hinse und Schlagzeuger Philipp Bernhardt hatten dabei eher die Aufgabe, für die beiden absolut überzeugenden Bläsern, neben Schlichting  der Bassklarinettist Tobias Dettbarn, das rhythmische Korsett zu bilden. Sie taten es absolut zuverlässig und funktional.

Freilich – diese Art Musik voller Brechungen, die mit den Genres spielte, ist sehr durchkomponiert. Die üblichen lockeren Solo-Passagen gab es weniger. Dafür aber ein hoch komplexes, anregendes Konzert, das den Zuhörern erkennbar Spaß machte. Ein viel versprechender Auftakt.

Fotos: Shoot the moon

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Zwischen Rührung und Aufruhr

Nils Landgren und Michael Wollny begeistern bei Kultur im Zelt mit einem klugen Jazzkonzept

Von Klaus Gohlke

Cat Stevens‘ „Moonshadow“, Stings „Fragile“, Mr. Misters “Broken Wings”, Kris Kristoffersons “Please, don’t tell me how the story ends” – das ist Pop, Pop, Pop. Gewiss: schöner Pop. Nils Landgren: alter Schwede, was für ein Posaunenspieler!  Michael Wollny, Pianist, ein sogenannter „Junger Wilder“, den manche  in einem Atemzug mit Keith Jarrett und Herbie Hancock nennen – das ist Jazz, Jazz, Jazz. Wie geht das zusammen? Geht das überhaupt? Wer nimmt Schaden?

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Um das Ergebnis und das Konzertende vorweg zu nehmen: Niemand. Stehende Ovationen im nahezu ausverkauften großen Zelt. Und warum? Na klar, man re-interpretierte ja nun nicht nur Pop-Klassiker. Vor allem aber, weil die beiden Jazz-Hochkaräter ein paar kluge Grundüberlegungen anstellten. Erstens: Es kann nicht darum gehen, den aktuellen Entwicklungsstand des Jazz vorzuführen. Zweitens: Es muss aber auch gezeigt werden, was Jazz alles sein kann. Und drittens: Man muss die Distanz zu den Zuhörerinnen und Zuhörern überwinden.

Und was heißt das praktisch? Viel Melodie, Anknüpfung an Bekanntes, Improvisationen  hochgradig komplexer bzw. geradezu abgründiger Natur und schließlich Aufmunterung an das Publikum zu lockerer rhythmischer Mitarbeit per Hand und Fuß. Es ist das Einfache, was so schwer zu machen ist. Und das geht eben nur mit Ausnahmeerscheinungen wie Landgren und Wollny. Dass Landgren ein musikalischer Tausendsassa ist, der keine Berührungsängste kennt, ist bekannt. Er ist aber vor allem eins: ein Gefühlsmensch. Er will berühren, anrühren. Wenn er mit seinem leisen, etwas angerauten Tenor  „How fragile we are!“ singt, spürt man förmlich, dass wir auf dünnem Eis gehen. Zarte Melancholie durchweht seine Liebeslieder.  Dazu dieser wunderbar weiche Posaunenton.

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Das sind dann Steilvorlagen für Wollny. Er kennt sich ja bestens aus in der romantischen Musik und vermag Landgren bei seinen Gefühlsausflügen – nahezu in der Musik versunken – bestens zu begleiten. Aber wer ihn sonst in steter Unruhe auf seinem Klavierschemel herumrutschen sieht, weiß: es brodelt in ihm. Landgren gibt ihm viel Raum, das auszuleben. Und so wird innerhalb kürzester Zeit z. B. aus Willie Cobbs Bluesklassiker  „You don’t love me“ ein rasender Ausflug in die Möglichkeiten der Zerstörung aller Bluesschemata in melodischer, rhythmischer, tonaler Hinsicht. Fremde musikalische Welten tauchen kurz auf: Einfallsreichtum  und Virtuosität Wollnys sind umwerfend.

Was wiederum Landgren  zu großer Expressivität auf der Posaune herausfordert: Überblastechnik, Mehrstimmigkeit, schräge Glissandi und hohes Tempo. Keine Konkurrenz der Musiker, keine Eitelkeiten, sondern Begegnung auf Augenhöhe. Ein eindrucksvoller Abend, für den man gerne Schweiß tropfen ließ.