Jürgen Friedrich: Reboot/ Nano Brothers. Ein Interview

Veröffentlicht: 22. Juni 2015 in Allgemein

nanoNeustart mit Elementarteilchen 

Der Jazz-Pianist Jürgen Friedrich über die Hintergründe seines Braunschweiger Auftritts in Doppelbesetzung

Jürgen Friedrich, Pianist, Komponist, Dirigent und Hochschullehrer in Köln und Mannheim für Jazz, Improvisation und  zeitgenössische Musik, sowie bekennender Gr. Schwülperaner, wird am kommenden Freitag im Lindenhof Braunschweig mit seiner aktuellen Band ein Konzert geben. Klaus Gohlke sprach mit dem 45-jährigen.

Jürgen, nach längerer Zeit mal wieder ein Konzert in Braunschweig. Vorfreude?

Na klar. Ich hoffe der Saal im Lindenhof wird voll.

Du gibst gewissermaßen ein Doppelkonzert. Du trittst mit dem Trio „Reboot“ und als Duo „Nano Brothers“auf. Sehr ungewähnlich!

Das ist auch einmalig, nur für Braunschweig. Die Initiative Jazz Braunschweig wusste, dass beide Projekte derzeit laufen und fragte an, ob man nicht beides verbinden könne. Deshalb also.

„Reboot“ – das ist ja Computersprache und meint „Neustart“ oder „Wieder hochfahren“. Inwiefern startest du neu?

Ich habe vorher an einem sehr komplexen Projekt gearbeitet.  „Monosuite“, eine Komposition für ein 22köpfiges Streichorchester und ein Jazzquartett. Danach brauchte ich Urlaub. Der Beginn dann wieder in kleiner überschaubarer Besetzung, das fühlte sich an wie ein Neustart, wiedergewonnene Freiheit.nanobrothers_1

Und wieso Nano Brothers?

Das ist ja ein Piano-/ Saxofon-Duo. Wir improvisieren und nehmen dabei die Musik unter die Lupe. aus dem, was wir da entdecken, das sind zum Teil ganz kleine Teilchen, Nano-Teilchen, setzen wir dann das große Ganze zusammen.

In der Konzertankündigung wird eure Musik charakterisiert als „alter Blues, zeitgenössische Musik, fast Pop, freie Harmoniewelt“. Das klingt nach Sammelsurium. Für jeden etwas.

Absolut nicht, keine Mixtur und keine Anbiederung. Es ist nur so, dass alle im Trio eine bestimmte musikalische Geschichte haben. Und wenn du improvisierst, kommen ja die Ideen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus deinen musikalischen Erfahrungen. Das wollen wir auch nicht leugnen, sondern ehrliche Musik machen. Wir wollen in unserer Musik authentisch sein und nicht etwas vorspiegeln.

Deshalb auch ein Rückgriff auf Arnold Schönberg und Witold Lutoslawski auf eurer CD?

Genau. Ich habe einen starken klassischen Background. Und der ist für einen Jazzmusiker die  wahre Freude. Das ist wie ein Reich gefüllter Obstkorb: Interessante Taktarten, tolle Intervallsprache. Eine Inspirationsquelle. Ich trenne nicht zwischen Jazz und E-Musik. Mir geht es um Musik, die die Menschen interessieren und gefallen kann.

Kritiker bezeichnen eure Musik als „metaharmonisch“ und „panrhythmisch“. Das klingt verdammt kompliziert.

Als Musiker interessieren einen musikalische Weiterentwicklungen. Wie kann man Harmonien so organisieren , dass sie noch farbenreicher klingen. Das ist vergleichbar mit dem Lichtspektrum. Es gibt Grundfarben, aber zwischen diesen gibt es viele Abstufungen. So auch in der Musik.

Und ist “panrhythmisch“  so etwas wie Polyrhythmik?

Nein, es ist anders. In der Polyrhythmik treffen die unterschiedlichen Rhythmen innerhalb eines Stückes irgendwann wieder zusammen. Panrhythmik hält die unterschiedlichen Rhythmen durch. Es gibt eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Tempi.

Dann wird eure Musik wohl recht kompliziert für die Zuhörer?

Nein, nicht unbedingt. Wieso? Es handelt sich ja nicht um abstraktes Zeug. Es gibt Harmonisches, Wiedererkennbares, Melodien, aber auch Dissonanzen, Abstufungen. Und wenn wir als Nanos frei spielen, dann ist das nicht Chaos und Lärm, sondern eher Klangforschung.

Der mit Jazz nicht so vertraute Hörer kann das also auch genießen?

Ja, wir spielen ja nicht Hochschuljazz. Wir nehmen Traditionen auf, verlängern und verändern sie. Wir dozieren nicht, sondern wir spielen. Wir antworten auf die Frage, wie man sich heute in der Welt musikalisch orientieren muss. Anders gesagt: Wie würde John Coltrane heute spielen?

Das klingt sehr spannend. Ich habe gerade gelesen, was der Klassik-Pianist András Schiff über seine Konzertprogramme sagt. „Ein Programm sollte nie bloße Unterhaltung sein. Die Leute sollen sich wohlfühlen, das ist mir sehr wichtig, aber ich will es mir  und ihnen nicht zu leicht machen.“ Das gilt auch für euch?

Absolut, genauso so ist es.

Jürgen Friedrich: Reboot/ Nano Brothers. Jazzkonzert im Lindenhof zu Braunschweig am Freitag, 26. 06. 2015, 20 Uhr.

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