Archiv für Juni, 2015

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Nacht der Hymnen

Das Folktrio Mehravan feiert sein 40jähriges Jubiläum mit dem Projekt „Vom Folk zum Folkrock“ in den Dowesee-Gewächshäusern

Zur Geburtstagsfeier zieht man sich ordentlich an. Zumindest bei Erwachsenen-Geburtstagen! Wenn nun aber die “dienstälteste Folkband der Region“ Mehravan das 40. Dienstjubiläum feiert, was ist dann das angesagte Outfit? Die bekennenden T-Shirt-ler sind wohl ausgestorben. Einmal ein Che – Guevara-Kopf, einmal ein genrefremder Bandname. Ansonsten? Nichts äußerlich Verbindendes, eines ausgenommen: Das Alter der Gäste.

Die Bewegung ist in die Jahre gekommen, man sitzt lieber. Und macht sich über dieses Faktum lustig, mitunter auch derb. „Ich komme mir vor wie beim betreuten Musizieren!“, so der Halb-Youngster André Huk von „Change Partners“. Man lacht darüber, ist ja schließlich auch wahr, nicht zu ändern.

18 Musiker waren beim Jubiläumsprojekt „The Story of Folk“ zusammen gekommen. Ein beständiges Kommen und Gehen auf der Bühne, technisch einwandfrei gelöst. Die Geschichte der Folkmusik sollte schlaglichtartig präsentiert werden. Das kann natürlich nur eine höchst subjektive Auswahl sein, eine Art „Best of – Katalog“. Dylan, Crosby, Stills, Nash und Young, John Denver, Donovan, James Taylor, Springsteens „Seeger-Sessions“: all die alten großen Namen und all die alten großen Songs einer Zeit, als es noch Langzeit-Idole im Musikbusiness gab.

Feine handgemachte Musik wurde da präsentiert. „Teach your children“ und „Heart of gold“ mit Harmoniegesang und makellosem Gitarrenspiel beindruckten. Merhavan hatte seine Glanznummer mit dem Merseburger „Zaubertanz“. „Loch Lomond“ wurde nicht versüßlicht,  eine Gefahr, der die akustischen Dylan-Interpretationen nicht ganz entgingen. Die Seeger-Session-Songs, die Folk-Rock-Nummern der Hooters und  Horselips, alles sauber eingespielt. Es wäre ungerecht, einzelne Bands, einzelne Musiker hervorzuheben.

Das Unprofessionelle war die Würze des Konzerts. Die Anspannung der Musiker und Musikerinnen, der erkennbare Wille, das Beste zu geben, der Ärger, wenn etwas nicht ganz wie geplant lief – alles fern glatter Routine. Das ist es, was die Zuhörer mit den Protagonisten auf der Bühne mitunter mitzittern lässt – dass hoffentlich alles klappe. Die glatte Perfektion interessiert nicht.

Über allem aber schwebt der Odem der sehnsuchtsvollen Hinwendung zum Vergangenen, das Schwelgen in Erinnerungen. Eine Sehnsucht ohne Zukunft allerdings, höchstens eine museale. Es gab keine New-Folk-Songs, keinen Blick nach vorn. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, der sollte nie vergehn.“  Tut er aber.

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Jenseits ausgetretener Wege

Jürgen Friedrich und seine Mitspieler zeigen einen völligen freien Umgang mit musikalischen Trends

Der Mann hat eine klare Botschaft, man könnte auch sagen: Er ist Testamentsvollstrecker. Ganz im Geiste der Jazz-Überväter Charlie Parker und Miles Davis hat er keine Lust auf Denkverbote in der Musik. „Ich spiele nicht Jazz, ich mache Musik!“, sprach Miles. Das führt der in Braunschweig geborene und in Köln lebende und lehrende Jazzpianist Jürgen Friedrich am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof bei einem gut besuchten Konzert anschaulich vor. Und zwar höchst spannend, unterhaltsam und hintersinnig. Ein Wechselbad zwischen abstrakter Tontüftelei und Vollbad im Wohlklang. Zwischen traditioneller Komposition und freiestem Spiel. Zwischen neu interpretierter Klassik und rasantem Bebop.Jürgen Friedrich 1

Freie Improvisation  bzw. Echtzeit-Komposition – für viele eher eine Schreckensvorstellung hektisch-strukturlosen Vor-sich-Hinspielens. Ganz anders aber das Ruf-Antwort-Spiel von Jürgen Friedrich an den Tasten und Johannes Ludwig am Altsaxophon.

Eine Tonvorgabe, vielleicht zwei. Wie nun reagieren? Kopieren? Verschieben? Veränderung des Intervalls oder aber der Dynamik? Oder aber eine Tonfolge dagegen  setzen, einen Akkord? Rhythmische Abänderungen? Eine große Bandbreite von musikalischen Reaktionsmöglichkeiten breiten die beiden Musiker aus. Wunderbar verfolgbar, weil das Arbeitstempo bei dieser Spielweise zwangsläufig herunter gefahren ist. Ja, mitunter hört man mit Schadenfreude: Wie wohl wird der Pianist auf mikrotonale Verschiebungen des Saxophonisten reagieren? Kriegt er das überhaupt hin? Heiße Tüftelei, bei der allein das Zusehen schon großen Spaß macht, insofern sich das Zusammenspiel auch mimisch und gestisch ausdrückt.David Helm 1

Fabian Arends 2Aber auch die Trio- und Quartettarbeit  folgte der Devise: Keine bloße Unterhaltung, keine pure Hirnakrobatik. Devise: „Ihr sollt euch wohlfühlen, aber lasst es uns nicht zu leicht sein!“ Z.B. bei der Bearbeitung der Witold Lutoslawski-Komposition „Invention“. Im Original eine knapp einminütige Entfaltung  eines musikalischen Einfalls. Wie auch beim später gespielten Schönberg-Klavierstück 11/1 ein sehr interessanter Testfall für das Verhältnis von Jazz und klassischer Musik. Schlagzeuger Fabian Arends deutete die „Invention“ auf ganz andere Weise als der Bassit David Helm. Drei Musiker, drei rhythmisch- harmonisch sehr unterschiedliche Lesarten. Und zur Abwechslung dann ein Entspannungsbad in schönen Melodien und Harmoniefolgen („Reboot“). Ist das nun Jazz oder „Neue Musik“ oder was sonst? Auf jeden Fall Musik, an- und aufregend.

Fotos: KC Amme

nanoNeustart mit Elementarteilchen 

Der Jazz-Pianist Jürgen Friedrich über die Hintergründe seines Braunschweiger Auftritts in Doppelbesetzung

Jürgen Friedrich, Pianist, Komponist, Dirigent und Hochschullehrer in Köln und Mannheim für Jazz, Improvisation und  zeitgenössische Musik, sowie bekennender Gr. Schwülperaner, wird am kommenden Freitag im Lindenhof Braunschweig mit seiner aktuellen Band ein Konzert geben. Klaus Gohlke sprach mit dem 45-jährigen.

Jürgen, nach längerer Zeit mal wieder ein Konzert in Braunschweig. Vorfreude?

Na klar. Ich hoffe der Saal im Lindenhof wird voll.

Du gibst gewissermaßen ein Doppelkonzert. Du trittst mit dem Trio „Reboot“ und als Duo „Nano Brothers“auf. Sehr ungewähnlich!

Das ist auch einmalig, nur für Braunschweig. Die Initiative Jazz Braunschweig wusste, dass beide Projekte derzeit laufen und fragte an, ob man nicht beides verbinden könne. Deshalb also.

„Reboot“ – das ist ja Computersprache und meint „Neustart“ oder „Wieder hochfahren“. Inwiefern startest du neu?

Ich habe vorher an einem sehr komplexen Projekt gearbeitet.  „Monosuite“, eine Komposition für ein 22köpfiges Streichorchester und ein Jazzquartett. Danach brauchte ich Urlaub. Der Beginn dann wieder in kleiner überschaubarer Besetzung, das fühlte sich an wie ein Neustart, wiedergewonnene Freiheit.nanobrothers_1

Und wieso Nano Brothers?

Das ist ja ein Piano-/ Saxofon-Duo. Wir improvisieren und nehmen dabei die Musik unter die Lupe. aus dem, was wir da entdecken, das sind zum Teil ganz kleine Teilchen, Nano-Teilchen, setzen wir dann das große Ganze zusammen.

In der Konzertankündigung wird eure Musik charakterisiert als „alter Blues, zeitgenössische Musik, fast Pop, freie Harmoniewelt“. Das klingt nach Sammelsurium. Für jeden etwas.

Absolut nicht, keine Mixtur und keine Anbiederung. Es ist nur so, dass alle im Trio eine bestimmte musikalische Geschichte haben. Und wenn du improvisierst, kommen ja die Ideen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus deinen musikalischen Erfahrungen. Das wollen wir auch nicht leugnen, sondern ehrliche Musik machen. Wir wollen in unserer Musik authentisch sein und nicht etwas vorspiegeln.

Deshalb auch ein Rückgriff auf Arnold Schönberg und Witold Lutoslawski auf eurer CD?

Genau. Ich habe einen starken klassischen Background. Und der ist für einen Jazzmusiker die  wahre Freude. Das ist wie ein Reich gefüllter Obstkorb: Interessante Taktarten, tolle Intervallsprache. Eine Inspirationsquelle. Ich trenne nicht zwischen Jazz und E-Musik. Mir geht es um Musik, die die Menschen interessieren und gefallen kann.

Kritiker bezeichnen eure Musik als „metaharmonisch“ und „panrhythmisch“. Das klingt verdammt kompliziert.

Als Musiker interessieren einen musikalische Weiterentwicklungen. Wie kann man Harmonien so organisieren , dass sie noch farbenreicher klingen. Das ist vergleichbar mit dem Lichtspektrum. Es gibt Grundfarben, aber zwischen diesen gibt es viele Abstufungen. So auch in der Musik.

Und ist “panrhythmisch“  so etwas wie Polyrhythmik?

Nein, es ist anders. In der Polyrhythmik treffen die unterschiedlichen Rhythmen innerhalb eines Stückes irgendwann wieder zusammen. Panrhythmik hält die unterschiedlichen Rhythmen durch. Es gibt eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Tempi.

Dann wird eure Musik wohl recht kompliziert für die Zuhörer?

Nein, nicht unbedingt. Wieso? Es handelt sich ja nicht um abstraktes Zeug. Es gibt Harmonisches, Wiedererkennbares, Melodien, aber auch Dissonanzen, Abstufungen. Und wenn wir als Nanos frei spielen, dann ist das nicht Chaos und Lärm, sondern eher Klangforschung.

Der mit Jazz nicht so vertraute Hörer kann das also auch genießen?

Ja, wir spielen ja nicht Hochschuljazz. Wir nehmen Traditionen auf, verlängern und verändern sie. Wir dozieren nicht, sondern wir spielen. Wir antworten auf die Frage, wie man sich heute in der Welt musikalisch orientieren muss. Anders gesagt: Wie würde John Coltrane heute spielen?

Das klingt sehr spannend. Ich habe gerade gelesen, was der Klassik-Pianist András Schiff über seine Konzertprogramme sagt. „Ein Programm sollte nie bloße Unterhaltung sein. Die Leute sollen sich wohlfühlen, das ist mir sehr wichtig, aber ich will es mir  und ihnen nicht zu leicht machen.“ Das gilt auch für euch?

Absolut, genauso so ist es.

Jürgen Friedrich: Reboot/ Nano Brothers. Jazzkonzert im Lindenhof zu Braunschweig am Freitag, 26. 06. 2015, 20 Uhr.

Freie Improvisation

Veröffentlicht: 22. Juni 2015 in Allgemein

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Die Braunschweiger Galerie auf Zeit wagt etwas Neues

Galerien haben es im Allgemeinen mit Kunstwerken der bildenden Kunst zu tun. Die Braunschweiger „Galerie auf Zeit“ hält sich in schöner Regelmäßigkeit nicht an diese funktionelle Engführung, insofern sie sich auch als Ort für literarische Lesungen und musikalische Performances versteht.

Jetzt geht man dort einen Schritt weiter, wagt Neues. Eine Musik – Veranstaltungsreihe mit festen Terminen. Es geht dabei nicht um eine Verknüpfung von Musik und Bildern,  wie es das Schweizer Jazzquartett um Matthias Tschopp unlängst hier in Braunschweig vorführte:  Es ließ sich bei den Kompositionen und der Improvisation von Bildern Mirós inspirieren. Auch geht es nicht um eine Jazz-Lyrik-Performance, wie sie Aki Takase und Yoko Tawada in der Bartholomäuskirche zu Braunschweig gestalteten.

Das neue Projekt der Galerie auf Zeit ist ganz anders angelegt. Es geht um Musik pur. Musiker aus der Braunschweiger Region unter der Federführung des Saxophonisten Marcel Reginatto kommen immer am ersten Mittwoch eines Monats in den Galerieräumen  zusammen, um frei zu improvisieren. Ein erster Auftritt fand bereits am 3. Juni statt. Nach dem Konzert ergab sich die Gelegenheit für  Gespräche zur Intention des Ganzen mit Galeriechef Hans Gerd Hahn und Marcel Reginatto.

Herr Hahn, wie kamen Sie auf die Idee, eine musikalische Improvisationsreihe in der Galerie zu etablieren?

Mich interessieren kreative Vorgänge, egal, ob in der Malerei, der Literatur oder eben der Musik. Nicht das, was schon bekannt ist, gehört in die „Galerie auf Zeit“. Wir sind kein Museum. Improvisierte Musik, aus dem Moment heraus geborene Musik, ist faszinierend. Und im Saxofonisten Marcel Reginatto fand ich gleich einen gleichgesinnten Partner.

Aber, dass jemand an freier Improvisation Gefallen findet und sie etablieren will, das ist eher ungewöhnlich.

Naja, das hat wohl etwas mit meiner Biographie zu tun. Ich stamme, wenn man so will, aus dem Ursprungsort des deutschen Free Jazz. Remscheid. Dort ist auch Peter Brötzmann, der große alte Mann der freien Improvisation geboren und in Wuppertal dann aktiv gewesen,. Ebenfalls Peter Kowald. In Berlin war ich dann oft beim „Total Music Meeting“. Kowald und Brötzmann sind übrigens auch stets offen für andere Künste gewesen, haben als Maler, Grafiker, Objektkünstler usw. gewirkt. Kowald hat  mit  Pina Bauschs Tanztheater kooperiert.

Marcel, ihr habt euch bei eurem Auftritt Anfang Juni an der Arbeit des Art Ensemble of Chicago orientiert. Warum das?

Das Art Ensemble hat zum einen die Musik geöffnet für andere Künste, also Tanz, Literatur, Theater. Sie haben aber auch die Musik von formalen Fesseln befreit. Free Music: Lösung von harmonischen und melodischen Regeln, Einbeziehung von Geräuschen, die tonal nicht notierbar sind. Andererseits aber auch Rückgriffe auf viele Traditionen. Also ein spannendes Geflecht aus Regelverletzung und Beachtung traditioneller Vorgaben.

Free Jazz hat aber den Ruf eher ungenießbar zu sein und vor allem völlig willkürlich, gesetzlos im Zusammenspiel. Jeder Depp könne das mitmachen und behaupten, Musiker zu sein.

Naja, das wirft man ja den „bildenden“ Künstlern auch vor. „Das kann ja jeder!“ Denk an Jackson Pollock. Es gab da sicherlich auch den einen oder anderen Auswuchs. Aber das war nicht die Regel. Worauf es beim freien Improvisieren ankommt, ist ja das Interplay, die Kommunikation miteinander. Ein Laie, der musikalisches Können vortäuscht, kann nicht auf die anderen Musiker reagieren. Das kann man dann schnell merken.

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 Aber: Wenn das nicht alles Subjektivismus, Zufall oder Hirnlosigkeit sein soll, dann beschreib doch mal, was bei eurem freien Improvisieren abläuft.

Jemand beginnt, mit einer  Tonfolge etwa. Die muss er fortsetzen. Die Mitspieler müssen darauf reagieren. Wenn man Harmonien erkennt – was setzt man ihnen entgegen? Wie erweitert oder verengt man sie? Gelangt man zu harmonischen Grenzfällen, also Kreuzwegen, die man so oder so fortsetzen kann? Dass man in ganz andere tonale Gefilde kommt. Dann können zwei Wege zugleich beschritten werden. Man kann natürlich auch destruktiv vorgehen. Harmonien zerstören. Wie aber reagieren dann die anderen Musiker darauf? Das ist sehr komplex und schwierig und hat nichts mit unstrukturiertem Chaos zu tun.

Ja, auffällig war, dass Heinrich Römisch oft ostinate Figuren auf seinem Bass unterlegte, quasi das Fundament für das Spiel von Jose Gaviras Flötenspiel und deinem Saxofon- bzw. Walter Kuhlgatz‘ Trompetenspiel lieferte.

Wir haben kein Schlagzeug dabei, da hilft der Bass dann. Aber es ist eben auch eine Möglichkeit,  alle zu einer musikalischen Reaktion zu zwingen. Andererseits: wenn alle diese Bassfigur variiert aufnehmen, kann es zu schönen harmonischen Momenten führen.

Herr Hahn, soll es denn bei dieser Orientierung am Art Ensemble bleiben?

Nein, überhaupt nicht. Das war ein Einstieg. Es wurde ja auch nicht deren Musik gecovert, sondern nur ihr musikalischer Ansatz aufgegriffen. Es geht überhaupt nicht darum, irgendwelche Songs nachzuspielen. Uns  schwebt vor, dass sich immer wieder andere Musiker aus unserer Region zusammen tun und ihre Wege des freien Improvisierens beschreiten. So kann man die ganze Bandbreite musikalischer Kreativität erfahren. Das ist doch spannend! Und man kann dann doch als Zuhörer mit den Musikern reden und eventuell Einfluss auf die Musik nehmen, Ideen vortragen. Die Zuhörer sind ja nicht passive Konsumenten. Es gibt z.B. Überlegungen, die Jazzsängerin Britta Rex mit anderen Sängerinnen Vokalimprovisationen versuchen zu lassen. Aber alles das ist offen, nicht ein organisiertes Konzert. Wer weiß, was sich da noch an Möglichkeiten ergibt.

Das nächste Mal wird also am 1. Juli improvisiert. Man darf gespannt sein.

 

Klaus Gohlke

Testament  im  Hallenbad in Wolfsburg am 09.June 2015. Foto: Rüdiger Knuth

Testament im Hallenbad in Wolfsburg am 09.June 2015. Foto: Rüdiger Knuth

Musikalische Ganzkörpermassage

Die Altmeister des Thrash Metal, die US-Band „Testament“, begeistern am Dienstagabend die Fans im Wolfsburger Hallenbad

Wollte man auffallen, outfitmäßig, wäre weiß-rot gestreiftes Ringel-T-Shirt angesagt gewesen. Oder eine braune Cordhose. Ein Gefühl von Einsamkeit hätte sich eingestellt. Garantiert. Denn – wie stand es so schön auf dem schwarzen Rücken im Eingangsbereich? „There is Darkness“. Schwarze Kleidung all überall. Nein, kein Schwarzer Block, keine Anarchos. Nix Politik, dafür Musik. Und was für welche! Thrash-Metal, zelebriert im Wolfsburger Hallenbad von niemand Geringerem als den Altmeistern von „Testament“ aus der San Franzisco Bay Area, dem Gelobten Land dieser Metal-Variante.

Alles fing so harmlos an: Friedhofsszenerie als Bühnenbild, aschgrau. Ein paar menschenähnliche Wesen vorne rechts, versteinerte Untote vielleicht. Blutrotes Scheinwerferlicht irrt umher, Wolfs- oder fernes Sirenengeheul – doch dann brach es los! Infernalisch! Ein Härtetest für Gebäude und Publikum gleichermaßen.

Die Double-Bass des Schlagzeugers Gene Hoglan und der „tiefgelegte“ E-Bass von Steve DiGiorgio machten körperlich erfahrbar, wie man einen 4/4 –Takt unterschiedlich akzentuieren und in kleinste Einheiten zerlegen kann. Alles vibrierte.

Über diese rhythmische Grundierung shoutete Sänger Chuck Billy aggressiv-hart, flankiert von den beiden Gitarristen Eric Peterson und Alex Skolnick. Peterson arbeitete mit präzisem Riffing an der rhythmischen Variabilität, während Skolnick in seinen Soli, die oft in die höchsten Lagen hineingetrieben wurden, eine beeindruckende Fingerfertigkeit bewies. Seine kreative Melodieführung kontrastierte oft den brachialen Rhythmus.

Aber – die Konzertsituation, dieses Genre überhaupt, ist paradox. „Testament“ und viele andere Metaller können den Widerspruch, der ihrer Musik innewohnt, nicht auflösen. Einerseits ist diese Musik brutaler Protest. Lauter, härter, schneller, roher. Ein stetes Ausloten der Grenzen dessen, was physisch noch erträglich und machbar ist. Wer ohne Hörschutz ins Konzert geht, ist selbst schuld, man wird gewarnt.

Und wie Extremsportler trotzen die Metal-Fans der akustischen (und auch optischen) Gewalt, stemmen sich den Lärmorgien entgegen. Sie erdulden nicht etwa. Nein, sie nehmen aktiv teil mit Headbanging, Shouts, Hörnchen zeigen, Arm recken; die Härtesten ohne Hörschutz natürlich.

Andererseits wollen die Musiker aber auch Virtuosität beweisen. Hoglans Blastbeats (Hochgeschwindigkeitsspiel) an den Drums – ganz heiße Ware! Skolnicks harmonisch vertrackte Intros und die Übergänge zwischen Songteilen zeugen von musikalischem Feinsinn.

Wie das aber wahrnehmen, wenn die Ohrstöpsel einen Dumpfsound entstehen lassen, andererseits das Ohr ohne Schutz Schaden nimmt? Die Musiker leiden unter diesem Widerspruch, wie die vielen Wechsel nicht nur bei „Testament“ zeigen. Ändern können sie das freilich nicht. Dann spielten sie nämlich keinen Metal mehr.

Was bleibt, ist die faszinierende, rohe Energie der Show. Am schönsten das Bild, wenn die vier „Testamentler“ wie vorher auch die wacker aufspielende Celler Vorband „Drone“,  in feueroranges Licht getaucht,  sich abarbeiten. Vier „Metallkocher“ beim Abstich des Musik-Hochofens.

Text: Klaus Gohlke