Archiv für Mai, 2015

Vorankündigung des Sauer-Erdmann-Konzertes

Veröffentlicht: 19. Mai 2015 in Allgemein
Heinz Sauer Quartett / Jazz im Park des Museums fŸr Angewandte Kunst am 29.7.12 / Heinz Sauer (Saxofon), Christophe Marguet (Schlagzeug), Daniel Erdmann(Saxofon) / Johannes Fink (Bass)

Heinz Sauer Quartett / / Heinz Sauer (Saxofon), Christophe Marguet (Schlagzeug), Daniel Erdmann(Saxofon) / Johannes Fink (Bass)

Kein Saxofon – Showdown

Das Heinz Sauer/Daniel Erdmann Quartett spielt am kommenden Freitag im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz

Eine seltsame Konstellation: 82 Jahre alt ist Heinz Sauer, eine deutsche Tenorsaxofon-Legende.  Daniel Erdmann hingegen, ein Braunschweiger Gewächs, das sich in die erste Liga des Jazz gespielt hat, ist mit seinen 41 Jahren genau halb so alt. Wie geht das zusammen und warum? Was kann man beim Konzert erwarten? Wie beurteilen die beiden die gegenwärtige Situation des Jazz in Deutschland? Diesen Fragen geht Klaus Gohlke im Gespräch mit den beiden Musikern nach.

Herr Sauer, Sie sind 82 Jahre alt. Warum dann noch Tour-Stress?

Das ist ja keine Tour, sondern mal hier und da ein Konzert. Soll ich mich in den Sessel setzen und warten, bis der Tod klopft? Nicht mit mir! Spielen ist mir einfach ein Bedürfnis.

Sie spielen gern mit sehr viel jüngeren Musikern zusammen.Sauer-051212-048-(c)-Anna-Meuer-500

Ja, das ist einfach interessanter. Jazz, das ist Improvisation. Bei älteren Musikern besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr improvisieren, sondern eher schematisch Gewohntes  runterspielen. Immer die gleichen Phrasen. Bei Daniel Erdmann jetzt oder auch mit dem Pianisten Michael Wollny, da weiß man nie, was im nächsten Moment kommt. Das ist aufregend spontan. Ich muss immer wieder etwas Anderes machen, brauche Herausforderungen.

Herr Erdmann, Sie sind in Wolfsburg geboren…

Ja, schon; meine jazzmusikalischen Wurzeln befinden sich aber in Braunschweig. Bei George Bishop habe ich Saxofonspielen gelernt. Es gab damals im Städtischen Museum tolle Jazzkonzerte, auch bei Otto Wolters habe ich mitgespielt. Braunschweig war ja eine kleine Jazz-Hochburg. Nils Wogram, Jürgen Friedrich, die Groß-Schwülperer, waren kurz vor mir am Wirken.

Sie spielen mit Heinz Sauer zusammen? Was ist das Besondere? So etwas wie ein Showdown? Oder eher Unterstützung eines älteren Kollegen?

Um Himmels willen, weder noch. Heinz  – das ist die absolute Klarheit beim Spielen, aber zugleich auch Poesie. Er sucht den perfekten Klang. Es gibt bei ihm keine Beliebigkeit, jeder Ton ist wichtig. Er ist ehrlich im Spiel, nie geschwätzig. Na, und dann hat er enorme Erfahrung, von der ich profitieren kann. Das macht unheimlich Spaß. Mir und den Zuhörer-Innen.

Aber zwei Tenorsaxofonisten in der Band, kein Harmonieinstrument – ist das nicht etwas eigenartig?02

Ja, schon, wenngleich nicht völlig neu. Der Bassist übernimmt teilweise den Harmoniepart. Er spielt  oft gestrichen oder mit Doppelgriffen. Aber nicht nur. Auch die Saxofone können die Harmoniker sein. Und dann muss man ja auch folgendes sehen: Natürlich gibt es zwischen uns beiden tiefe Übereinstimmungen, gleichzeitig aber Differenzen, was das Improvisieren, was die Spieltechniken, die Klangvorstellungen  betrifft.

Herr Sauer, wie sehen Sie das mit dem Tenorsax-Doppel?

Naja, ich liebe ja eigentlich das Zusammenspiel mit einem Klavier, das dann die Harmonien legt. Aber so etwas wie jetzt, das ist auch sehr inspirierend. Das hab ich ja auch mit Albert Mangelsdorff gemacht. Posaune  und Sax. Der Reiz zweier Saxofone besteht ja auch darin, zwei unterschiedliche Reaktionsweisen oder Interpretationen musikalischer Ereignisse zu erleben.

Unlängst sagte ein Kritiker polemisch, es gebe derzeit ein ebenso großes Überangebot Jazzmusikern wie an Kunsthistorikern  und Nagelstudios.

Da ist was dran. Was oft fehlt, ist eine Aussage. Jazz ist eine Musik des Protestes, eine Musik der Freiheit. Darin ist sie auch politisch. Die Nazis hassten Jazz. Es geht darum, die Seele rauszuspielen. Die Seele, nicht irgendwas. Ich muss etwas wollen mit meiner Musik. Das fehlt der Gegenwart zu oft. Es dominiert der Kommerz, das Verkaufbare.

Herr Erdmann, viele junge Jazzmusiker verlassen die Hochschulen. Zu viele?

Na ja. Das Problem ist: sie sind gut ausgebildet, sie spielen richtig. Mehr aber auch nicht. Ein Instrument lernen, ist ja nichts Außergewöhnliches. Es muss dann aber etwas hinzukommen. Eine außergewöhnliche Kreativität; die Fähigkeit, magische Momente im Spielen zu evozieren, einen eigenen Ausdruck.  Technik allein ist steril. Was nützt es Coltrane exakt nachzuspielen? Wozu soll ich ihn verdoppeln?

Was wünschen sie beide sich für das Konzert am Freitagabend?

Dass es viele dieser tollen Momente gibt im Zusammenspiel zwischen uns Musikern und dem Empfinden des Publikums. Einen gelungenen Austausch ohne Worte, gute Unterhaltung,  emotionale oder intellektuell berührende Situationen.

Text: Klaus Gohlke

Fotos: Oben:Sabine Lippert. Mitte: Anna Meuer Unten: Alain Julien

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Puhdyum fürs Volk

Veröffentlicht: 12. Mai 2015 in Allgemein

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Klaus Gohlke: Vom Baum bis zum Eisbären  

Vor ihrer Verrentung kramen die Puhdys in der Wolfenbütteler Lindenhalle noch einmal ordentlich in der Nostalgiekiste

Man fasst es nicht! Erster Song des Abends, zweiter Refrain. Sägestimme „Maschine“ und Frontmann Dieter Birr reckt die Arme empor und  setzt das Mitklatsch-Signal. Und die Fans stehen auf – alle, ein paar Beinkranke ausgenommen – und clappen. Sie singen textsicher und vernehmlich. Die Lindenhalle ist ausverkauft. „Nein, wir gehen nicht fort, bleiben hier an Bord!“

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Was natürlich eine fette Lüge ist. Denn natürlich gehen sie von Bord, die Puhdys. Ihre Abschiedstour ist es. Ein sogenanntes „vollverstärktes Akustik-Konzert“. Finales Steckerziehen ist am 31.12. in der O2-World-Arena in Berlin.

46 Jahre auf der Bühne, mehr als 20 Millionen verkaufte Platten. Die „Stones des Ostens“, Nationalpreisträger der DDR, auslandstauglich beim „Klassenfeind“  – in Westberlins Waldbühne 1981 und in Radio Bremens „Musikladen“. Filmmusiker u.a. in der „Legende von Paul und Paula“. Und wer dachte, nach der Wende müsste es nun aus sein mit der Truppe, der irrte ziemlich. Weiterhin Hype.

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Und warum? Reine Ostalgie? Damit wird man der Sache nicht gerecht.  Die Jungs spielen „Deutsche Mugge“, sie spielen vor allem perfekt auf der Klaviatur der kleinen Gefühle. Ein bisschen Frieden, Glück, Traum und ewiges Leben. Bitte, keine Probleme!

Lieber das ferne Land und so etwas von „Working Class Hero“ in „Perlenfischer“ Der Angst vorm Altwerden ein wenig trotzig ein „Scheiß drauf“ entgegen setzen in „Rockerrente“. Und, na klar: Ewige Liebe und Treue in “Königin“ und „Lebenszeit“. Dazu Gemeinschaftsgefühl in „Hey, wir wollen Eisbären sehn“. Und hör mal: Halt fest an deinen Träumen. „Wenn Träume sterben (wird es kalt, wirst du alt)“. Na also. Es ist eh alles „Eine Frage der Ansicht“, und zwar im Dreiviertel-Takt. Und – „Was macht man beim Walzer?“, fragt „Maschine“.  Genau, man schunkelt, und fast alle in der Lindenhalle stehen auf, haken einander unter und schunkeln.

Es bisschen von der bösen Welt muss aber auch sein. Die Warnung vor dem Atomkrieg  („Hiroshima“) und dem völligen Verglühen der Erde mit dem Schlusssong „Das Buch“. Dazu wedeln die Fans rhythmisch mit den Armen, setzen Hüte mit LED-Sternchen auf  und jubeln.

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Dass das alles runtergeht wie Öl, dazu trägt die Musik bei. Gefällige vorhersehbare Harmonien, ein vollfetter Sound. Das Aufsässige des Rock? Gecancelt.

Schwamm drüber: die drei Ur-Puhdys sind weit jenseits der Altersgrenze und haben sich den Ruhestand redlich verdient, und wenn die Fans Puhdy-Opium brauchen: alles eine Frage der Ansicht.

Braunschweiger Zeitung 12. 05.2015